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Bei Geld hört die Menschenfreundlichkeit auf. Für die Vertreibung der Bewohner aus ihren Wohnungen, den Umbau zu Luxuswohnungen und die Zerstörung gewachsener Stadtviertel gibt es ein Wort: Gentrifizierung. Die betroffene Schriftstellerin Ria Endres hat ein Buch darüber geschrieben: „Nordend“. Hier antwortet sie auf Fragen von Jan C. Behmann.

Gespräch mit Ria Endres über Gentrifizierung in Frankfurt

Nordend

Jan C. Behmann: Ihr Mietshaus wurde an eine Investmentgesellschaft verkauft. Was bedeutet das für Ihr Leben?

Ria Endres: Ich habe kein Recht, genau zu wissen, was mit diesem verkauften Haus in naher Zukunft geschieht. Verunsicherung gehört zum Prinzip. Für ein Haus werden übrigens nicht unbedingt Bewohner gebraucht. Es gibt das Recht, Wohnungen leer stehen und verrotten zu lassen. Meine Mietwohnung ist zwar nach wie vor mein Zufluchtsort, aber zugleich auch eine Falle.

Sie haben mit Ihren journalartigen Aufzeichnungen über die Wohnsituation 2018 begonnen. Was hat sich seitdem alles getan?

Seitdem die Besitzerin plötzlich ihr Haus an einen Immobilienspezialisten verkaufte, der in Frankfurt schon sehr viele Häuser geschluckt hat, änderte sich rein äusserlich nichts. Doch mir und den anderen Bewohnern wurde durch einen Objektmanager mitgeteilt, dass das Haus weiterverkauft werden wird. Wann und an wen bleibt bis heute rätselhaft. Ausserdem ist die Art des Verkaufs unklar. Denn es wurde angedeutet, dass vor dem Weiterverkauf des denkmalgeschützten Hauses irgendwelche Luxusrenovierungen getätigt werden oder auch nicht, und dass das ganze Haus weiterverkauft wird oder einzelne Wohnungen. Möglicherweise folgen Eigenbedarfsforderungen des neuen Käufers oder auch nicht. Im Moment kann man nur das Orakel fragen. Vermutungen führen nicht weiter, doch das Ziel der Renditesteigerung schwebt über allem. Inzwischen stehen von zehn Wohnungen drei leer, ein Mieter ist gestorben.

Hilft Ihnen das Schreiben beim Ertragen der Ungewissheit?

Schreiben stützt mein Immunsystem. Und ich kann eine scheinbar private Angelegenheit zu einer politischen machen.

Bereuen Sie es, Mieterin zu sein?

Ich kann mir gut vorstellen, den sicheren Zustand einer Wohnungsbesitzerin zu geniessen. Ausserdem würde ich dann sogar im Schlaf immer reicher, ohne dafür zu arbeiten. Aber vielleicht hätte ich weniger geschrieben, wenn ich meine Miete nicht bezahlen müsste, und das ist doch auch gut.

Worin liegt Ihrer Meinung nach die Ungerechtigkeit der Mietsteigerungen?

Sie schliessen eine immer grössere Gruppe Wohnungssuchender und Mieter vom allzu freien Wohnungsmarkt aus, der das „gehobene Segment“ mit „Premiumobjekten“ (so die Investorensprache) füttert. Immer mehr Menschen schauen bei der Wohnungssuche mit dem Ofenrohr ins Gebirge. Die Politiker halten die Schäden durch die Gentrifizierung scheinbar für natürlich. Das verharmlosende Wort Gentrifizierung wirkt seriös und bedeutet einfach: Weniger Wohlhabende müssen den Reicheren Platz machen, besonders auch für deren Geldanlagen. Endlich sollen die anderen an den Stadtrand verschwinden, wo sie ja sowieso hingehören.

Sorgt es für das Entstehen von privilegierten Vierteln?

Ja, in Frankfurt und allen Metropolen. Wenn sich eine Luxusfestung an die andere reiht und Mieten kaum mehr zu zahlen sind, geht die bunte Vitalität verloren. Doch es gibt noch Milieureste neben den Happy Homes.

