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Der Medienwissenschaftler Klemens Gruber hat ein Buch mit dem Titel „Die polyfrontale Avantgarde“ herausgegeben, in dem er einem Künstlertypus folgt, der alle Erwartungen hinter sich lässt und – durch alle Epochen und Kunstrichtungen hindurch – mit sicherem Sinn fürs Unwahrscheinliche das Neue schafft. Der Autor und Regisseur Henning Burk ist den Spuren gefolgt.

Buchbesprechung

Die polyfrontale Avantgarde

Klemens Gruber (Screenshot)
Klemens Gruber

Der in Wien lebende Medienwissenschaftler Klemens Gruber hält nichts vom Totsagen der Avantgarde. Seit zwanzig Jahren beschäftigt er sich mit ihrer Geschichte und hält ihre heutigen Vertreter für sehr lebendig und vergnüglich. Für ihn sind Avantgardisten im Grunde das, was die Österreicher einen „Springinkerl“ nennen.

„Ein Springinkerl ist ein gelenkiges, schlankes Geschöpf, sei es männlich oder weiblich, das kein Sitzfleisch hat, das herumhüpft, herumtollt, immer in Bewegung ist, keine Ruhe gibt, dabei aber liebenswert ist. Auch wenn die Springinkerln erwachsen geworden sind, sind sie noch immer beweglich, ob im Geiste oder körperlich, und setzen so kein Fett an.“
So definiert die österreichische Schriftstellerin Tatjana Gregoritsch das für deutsche Ohren ungewöhnliche Wort. Während ihrer Kinderzeit in Wien sei es sehr gebräuchlich gewesen.

Für Klemens Gruber, Professor für Intermedialität an der Universität Wien, sind Avantgardisten, wenn sie in ihrem Wesen Eigenschaften von Springinkerln haben, polyfrontal. Ihre Kunst geht in alle Richtungen, ist unideologisch. Diese Avantgardisten scheuen keine Konflikte, ihre Kunstwerke sind verschieden lesbar, für viele Interpretationen offen. Es sind „opera aperta“, wie Umberto Eco sie nannte. Gruber hat bei ihm in Bologna studiert.

Teil der Zeichnung von Gustav Klucis (1922): Füße mit Sprungfedern
Zeichnung von Gustav Klucis, 1922 (Detail)

Um das Wesen eines künstlerischen Springinkerls zu illustrieren, griff Gruber auf eine Figur zurück, die der avantgardistische Künstler Gustav Klucis 1922 zeichnete. Gruber fand sie bezeichnend für die Thematik seines Buches Die polyfrontale Avantgarde und wählte es aus als Bild für das Cover: Eine menschähnliche Gestalt mit Sprungfedern an den Schuhen, mit denen sie sich von der Realität abstößt. Ihr Körper ähnelt einer drachenförmigen Flugmaschine. An Stelle eines Kopfes schwebt ein aufgeblättertes Buch. Die Figur strahlt körperliche Beweglichkeit und geistige Intellektualität aus und verwirklicht im Erwachsenenalter, „wovon wir alle in der Kindheit geträumt haben, tanzend und springend die Schwerkraft zu überwinden, und mit Siebenmeilenstiefeln große Entfernungen.“ schreibt Gruber. Vielleicht fliegt sie, so wie Walter Benjamins Engel der Geschichte, mit dem Rücken polyfrontal in die Zukunft, um alles noch nicht für möglich Gehaltene zu verwirklichen.

„Das Schwarze Quadrat“ (1915) des Künstler Malevič
„Das Schwarze Quadrat“ (1915)

Den Beginn macht Gruber, wie alle an dem futuristischen Künstler Malevič fest, als dieser mit seinem berühmten Bild „Das Schwarze Quadrat“ (1915) zur Negation aller Darstellung von Gegenständlichkeit aufrief und das Bild mit dem Satz erläuterte: „Das schwarze Quadrat ist der Keim aller Möglichkeiten.“ Er wollte den Bruch mit der Vergangenheit und etwas ganz Neues. Er hielt den wütenden Angriffen derer stand, die sich gleichsam an die vorgegaukelten Wandbilder in der platonischen Höhle klammerten. Malevičs Verdienst war es, die polyfrontale Idee in die Welt gesetzt zu haben. Und die zeigt nach seinen Worten ins Unendliche.

