Banner, 120 x 600, mit Claim

Auf den deutschen Büchermarkt kommen zunehmend spannende Bücher aus Indien. Aus dem alten Literaturland Bengalen stammt die Autorin Anuradha Roy, der mit ihrem Roman „Der Garten meiner Mutter“ ein berührendes wie historisch aufschlussreiches Doku-Drama gelungen ist.

Anuradha Roys Buch »Der Garten meiner Mutter«

Das unangepasste Mädchen

Anuradha Roy. (Foto: Rukun Advani)
Anuradha Roy (Foto: Rukun Advani)

„Gärtner sind gut im Warten, sie stehen im Einklang mit den Rhythmen der Erde, die langsam sind. Es gibt keine Nervosität bei dieser Art von Warten, nur Vorgefühle.“ Für den Erzähler im Buch von Anuradha Roy ist das entspannte Warten als Gärtner Teil seines Brotberufs, aber lebensbestimmend war das Warten auf seine Mutter, die einfach verschwand, als der Junge Myshkin neun Jahre alt war.

Das Buch „Der Garten meiner Mutter“ heißt im Original „All the lives we never lived“, wobei beide Titel die zentralen Themen des Buches treffen. Der Garten hinter dem elterlichen Haus ist der Erinnerungsort, in dem seine Mutter für ihn wieder gegenwärtig wird. Die „ungelebten Leben“ sind ein Hinweis auf all die erträumten Lebensentwürfe, denen eine Erfüllung versagt blieb.

Im Zentrum des Buches steht Gayatri, die Mutter des Ich-Erzählers Myshkin. Sie war eine freiheitsliebende junge Frau mit einer großen künstlerischen Begabung. In der indischen Gesellschaft der damaligen Zeit galt ihre Eigenwilligkeit als ungehörig. Der Vater förderte gegen den Willen der Familie Gayatris Drang nach Selbstbestimmung. Er, ein Universitätsgelehrter und glühender Verehrer von Rabindranath Tagore, wollte seine Tochter ganz im Geist der Reformbewegung Tagores erziehen. 1927 unternahm der bengalische Dichter eine Reise nach Bali und Java. Auf Vermittlung eines Freundes durften Gayatri und ihr Vater die Reisegruppe begleiten. Nicht nur die Nähe zu Tagore wurde zum unvergesslichen Erlebnis für das junge Mädchen, sondern vor allem die Begegnung auf Bali mit dem deutschen Künstler Walter Spies, der selbst aus der deutschen Reformbewegung kam. Der Maler und Musiker verließ 1923 Deutschland, nachdem ihn der Sultan von Yogyakarta als Pianist und Konzertmeister engagiert hatte. Auf Bali gründete er ein Kulturzentrum, wo sich die berühmtesten Künstler aus Amerika und Europa trafen.

Das Mädchen aus Indien war tief beeindruckt von dem charismatischen Mann. Doch kurz nach der Rückkehr von Bali muss Gayatri alle Träume begraben, weil ihr Vater plötzlich stirbt. Die Familie möchte nun das unangepasste Mädchen schnell unter die Haube bringen. Ein Schüler des Vaters heiratet die freiheitsliebende Gayatri, denn auch er träumt von einer großen Freiheit. Der mutige Ehemann ist ein junger Universitätsprofessor und glühender Anhänger der indischen Unabhängigkeitsbewegung. Im Ansehen der Gesellschaft war Gayatri keine gute Partie. „Meine Mutter war eine bengalische Hindu aus Delhi, mein Vater ein Anglo-Inder aus Nordindien. In Muntazir, unter Hindus, galt die Familie meines Vaters als gottloser Haufen Christen, während sie für Christen heidnische Hindus waren. Aber mein Vater verachtete Kategorien wie Kasten und Religionen, er bestand darauf, dass alle Menschen in den Augen der Natur gleich waren.“ Vom großbürgerlichen Ambiente in der Hauptstadt Delhi zog Gayatri zu ihrem Mann in das Dorf Muntazir am Fuße des Himalaya. Als Ehefrau und bald auch Mutter von Myshkin, muss sie ihre groß gedachten Zukunftspläne aufgeben.