Ihre Wohnung liegt im Frankfurter Nordend. Beschreiben Sie uns bitte kurz diesen Stadtteil.

Das Nordend entstand um 1850 in unmittelbarer Nähe zur Frankfurter Innenstadt, die aus allen Nähten platzte als Viertel der Gründerzeit mit vielen bürgerlichen Mehrfamilienhäusern und auch kleinen Villen. Die einfachen und repräsentativen vierstöckigen Mietshäuser mit den roten Sandsteinen und hohen Fenstern machen auch heute noch den Charme des Nordends aus. Das dicht bewohnte Nordend und seine durchmischte Bevölkerung entschleunigt mit den vielen Vorgärten das städtische Leben. Seit einigen Jahren wurde es immer mehr zum begehrten Viertel, in dem Mietwohnungen in Eigentumswohnungen umgewandelt werden und es entstehen durch Luxussanierungen Luxusfestungen. Sogar zwei Krankenhäuser verschwanden zugunsten neuer Premiumobjekte. Immobilienbürovermehrung. Man sieht sehr oft Umzugsschilder auf den Straßen. Ein begehrter Stadtteil, der immer mehr Anlageobjekte hervorbringt.

Was macht ihn für Sie so lebenswert?

Das Kino um die Ecke, Cafés, Parks, die Deutsche Bibliothek, die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, kleine Läden und Restaurants, Buchhandlungen, Vorgärten, Märkte, die Wasserhäuschen. Ich kann zu Fuß alles erreichen, was ich zu meinem Leben brauche. Ins Theater im Zentrum laufe ich in 20 Minuten. Zum Hauptbahnhof ist es für mich mit der U-Bahn eine knappe halbe Stunde. Ich vergeude keine Lebenszeit mit langen Strecken. Die Nachbarn kennen sich. Der Weg zu meinen Freunden ist nicht weit. Ein Auto ist nicht notwendig.

Wie oft sind Sie umgezogen in Ihrem Leben?

Fünf mal.

Wie definieren Sie Heimat?

Vielleicht wissen meine Gene, was Heimat ist. Ich lebe nicht schlecht in dieser gemieteten Heimat.

Was bedeutet Ihre Wohnung für Sie?

Seit über 40 Jahren ist sie für mich das Zentrum meines Lebens und Schreibens.

In welchem Teil Ihrer Wohnung wohnt Ihre Seele?

Meine Seele versteckt sich gerne in den Zimmern.

Ist der ständig der Erwerbsarbeit nachziehende Mensch der Spätmoderne seiner inneren und äußeren Heimat selbst abhanden gekommen?

Leider.

Wieviel trägt das Nordend zur Identität von Ria Endres bei?

Wer ist schon identisch mit sich selbst, wenn sich die Erfahrungen in seiner Stadt ständig ändern und sie im Widerspruch miteinander stehen. Ich weiss schon lange, wie äussere Situationen Alltagsstimmungen unterwandern können, aber meine innere Welt schützt mich.

Was würde ein Umzug in die Vorstadt für Sie bedeuten?

Das will ich mir lieber gar nicht vorstellen, ich bin doch keine Pflanze, die man in einen Plastikkübel oder Betonkasten umtopft.

Wohnen zieht heute oft die Singularisierung des Subjekts nach sich. Ist der Mensch zum lebenswerten Alleinsein geboren?

Niemand will allein sein, wir sind nicht fürs Alleinsein gemacht. Allein sind wir im Tod und der ist nicht sehr weit weg. Doch das will niemand hören. Durch den drohenden Tod erscheint das Leben nicht nur für Albert Camus absurd.

Würden Sie für das Bleiben alles auf eine Karte setzen?

Ja.

Das Interview führte Jan C. Behmann für „der Freitag“ vom 30.11.2020.

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erstellt am 28.12.2020
aktualisiert am 29.12.2020

Ria Endres. 2020 (Video-Screenshot)

Ria Endres, 2020 (Foto: Video-Screenshot)

Buchcover, Ria Endres: „Nordend“

Ria Endres
Nordend. Ein Stadtteil wird verkauft
Journal einer Mieterin
Hardcover, 128 Seiten
ISBN: 978-3-86489-300-1
Westend Verlag, Frankfurt/Main 2020

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