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Wir haben wohl vergessen, was der Kategorische Imperativ bedeutet. Sonst hätte der Gegensatz zwischen individueller Freiheit und Gemeinwohl nicht entstehen können und nicht der unmaskierte Protest gegen die Freiheit, Mitmenschen mit einem gefährlichen Virus zu infizieren. Der Philosoph Gernot Böhme weist auf das paradoxe Verhalten mit der Bienenfabel hin. Denn die ist, ohne Kant, widerlegt.

Essay von Gernot Böhme

Gemeinwohl-orientiertes Verhalten

I. Generosität

Der Begriff der Generosität knüpft an die traditionelle Tugend der Großzügigkeit an, die seit den alten Griechen zum Verhalten des vornehmen Mannes gehörte. So rüsteten im klassischen Athen reiche Bürger etwa eine Triere, also ein dreirudriges Kampfschiff aus – allerdings wurde ihnen häufig ein solcher Akt von der Volksversammlung zugemutet. Heute entspricht solch großzügigem Verhalten das Stiftungswesen: Das Ärgernis der ungeheuren Häufung von Kapital in privater Hand wird gemildert dadurch, dass die Reichen und Superreichen einen großen Teil ihres Vermögens in Stiftungen einbringen, die die Erträge dieses Kapitals für die Förderung des Gemeinwohls einsetzen. Unter den weltweit bedeutendsten Stiftungen dieser Art ist die Bill und Melinda Gates Stiftung, die einen Großteil der über Microsoft erwirtschafteten Kapitalien zur öffentlichen Gesundheitsförderung und Bildung einsetzt. So ist die Bill und Melinda Gates Stiftung der größte private Förderer der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Als zweites prominentes Beispiel sei das Stiftungsverhalten von Mark Zuckerberg, dem Gründer und größten Teilhaber von Facebook genannt. Zuckerberg hat hunderte von Millionen US-Dollar für Kampagnen, insbesondere gegen AIDS und Malaria zur Verfügung gestellt.

Dieses Beispiel führt sogleich zur Kritik an dieser Art Gemeinwohl-orientierten Verhaltens: Bevor man solche Kritik äußert, muss festgestellt werden, welche Wohltat es ist, dass diese mächtige Förderung des Gemeinwohls durch Stiftungen existiert. Nur darf man nicht vergessen – worauf der Theoretiker der Generosität wie Werner Peters(1) schon hingewiesen hat –, dass diese Art von Gemeinwohl-orientiertem Verhalten quasi aus dem Vollen schöpft, dass sie auf der Basis eines kapitalistischen Wirtschaftssystems überhaupt erst möglich ist. Von daher haftet der so fruchtbaren Stiftungstätigkeit immer das Flair an, eine Art Wiedergutmachung zu sein: Die ungeheure Akkumulation von Kapital in privater Hand beruht – wenn nicht traditionell auf Ausbeutung – so doch auf der Abhängigkeit der meisten Menschen von der Möglichkeit digitaler Vernetzung und der Benutzung von Software.

Ferner ist festzustellen, dass große und kleine Stiftungen in der Regel ihre Fördersummen nicht demokratischer Bestimmung überlassen, dass sie vielmehr durch autokratische Verfügungen bzw. Einengung des Stiftungszweckes von der Einsicht und dem Willen der Stifter abhängig sind. Kurz: Gemeinwohl orientiertes Verhalten im Sinne von Generosität ist eine Luxustugend und enthält ein Paradox: Sie ist eine Förderung der Allgemeinheit, auf der Basis einer Abhängigkeit dieser Allgemeinheit von einer technologischen und informationellen Infrastruktur, deren Gewinne privat abgeschöpft werden.

II. Was haben wir aus der Corona-Krise gelernt?

Die Corona-Krise hat uns in vielem die Augen geöffnet, so beispielsweise für die Abhängigkeiten, die uns die viel gepriesene Globalisierung beschert hat. Ferner hat sie uns gerade durch Entbehrung unser tiefes Bedürfnis nach leiblicher Nähe und Berührung spüren lassen und wir haben durch das Wegbrechen fast aller Termine die Zukunft in ihrer Offenheit wieder entdeckt – so wie durch den Verlust von Reisemöglichkeiten unsere Umgebung wieder als Heimat, unsere Nachbarschaft als potentielle Gemeinschaft.

