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Lettre International erlaubt sich nicht Selbstbeschränkungen, die im medialen Gewerbe leider gang und gäbe sind. Dazu gehört die überhebliche Fürsorge für den unmündigen Leser, den man irgendwo abholen müsse, dem man bestimmte Worte oder gar die Wahrheit nicht zumuten könne. Im Teil II des Gesprächs mit Bernd Leukert spricht Chefredakteur Frank Berberich über die Unabhängigkeit und das aufklärende Konzept der Vierteljahreszeitschrift.

ZEIT:GEIST – Zeitschriftenschau

In Wahrheit überleben

Bernd Leukert befragt Frank Berberich, den Gründer, Herausgeber und Chefredakteur von Lettre International.

Teil II

Am Ende des ersten Interviewteils mit dem Gründer, Geschäftsführer und Chefredakteur der deutschen Lettre International, Frank Berberich, stand seine Aussage: Wenn es sich lohne, eine intellektuelle Zeitschrift zu machen, dann nur, wenn sie mit größtmöglicher Integrität, Unerschrockenheit und Freiheit gemacht werde; aber das gelänge nur, wenn Stimmen in ihrem ganzen Eigensinn, in ihrer Authentizität und ihrer Widerborstigkeit zu Wort kommen und nicht alle Beiträge über einen ideologischen Leisten gezogen würden – und sei es ein politisch korrekter. Freiheit sei das Lebenselixier des schöpferischen Menschen, dieser werde immer wieder auch Tabus verletzen.

Inwieweit kollidiert diese Haltung mit der Political Correctness? Gibt oder gab es Konflikte?

Formen von Sprachkontrolle gab es schon immer. Sonst hätte man keinen Hofnarren gebraucht. Heute geht es neben dem, was man angesichts der Macht nicht sagen darf, darum, was man in einer demokratischen Öffentlichkeit nicht sagen darf, weil es angeblich verletzend oder unangebracht ist oder gegen Anerkennungsrechte verstößt. Zensur gehört zur Literaturgeschichte. Der Ulysses war in den angelsächsischen Ländern jahrelang als blasphemisches, obszönes Machwerk verboten. Der Roman wurde dann erstmals 1922 in Frankreich von Silvia Beachs Buchhandlung Shakespeare & Company veröffentlicht. Oder Khomeinis Fatwa gegen Salman Rushdie: Zwei Jahre hat es gebraucht, bis sich in Deutschland ein Konsortium von Verlagen zusammengetan und den neuen Verlag „Artikel 19“ gegründet hat, um Die satanischen Verse zu veröffentlichen, weil einzelne Verlage befürchteten, allein eher zum Opfer der Fatwa werden zu können. Denken wir auch an die Morde an Redakteuren und Mitarbeitern von Charlie Hebdo im Namen einer reklamierten religiösen Identität. Das sind massive Eingriffe in die Meinungs- und Veröffentlichungsfreiheit.

Es wäre naiv anzunehmen, bei Streitfragen um Political Correctness ginge es ausnahmslos um ethische oder Glaubensfragen. Nicht alles, was im Vokabular der Political Correctness formuliert wird, ist ohne Hintergedanken. Political Correctness kann auch eine Methode sein, legitime oder weniger legitime Interessen durchzusetzen, politisch, religions- und kirchenpolitisch, ökonomisch. Wenn Religionen in Ländern der Aufklärung multikulturelle Toleranz im Sinne eines Verbots der Religionskritik und diese als Beleidigung ihrer Kultur interpretieren – weil Religion auch Kultur sei – und mit dieser Begründung unterbinden wollen, dann gerät das mit der freiheitlichen und kritischen Tradition dieser Länder in Widerspruch.

Man muss daher, glaube ich, Anliegen auch zu dechiffrieren wissen und nicht alles eins-zu-eins nehmen. Jede politische Gruppe, die versucht, ihre Position zu verbessern, instrumentalisiert Sprache durch Begriffsbildung, semantische Operationen und auch Tabuisierung. Die wertende Interpretation und Uminterpretation von Begriffen ist ein Instrument des politischen Machtkampfs. Insofern muss man gegenüber Sprachregelungen und Sprachtabus äußerst wachsam sein.

Vor zwei Jahren wurde der Schriftsteller Ian Buruma als Chefredakteur der New York Review of Books entlassen, und dies auf Druck von #MeToo-Aktivistengruppen und Anzeigenkunden aus dem universitären Milieu. Buruma hatte den Text eines kanadischen Fernsehmoderators veröffentlicht, der wegen sexueller Belästigung angeklagt und vom Gericht freigesprochen worden war, daraufhin jedoch sozial geächtet wurde. Über die Erfahrung dieser Ächtung trotz seines Freispruchs hat er auf Einladung des Chefredakteurs geschrieben. Eine Twitter-Kampagne gegen Buruma in Verbindung mit dem Druck universitärer Anzeigenkunden führte zu seiner Entlassung durch den Herausgeber. Das ist ein ungutes Zeichen, denn damit wird die Auseinandersetzung um die Veröffentlichung eines einzigen Textes – wie fragwürdig er auch sein mag – von einer argumentativen Ebene zu der einer beruflichen Existenzvernichtung hin verlagert, wobei sich die Gruppe, die gerade das stärkste Bedrohungsszenario gegenüber der Zeitschrift aufbauen kann, sich durchsetzt. Viele prominente Autoren der NYR haben dagegen protestiert. Und wie soll, wenn das Schule macht, noch ein freier, kontroverser Diskurs stattfinden können?

