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Bücher, die der Gegenwart verpflichtet sind, beschreiben gewöhnlich die Vergangenheit. Das stellt sich beim Thema der aktuellen Pandemie etwas anders dar: »CO-RO-NA« versammelt neunzehn Autor*innenbeiträge zu COVID-19, und Anna Meuer begleitet die Beiträge mit einer Fotoserie aus einem fast menschenleeren Frankfurt/Main im April 2020. Reinhard Boos stellt das Buch vor.

Sammelband »CO-RO-NA«: 19 Reaktionen auf eine Pandemie

Globale Pandemie, lokal vertextet

Von Reinhard Boos

Herausgeber Paul-Hermann Gruner, © Anna Meuer
Herausgeber PH Gruner, © Anna Meuer

Corona boomt, auch und längst in der Literaturszene. Dabei wird die Körnung immer feiner und die Reichweite der verarbeiteten Erfahrung(en) immer kleiner. In Köln gab es Ende September eine Lesung aus den Corona-Tagebüchern der Lokalliteraten Bert Brune und Joachim Rönneper. In Österreich brechen Literaten ihren Umgang mit dem Virus herunter auf speziell Wienerische und andere lokale Verhältnisse, gesammelt wird das Ganze vom Literaturhaus Graz. Und auch Darmstadt hält mit in Form einer Sammlung von Kurztexten, herausgegeben von PH Gruner: „CO-RO-NA“.

In seinem Vorwort stellt Gruner ab auf einschneidende Veränderungen in Staat und Gesellschaft, die das Virus angerichtet hat und die es literarisch-sprachlich zu verdauen gilt. Auch einen Essay steuert er bei: über den nachlässigen Umgang der Menschen mit ihren Sprachen, das unsägliche Corona-Denglisch und den zunehmenden Verlust des Deutschen während der Pandemiezeit. Danach wechseln sich Kurzgeschichte, Lyrik, Glossen, Essays und Tagebucheintragungen ab.

Das Virus sei „eine perfekte Illustration der Chaostheorie: der Flügelschlag eines Schmetterlings an einem fernen Ende der Welt weitet sich, durch einen unheimlichen Verstärkereffekt, zum weltweiten Chaos aus“ und zwinge die Menschen zum Umdenken über ihre Rolle im Universum, schreibt die deutsch-französische Literaturwissenschaftlerin Corona Schmiele. Sie hat ihre Covid-19-Erkrankung in eindrucksvollen Tagebuchfragmenten festgehalten. „Irgendwas ist dauerhaft anders geworden“, resümiert sie, nachdem sie die Krankheit überwunden hat. „Was eigentlich? Ich weiß es nicht. Eines Tages wird es klarer werden.“

Keine Besucher auf dem Hühnermarkt der Neuen Frankfurter Altstadt im April 2020. © Anna Meurer. Sichtprobe aus dem Buch „CO-RO-NA“.

Keine Besucher in der Neuen Frankfurter Altstadt: Hühnermarkt, April 2020.
© Anna Meurer. Sichtprobe aus dem Buch „CO-RO-NA“.

Fritz Deppert, Mitglied des PEN und Träger der Goethe-Plakette des Landes Hessen, beklagt in seinen Gedichten die menschenverachtende Geschäftemacherei mit den am Virus Verstorbenen („Überlebende Greise rechnen sich nicht im Vergleich mit der Gefährdung der Renditen“) und der vorsorglichen Einschränkung der vielbeschworenen Freiheit des Wortes. Er ist nicht die einzige Stimme, die (an)klagt und auf das verweist, was verloren oder einfach nur merkwürdig schief zu gehen droht in der Pandemie.

Auch Stefan Benz, Autor einer satirischen Krimi-Trilogie, lässt den Theaterkritiker Justus Beck absurde Szenen mit dem extravaganten Intendanten Attila Castenberg erleben, einem Rebell der Kunstfreiheit, um ihn am Ende von Schillers Wilhelm Tell in die Quarantäne abtransportieren zu lassen.