Die Corona-Krise hat uns in neue Verhaltensweisen eingeübt – erzwungen zwar, doch auf Dauer gestellt würden sie tatsächlich zu einer anderen Gesellschaft führen, wie der Bundespräsident in seiner Osteransprache prophezeit hat. Das Wichtigste: Wir haben uns Gemeinwohl-orientiert verhalten. Dafür zwei verblüffende Beispiele:

Gleich am Anfang der durch Covid-19 bestimmten Pandemie wurden wir von Epidemiologen belehrt, dass – in Ermangelung eines Impfstoffes – die Ausbreitung der Epidemie langfristig durch die sogenannte Herden-Immunität zum Stillstand kommen werde. Wenn nämlich etwa 2/3 der Bevölkerung bereits infiziert sei oder gewesen sei und damit gegenüber weiterer Ansteckung immun, dann würde nämlich die Krankheit sich nicht weiter ausbreiten. Dieses Ende bedeute allerdings nicht, dass die Krankheit abgeschafft sei. Sie sei vielmehr endemisch geworden, würde also zum alltäglichen Bestand möglicher Krankheiten neben anderen gehören. Gleichzeitig wurde durch staatlich angeordnete flächendeckende Maßnahmen darauf hingearbeitet, die Ansteckungsrisiko zwischen Menschen so gering wie möglich zu halten – also durch Schul- und Kita-Schließungen, durch Runterfahren bzw. Schließen von Betrieben, durch Verbot von öffentlichen Veranstaltungen etc. Diese Maßnahmen wurden damit begründet, dass es darauf ankomme, das Gesundheitssystem nicht zu überlasten, also eine Situation zu verhüten, in der man Kranke wegen ihrer übergroßen Zahl nicht mehr würde adäquat behandeln können.

Diese beiden Perspektiven: langfristig zu erreichende Herden-Immunität und kurzfristige Überlastung des Gesundheitssystems hätten bei dem einzelnen Menschen zu dem vernünftigen aber paradoxen Schluss führen können, dass es sinnvoll sei, sich möglichst bald anzustecken. Denn wenn die Corona Epidemie erst dann zum Stillstand kommen werde, wenn 2/3 der Bevölkerung diese Krankheit gehabt hätten, dann würde man ja höchstwahrscheinlich unter diesen sein – und dann wäre es vernünftig, die Krankheit zu absolvieren solange das Gesundheitssystem noch nicht überlastet ist.

Nun, den Schluss hat wohl kaum jemand gezogen. Teils weil wohl kaum jemand auf diesen Gedanken gekommen ist, teils aber auch, weil man sich bewusst doch nicht dem Corona-Krankheitsrisiko aussetzen wollte, auch nicht, solange das Gesundheitssystem funktioniert. Faktisch verhielt man sich Gemeinwohl-orientiert, also in einer Weise, in der man nicht den persönlichen Vorteil, sondern das gemeinschaftliche Gute im Auge hatte und praktisch – das können wir jetzt hinzufügen – ist durch dieses flächendeckende Verhalten von jedermann erreicht worden, dass die Reproduktionsrate der Krankheit um 1 pendelt, d. h., dass jeder Infizierte im Durchschnitt nur eine weitere Person ansteckt. Es ist also durch die umfassenden Vorsichtsmaßnahmen ein Zustand erreicht worden, wie er sich von selbst einstellen würde, also wenn man gar nichts unternimmt: Durch die flächendeckenden Maßnahmen zur Verhinderung von Infektionen wird also die Herden-Immunität quasi simuliert. D. h. aber, dass dieser Zustand künstlich und hoch labil ist; d. h., dass man auf die Verhaltensrestriktionen, durch die das Ansteckungsrisiko sehr klein gehalten wird, nicht verzichten kann. Wenn man aber gleichzeitig verlangt und erwartet, dass die staatlichen Zwangsmaßnahmen schrittweise zurückgenommen werden, dann wird das nur gehen, wenn das bisher nur erzwungene Verhalten quasi internalisiert wird, d. h. ein Verhalten, das der Einzelne von selbst und aus eigenem Antrieb vollzieht und so zur Normalität geworden ist. Abstand und Hygiene als gesellschaftliche Üblichkeit.