Allerdings verbirgt nicht jede Einforderung einer Political Correctness a priori nur einen kaschierten Machtanspruch. Es gibt legitime Ansprüche verwundbarer Gruppen darauf, nicht öffentlich denunziert, verletzt oder beleidigt zu werden.

Man muss sich gut überlegen, welche Sprachfreiheit es zu verteidigen gilt, wenn die Normen verschiedener Kulturen miteinander in Kontakt kommen, Sprecher unterschiedlicher Gruppen unter Berufung auf die eigene sprachliche Sensibilität das allgemeine politische Sprachgeschehen reglementieren wollen. Oder wenn Kulturen aufeinanderstoßen, in denen einerseits, wie in Frankreich mit seiner laizistischen Tradition, die Blasphemie als freie Meinungsäußerung legal und legitim ist, und andererseits Aktivisten muslimischer Immigrantenkreise der 2. und 3. Generation ihre Religionstabus durchsetzen wollen; oder freiheitliche Gesellschaften, deren Nachkriegsgenerationen aus guten Gründen um die Entfernung von Kruzifixen aus staatlichen Klassenzimmern gekämpft haben nun auf Vertreter des Islams treffen, welche Symbole ihrer Religionen in staatliche Lehranstalten oder Gerichte implementieren wollen. Heute finden fast unmerkliche, aber bedenkliche Verschiebungen statt. Hätte man sich vor zwanzig Jahren vorstellen können, dass die Sozialdemokratische Partei Deutschlands mit ihrer aufklärerischen Tradition es im Jahre 2020 den eigenen Parteimitgliedern untersagt, innerhalb der Partei einen laizistischen Arbeitskreis zu gründen, während man christliche, jüdische und muslimische Arbeitskreise unterstützt?

Das sind Konflikte, denen man auf Dauer nicht aus dem Weg gehen kann und die sich nicht alle durch Toleranz auflösen lassen, sondern die entschieden werden müssen. Die Frage ist, wie man sie austrägt.

Wie löst die Zeitschrift das? Vorhin hast Du diesen etwas radikalen intellektuellen Anspruch formuliert; natürlich weiß ich, Political Correctness ist eine Waffe, der man wahrscheinlich nur durch Selbstisolation bzw. durch Bündnisse mit anderen widerstehen kann, sonst werden einem die Anwälte auf den Hals gehetzt.

Wir treten für maximale Meinungsäußerungs- und Kritikfreiheit ein. Wir gehen nicht davon aus, dass Leser zu dumm sein könnten, kritisch mit einem Text umzugehen, und dass Redakteure ihre Leser in pädagogischer Vorausschau vor schlimmen Gedanken schützen sollten. Deshalb publizieren wir auch zueinander kontroverse Texte. Wir präsentieren ein reichhaltiges Menü, von dem sich jeder auf eigene Verantwortung bedient. Nehmen wir das berühmte Sarrazin-Interview aus Anlass des 20-jährigen Mauerfalls in dem Sonderheft „Berlin auf der Couch“ von 2009, über das alle möglichen Kommentatoren hergefallen sind, ohne es je gelesen zu haben oder den Kontext zu kennen. Dieses Interview war Teil eines Doppelheftes über Berlin mit über 50 langen und zahlreichen kürzeren Beiträgen. Es war eine vielstimmige Montage zur prekären Situation Berlins, ein Simultanitätsexperiment aus verschiedenen Perspektiven. Das Interview erschien auf Seite 194 der insgesamt 256 Seiten, ohne besonderen Hinweis darauf. Das gesamte Heft war ein Plädoyer für Integration, allerdings für eine anspruchsvollere Art der Integration, als sie der Berliner Senat zuvor jahrzehntelang praktiziert hatte. Das war weniger Integration, als eine Duldung am Rande. Im betreffenden Heft gibt es etliche Texte, die für multikulturelle Vielfalt plädieren. Das hat jedoch in der von den vier Berliner Zeitungen des Axel Springer Verlags aufgeputschten Atmosphäre – Bild hatte das Interview ohne Genehmigung von Lettre gedruckt, online gestellt und skandalisiert – niemand wahrhaben wollen. Mit dem Skandal ließ sich Auflage machen, täglich wechselten die Schlagzeilen. Eine lautete: „Ist Sarrazin schlimmer als Hitler?“ Dieses Interview und Sarrazins vier oder fünf inkriminierte Sätze führten dazu, dass ein Schriftsteller sich 2011 bei einer Rede auf den Hamburger Lessing-Tagen zu der maßlosen Behauptung verstiegen hat, Lettre habe „mehr für die völkische Ideologie getan als der nationalsozialistische Untergrund“. Die Begründung war die, Lettre habe Werbung für Sarrazins rassistisches Buch gemacht. Dieses Buch gab es zum Zeitpunkt des Interviews allerdings noch gar nicht, es erschien erst ein Jahr später und war auch inhaltlich nicht deckungsgleich. Der Redner kann den Zeitschriftentext also nicht selbst gelesen haben, sonst hätte er gewusst, dass darin von einem Buch keine Rede war. Daher führten wir einen Prozess und dem Redner wurde vom Landgericht Berlin bei Androhung von 500.000 Euro untersagt, diese Behauptung zu wiederholen. Solche gezielten Denunziationen sind perfide Vergiftungen der politischen Atmosphäre, insbesondere wenn sie im Mäntelchen der Verteidigung der Toleranz vorgetragen werden. Was erschreckend war bei der Sarrazin-Erregung, die ganz Berlin und ganz Deutschland erfasst hatte, war, wie viele Journalisten, die die Polemik anheizten, das Interview überhaupt nicht gelesen hatten. Und schon gar nicht das gesamte Berlin-Heft, in dem das Gespräch nur einen kompositorisch eingebundenen, kleinen Mosaikstein darstellte.

