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Religionen fallen auch unter die Beschwörungstheorien. Bestehen ihre Institutionen auf Privilegien, die sich irrationalen Herleitungen verdanken, – sogar unter die Verschwörungstheorien. Warum müssen Theater schließen, Kirchen dürfen aber geöffnet bleiben? Ein Ordnungsruf von Thomas Rothschild.

Kontrapunkt

Die Sehnsucht nach einer Erklärung

Zu Recht wird vor den Gefahren gewarnt, die von Verschwörungstheorien ausgehen. Sie verbreiten sich unter dem Eindruck der Coronakrise immer schneller und in wachsendem Ausmaß. Warum das so ist, liegt auf der Hand. Ein großer Teil der Menschen hält es nicht aus, wenn die Ursachen für bedrohliche Erscheinungen nicht bekannt sind, wenn sich Umstände und Vorgänge scheinbar nicht erklären lassen. Die plötzliche Entstehung und Ausbreitung einer Epidemie ist solch ein Vorgang. Da liefert das aus zahlreichen Romanen bekannte Schema der Verschwörung eine plausible und leicht imaginierbare Erklärung. Was in den Filmen des vergangenen Jahrhunderts Dr. Mabuse, die Russen oder fremde Wesen aus dem Weltraum waren, sind heute allerlei Verbrecher, die es auf uns abgesehen haben. Indem dieses Schema eine angebliche Verbindung zwischen Ursache und Wirkung herstellt, simuliert es eine rationale Haltung in der Abwehr des Ungewissen.

Was aber unterscheidet solche Verschwörungstheorien von der Religion? Als man sich Blitz und Donner nicht erklären konnte, interpretierte man sie als Botschaften von Göttern. Als man sich nicht vorstellen konnte, wie die Erde und das Leben entstanden sind, erfand man sich einen Gott, der beides erschaffen hat. Die Vorstellung von metaphysischen Wesen einschließlich der jungfräulichen Geburt oder gar der Hölle liefert pseudorationale Erklärungen für Rätsel der Vergangenheit. Wer aber die Religion mit dem gleichen Recht kritisiert wie Verschwörungstheorien, wird als intolerant gescholten. Wer für die Religionskritik die gleichen Bedingungen fordert wie für die Religion, wer kein Verständnis dafür hat, dass für Gottesdienste andere Regeln gelten sollen als für Theater oder Konzerte, als würden Viren vor Gläubigen Halt machen oder als würden diese vor einer Infektionsgefahr, vor der man Kulturbeflissene durch die Schließung von Veranstaltungsorten bewahren muss, göttlich geschützt, wird stigmatisiert.

Wie kommt es, dass die Kirchen jene erkenntnis- und wissenschaftsfeindlichen Begründungen nicht nur ungestört, sondern staatlich gefördert verbreiten dürfen, die man den Verschwörungstheoretikern mit guten Gründen verbieten möchte? Offenbar hat die Religion wegen ihrer bloßen langen Existenz und wegen der ungebrochenen Macht ihrer Institutionen einen Kredit, den die Verschwörungsapostel – zum Glück – (noch) nicht erwerben konnten. Ein (Aber)Glaube jedoch wird nicht dadurch weniger irrational, dass er lange besteht. Der Antisemitismus beispielsweise ist fast ebenso alt wie die christliche Religion. Ist dies ein Argument für beider Wahrheit? Ist das Vertrauen in die Wirkung des Sakraments ebenso oder weniger berechtigt wie der anhaltende Hexenglaube? Wer aber die Dringlichkeit der sonntäglichen Messe im Gegensatz zum Theater- oder Konzertbesuch anerkennt, befördert eine Logik, die auch für Verschwörungstheoretiker das Recht auf Propaganda und Versammlungsfreiheit verlangt. Und wer sich um die Theodizee-Frage herumdrückt, warum Gott das Coronavirus zulässt, auf der Existenz Gottes aber besteht, öffnet die Türen für Prediger, die anstelle Gottes Bill Gates für die Pandemie verantwortlich machen. Das muss jeder und jedem klar sein.

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Kommentare


Prof. Herbert Jaumann - ( 26-11-2020 01:41:17 )
Meine Anerkennung für Ihren Mut, diesen gut formulierten, berechtigten und (zur Zeit besonders) notwendigen Kontrapunkt von Thomas Rothschild zu veröffentlichen! Nur in der 1. Zeile des redaktionellen Vorspanns muss es doch "Verschwörungstheorien" heißen!
"Be-schwörungen" wären harmloser - aber leider handelt es sich darum nicht.
Herbert Jaumann.



Joachim Petrick - ( 26-11-2020 07:50:21 )
Danke Kontrapunkt!