Unser zweites Beispiel: Das Tragen von Mund-Nasen-Masken. Wir kennen dieses Verhalten ja schon seit langem, nämlich dass Personen, sagen wir in Japan, in der Öffentlichkeit Masken tragen. Verwundert hat man sich gefragt, ob sie sich dadurch vor einer Ansteckung schützen wollen oder – vielleicht selbst von einer Erkältung befallen – andere Mitreisende davor bewahren. Nun aber wissen wir es, unsere Epidemiologen und Virologen haben uns belehrt: Die Masken, die inzwischen bei uns üblich geworden sind, sind kein Schutz davor, sich bei anderen anzustecken, wohl aber schützen sie die Umgebung eines Menschen, der sich mit Covid-19 angesteckt hat und – da die Symptome häufig nicht auftreten oder harmlos sind – das gar nicht weiß.

Auch hier ein paradoxes Verhalten, denn das Masken-tragen wird von den meisten Menschen schlicht als ein Schutz empfunden: hinter der Maske die unberührbare Leiblichkeit, sich bewahrende Intimität. Faktisch aber ist das Masken-tragen nicht ein Akt, der individuellen Vorteil bringt, sondern vielmehr ein Verhalten, das der Allgemeinheit nützt: Es verhindert die Ausbreitung der Viren, sollte man mit ihnen infiziert sein. Indirekt und auf lange Sicht nützt man durch das Masken tragen auch sich selbst, weil man ja etwas davon hat, wenn die Verbreitung von Covid-19 im Ganzen klein gehalten wird.

Beispiele für Mund-Nasen-Schutz. Foto: fotoART by Thommy Weiss / pixelio.de

Foto: fotoART by Thommy Weiss / pixelio.de

Und doch ist das Masken tragen paradox: Man trägt die Maske im Gefühl sich zu schützen, faktisch aber um die Mitmenschen zu schützen, sollte man Infektionsträger sein. Eine Maske zu tragen ist also faktisch ein Gemeinwohl-orientiertes Verhalten. Freilich bis jetzt: erzwungen. Doch auch hier, wie oben, wird man diesen Zwang nur aufheben können, wenn dieses Verhalten auf Dauer gestellt wird, d. h. schlicht zum gesellschaftlichen Wohlverhalten gehört. Man wird also in Zukunft auch bei dem geringsten Anlass, man könnte sich angesteckt haben, eine Maske tragen und kann nur hoffen – sollte dieses Verhalten nicht zur Selbststigmatisierung führen –, dass die Anderen weiterhin glauben, man wolle sich auf diese Weise selbst schützen.

III. Liberalismus: Private vices – public virtues

Warum erscheinen uns Gemeinwohl-orientierte Verhaltensweisen paradox?

Der Grund liegt darin, dass wir seit langem, die jetzt Lebenden von Kindesbeinen an, eine liberalistische Ideologie internalisiert haben. Der Liberalismus ist eine im 18. Jahrhundert entstandene ökonomische Theorie, nach der das Gute für die Gesamtgesellschaft zustande kommt, wenn jeder seinen individuellen Interessen folgt. Wir nennen das heute Marktwirtschaft: Jeder Teilnehmer am Markt, sei es als Produzent oder Konsument, verfolgt seine eigenen Interessen und die werden im Markt über Angebot und Nachfrage so abgeglichen, dass sich auf diese Weise alle Individuen zu einem Ganzen der Gesellschaft zusammenschließen.

Diese Idee war im 18. Jahrhundert einer Ökonomie entgegengesetzt, die im Rahmen des Absolutismus wesentlich der Staatsfinanzierung diente. Diese Merkantilismus genannte Ökonomieform wurde durch Disziplinierung des wirtschaftlichen Verhaltens des Einzelnen erzwungen – vor allem durch Abgaben und Dienste. Dieser Wirtschaftsform wurde die Formel entgegengesetzt, die wir hier als Kapitelüberschrift gewählt haben – sie entstammt der Bienenfabel von Bernard Mandville (1670-1733): „private vices – public virtues“; zu Deutsch: Die privaten Laster führen – aufs Ganze hochgerechnet – zur öffentlichen Wohlfahrt. Das ist provozierend formuliert, soll jedoch zum Ausdruck bringen, dass das Verfolgen von individuellen Interessen sich im Ganzen – marktvermittelt – zum Gemeinwohl addiert. Diese Ideologie ist seit geraumer Zeit, spätestens seit dem Buch der Meadows über die Grenzen des Wachstums, widerlegt. Die liberalistische Wirtschaftstheorie hatte nämlich die Natur als unerschöpfliche Ressource vorausgesetzt. Inzwischen hat sich gezeigt, dass über den sogenannten ökologischen Fußabdruck, d. h. durch das, was auf der Rückseite des wirtschaftlichen Verhaltens, also beispielsweise als Ressourcenverbrauch, Verbauung von Ackerland etc. zurückbleibt, langfristig das Wohlergehen der Menschen überhaupt in Frage gestellt ist und schon kurzfristig das Wohlergehen des Einzelnen, vor allem im Bezug auf seine Gesundheit. Hier ist vor allen Dingen an Krebs und Allergien zu denken.