Das Heft war analog zu literarischen Simultaneitätskonzepten von Großstadtromanen konzipiert worden. Wie beschreibt man eine Stadt? Natürlich in ihrer Widersprüchlichkeit, in ihrer Multiperspektivität, ihren Paralleluniversen, Funktionsweisen und Dynamiken: ökonomisch, kulturell, politisch, existenziell, statistisch – als polyphonische Montage von Texten und Bildern. Es war der Versuch, der unüberschaubaren Gesamtheit einer Metropole gerecht zu werden, einem spannungsgeladenen Stadtkörper mit seinen Erzählsträngen, seinen Brüchen, seinen Erinnerungen, Ängsten und Visionen, Hoffnungen und Aggressionen. Man kann keine urbane, komplexe Totalität darstellen, ohne ihre innere, extreme Widersprüchlichkeit abzubilden, auch durch Originalstimmen, auch polemisch und schrill, jedenfalls authentisch. Wir haben dabei ein künstlerisches Verfahren auf eine politisch-soziale Entität angewandt. Es geht um das Sichtbarmachen realer Spannungen, nicht um Idyllenproduktion. Kritiker beanstandeten, dass man ihre Erwartung ausschließlich politisch korrekter Beiträge nicht erfüllte, was aber bedeuten würde, nur „bereinigte“ Stimmen abzubilden. Sie fordern im Grunde Ideologieproduktion durch eingeschränkte Wirklichkeitsdarstellung. Das ist das Verrückte. Die Kritiker erklären implizit: Ich selbst bin zwar in der Lage, so ein Sarrazin-Interview distanziert und unbeschadet zu lesen, da ich fähig bin, es zu kritisieren, aber anderen Lesern darf man so etwas nicht zumuten, sie sind gefährdet, da unfähig, mittels ihres eigenen Urteilsvermögens darüber zu befinden. Conclusio: Solche Stimmen darf man erst gar nicht publizieren. Das kommt einer Entmündigung unter dem Vorwand der Bewahrung des Lesers vor falschem Bewusstsein gleich. Man will ihn vor Fragwürdigem oder Polemischem beschützen und ihn das erst gar nicht selbst lesen lassen. Der Sinn der Publizistik ist jedoch: Dinge sichtbar zu machen, nicht: sie unsichtbar zu machen oder zu vertuschen.

Ich will noch einmal auf die Entwicklung der Zeitschrift zurückkommen. Es gab – nicht ganz am Anfang, aber bald darauf – fast sieben Länder, die eine Ausgabe von Lettre International hatten.

Anfang der neunziger Jahre existierte Lettre in dreizehn Sprachen. Eine realisierte Utopie, aber nur von kurzer Dauer. Frankreich, Italien, Spanien, Deutschland waren jene Länder, in denen bis Mai 1988 Lettre erschien. Nach dem Fall der Mauer waren die Länder, in denen dann Ausgaben in der jeweiligen Landessprache erschienen, die Tschechoslowakei, Polen, Ungarn, Bulgarien, Rumänien, Kroatien, Serbien, Russland und Skandinavien. Später kam für kurze Zeit noch Mazedonien hinzu.

Skandinavien heißt?

Skandinavien heißt dänisch-schwedisch. Es gab auch eine kroatische Ausgabe, in lateinischer und eine serbische in kyrillischer Schrift.

Jetzt sind drei romanische Länder, Frankreich, Spanien, Italien noch dabei?

Nein, es gibt die deutsche Ausgabe, die spanische, eine aus Krankheitsgründen momentan suspendierte italienische und eine rumänische Ausgabe. Alle anderen mussten aufgeben. Anfang der 90er Jahre existierte ein interaktives Netzwerk aller 13 Ausgaben auf Basis einiger konzeptioneller Leitlinien: „Sich mit den Augen anderer sehen.“ „Die Fenster zu anderen Sprachräumen und Kulturen öffnen.“ Hervorragende Texte aus anderen Sprachen in ausgezeichneter Übersetzung, Essays in literarischer Qualität, Originalstimmen statt „Gate Keeper-Journalismus“. 50 bis 60 Prozent der Artikel sollten in allen Ausgaben parallel erscheinen, in variierenden Zusammenstellungen. Keine Intervention in nationale Politik. Keinerlei direkte Einmischung in Politik überhaupt. Keine Ideologie, aber Ideologiekritik. Interdisziplinarität in Bezug auf Themen. Eine Vielfalt von Textformen wie Essay, Erzählung, Reportage, Gespräch, Poesie, Briefe und Kommentare. Dazu Kunst und Photographie. Das ist ein auch heute noch faszinierendes und gültiges Konzept. Lettre ist auch in ihren einzelnen Ausgaben die wohl internationalste intellektuelle Zeitschrift, die es gibt. Diese radikale internationale Öffnung hat vielerorts Schule gemacht.

Mathematik des Überlebens

Dass viele Länder Lettre jetzt nicht mehr herausbringen, lässt sich das auf eine bestimmte Ursache zurückführen? Finanzen?

Das ist nicht die einzige Ursache, aber es liegt im Wesentlichen an der mangelnden Finanzierung. Eine Zeitschrift bedeutet viel Arbeit und man braucht natürlich Geld dafür. Nur die Kenntnis finanzieller Zusammenhänge erlaubt es zu verstehen, warum in der jeweiligen publizistischen Landschaft etwas überleben kann und etwas anderes nicht. Follow the money!