Anuradha Roy beschreibt im Rückblick des nun über sechzigjährigen Myshkin die Konflikte einer Familie inmitten eines gesellschaftlichen und politischen Umbruchs. Gayatri folgt der Erneuerungsbewegung der hinduistischen Oberschicht, zu der Tagore gehört, während ihr Mann für die Unabhängigkeit von der englischen Kolonialmacht und damit vermeintlich für die Freiheit aller kämpft. Doch hat er die Selbstbestimmung innerhalb der Familie ausgeschlossen. Und so führt der Kleinkrieg der Eheleute in die Katastrophe, als Myshkin neun Jahre alt ist und plötzlich Walter Spies mit einer englischen Tänzerin auftaucht. Zuerst begegnet der Gast Myshkin, der mit einem Freund am Ufer des nahen Flusses sitzt. „Ich weiß noch, wie beeindruckt ich, obwohl noch ein Kind, von seiner Schönheit war, aber vielleicht war es auch nur seine ungewöhnliche Färbung und die merkwürdige Art, wie er sprach. Seine Brauen glänzten wie dunkles Gold, und die Stirn erhob sich hoch über eine gerade, ziemlich lange Nase.“ Mit diesem Besuch öffnet sich für Gayatri erneut ein Weg in die Freiheit als Künstlerin. Es folgen turbulente Wochen, in denen Gayatri unter dem Einfluss von Walter Spies auflebt und der Ehemann die Kontrolle über die Familienhierarchie verliert.

Als die beiden Künstler Richtung Bali abreisen, ist auch Gayatri verschwunden. Ihren Sohn Myshkin, der nichts von ihren Plänen ahnte und zufällig später als üblich aus der Schule kam, ließ sie zurück. Sie setzte ihre Freiheit über die Fürsorge für ihr Kind. Myshkin – sein Vater reist, tief verletzt, in den Himalaya auf der Suche nach dem inneren Selbst – bleibt die liebevolle Betreuung durch den Großvater und eine Freundin der Mutter, die als Einzige in die Pläne von Gayatri eingeweiht war. Die Mutter schreibt ihrem Sohn Briefe, in denen sie von der Schönheit Balis erzählt und von der großen Freiheit, als Künstlerin arbeiten zu können. Durch Verkäufe ihrer Bilder kann sie etwas Geld sparen, aber es reicht nie, um den Sohn endlich zu sich zu holen. Letztlich bleiben alle Lebensentwürfe unerfüllt. Nach Jahren auf Bali stirbt Gayatri auf dem Weg zurück in die Heimat. Und Myshkin flüchtet sich in die Pflege der Natur und in die Liebe zu den vielen Blüten im Garten, die seine Mutter so oft malte.

„Ich gebe zu, dass ich auch mit den Bäumen spreche, die ich gepflanzt habe, und wenn ich einen Fluss entlang gehe, dem ruhigen Geräusch der Wasservögel und den fernen dumpfen Schlägen eines Wäschers lausche, der Kleider auf einen Uferfelsen drischt, ist es dieses Bild meiner Mutter und ihres mondsilbrigen Gesichts, das vor mir aufscheint.“

Anuradha Roy entwirft ein Doku-Drama, in dem sie die berührende Mutter-Sohn-Geschichte mit der gewaltigen Freiheitsbewegung des indischen Volkes und den europäischen Reformbemühungen verknüpft. Rückblickend kann man feststellen, dass die individuelle Freiheit für die einfachen Menschen in Indien ein Traum blieb.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 23.11.2020
aktualisiert am 23.11.2020

Buchcover „Der Garten meiner Mutter“, Anuradha Roy

Anuradha Roy
Der Garten meiner Mutter
Roman
Übersetzung von Werner Löcher-Lawrence
Gebunden, 416 Seiten
ISBN: 978-3-630-87632-0
Luchterhand Liteaturverlag, München 2020

Buch bestellen