„Indem.. ..Verbindung .. Ursache, Wirkung herstellt, simuliert es rationale Haltung in Abwehr Ungewissen.“ Wohl eher umgekehrt Abwehr von Wissens?

„Wer .. Religion mit gleichem Recht kritisiert wie Verschwörungstheorien, wird intolerant gescholten“ Wer so generell argumentiert kennt Kirche von unten nicht.
Kirchen sind anders als Verschwörungstheorien zu Recht oder Unrecht als eil Gesundheitswesen unterwegs, wenn es gut läuft, seelsorgerische Aufgabe gegenüber Kirchenmitgliedern und Gästen nachzukommen. Es ist ja eher so, dass sich Kirchen 1. Lockdown März 2020 geflissentlich ihrer seelsorgerisch personenbezogenen Präsenz in Kirchen vorauseilend entzogen, aufs Online Musizieren, Predigen, Psalmen Singen aus der Dose verlegt haben, von fehlend persönlichen Telefonaten in Corona Pandemie, Hausbesuch Angeboten ganz zu schweigen, Ohnehin sind christliche Kirchen außer in evangelikanen Missionierungsvereinen e. V, anders als Verschwörungsapostel, grundsätzlich siehe Kreuzzüge bis ins 14. Jahrhundert mit dem Schwert missionierend bis das Blut aus eignen und denen Andersgläubigen Adern Hieb und Stich spritzt, damit beschäftigt, Glauben an pseudowissenschaftlichen Moden entlang auszutreiben, statt unterweisend spirituell einzutreiben. Nun sind Corona Maßnahmen Skeptiker nicht von Natur aus Verschwörungsapostel, sie haben Argumente, wenn auch nicht alle, wenn auch mit jenen letzten nicht unähnlich, herausgefordert, von Medien in Hype Olymp gehoben bestrebt, sich kasteiend im öffentlichen Raum zu selbstermächtigter Selbstbeschädigung ihrer und der Gesundheit anderer hinreißen zu erlassen. Da kann ich nur mahnen, Gemach! Gemach“, habt Erbarmen mit seelischen Armen um ihrer unser aller Gesundheit Willen, senkt öffentliche Erregungspegel, werden sachbezogen? Kirchen mussten von unten ersucht werden, Lockdown zu lockern. Warum bieten Städte nicht Fussball Staiden an für kulturelle Veranstaltungen unterschiedlicher Genres im Wechsel unter Wahrung Hygiene Vorschriften Anzahl der Teilnehmer*nnen?


prof. dr. jakob ullmann - ( 27-11-2020 10:21:10 )
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herrn
Thomas Rothschild