Man muss mehrere Parameter berücksichtigen. Im internationalen Vergleich vor allem die Größenordnung der Lesermärkte. Die angelsächsischen Zeitschriften – wie die New York Review of Books, London Review of Books, The Atlantic, Harpers, Granta oder der New Yorker – sind gemacht für einen Markt von 500 bis 600 Millionen Muttersprachlern und weiteren zusätzlichen hunderten Millionen Lesern, die Englisch als zweite Hauptsprache oder Lingua Franca benutzen. Der deutsche, der französische bzw. frankophone Sprachraum (mit Teilen Afrikas, Asiens, Kanadas) oder der spanische Sprachraum unter Einbeziehung Hispanoamerikas repräsentieren jeweils wohl mehr als 100 Millionen Muttersprachler. Neben diesen drei Sprachkulturen gibt es kleinere Länder wie Griechenland, Ungarn oder Tschechien, Länder mit nur etwa 10 Millionen Einwohnern und Sprechern. Der proportionale Anteil von intellektuell interessierten Lesern an der Gesamtbevölkerung kann als überall gleich angenommen werden. Das Größenverhältnis zwischen den englischen „native speakers“ zu denen des Ungarischen beträgt 50:1, zu denen des Deutschen 5:1 oder 10:1, falls man Englisch als Lingua Franca einbezieht. Für dieselbe Arbeit, dieselbe Energie, denselben zeitlichen Aufwand, die erforderlich sind, um eine Zeitschrift zu produzieren – zu recherchieren, redigieren, komponieren, korrigieren, layouten, drucken, vertreiben – gibt es in englischer Sprache einen Absatzmarkt von 500 Millionen bzw. 1 Milliarde, in deutscher Sprache von nur 100 Millionen Sprechern. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind also extrem unterschiedlich. Statistisch gesehen, hat man im Englischen eine fünffach größere Leserschaft als im Deutschen, und Ungarn besitzt nur ein Zehntel der deutschen Leserschaft. Mit diesen unterschiedlichen Größenordnungen und ihren Skaleneffekten sind a priori völlig andere finanzielle Reproduktionsbedingungen gegeben.

Hinzu kommt der Faktor sehr verschiedener Medienlandschaften. In den USA gibt es so gut wie keine Tageszeitungen mit täglichem Feuilleton. Dadurch fällt Zeitschriften wie der New York Review of Books, dem New Yorker, der London Review of Books, dem Times Literary Supplement die Funktion der Buchbesprechungen zu: in essayistischer Form, selektiver als hier, aber keinesfalls schlechter. Zeitschriften haben gegenüber Tageszeitungen diesen Zusatznutzen, was dazu führt, dass Buchverlage, und das sind in Amerika oft die Verlage wohlhabender Universitäten, umfangreiche Anzeigenwerbung dort schalten. Vor zehn Jahren waren zwei Drittel aller Anzeigen in der New York Review Anzeigen von Universitätsverlagen. Dieses andere Pressesystem und die Relevanz der Universitätsverlage für die Werbung tragen zusätzlich zur besseren finanziellen Ausstattung angelsächsischer Periodika bei.

All dies bedeutet auch, dass Redakteure, Reporter und Korrespondenten dort häufig gutes Geld verdienen. Man sagt, dass das Honorar des New Yorkers bei rechercheintensiven, umfangreicheren Essays und Reportagen um 2,20 US-Dollar pro Wort liegen kann. An solchen Texten arbeiten die Autoren zum Teil sehr lange. Sie werden vernünftig bezahlt und haben Zeit, gründlich und hartnäckig zu recherchieren, zu reisen und zu schreiben, und daher sind diese angelsächsischen Zeitschriften von großer Qualität. Bezüglich des literarischen Journalismus sind sie überragend. Allerdings verzichten sie weitgehend auf den „Blick des Anderen“. Es herrscht angelsächsische Selbstgenügsamkeit. Übersetzte Texte sind in diesen Zeitschriften kaum zu finden, nicht-angelsächsische Autoren eine Seltenheit.

Ein weiterer Unterschied: In Amerika oder Großbritannien, aber auch in Frankreich, gehören die meisten dieser Zeitschriften mäzenatischen Eigentümern, das sind wohlhabende Staatsbürger, reiche Erben, Unternehmerpersönlichkeiten, Geldaristokraten mit publizistischem Ehrgeiz.

Privatpersonen, die ihr Geld in diese Form einer kritischen Öffentlichkeit investieren, finden sich hierzulande kaum. Das ist bedauerlich. Warum z. B. die vielen Erben der 68er- und Post-68er-Generationen nicht einen kleinen Teil ihres Vermögens in die qualitative Verbesserung der Öffentlichkeit ihrer eigenen Gesellschaft investieren, ist ein Rätsel. Das ist doch eine der interessantesten und vornehmsten Unternehmungen, die man sich vorstellen kann. Aber dem ist nicht so. Daher scheint mit Deutschlands nur mittleren Größenordnung auch die Armutsökonomie seiner unabhängigen Zeitschriften beschlossen zu sein.

Hinzu kommt, dass unabhängige Zeitschriften in Deutschland, im Unterschied zu Frankreich oder Österreich, de facto von jeder kontinuierlichen öffentlichen Förderung ausgeschlossen sind. Sogar wenn sie kulturell oder literarisch orientiert sind, werden Zeitschriften ab viermaligem Erscheinen pro Jahr von Ministeriumsseite als „Periodika“ und somit als „Presse“ eingestuft. Und die Presse unterliegt höchstoffiziell dem Gebot der Staatsferne. Man will – so sagt man – keine staatsabhängigen Zeitschriften und dürfe nicht in den publizistischen Wettbewerb eingreifen. Kürzlich wurden im Pandemie-Kontext unter der Parole „Neustart Kultur“ Hilfsgelder ausgeschüttet an Buchverlage; Zeitschriften haben als Periodika nichts erhalten. Obwohl sie genauso von COVID-19 betroffen sind und obwohl sie teilweise sogar anspruchsvollere Inhalte verkörpern als manche Verlage, die da bedacht wurden.