Die Einsichtigen reden deshalb von einer Krise des Liberalismus. Faktisch aber werden deren Einsichten verkleistert, indem nach wie vor das wirtschaftliche Wohlergehen unserer Gesellschaft am Bruttoinlandsprodukt (BIP) gemessen wird. Wirtschaftspolitisch wird immer noch unsere Wirtschaft als gut qualifiziert, wenn das BIP wächst. Diese Rechnung wird durch eine Umkehrung der Perspektive gerechtfertigt, nämlich dass das wirtschaftliche Ganze, wenn es gut ist, auch dem Einzelnen nützt. So wird argumentiert, dass bei wachsendem Bruttoinlandsprodukt man laufend neue Arbeitsplätze schaffen könne – nämlich als Ausgleich für die durch Rationalisierung verloren gegangenen – und dass auf diese Weise alle Bürger, und das heißt nicht nur die Erwerbstätigen, sondern auch die Rentner, mit einem jährlichen Wachstum ihrer Einkommen rechnen könnten. Es ist wahr: Diese Wachstumspolitik garantiert sozialen Frieden – nicht jedoch Zufriedenheit. Das Wohlstandsbewusstsein wird prekär, d. h. es ist gebrochen im Blick auf mögliche Steigerung, es ist besorgt wegen der immer spürbar werdenden Schäden und es hat ein schlechtes Gewissen wegen der brutalen Vernutzung von Tieren und der globalen Ausbeutung. Kritiker(2) haben deshalb vorgeschlagen, die Qualität des Ganzen durch einen anderen Indikator zu messen, nämlich den Genuine Process Indicator (GPI), der nämlich neben den Produktionsleistungen einer Gesellschaft auch so etwas wie Kriminalität, Verschmutzung, Erschöpfung natürlicher Ressourcen, Klimawandel etc. einbezieht. Mit diesem Indikator konnte sich für 17 Länder und d. h. ungefähr für ca. 57 Prozent der Weltbevölkerung zeigen lassen, dass seit 1978 das Wohlergehen in der Bevölkerung stagniert oder gar abnimmt, obgleich in diesen Ländern das Bruttoinlandsprodukt weiterhin ständig wächst.

Man hat also mit Recht von einer Krise des Liberalismus gesprochen, und wenn man das ernst nimmt, kann man nicht weiter erwarten, dass die privaten Laster, also das ungebrochene Verfolgen von Einzelinteressen im Ganzen das Wohlergehen des Ganzen und damit aller Menschen im Einzelnen bewirkt. Es zeigt sich, dass Freiheit im Sinne ungezügelter Einzelinteressen im Ganzen sogar asozial sein kann. Es wird also Zeit, explizit danach zu fragen, inwieweit der Einzelne durch sein Verhalten zugleich das Gemeinwohl im Auge hat bzw. explizit Gemeinwohl-orientiertes Verhalten zeigt.

IV. Steuern zahlen

Das hieße also, dass wir in der Corona-Krise ein Verhalten eingeübt haben, das uns auf dem Hintergrund unseres liberalistischen Denkens noch paradox erschien, d. h. aber auch, dass dieser Typ von Verhalten internalisiert und auf weitere Bereiche jenseits des Gesundheitsgeschehens ausgeweitet werden sollte. Doch müssen wir überhaupt in unserem individuellen Verhalten jeweils das Ganze ins Auge fassen?