Damit rückte für Futuristen, politischen Revolutionäre, Dadaisten, Surrealisten, Suprematisten , Tachisten, Situationisten, das Bauhaus und unzählige weitere Kunstrichtungen aller Art das fortwährende „Noch nicht“, das für unmöglich Gehaltene, ins Zentrum ihres Interesses, und sie erkannten in diesem Gedanken die Möglichkeit radikaler Veränderungen. Mit dem politischen Umsturz rund um die russische Revolution vor hundert Jahren war die Zeit der Springinkerln gekommen. Ihr Einfluss war viel nachhaltiger als jede Modeerscheinung unserer Tage, bis hin zu dem vor kurzem ausgerufenen neuen europäischen Bauhaus durch die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.

Überdimensioniertes Telefon
Überdimensioniertes Telefon

In der russischen Avantgarde wurde damals unglaublich viel versucht, um das Unmögliche zu erfinden und zu realisieren. Mensch und Technik wurden nicht mehr aus der Perspektive bürgerlicher Idylle als Gegensatz gesehen. Jetzt sollten sich Architekturen in den Himmel schrauben, wie der Moskauer Künstler Vladimir Tatlin mit seinem Entwurf für das Gebäude der III. Internationale vorschlug, aber nicht in Form vertikaler „kapitalistischer“ Hochhäuser, meinte El Lissitzky, sondern horizontal, knapp unterhalb der Wolken auf Säulen ruhenden riesigen „Wolkenbügel“. Die Theaterbühnen stellte sich Ljubov Popova als ein Räderwerk vor, baugleich mit dem technischen Inneren einer Filmkamera. Telefone in Riesenformat wurden wie eine Monstranz durch Stadt und Land getragen, um die Isolation der Menschen aufzubrechen. Überall wurde das Neue und die die Menschen verbindende Technik über speziell entwickelte Lautsprechertribünen verkündet. Mit ungewöhnlichen Buchformaten wurde experimentiert, um das Lesen zu fördern. Bildungsvereine für Fabrikarbeiter und Landbevölkerung wurden gegründet. In Grubers Buch lässt sich die Vielfalt der Erfindungen wie in einem vergnüglichen Bilderbuch lesen. Allein die Bilder erzählen alles bis ins Detail.

Auf Seite 76, gegenüber der Abbildung des „Springinkerl“ von Gustav Klucis, das Foto eines Motorradfahrers, der während rasender Fahrt seine Kamera kurbelt, d. h. er filmt, nimmt auf. Bei dem Foto handelt es sich um ein „Still“ aus dem legendären Film Der Mann mit der Kamera. Hergestellt wurde er von einem Film-Trio: dem Regisseur Dziga Vertov, seiner Frau und Cutterin Jelisaweta Swilowa und seinem Bruder Michail Kaufmann als Kameramann. Den Mittelpunkt des Films bildet der Kameramann. Er ist ständig unterwegs und überall, zugleich Subjekt und Objekt des Filmes, Beobachter und Beobachteter. Der Idealtypus eines Spinginkerl. Er ist das Kameraauge einer Großstadt, betrachtet das Geschehen in der morgendlichen Dämmerung bis in die späte Nacht. Er steigt auf Schornsteine, legt sich unter Züge, filmt die Fabrikarbeit, die Schwerstarbeit in der Stahlproduktion und im Bergbau, auch Menschen privat. Man sieht alles durch die Augen der drei Autoren des Filmes, jeder Filmschnitt, der Zusammenhänge herstellt, wird durch den nächsten Schnitt wieder getrennt. So bleibt die Wahrnehmung wach und offen, sensibilisiert für das Sehen des Faktischen, ohne ein von den Autoren organisiertes Drama. Der aufmerksame Zuschauer verwandelt sich beim Zusehen in einen Springinkerl, der nach dem Kino mehr sieht, als er je zuvor gesehen hat. Die gängigen Verbindungen zwischen den Dingen haben sich aufgelöst in Fragmente, in einzelne Fakten. Ein unvoreingenommener, analytischer Zugang zur Welt wird möglich.