Wenn einem ein Ministerium zu verstehen gibt, dass man als Quartalszeitschrift zwar kulturell wertvoll sei, aber zur Presse zähle und daher keine Unterstützung erhalte, sollte man davon ausgehen dürfen, dass für ausnahmslos alle Akteure auf diesem Feld dieselben Regeln gelten.

De facto sieht das anders aus. Es gibt etliche namhafte Zeitschriften, die – über gewisse Umwege – auf Dauer und seit Jahren staatsfinanziert sind und mittels derer der Staat sehr wohl, und zwar gravierend, in den „Presse“-Wettbewerb eingreift. Über die Haushalte von Drittinstitutionen – Akademien, Kulturinstitutionen – werden manche Periodika mittelbar aus Steuergeldern dauerfinanziert. Ohne diese Subventionen könnten sie nicht lange existieren. Sie tauchen auf dem Markt auf, also am Kiosk oder im Buchhandel, sie überbieten unabhängige Zeitschriften bei Autoren- und Übersetzerhonoraren sowie den Honoraren freier Mitarbeiter. Ihre Verkaufspreise sind konkurrenzlos niedrig, denn sie können unter ihren eigentlichen Entstehungskosten agieren. Überall da, wo Leistungen gegen Geld erbracht werden, operieren sie als Akteure, die besser bezahlen und billiger verkaufen. Manche bieten ihre aufwendig zustande gekommenen Texte auf Websites sogar kostenlos an – „Free Content“ – auf Kosten öffentlicher Kassen. Und sie treten ihrerseits als bereits staatsfinanzierte Publikationen zusätzlich auch noch als Antragssteller bei staatsfinanzierten Kulturfonds in Erscheinung. Hier herrscht politische und ministeriale Heuchelei. Man predigt Wasser, aber trinkt gutgelaunt Wein.

Das „Lettre-Mobil“ bei einer Promotion-Kampagne für die Zeitschrift im Jahr 2009.
Foto: Schreibstube – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10231693

Hinzu kommt das irritierende Phänomen, dass das Internet staatlicherseits offenbar nicht als „Presse“ eingestuft wird, während es de facto doch ein periodisches, oft in kurzen Rhythmen aktualisiertes Veröffentlichungsmedium ist. In seiner unendlichen Weisheit finanziert das Außenministerium heute die Free Content-Website einer öffentlichen Literaturinstitution mit literarisch-politischen Korrespondenzen aus aller Welt und übersetzt diese aus den verschiedensten Sprachen; das wird dann kostenlos online gestellt. Oder es gibt ein von der Europäischen Union und dem österreichischen Bundeskanzleramt finanziertes digitales Medium namens Eurozine, welches Texte aus internationalen Zeitschriften in Übersetzungen umsonst veröffentlicht.

Die fast wahnhafte Free Content-Illusion, der auch die FAZ, der Spiegel oder der Stern über Jahre verfallen waren, hat diese Medien einen Großteil ihrer Abonnement- und Verkaufsauflagen gekostet und dazu geführt, dass viele Journalisten entlassen werden mussten; mit weniger Geld und weniger Journalisten kann auch nur ein bescheidenerer Journalismus gedeihen. Die Presseverlage müssen noch die bitteren Konsequenzen einer langjährigen Free Content-Selbstkannibalisierung ausbaden und nun wird dieses journalistische Traumland, wo Milch und Honig fließen, mit Steuergeld reanimiert. Da ist verbeamtete Kompetenz am Werk.

Das hängt mit einem prinzipiellen Missverständnis zusammen, dem die Kulturpolitik unterliegt: Man spricht über Kultur zumeist als Problem der Distribution von Texten und Bildern, neuerdings vor allem über digitale Distribution. Das meiste Geld, das jetzt ausgegeben wird, fließt in eine Form digitaler Mobilisierung. Eine sinnvolle Kulturpolitik, sollte sich jedoch weniger mit Vertriebspolitiken befassen, sondern mit der Ermöglichung von Kreativität und geistig-künstlerischer Produktivität, Produktivität von Neuem, von Fragen, von Problematisierungen, von Öffnungen und Noch-nicht-Gesehenem und Noch-nicht-Gedachtem.

Was heißt das für jene Zeitschriften, die durch ihre Arbeit ohne Subventionen überleben müssen? Die Situation gleicht jener eines Ladens auf einem Marktplatz, der Bananen für einen Euro pro Kilo verkauft; dann eröffnet nebenan eine staatliche Handelsorganisation, die Bananen verschenkt und dem Händler, der seine Ware verkaufen muss, weil er sie mit eigenem Geld einkaufen musste, seine Kunden abspenstig macht. Was anderes kann geschehen, als dass der freie Händler zuletzt ruiniert aufgeben muss. Naivität oder Absicht?

Man kann konstatieren, dass sich der Staat mit seinem vielgestaltigen und wenig transparenten Institutionengefüge zunehmend ureigene Funktionen der Zivilgesellschaft aneignet, indem er diese großzügig finanziert und so von sich abhängig macht. Während die freie Presse leidet, greift eine vielfältige Form indirekter Staatspublizistik um sich. Das ist ein relativ neues Phänomen. Politik, die vor 30 Jahren nichts mit Kultur anfangen konnte, hat mittlerweile gelernt, Kultur mittels Kulturpolitik in ihrem Sinne zu finanzieren. Dazu gehört nolens volens auch, unabhängigen – authentisch zivilgesellschaftlichen – Publikationen das Leben schwer zu machen und diese an den Rand zu drängen. Es ist, als sei dabei ein kleines, schmutziges Geheimnis im Spiel.