Hier zeigt sich nun ein anderes Hindernis für Gemeinwohl-orientiertes individuelles Verhalten – anders als wir es mit der liberalistischen Ideologie analysiert haben –, nämlich dass wir die Sorge um das Ganze an andere Instanzen, vornehmlich an den Staat delegiert haben.

Symbolbild Steuererklärung

Wieso, fragt man sich, muss mein individuelles Verhalten Gemeinwohl-orientiert sein. Ich zahle doch Steuern, ich spende hie und da und bin Mitglied von gemeinnützigen Vereinen. Man versucht mit allen möglichen Kniffen und Tricks wenig Steuern zu zahlen, und für Clevere ist Steuern zu hinterziehen eine Art sportliches Hobby. Gesellschaftlich wird Steuern zu hinterziehen als Kavaliersdelikt angesehen und kann einem im persönlichen Ansehen nicht schaden. Das prominenteste Beispiel dafür ist der Fall des [ehemaligen] Präsidenten des FC Bayern, Uli Hoeneß, der eine unterschlagene Steuerschuld von 28,5 Millionen Euro zahlen und – eigentlich – für 3 1/2 Jahre ins Gefängnis gehen musste. Allerdings, dieses Gefängnis war die Strafanstalt Landsberg, die auch schon einem anderen prominenten Häftling erleichterten Vollzug ermöglicht hatte, und Hoeneß wurde zusätzlich nach Absitzen der Halbstrafe bereits entlassen. Begeistert wurde er von Mitgliedern und Fans des FC Bayern empfangen und konnte dann weitere 3 Jahre als Präsident dieses Fußballklubs wirken. Ein Paradigma, freilich nicht für ein Verständnis, nach dem Steuer zu zahlen eine Leistung für das Allgemeingut darstellt.

Auch diese Einstellung zur Steuer ist paradox, denn auf der anderen Seite mutet man dem Staat mehr und mehr zu, durch eine Fülle von Maßnahmen und zugestandenen Ansprüchen als Vater Staat für das Wohl seiner Bürger zu sorgen. Vorbei ist die Zeit, in der der Anteil des Verteidigungsministers der größte im Haushalt der Bundesrepublik war. Seit geraumer Zeit ist der Haushalt für Arbeit und Soziales, in dem der Staat mit weit über 100 Milliarden Euro ausgleicht, was von den Versicherungen mit dem Prinzip Solidarität der Bürger untereinander nicht mehr zu schaffen ist. Das heißt also, trotz der Unwilligkeit Steuern zu zahlen, hat man, haben wir, die Sorge für unseren Mitmenschen an den Staat delegiert.

Dieses Prinzip der Delegation ist auch in anderen Bereichen wirksam und setzt den Einzelnen frei, sich in seinem Verhalten nur um sich selbst zu kümmern. Zwar gelten die Deutschen als ein spendenfreudiges Volk und die Familie wird auch sonst weiterhin als ein hoher Wert angesehen. Doch Erziehung und Ausbildung der Kinder ist Sache des Staates. Und als Corona-bedingt vieles auf die Familie zurück fiel, war man unwillig oder auch unfähig, diese Leistungen der Fürsorge für Kinder wieder selbst zu übernehmen. Stattdessen gab es Demonstrationen für das Recht des Kindes und Warnungen, die Schließung von Kitas und Schulen könne langfristig unsere Wirtschaftsleistung beeinträchtigen. Dass die Aufzucht von Kindern eine Gemeinwohl-orientierte Tätigkeit sei, davon war leider nicht die Rede.

V. Eine andere Gesellschaft?

Dass die Gesellschaft nach Corona eine andere sein wird, lässt sich leicht prophezeien. Doch in welchem Sinne anders? Norbert Elias hat in einem Buch unsere Gesellschaft als Gesellschaft der Individuen bezeichnet, doch die Frage ist, was hält die Individuen zusammen, so dass sie im Ganzen eben Gesellschaft ausmachen? Was in der kommenden Gesellschaft anders sein wird, ist durch den ungeheuren Schub der Digitalisierung bestimmt, einen Schub, wie ihn Politik und Wirtschaft sich nur gewünscht haben können. Vom Unterricht über Freundschaftsbeziehungen, von politischen Konferenzen über den Kulturkonsum bis zum 0nline-Shopping – alles geht auch digital und die größten Online-Muffel haben sich inzwischen darin eingeübt und freuen sich: es geht ja auch so. Das könnte darauf hinauslaufen, dass unsere Gesellschaft schließlich eine virtuelle Gesellschaft wird. Durch die Einschränkung der Kommunikation, insbesondere der leiblichen, sind die Menschen noch radikaler zu isolierten Individuen geworden als vor der Krise. Doch was sie zusammenhält und zur Gesellschaft macht, sind virtuelle Bezüge. Soll das die neue Gesellschaft sein?