Indem ich mich anlässlich eines artikels in der „faust-kultur“ erneut zur frage der glaubens- und gewissensfreiheit äussere, komme ich nicht umhin mich zu wiederholen. Da ich zudem angesichts der mein leben bestimmenden fundamente und grundüberzeugungen nicht auf nachsicht hoffen darf, muss es zwingende gründe und eine klare beschränkung für meine replik geben.
Ich werde deshalb darauf verzichten, etwas zur corona-pandemie und den massnahmen zur eindämmung des virus zu sagen.
Ich beschränke mich darauf, mein bedauern darüber auszudrücken, dass es offenbar noch immer möglich ist, die ergebnisse der religionshistorischen forschung und der systematischen religionswissenschaft derart zu ignorieren, dass bei religionskritikern jene geradezu lächerlichen geschichtchen über (möglichst dunkelhäutige und stark behaarte) barbarische urmenschen, die sich am lagerfeuer angesichts eines gewitters irgendwelche „götter“ ausgedacht haben sollen, en vogue sind, geschichtchen, die zu erzählen schon vor nunmehr fünfzig jahren meinen lehrern in der sozialistischen schule eher peinlich war.
Ich bedaure weiters, dass die zeiten heute sichtlich unendlich weit entfernt sind, in denen die frage der theodizee auf dem niveau Leibniz‘ oder Schellings diskutiert wurde und werden konnte.
Ich komme allerdings nicht umhin, die vertreter des kämpferischen atheismus daran zu erinnern, dass sie, angesichts der millionen unschuldiger opfer ihrer ideologie von frankreich über die sowjetunion, über china und kambodscha, nordkorea und albanien bis nach spanien, äthiopien und weiter wohl kaum grund haben, ihre moralischen zeigefinger allzuweit in höhe zu recken.
Was mich aber zu einer erwiderung, nein, zu einem PROTEST gegen Ihren artikel zwingt, ist die notwendigkeit der klarstellung eines sachverhaltes, den Ihr artikel absichtsvoll verschweigt, ja verschleiert.
Dieser sachverhalt wird beim übergang vom zweiten zum dritten abschnitt Ihres artikels überdeutlich, wo – unbegründet und überraschend – vom üblichen und zu erwartenden angriff auf religion und religiöse menschen der fokus sich plötzlich auf die kirchen verengt. Wenige zeilen später wird der grund für diese verengung im versuch, den artikel als beitrag zum kampf gegen den antisemitismus erscheinen zu lassen, sichtbar. Dabei nehmen Sie offenbar gern auch die verfälschung der historischen wahrheit in kauf. Der kirchliche antisemitismus ist ebenso widerwärtig wie schändlich – dennoch: als urheber des antisemitismus können die kirchen nicht in haftung genommen werden, sie konnten (unter religiöser zuspitzung) die schon früher übliche ablehnung von juden und judentum einfach übernehmen. Schon die hellenistische kultur steigerte sich ja zum eliminatorischen furor gegen die juden und ihr verhältnis zu Gott (siehe Antiochus IV. Epiphanes) und die vertreter des imperium romanum von Pompeius über Pontius Pilatus bis zu Titus und Hadrian haben keineswegs nur, aber in ganz besonders grausamer und blutiger weise in jerusalem und ganz judäa aller welt deutlich gemacht, was unter der angeblichen toleranz der römer in religiösen fragen zu verstehen sei. Und auch dies ist schon weit vor dem entstehen von kirchen ja mit erfolg behauptet worden: die juden seien ein derart degeneriertes volk, dass es eines entlaufenen ägyptischen höflings (Mose) bedurft habe, der seine chance darin gesehen habe, die (mit gutem recht hermetische) innerste tradition ägyptischer weisheit als religion eines barbarischen volkes zu profanieren. Damit sie überhaupt zu so etwas wie einer „religion“ gekommen seien.
Nun von Manetho an war diese kultur sich völlig klar darüber, dass die behauptung der juden, es gebe nur einen einzigen Gott, der einen bund mit ihnen geschlossen habe, dieses volk aus dem hellenistisch-römischen verrechungssystem der götter schon deshalb ausschloss, weil es diesem verrechnungssystem die grundlage entzog.
Juden, das jüdische volk und (trotz der seltsamen fügung) jüdische religion gibt es und gibt es nur in der tradition der anrede Gottes und der erwählung des volkes israel, das einen bund mit diesem, dem einen und einzigen Gott schliesst. Wer das RECHT auf diese tradition bestreitet (man kann ihr selbstverständlich widersprechen – aber das ist etwas ganz anderes!) bestreitet die lebensgrundlagen und das lebensrecht des jüdischen volkes, denn früher oder später wird er notwendigerweise bei jenem schauerlichen satz anlangen, den ausgerechnet ein jude, nämlich Karl Marx, schon vor fast 200 jahren formuliert hat: die erlösung der juden sei die erlösung der welt vom judentum. Es verschlägt wenig, dass Marx nicht wissen konnte, dass etwa 100 jahre nachdem er diesen satz geschrieben hat, man sich in deutschland daran machen würde, der prophezeiung die furchtbare realisierung folgen zu lassen.
Wer also – wie Sie – die existenzgrundlage jüdischer existenz und jüdischen lebens als „verschwörungstheorie“ denunziert, der ist selbst ein verfechter jener seit mehr als 2000 jahren immer wieder und immer neu ihre schrecklichen folgen zeitigenden verschwörungstheorie, dass die juden, weil sie den ganzen erdkreis unter der (patriarchalischen) zuchtrute eines, d.h. IHRES gottes zwingen wollen (mit, weil mit hilfe ihrer, in herzliche feindschaft verbundenen hilfstruppen aus christen und muslim, erstaunlich weitgehend erzieltem erfolg), im „hintergrund“ eine finstere weltherrschaft ausüben oder dies zumindest versuchen.
Anders als Sie bin ich der meinung, dass (trotz des gerade jetzt unter der flagge der „kunst- und meinungsfreiheit“ ausgetragenen überbietungswettberwerbs bei der verhöhnung und beleidigung von muslim) meinungsfreiheit auch die freiheit, unfug zu reden, einschliesst. Diese freiheit ist dennoch nicht grenzenlos, sie findet dort ihre grenze, wo nicht nur beleidigt, sondern zu hass und gewalt aufgerufen wird.
Wo Sie sich in diesem spektrum einordnen möchten, überlasse ich gern Ihnen selbst. Ich werde jedoch nicht zögern, darauf hinzuweisen, in welche gesellschaft Sie sich offenbar zu begeben bereit sind, wenn es nur dem ziel der abschaffung von glaubens- und gewissensfreiheit dient.

Mit freundlichen grüssen
dr. jakob ullmann

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erstellt am 20.11.2020
aktualisiert am 26.11.2020

Vorbereitung für einen Gottesdienst unter Corona-Bedingungen (Screenshot)
Vorbereitung für einen Gottesdienst