Ich bin davon überzeugt, wenn man eine Gesellschaft möchte, in der unabhängige Publizistik weiterhin als „Vierte Gewalt“, als kritische Instanz agieren kann, muss das Bewusstsein dafür wachsen, welchen Wert eine solche Publizistik verkörpert, welchen Wert, welche Interpretation, Recherchen, Analysen, Begriffsaufhellungen, welchen Wert Denken und Ideen haben. Welchen Wert gute Information darstellt: Anstatt die Menschen mit der Schlaraffenlandphantasie „Alles Gute gibt’s auch umsonst“ zu verdummen, und damit bei ihrer schlechteren, ihrer „Geiz-ist-geil!“-Seite zu packen, müsste klar gesagt werden: Das Wertvollste, das ihr als Staatbürger einer Demokratie haben könnt, sind profunde Informationen. Informationen liegen nicht einfach so herum, sondern müssen hervorgebracht werden. Sie sind das Resultat harter Arbeit. Die wichtigsten darunter sind die seltensten Informationen, und die seltensten sind die am besten bewachten, die verstecktesten, unzugänglichsten, weil sie Wesentliches berühren und daher brisant sind. Gute Informationen sind wichtiger als materielles Wohlergehen, denn Krieg oder Frieden entscheiden über Leben oder Tod, Fortschritt oder Rückschritt. Man braucht eine Umwertung von Prioritäten. Wir haben von Anfang an versucht, unseren Lesern klarzumachen: Die Qualität von Lettre hängt entscheidend von euch, den einzelnen Lesern, ab, ihr müsst selbst ökonomisch dazu beitragen, indem ihr bezahlt. Sonst können wir nicht arbeiten. Unabhängigkeit, Unerschrockenheit, Unbestechlichkeit, die Voraussetzung von Qualität und Geistesgegenwart hängen auch davon ab, ob man von seiner Arbeit leben kann, anstatt gezwungen zu sein, seine Zeit mit Antichambrieren zu verschwenden. Das haben sehr viele Interessierte verstanden. Und so kann Lettre von den Abonnements, dem Einzelverkauf und den Anzeigenerlösen überleben. Von nichts anderem.

Ist mein Eindruck richtig, dass die deutsche Lettre-Ausgabe im Verhältnis zu den anderen europäischen ganz gut dasteht?

Ja, insofern als die Zeitschrift ohne Subventionen gerade so überleben kann. Die rumänische Ausgabe ist mittelbar bezuschusst vom Kultusministerium ihres Landes, und die spanische von der Kulturstiftung der Sozialistischen Partei. Die Arbeitsbedingungen sind dadurch dort sicher angenehmer und ungefährdeter. Wir leben in der risikoreicheren Zone der freien Überlebenskünstler.

Du sprichst davon, dass Du und Dein kleines Team die Hefte komponieren. Es gibt thematische Ausrichtungen. Manchmal zieht Ihr das durch, manchmal nicht. Vergebt Ihr Aufträge an Autoren nach dem Motto: „Schreib mir mal was darüber!“?

Das versuchen wir und das kommt dann vor, wenn günstige Faktoren zusammenkommen, ein Autor Zeit hat, nicht auf unser Honorar angewiesen ist, Neugierde in dieselbe Richtung entwickelt wie wir und die materiellen Motive nicht dominieren. Oft entstehen Ideen oder es ergeben sich Fragestellungen, denen man gemeinsam nachgeht. So sind Essays des Dichters Yang Lian über die Eleganz der chinesischen Literati entstanden oder Texte von Eliot Weinberger über den Irakkrieg oder die Reportage von Abdelwahab Meddeb über Kairo als spirituelles Zentrum des Islam. Dennoch kann man nicht von einer klassischen Auftragsvergabe sprechen, weil wir keine attraktiven Honorare anbieten können.

Wir verstehen uns als Jäger und Sammler und betreiben auch eine kleine Agrikultur. Detektive sind wir ohnehin. Viele Autoren wenden sich von sich aus an uns. Und wir durchforsten die Welt nach spannenden Texten, lesen Zeitschriften, fragen Freunde, Übersetzer und Experten nach Empfehlungen, bitten Bekannte, uns etwas von Reisen mitzubringen. Wir gehen auch unkonventionelle, abgelegene Wege, um an Texte zu kommen. Yan Lianke, ein heute auch hierzulande hoch angesehener chinesischer Schriftsteller, der in einem Dorf in der chinesischen Provinz lebte, haben wir in China sehr früh über seinen New Yorker Übersetzer kontaktieren können und von ihm zwei einzigartige Betrachtungen erhalten. Zumeist aber werden uns Texte angeboten oder wir spüren sie auf, und manchmal entwickeln wir vorgeschlagene Texte mit den Autoren weiter. Wir sind über diese 32 Jahre hinweg mit 200 bis 300 Autoren in Kontakt geblieben. Es gibt Autoren, die ihre Texte bevorzugt Lettre anbieten. Für sie ist die Zeitschrift einfach ein verdammt gutes Blatt. Dazu zählen Autoren wie Nicholas Shakespeare in England, Georg Stefan Troller, Gwenaëlle Aubry und Régis Debray in Paris, Frank M. Raddatz, Bora Ćosić in Berlin, Dacia Maraini in Rom, Enrique Vila-Matas in Madrid, Suzanne Brøgger in Kopenhagen, Wolf Reiser in München, Alexandra Lucas Coelho in Lissabon, Sergio Benvenuto in Rom, Geert Lovink in Amsterdam, Thanásis Valtinós in Athen oder Leila Guerriero in Buenos Aires. Auch Antonio Tabucchi gehörte dazu, Ryszard Kapuściński, der Kriegsreporter Jan Stage, der indische Dichter Nirmal Verma oder der französische Philosoph Marcel Hénaff. Alle hatten ein tiefes kosmopolitisches Selbstverständnis. Abdelwahab Meddeb nannte das einen „Stamm von Weltbürgern“. Ganz unterschiedliche Intellektuelle oder Gleichgesinnte, literarische Weltbürger, voller Wachheit und Engagement. Unsere Schutzgeister.