Hans Zippert, ehemaliger Chefredakteur der Satirezeitschrift Titanic, hält in zehn Glossen mit dem Titel „The Corona-Files“ den Deutschen seinen eigenwilligen Corona-Spiegel vor. Kritisierte Ereignisse, wie Hamstern oder Klopapierhorten, vereinen sich mit Absurdem, wenn Zippert z. B. schreibt, dass die meisten Bundesbürger, dank umfangreicher Vorräte, noch zehn Jahre nach ihrem Tod aufs Klo gehen können. Sehr real dagegen ist das Versagen eines Steuerungselements der Regierungsmaschine, das in Verkehr und digitaler Infrastruktur komplett ausfalle und nur hohe Kosten verursache. Dies habe nur deshalb keine personellen Konsequenzen, weil es keine funktionierenden Ersatzteile innerhalb der CSU gäbe. Leicht lesbar und mit viel Sprachwitz widmet sich der Autor den menschenverachtenden Auswüchsen in der Fleischindustrie, wo mit Rumänen und Bulgaren die Falschen beschuldigt würden, und dem „kranken“ System der Firma Tönnies, dem Schlachter-Weltmeister. Vielleicht solle man lieber, so rät Zippert, auf Siegerprodukte der HoWe-Wurstwaren KG umsteigen. Die gehört ja bekanntermaßen Uli Hoeneß. Bei der Alternative bleibt dem Leser aber das Lachen, oder soll man besser sagen die Fleischwurst, im Hals stecken. Die Feststellung der Kanzlerin, die Corona-Pandemie sei die größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg, ergänzt Zippert süffisant mit „Und den haben wir ja knapp verloren“. Unter dem obersten Kriegsherrn Jens Spahn sollten für 82 Millionen Betten, die zur effektiven Bekämpfung des Virus benötigt werden, die Dänischen Bettenlager gestürmt werden.

Der Journalist und Autor Frank Schuster klagt wortgewaltig über Corona als Ausgeburt der Hölle, wohin es bitteschön zurückkehren möge, und gibt ihm die Schuld für eine sich verändernde Gesellschaft: „Du bist schuld, dass alle wieder nach dem starken Mann rufen.“

Es geht aber auch weniger pandemie-global zu in „CO-RO-NA“, sondern auch persönlicher und personenkreis-spezifischer. Iris Welker-Sturm seziert in ihrer Glosse den Werdegang des Politikers Jens Spahn, der von Lobbyismus, Unternehmensbeteiligungen und privaten Verbindungen geprägt ist: „Da sage eine®, Männer könnten kein Multitasking!“ Und Bruno Laberthier präsentiert, passend zur Pandemie, eine Fastnachtsersatzsitzung im November 2020, einen Krankenhausclown im virtuellen Raum: ein völlig neues Format ist das, ohne Corona für den echten Fassenachter undenkbar. Ob der Clown sich mit einer Emoticons-Bewertung der Büttenreden zufrieden geben wird?

Alex Deppert, mit dem Spielbein Slam Poet und dem Standbein Lehrer, hat mit einer Darmstädter Schulkasse das Projekt Mutter Coronas Courage entwickelt. Brechts Courage muss sich darin als Ebay-Händlerin, Dönerbuden-Betreiberin und Youtuberin durchs Leben schlagen. Ein eindrucksvolles Projekt, geschrieben von den Schülerinnen und Schülern, als die Schulen geschlossen waren und Homeschooling verordnet war.

Eine leere Halle im Frankfurter Flughafen, April 2020. © Anna Meurer. Sichtprobe aus dem Buch „CO-RO-NA“.

Eine leere Halle im Frankfurter Flughafen, April 2020.
© Anna Meurer. Sichtprobe aus dem Buch „CO-RO-NA“.

„CO-RO-NA“ eröffnet viele lokale Perspektiven auf das eine, einzige globale Thema des Jahres. Nicht nur die in der Summe treffend gewählten neunzehn Beiträge sind es wert, sich den Band genauer anzuschauen. Das Gleiche gilt für Anna Meuers Fotografien, die in die Zwischenräume der Texte gestreut werden als ikonische Mahnmale dessen, was in den Beiträgen beschrieben wird – und was man von der frühen Pandemie und ihrem Erleben ohne Bilder vielleicht umso schneller vergisst.

Über den Autor
Reinhard Boos (Foto: Reinhard Boos)

Reinhard Boos ist Autor und am Rheinlese Verlag Ingelheim (www.bildtrifftbuch.com) beteiligt.

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erstellt am 08.12.2020
aktualisiert am 09.12.2020

Buchcover „Du lebst ja auch für deine Überzeugung“, Wencke Mühleisen

PH Gruner (Hg.)
CO-RO-NA
19 Autorenbeiträge zu COVID-19,
19 Reaktionen auf eine Pandemie.
Ein Sammelband der Gesellschaft
Hessischer Literaturfreunde e. V.
Mit Fotografien von Anna Meuer.
Broschur, 184 Seiten
ISBN: 978-3-87390-447-7
Justus von Liebig Verlag, Darmstadt 2020

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