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Die Klage klingt vertraut. Es gibt nicht wenige Studierende, die bekennen, an allem, was aus einer Zeit vor ihrer Geburt herrührt, nicht interessiert zu sein. Mit denen ist ein Austausch ebenso wenig möglich, wie mit den betagten Zeitgenossen, die ihre aufgeklärten Ansprüche vergessen wollen. Für Thomas Rothschild ist der Referenzrahmen verloren gegangen.

Kontrapunkt

Historische Niederlage

Das Altwerden hat seine Tücken. Schlimmer aber als die körperlichen Wehwehchen ist die Reduktion des Umfelds, mit dem man sich verständigen kann. Die Zahl derer, mit denen man einen Referenzrahmen teilte, wird beständig kleiner.

Als ich das Rentenalter erreicht hatte, war ich froh, nicht mehr als Hochschullehrer arbeiten zu müssen. Das ist insofern überraschend, als mir mein Beruf über Jahre hinweg Freude gemacht und ich es als Privileg erachtet hatte, mit einem Gegenstand, der mich tatsächlich interessierte, meinen Unterhalt bestreiten zu können. Aber in zunehmendem Maße musste ich feststellen, dass, was mich inspirierte und wofür ich, wenn nicht Begeisterung, wenigstens Neugier erwecken wollte, die meisten Studenten langweilte oder gar abstieß. Wir hatten keinen gemeinsamen Referenzrahmen mehr. Die Romane von Dickens und Dostojewski, die Erzählungen von Arthur Schnitzler waren für die jungen Leute allenfalls Prüfungsstoff wie die Dramen Tschechows oder die Filme von Tarkowski. Unvergesslich bleibt mir die Studentin, die bei einer Diskussion von Joseph Roths „Juden auf Wanderschaft“ maulte: „Was gehen mich die Juden an?“

Aber auch unter den engeren und entfernteren Freunden gibt es immer weniger, mit denen man grundlegende Werte, vereinfacht gesprochen: eine unbeirrbare Bindung an die Tradition der Aufklärung, teilte. Viele sind gestorben, manche, wie etwa Lothar Baier oder Niklaus Meienberg, haben sogar den Freitod gewählt, andere haben sich, aus Opportunismus oder aus Überzeugung, aus dem gemeinsamen Bezugssystem verabschiedet.

Heute muss ich mir eingestehen: Was wir uns erhofft hatten, eine menschlichere Gesellschaft, die andere Prioritäten setzt als den Konsum, die Konkurrenz, die Karriere, ist weiter entfernt als je. Der rücksichtslose Kapitalismus hat auf allen Linien gesiegt. Reaktionäre, ja rechtsradikale Positionen nehmen eher zu als ab. Die Vernunft hat weniger Chancen als noch vor einigen Jahren. Der verbliebene Rest, mit dem ich den Referenzrahmen geteilt habe und immer noch teile, hat die historische Schlacht verloren.

Wir haben die Macht der Beharrung unterschätzt. Es gibt einen Film, „My Nazi Legacy“, in dem der Jurist und Historiker Phillipe Sands Niklas Frank und Horst von Wächter befragt. Beide sind Söhne von Naziverbrechern der höchsten Dimension. Während sich Frank in geradezu selbstquälerischer Weise mit der Schuld des Generalgouverneurs in Polen, Hans Frank, auseinandergesetzt hat, weigert sich von Wächter, eine Schuld seines Vaters, des Gouverneurs für Galizien von 1942 bis 1944, anzuerkennen oder sich auch nur vorzustellen. Dieser Horst von Wächter wirkt sympathisch und nicht unintelligent. Nach 1945 hat er in auffälliger Weise die Nähe von Juden aufgesucht. Aber dass sein Vater an Massenmorden beteiligt war, will und kann er sich nicht eingestehen. Die Mechanismen der Selbsttäuschung, der Abwehr von kognitiver Dissonanz, der Sekundärrationalisierung verhindern Aufklärung und Wahrheitserkenntnis.

Das haben wir Aufklärungsgläubigen verkannt. Zum Glück hatte nicht jeder einen Vater, der für Massenmorde verantwortlich ist. In kleinerem Maßstab freilich haben die Mechanismen, die Einsicht unterbinden, nicht nur bei der Generation der Nazisöhne und -töchter, sondern bis in unsere Gegenwart gewirkt. Dokumente vom Jubel der Westberliner beim Besuch Kennedys in ihrer geteilten Stadt soll als Beweis für die demokratische Gesinnung der Deutschen dienen. 18 Jahre zuvor hatten die Berliner Hitler einen nicht minder jubelnden Empfang bereitet. Wer würde Gift darauf nehmen, dass sie nicht nur nach den Wünschen der jeweils Herrschenden gejubelt haben, ja dass sie in beiden Fällen jenem zugejubelt haben, der einen Krieg gegen die Sowjetunion geführt hat oder, ein Jahr zuvor, während der Kuba-Krise, zu führen bereit war? Was bleibt da vom angeblichen Wandel?

Die Versäumnisse rächen sich. Die unübersehbare aktuelle Renaissance von Aufklärungsfeindlichkeit und Obskurantismus, von Fremdenfeindlichkeit und Irrationalismus spottet des Optimismus, den ich und meine Freunde mit dem gemeinsamen Referenzrahmen um 1968 hegen mochten. Aber wem sage ich das? Von wem werde ich verstanden?

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Kommentare


ruth fühner - ( 17-12-2020 05:59:41 )
lieber herr rothschild,
es gibt auch die umgekehrte erfahrung: in einer off-off-theaterproduktion traute ich meinen ohren nicht, als die sehr junge frau am mischpult/klavier erst ein eher abgelegenes eisler-stück und dann auch noch die melodie eines liedes italienischer anarchisten intonierte. da war auf einmal, gleich doppelt, ein referenzrahmen wieder da, den ich längst verloren geglaubt hatte...

Prof. Herbert Jaumann - ( 25-12-2020 01:12:49 )
Herbert Jaumann - (25-XII-2020)
Lieber Herr Rothschild,
von mir werden Sie, so hoffe ich, durchaus verstanden. Ganz ähnliche Gedanken gehen mir auch oft durch den Kopf, sie sind mir sehr vertraut - aber ich komme dann doch zu etwas anderen Ergebnissen. Mindestens auf den zweiten Blick ist das nämlich so nicht sinnvoll, man muß das eben ‚historisieren’ (man kann es auch anders nennen), d. h., man darf einen solchen „Referenzrahmen“ eben nicht in dieser Weise absolut setzen, als könnte man ihn über 50 Jahre hin, gleichsam tiefgefroren, beliebig dem Tiefkühlfach entnehmen und noch heute verwenden. Mit den Änderungen der Bedingungen in Gesellschaft, Politik, Kultur usw. und unserer Erfahrungen mit alledem ändern sich doch auch manche (vielleicht nicht alle) dieser Referenzen, und damit ändert sich doch auch der ‚Rahmen’ - und deshalb muß man dann auch nicht nur von einer „Niederlage“ sprechen. Vielleicht neutraler (wenn auch vielleicht nicht weniger traurig) von etwas wie ‚Fremdheit’ und Ratlosigkeit. Der voranstehenden Kommentar dazu von Ruth Fühner (dazu in Kleinschrift wie bei HM Enzensberger um 1960) sieht das auch nicht und verstärkt Ihre Klage nur noch durch ein unbrauchbar-beliebiges Beispiel.

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erstellt am 14.12.2020
aktualisiert am 15.12.2020