Wir wissen von vielen Autoren, woran sie arbeiten, was sie planen, wohin sie reisen, woran sie schreiben, wohin sie eingeladen sind. Wir diskutieren oft und denken mit Freunden über Ideen nach. Dabei entstehen Kontaminationen, Entzündungen, Inspirationen, Momente der Erleuchtung, aber vieles scheitert auch. Immer wieder gelingt uns etwas Bedeutendes: So konnten wir Anne Hidalgos Buch zur Neuerfindung von Paris exklusiv auf deutsch veröffentlichen oder vollumfänglich das Tagebuch aus dem Jahre 1940/41 von Jean Moulin, dem damaligen Präfekten von Chartres und späteren Leiter der französischen Résistance über seine Erfahrungen mit der einmarschierenden deutschen Wehrmacht, nach mehr als 70 Jahren erstmals auf Deutsch zugänglich machen oder auch Christopher Hitchens große Kissinger-Biographie in ganzer Länge. Aber es ist uns beispielsweise nicht gelungen, eine europäische Diskussion über Emmanuel Macrons große Sorbonne-Rede im September 2017 zu organisieren. Leider! Es gab zuviel Vorsicht und Befangenheit. Niemand in Deutschland wollte über diesen anspruchsvollen Entwurf in Sachen Europa diskutieren.

In der Wahrheit leben

Es gibt zahlreiche spannende und wichtige Themen, die niemand aufgreift. Weil sie nicht ins Bewusstsein fallen, schwierig zu realisieren, zu teuer sind, zu viel Zeit erfordern usw. Eine erschütternde Erfahrung war jene, zu sehen, in welchem Ausmaß beim Krieg von George W. Bush gegen den Irak 2003 sogar im UNO-Sicherheitsrat vor der Weltöffentlichkeit mit gefälschten Beweisen und wissentlich falschen Behauptungen gearbeitet wurde, um ihn zu rechtfertigen. Dazu haben wir – als einzige in Deutschland – das wichtige Downing Street Memorandum veröffentlicht, das die frühe Verabredung zum Krieg zwischen Tony Blair und George W. Bush dokumentiert. Und wichtige Stimmen der US-amerikanischen Opposition zum Krieg kamen in Lettre zu Wort. Auch zahlreiche mittelosteuropäische Ex-Dissidenten stimmten in den Kriegschor mit ein, darunter Václav Havel, Adam Michnik, György Konrád, Lech Walesa und andere, die vormals in Anspruch genommen hatten, „in der Wahrheit leben“ zu wollen. Diese Intellektuelle, die vor 1989 eine bedeutende Arbeit als mutige Bürgerrechtler und Kritiker des despotischen Sozialismus geleistet hatten, haben sich diese fadenscheinige Kriegslüge leider zu eigen gemacht. Auch Michael Ignatieff oder Timothy Garton Ash zählten zu dieser intellektuellen „Koalition der Willigen“. Ähnliches geschah in Westdeutschland. Etliche prominente Intellektuelle, initiiert durch Enzensbergers spektakuläre Spiegel-Titelstory „Hitlers Wiedergänger“, darunter Goethe-Instituts-Leiter und Publizisten wie Karl Heinz Bohrer oder Wolf Biermann – die Liste ist umfangreich – haben diesen Irak-Krieg unterstützt. Dann stellte sich heraus: „Oh, Bullshit“. Der Krieg beruhte nicht nur auf einer erwiesenen Lüge, sondern war auch spektakulär gescheitert. Er hat Hunderttausende das Leben gekostet, die Infrastruktur des Iraks bis heute zerstört, das Land in Brand gesetzt, religiösen Fundamentalismus entfesselt, Al-Qaida gestärkt, den Islamischen Staat hervorgebracht und mit den anschließenden Interventionen in Libyen und Syrien eine gigantische Flüchtlingsbewegung zur Folge gehabt. Bewaffnete Milizen kämpfen um Macht und Öl, um die Aufteilung und Kontrolle von Ländern und Territorien, Menschenhandel und Sklavenhandel florieren. Ein paar von jenen, die sich blamiert hatten, haben dann lauwarme öffentliche Entschuldigungen formuliert, in der Richtung: Wenn wir gewusst hätten, dass der Krieg von Seiten der US-Regierung so schlecht durchdacht und der Widerstand im Irak so stark unterschätzt worden ist, hätten wir nicht für den Krieg plädiert. Wir haben uns geirrt … Eine tiefergehende Auseinandersetzung mit den Widersprüchen zwischen ihren eigenen moralischen Postulaten und dem Kriegsengagement gab es jedoch so gut wie nicht.

