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Ideal ist, etymologisch hergeleitet, das Bild, das wir uns von der Wirklichkeit machen. Ideale Landschaften nennt Clemens von Reusner seine aktuelle CD mit elektroakustischer Musik, in der auf die bildnerische Umsetzung der Landschaft wie auch auf die Möglichkeit der musikalischen Kunst verwiesen wird, Wirklichkeit zu erschaffen. Ernst August Klötzke hat sich landschaftlich eingehört.

CD: Elektroakustische Werke von Clemens von Reusner

Wie Treibgut im Fluss

Clemens von Reusner. Foto: © Sandra Schade, Sandra Schade Fotografie, www.sandraschadefotografie.de/
Clemens von Reusner. (© Sandra Schade)

Auf der CD „Ideale Landschaft“ finden sich elektroakustische Werke, die der 1957 geborene Komponist und Klangkünstler Clemens von Reusner zwischen 2011 und 2020 komponiert hat.

Im Booklet, das der CD beiliegt, beschreibt Bernd Leukert die durch den Titel der CD angedeutete grundsätzliche Problematik der Verknüpfung visueller und auditiver Eindrücke, deren sinnvolles [weil nicht wahllos Deskriptives (Anm. des Verfassers)] Zusammenwirken aus seiner Sicht ausschließlich über verschiedene Grade von Abstraktionen funktioniert.

Damit schafft er eine Verbindung zu den Anfängen der musique concrete, mit deren frühesten Erzeugnissen, etwa aus der Feder von Pierre Schaeffer, eine Poetisierung von Alltagsklängen geschaffen werden sollte, in denen die akustische Referenz jedoch deutlich als Vordergrund erkennbar blieb.

In diesem Kontext verstehe ich auch die vorliegenden Werke von Reusner. Sie repräsentieren eine gegenwärtige Sicht auf das, was als mögliche individualisierte epische Geschichten in der Nachfolge der großen Erzählung steht und deren Ausgangspunkt, wie von Reusner schreibt, nicht nur reale sondern auch virtuelle Klanglandschaften sind.

Gleich im ersten der fünf Stücke („Ideale Landschaft Nr. 6“, 2020), bei dem von Reusner auf strukturelle Zusammenhänge zu einer Radierung des grafischen Künstlers Ernst von Hopffgarten verweist, zeigt sich ein arioser Adagiocharakter, der mit der Konzentration auf Weniges eine Langsamkeit innehat, die trotzdem keine Ruhe suggeriert. Manche der Pausen erinnern an Ödön von Horváths Differenzierung der Stille als Ausdruck eines Konflikts unterschiedlicher Bewusstseinsebenen oder, um bei der Musik zu bleiben, verschiedener Nähen und Fernen der akustischen Ereignisse. In seiner Erscheinung davon verschieden zeigt sich „rückbau“ von 2011, nämlich wie ein im Hüllkurvenverlauf erstarrtes Ausklingen des aus einem Atemgestus gestalteten Anfangsimpulses – als ein komprimierter Agens-Klang – der sich weniger generiert als vielmehr sich wandelt und die konkreten Schläge des mechanischen Zerstörens als formal gliedernde Perspektivwechsel in die akustische Landschaft einschlagen lässt.

Wiederum eine andere Farbe steht bei „play sequence“ (2019) im Zentrum. Ausgehend von einem arpeggierten Cembaloakkord führt von Reusner kontrastreich in die Mechanik des Instruments, die mit einer akustischen Lupe das hervorhebt, was im instrumentenspezifischen Klang eher nicht gerne gehört wird, und konfrontiert dies im Sinne „räumlicher Kontrapunkte“ (von Reusner) mit mehr oder weniger erkennbaren „wirklichen“ Klängen des Cembalos. Die ebenfalls 2019 ausgearbeitete Komposition „draught“ wird von Clemens von Reusner als eine Folge akustischer Episoden bezeichnet, die „wie Treibgut im Fluss langsam vorüberziehen“. Das Werk, das als Auftragswerk im 30. Jahr nach Öffnung der Berliner Mauer entstanden ist, zeichnet sich, ähnlich wie „play sequence“ durch sinnliche Perspektivwechsel aus, die von Aufnahmen herrühren, die über und unter dem Fluss Elbe gemacht wurden. Nähe und Ferne des Erkenn- und davon Ableitbaren treten in einen Dialog, der in vom Pathos befreitem Kirchengeläut mündet.

Diese Glocken erinnern den Verfasser an eine Stelle aus Jean Pauls „Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz“, wenn es dort heißt: „…Dann schwankte er unter dem wie aus der Vergangenheit herüberklingenden Abendläuten ins Dorf hinein.“ Es scheint wie eine Überleitung zur fünften Komposition auf dieser CD, die 2012 entstanden ist und den Titel „de monstris epistola“ trägt. Von Reusner verweist damit direkt auf den Dichter und schafft eine Verbindung zwischen „dem romanti-schen Streben Jean Pauls“ und seiner Komposition, in der er eine Synthese zwischen „Hörbarem der heutigen akustischen Realität an den Orten der Kindheit und Jugend und (…) dort hinein Gedachtem“ schafft. Von einem glockenähnlichen Anfangsimpuls führt von Reusner zu Ausschnitten aus unserer Gegenwart: ein Spiel zwischen einer Welt im Spiegel und einer hinter den Spiegeln. Es bleibt dabei der Zuhörerschaft überlassen, mit welcher der möglichen Seiten sie sympathisiert, denn die ästhetische Qualität beider Perspektiven zeigt keine beeinflussenden Färbungen.

Durchweg Erfreuliches bietet diese CD mit Musik, die vom unaufgeregt sich Regenden geprägt ist. Keine Klischees lautmalerischer Landschaften, keine Behauptung irgendwelcher Abbildungen: sie, die Musik, genügt sich selbst und eröffnet damit Perspektiven, die an die Frische der Kunst des Cinquecento erinnern.

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erstellt am 07.12.2020
aktualisiert am 07.12.2020

Clemens von Reusner (*1957) „Ideale Landschaft“ electroacoustic works; NEOS 12023

Clemens von Reusner
Ideale Landschaft
electroacoustic works
CD, 2020
NEOS 12023

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