Ein Kameramann, unterwegs bei der Arbeit

Das Trio Regie, Kamera, Schnitt – das Herz jedes guten Dokumentarfilms – gibt es noch heute, ist aber seltener geworden. Es wird ständig durch immer kürzere Produktionszeiten oder Personaleinsparung bedrängt. Die immer hemmungsloseren Kürzungen schaden der Realisierung von Filmideen. Ein noch schlimmerer Feind für den Springinkerl ist das vorgegebene Ziel allen Filmproduzierens: Die Zuschauer zu mehren, sie am Bildschirm zu halten. Mit einem Wort: Die Quote zu steigern. Die Versuchung ist groß, zu diesem Zweck das bereits Erfolgreiche zu wiederholen, also nichts Neues zu wagen. Was ist die Folge? Krimi, Sport, Katastrophen am laufenden Band. Man weiß schon vorher, was kommt und wäre enttäuscht, wenn es nicht eintritt.

Harald Schmidt, ein großartiger Springinkerl, bekannt durch scharfe Kommentierung und sarkastische Übertreibung gesellschaftlicher Zustände, nahm in einer seiner Sendungen die Quotenfixierung aufs Korn. Als „Mitdenker“ mit der Logik der Verantwortlichen für das Programm, fragte er sich: Wie müsste eine Sendung aussehen, wenn die Fernsehbosse sich entschlössen, Biathlon und Skispringen, ihre ganz großen Quotenbringer, in einer großen Show zusammenzulegen, um die Quote nochmal zu steigern? Klemens Gruber zitiert diese Sendung oft, in der Harald Schmidt zu einem überraschenden Ergebnis kommt. Zu sehen war dann folgende fingierte Sport-Reportage:

Ein Biathlon-Wettkampf. Engagiert kommentiert: „Eine entscheidende Phase jetzt bei der Biathlon-WM in südkoreanischen Pjönjang. Magdalena Neuner im Anstieg zum letzten entscheidenden Schießen. Die Deutsche jetzt am Schießstand. Es geht gegen einen Österreicher“. Bild: Ein Skispringer im Anlauf. Im Splitscreen dazu: Neuner mit Gewehr im Anschlag. „Im Stehenschießen hatte sie bislang ihre Probleme.“ Der Springer im Flug. „Und… Ah! Sie verfehlt ihn. Noch ein Fehlschuss. Au. Behalt die Nerven Madel!“ Der Springer beginnt zu stürzen. „Ah! Volltreffer!“ Der Springer stürzt. „Wunderbar! Wunderbar getroffen.“ Der Springer am Boden. „Guter Fangschuss! Ja herrlich gemacht von dem Ausnahmetalent aus dem Oberbayrischen Wallgau. Das müsste Gold sein.“ Sanitäter bei dem am Boden Liegenden. Deutsche Fahnen. Strahlende Gesichter. „Riesenjubel bei den Deutschen.“ Der Springer versucht vergebens aufzustehen. „Das sind schlimme Schmerzen. Das wird wohl nichts mehr mit dem sympathischen Überflieger aus Vorarlberg. Er wird wohl sterben. Herrlicher Wintersport.“

Harald Schmidt ist für Klemens Gruber einer der scharfsinnigsten, pfiffigsten Springinkerls unserer Zeit. Ein polyfrontaler Avantgardist, der lange selbst Tag für Tag, schenkelklopfend und volkstümlich, in der von der Kulturindustrie verwalteten Höhle saß, an deren Phantom-Wände die Zuschauerschaft zwanghaft glotzt, der es aber verstanden hat, trotzdem die Fahne der radikalen Aufklärung hochzuhalten.

Über den Buchautor

Klemens Gruber, Professor für Intermedialität an der Universität Wien, Mitbegründer der transmedialen gesellschaft daedalus. Herausgeber der Reihe Maske und Kothurn. Internationale Beiträge zur Theater-, Film- und Medienwissenschaft. Publikation u. a. Die zerstreute Avantgarde, Böhlau Verlag, Wien 2010.

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erstellt am 15.12.2020
aktualisiert am 16.12.2020

Klemens Gruber
Die polyfrontale Avantgarde
Medien und Künste 1912–1936
Broschur, 252 Seiten
ISBN: 978-3-85-449-551-2
Sonderzahl Verlag, Wien 2020

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