Interessant wäre es gewesen, wenn man, nachdem die Kriegsbegründung sich als Fake und der Krieg sich als Scheitern erwiesen hatten, in einer konfrontativen Recherche all diese Befürworter des Krieges, vor allem die Ex-Dissidenten befragt hätte: Wie konnten Sie sich als Vertreter eines „Living in Truth“ eine derart monströse Kriegslüge zu eigen machen? Was waren die Motive dabei, wie integer war das? Eine solche ehrliche Aufarbeitung wäre ungeheuer wichtig gewesen. Es hätte dem allgemeinen Vertrauensverlust in die Intellektuellen, der mit diesem Kriegsengagement einhergegangen war, entgegenwirken können. Wir hatten die Idee dazu, konnten uns eine solch aufwendige Recherche jedoch einfach nicht leisten. Es gibt schwerwiegende Vorgänge, die in einer trüben Schwebe bleiben und daher über lange Zeiten ungute Gefühle und Misstrauen säen, Zerwürfnisse nach sich ziehen, weil sie nie richtig aufgeklärt werden.

Es könnte eine Aufgabe von Zeitschriften sein, solchen ungeklärten Fragen nachzugehen, Licht ins Dunkel zu bringen, verschüttetes oder zurückgehaltenes Wissen freizulegen. Die Produktivität, der Ideenreichtum, die Originalität von Zeitschriften sind wesentlich. Wichtig werden Zeitschriften dann, wenn sie kleine Gehirne, Laboratorien sind, Entdecker, Impulsgeber und Inspirationsquellen. Dann könnte ihre Arbeit zu einer Gabe werden.

Eine Zeitschrift muss den Möglichkeitssinn kultivieren. Es geht genau darum, über das Gegebene hinauszugehen, etwas Mögliches Wirklichkeit werden zu lassen, aus exakter Phantasie literarische und künstlerische Realität zu erschaffen.

Wenn analytische Kälte, der Vogelflug der Imagination, die Leidenschaft, Dinge zu erleben und präzise zu beschreiben, zusammenkommen, Poesie und Genauigkeit, Sprachlust und das unerbittliche Verhör der Verhältnisse, wird daraus etwas Vollständiges, Blutvolles, leidenschaftliche Erkenntnis. Eine solche Zeitschrift ist Erkenntnisinstrument, Werkzeug der Exploration, sie kann Autoren ermutigen, sie kann unwahrscheinliche Konstellationen erzeugen, sie kann vergessene Texte ausgraben oder wichtige Stellungnahmen veröffentlichen, die sonst untergehen würden, oder politische Indizien gegen den Mainstream sammeln und sie kann ein paar Prinzipien einfordern, die intellektuell zum guten Ton dazugehören sollten: nicht mit zweierlei Maß zu messen und mit zweierlei Zungen zu sprechen, die Untersuchung der Ursachen von Entwicklungen nicht zu vergessen, weil man mantraartig immer wieder aufgefordert wird, doch „nach vorne zu schauen“ oder auch nicht immer in dem inflationären, identifikatorischen journalistischen „Wir“ der ersten Person Plural zu sprechen, wenn es darum geht, wie ein Staat, eine Organisation, Regierung oder Partei handeln und welche Ziele sie verfolgen sollte. Eine Zeitschrift muss Sprachformeln hinterfragen, Distanz wahren als Voraussetzung für Erkenntnisfähigkeit, sie muss Sachverhalte problematisieren, Dinge deutlich werden lassen, Beunruhigungen nachgehen und allen Verharmlosungen entgegenwirken. Geistesgegenwärtig, unerschrocken und unabhängig bleiben! Eine Zeitschrift muss frei sein, atmen, leben!

Logo der deutschen Lettre International (Screenshot)

Anmerkung der Redaktion:
Zum Teil I des Gespräches mit Frank Berberich von Lettre International, „Jäger, Sammler und Agrikultur“.

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Kommentare


Susann Wintsch - ( 26-11-2020 10:01:37 )
Ein erschreckendes Interview. Gäbe es keine Frauen, könnte man es tatsächlich als Meilensteil des freien und kritischen Journalismus feiern. Doch Ausgabe für Ausgabe sind stetig höchstens 10 Prozent der Autoren Frauen. In dieser Regelmässigkeit kann man einfach nicht mehr von Zufall sprechen, sondern von bewusstem Ausschluss.

AI - ( 28-11-2020 10:57:12 )
Meinen Sie etwa die gefälschten Beweise vom Informanten "Curveball" der von Deutschland fast aufgedrängt wurde....

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erstellt am 18.11.2020
aktualisiert am 13.12.2020

Es gibt sie noch, die gedruckten Kulturzeitschriften. Doch muss man sie wegen ihrer relativ kleinen Auflagen zumeist im großen Angebot der gewerblichen Publikationen suchen. In loser Folge werden in Faust-Kultur solche Zeitschriften vorgestellt, um sie sichtbar zu machen.

Lettre International

www.lettre.de

Ein Abonnement kostet 49,- € / Jahr in Deutschland, eine Einzelausgabe 13,90 €.

Titelseite der Jubiläumsausgabe „30 Jahre Lettre International“, von Tobias Rehberger (Nr. 121, Sommer 2018).

„Frank Berberich aber ist es gelungen, aus der deutschen Lettre International wahrscheinlich die beste Kulturzeitschrift der Welt zu machen. Das klingt einfach zu bombastisch, um wahr zu sein. Aber bisher hat mir – obwohl ich das seit Jahren sage und schreibe – noch niemand eine bessere Zeitschrift gezeigt. Lettre ist in Deutschland der einzig wirkliche Zugang zur globalisierten Welt.“

Arno Widmann in der Berliner Zeitung anlässlich der 100. Ausgabe der „Lettre International“

Frank Berberich, 2018 bei der Feier zum Jubiläumsheft 30 Jahre Lettre International. Foto: Esther Gallodoro

Frank Berberich, 2018 bei der Feier zum Jubiläumsheft 30 Jahre Lettre International.
Foto: Esther Gallodoro