Auf der anderen Seite haben die Menschen in der Corona-Krise das Bedürfnis nach leiblicher Nähe gespürt, nach Face-to-Face-Kommunikation, nach Einbindung in die Umgebung, d. h. sowohl die Stadt und die Landschaft, als auch die Nachbarschaft. Und schließlich, was für unseren Zusammenhang entscheidend ist, sie haben Verhaltensweisen kennengelernt, die unmittelbar gesellschaftlich sind. Sie haben sich eingeübt in Akte individuellen Verhaltens, das Gemeinwohl-orientiert ist. Das sind erste Erfahrungen, in denen sich das Individuum in einfachen alltäglichen Verhaltensweisen der Gemeinschaft verpflichtet fühlt. Einer Gesellschaft, die nicht erst technisch oder politisch vermittelt ist, sondern quasi von unten sich in elementaren Verhaltensweisen ausbildet.

Jenseits des Liberalismus können wir heute die Erfahrung machen, dass alltägliche elementare Verhaltensweisen ihren Sinn durch den Bezug aus der Gemeinschaft erhalten. Ein solcher Lernprozess ergibt sich nicht von selbst und die Erkenntnisse und Verhaltensweisen, die während der Corona-Krise eingeübt wurden, könnten schnell durch Normalisierung des gesellschaftlichen Lebens wieder hinweggespült werden. Im Gegensatz zu der zu erwartenden Digitalisierung von Gesellschaft, die von selbst läuft, müssen wir uns um die Ausbildung und Internalisierung Gemeinwohl-orientierter Verhaltensweisen eigens kümmern.

Bereiche, in denen das wirklich notwendig ist, haben wir schon genannt. So die Familie: Die Haus- und Erziehungsarbeit kann als ein unmittelbarer Beitrag zur Reproduktion der Gesellschaft verstanden werden. Allerdings nur dann, wenn darin ein über die Familie hinausgehendes Sozialverhalten eingeübt wird und Lehren und Erziehen nicht bloß, wie unsere Bundeskanzlerin meinte, darin besteht, die junge Generation „fit für das digitale Zeitalter zu machen“.

Ferner muss sich die Beziehung zum Steuern zahlen ändern. Es ist im Grunde kindisch und unreif, sich um diese gesellschaftliche Verpflichtung drum herum zu drücken. Es ist asozial, Steuern zu hinterziehen und es sollte öffentlich als solches geächtet werden. Die Stellen, an denen ein Gemeinwohl-orientiertes Verhalten nötig ist, sind vor allem aufzuspüren, indem man auf Defizite in unserer technisch und kapitalistisch orientierten Gesellschaft achtet. Ich will zum Schluss dafür ein Beispiel geben aus dem Bereich des Ehrenamtes. Ehrenamt ist eine unentgeltliche, gesellschaftbezogene Tätigkeit. Sie wird in der Regel ausgeübt von Personen, die es sich leisten können und froh darüber sind, eine Beschäftigung außerhalb beruflicher Tätigkeit zu finden. Durch diese Mischung von Motivationen hat das Ehrenamt eine ambivalente gesellschaftliche Anerkennung gefunden, die sich in den jährlichen Auszeichnungen einer kleinen Gruppe von Ehrenamtlichen, die der Bundespräsident vornimmt, manifestiert. Diese Anerkennung ist besonders dann stark, wenn ehrenamtliche Tätigkeit einen Bereich abdeckt, der mit normalen – und das heißt eben auch bezahlten – beruflichen Aktivitäten sich nicht abdecken lässt: Aus dem Institut für Praxis der Philosophie e.V. IPPh hat eine Gruppe ein Jahr lang ehrenamtliche Pflege an einer chirurgischen Klinik in Darmstadt durchgeführt unter dem Projekttitel Präoperative Patientenfürsorge. Dazu gab es am Ende auch eine Konferenz und die Konferenzpapiere sind in einem Buch mit dem Titel Pflegenotstand: der humane Rest(3) veröffentlicht worden. Dieses Vorhaben erfüllte im strengen Sinne die soeben genannten Voraussetzungen für notwendige ehrenamtliche Tätigkeit – nämlich, dass sie durch Gemeinwohl-orientiertes Verhalten Abhilfe schafft, an Stellen wo sonst gesellschaftliche Defizite sich auftun würden. Zwei solcher Defizite lassen sich in diesen Fall benennen:

