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Ein neuer moralischer Anspruch darauf, sich überall wiederzufinden und sich deshalb in den Medien der Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit korrekt widergespiegelt zu sehen, führt in ein geschlossenes Spiegelkabinett, in dem kulturelle Auseinandersetzung nicht mehr statthaben kann. Thomas Rothschild besteht auf der Zumutung der Auseinandersetzung.

Kontrapunkt

Fagin, Shylock und der Mikado

Eine Haltung, für die sich, kritisch oder affirmativ, der Begriff der „Political Correctness“ durchsetzen konnte, erregt nach wie vor die Gemüter und füllt die Feuilletons. Eine besondere Spielart betrifft die Künste. Wie darf man im Bilderbuch, auf der Bühne oder im Film einen Farbigen darstellen? Wer darf Angehörige eines indigenen Volkes oder eine Transgender-Person verkörpern?

Zugegeben: Es ist nicht angenehm, eine unmissverständlich als Jude markierte unsympathische Figur wahrzunehmen wie Fagin bei Charles Dickens selbst und in unzähligen Verfilmungen oder wie den rachsüchtigen Shylock, wenn man dem gleichen Kollektiv angehört wie diese literarischen Erfindungen. Immerhin hat sich, unter dem Eindruck des Holocaust, dafür eine gewisse Sensibilität entwickelt. Wie aber erlebt ein Japaner die Darstellung eines blutrünstigen japanischen Kaisers in einer komischen Oper des außerhalb des englischsprachigen Raums übrigens viel zu wenig bekannten Gespanns Gilbert & Sullivan? Wie fühlt sich ein an der Bechterew-Krankheit Leidender, wenn der mehrfache Mörder Richard III. mit übertriebenem Buckel über die Bühne schleicht? Kümmert das irgendeinen Regisseur?

Der Konflikt ähnelt jenem zwischen Persönlichkeitsrecht und Kunstfreiheit. Kein vernünftiger Mensch kann etwas dagegen einzuwenden haben, dass man die Gefühle und Empfindlichkeiten von Personengruppen zur Kenntnis nimmt und schont. Aber die Weltliteratur und das Theater wären um einen beträchtlichen Teil ärmer ohne „Oliver Twist“, ohne den „Kaufmann von Venedig“, ohne den „Mikado“. Würden wir alles aus den Bibliotheken, den Schauspiel- und Opernhäusern, den Kinos entfernen, was eine Gruppe oder Einzelne kränken könnte, bliebe nicht viel übrig von den kulturellen Leistungen der vergangenen zweieinhalb Jahrtausende.

Man muss also abwägen zwischen Rücksicht und Anstand auf der einen Seite und der Freiheit der künstlerischen Schöpfung auf der anderen. Eine Entscheidung, die ein für alle Mal und für jeden Einzelfall gilt, gibt es nicht. Eins aber kann man unterstützen: die historische Bildung, die auch Irritierendes in seinem Zusammenhang sieht, und ein Verständnis von Kunst, das deren Eigengesetzlichkeit anerkennt. Es wäre schon viel gewonnen, wenn nicht jeder Arzt seine Berufskollegen bei Molière, wenn nicht jeder Geistliche Lessings Patriarchen, wenn nicht jede Frau Shakespeares widerspenstige Katharina, wenn nicht jeder Jude Shylock und nicht jeder Japaner den Mikado egozentrisch auf sich selbst bezöge. Identifikation ist ein Zauberwort, das oft in die Irre führt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden zahlreiche amerikanische Filme, „Casablanca“ eingeschlossen, in Deutschland durch Schnitte und Synchronisation verfälscht oder gar nicht erst gezeigt, weil in ihnen Deutsche klischeehaft und, auch nachvollziehbaren Gründen, wenig erquicklich dargestellt wurden. Das wollte man den Einheimischen, die ehemaligen Nazis inbegriffen, nicht antun. Vielleicht hätte man auch ihnen etwas mehr zumuten sollen. Dass sie deshalb heute mit geknicktem Selbstbewusstsein dahin vegetierten, ist nicht anzunehmen.

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Kommentare


wolfram schütte - ( 10-12-2020 01:33:35 )
lieber herr rothschild, an ihrem kontrapunkt scheint mir nur dessen letztes wort kritikwürdig. statt "anzunehmen" wäre "bemerkbar" treffender.
Auch denke ich, dass es brd-deutsche bei den us-verleihen waren, die sich selbst & ihren ehem volksgenossen solche prekären hollywoodmomente "nicht zumuten wollten". erinnern sie sich noch an die brd-kampgne gegen nanni loys "gold von neapel", als dessen antinazismus von der brd-filmkritiker-presse als ein "anti-deutsches ressentiment" nachgesagt wurde, schon als der film in italien startete ?

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erstellt am 07.12.2020
aktualisiert am 08.12.2020

Kostümentwurf für die komische Oper „Der Mikado“ von Gilbert & Sullivan. Foto: Tim riley, Wikipedia (Englisch), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6834623

Kostümentwurf für die komische Oper „Der Mikado“ von Gilbert & Sullivan.
Entwurf von Charles Ricketts, 1926, für die Rolle des japanischen Kaisers „Mikado“.
Foto: Tim riley, Wikipedia (Englisch), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6834623