1. Am Tag und in den Stunden vor der Operation wurden im Klinikalltag Personen, bei denen eine Operation ansteht, noch nicht im vollen Sinne als Patienten betreut. Sie sind es auch im gewissen Sinne noch nicht, andererseits sind sie in einer höchst prekären Situation, insofern sie sich in ein neues Lebenssystem – nämlich die Klinik – hineinfinden müssen, insofern sie am Tag oder in den Stunden vor der Operation sich aller möglichen Untersuchungen unterziehen müssen und schließlich, was den meisten Stress erzeugt, ist: Sie müssen in Aufklärungsgesprächen und in der Lektüre von mehrseitigen Aufklärungsblättern studieren, was im Zusammenhang mit ihrer bevorstehenden Operation alles passieren kann, nämlich um dann ihr aufgeklärtes Einverständnis (informed consent) zur Operation zu unterschreiben.

2. Die professionellen Pflegekräfte, die im Übrigen ihren Job ganz ausgezeichnet machen, verrichten die Pflege im überwiegenden Maße als Substitution für das, was der Patient nicht selber leisten kann(4), d. h. durch mehr oder weniger technische Handgriffe. Zum sogenannten Händchen halten und zu Gesprächen mit den Patienten, die häufig in dieser präoperativen Phase das Bedürfnis haben, über ihr Leben zu sprechen, haben sie keine Zeit. Dabei muss man berücksichtigen, dass die klinischen Pflegekräfte verpflichtet sind, alle ihre Tätigkeiten im Einzelnen zu dokumentieren, was ca. 1/3 ihrer Arbeitszeit ausmacht.

Aus diesen beiden Tatsachen folgt, dass die professionellen Pflegekräfte in einer Klinik für Pflege im Sinne menschlicher und persönlicher Begleitung von Personen in Grenzsituationen nicht geeignet sind. Der Pflegenotstand – der öffentlich viel diskutiert wird und zwar als ein Mangel an professionellen Pflegekräften – lässt sich also nicht durch höheres Ansehen, gar Akademisierung der Pflege bzw. durch Import von ausgebildeten Pflegekräften aus dem Ausland beheben: Es bleibt ein humaner Rest und dieser muss und kann eigentlich auch nur durch Organe ehrenamtlicher Pflegeeinheiten behoben werden.

Wenn man dieses Beispiel vor Augen hat: Wie viele Fälle wird man in unserer Gesellschaft entdecken, in denen Gemeinwohl-orientiertes Verhalten des einzelnen Menschen in Kooperation mit anderen möglich und notwendig ist.

Fußnoten

(1) Werner Peters, Generosität. Eine Ethik für eine postkapitalistische Gesellschaft. In: G. Böhme (Hrsg.), Alternative Wirtschaftsformen. Bielefeld: Aisthesis Verlag 2012, S. 107-127.

(2) Ernst Ulrich von Weizsäcker, A.WIjkman u.A. Wir sind dran, was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2. Auflage 2017.

(3) Gernot Böhme (Hrsg.) Pflegenotstand: der humane Rest. Bielefeld: Aisthesis Verlag 2013.

(4) siehe Dorothea Orem, Nursing. Concepts of Practice. London: Mosby, 6th ed. 2001.

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Kommentare


Johannes Winter - ( 12-11-2020 06:55:22 )
Ich bitte um eine Korrektur S.1/3.Zeile: es muss "Triere" heißen (nicht "Tiere", was nun nicht nur arg mißverständlich klingt, sondern auch ist)

Johannes Winter

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erstellt am 11.11.2020
aktualisiert am 14.11.2020

Symbolbild Gemeinwohl. Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Foto: Rainer Sturm / pixelio.de