Der Komponist Walter Zimmermann, der in seinem umfangreichen musikalischen Werk gern literarische und philosophische Inhalte mit abstrahierenden Konzepten der Klangorganisation verknüpfte, führte in den Zehnerjahren mit dem 2017 verstorbenen, britischen Musikologen Richard Toop Gespräche, in denen die kulturellen Bezüge des Zimmermann’schen Denkens aufscheinen. Ernst August Klötzke hat das Buch „Ursache und Vorwitz“ mit Freude gelesen.

Gespräche mit einem Komponisten

Noch ein Zimmermann?

Walter Zimmermann (Screenshot)
Walter Zimmermann

Den 1949 geborenen Walter Zimmermann zähle ich zu jener Gruppe von Komponisten, die keiner Gruppe angehören, die deswegen keine – wie auch immer gearteten – ideologischen Ziele verfolgen und somit den künstlerischen Klischees entgehen. Zu vielseitig und vielschichtig ist seine Musik, an ihrer Oberfläche manches Mal mit erfrischender Schlichtheit und Unmittelbarkeit daherkommend, in ihrem Inneren meist von so komplexen Zusammenhängen geprägt, dass die verstehende Beschäftigung damit eines enzyklopädischen Gedächtnisses bedarf.

Die daraus resultierende Vielheit bildet das von Walter-Wolfgang Sparrer herausgegebene Buch „Ursache und Vorwitz“ ab, das auf Gesprächen zwischen Zimmermann und dem 2017 verstorbenen Richard Toop aus den Jahren 2002 bis 2008 fußt.

Dieses Buch fordert eine gewisse Langsamkeit des Lesens, denn gleich zu Beginn des ersten Gesprächs wird – und es bleibt im gesamten Buch symptomatisch – deutlich, wie viele unterschiedliche Denk- und Komponierperspektiven Walter Zimmermann im Laufe der Zeit ausprobiert, sich angeeignet und weitergedacht hat. Die Namen derer, an die er anknüpft, lesen sich denn auch wie ein „who is who“ der Kultur- und Geistesgeschichte.

Dies könnte abschrecken. Aber: Zimmermann ist ein guter Erklärer, der in seinen Äußerungen sehr genau auslotet, wie weitgreifend er eine Thematik darstellen muss, um den Zusammenhang zu seiner Musik schlüssig darzustellen. Ähnlich verhält es sich mit Biografischem, das erfreulicherweise nie ins gefährliche Fahrwasser des Anekdotischen hinabrutscht. Die Lebensstationen werden grundsätzlich aus dem Blickwinkel ihrer Einflussnahme ins Oeuvre betrachtet. So wird beispielsweise vom Vater die starke konstruktive und organisatorische Seite hervorgehoben, deren Grundlage minutiöse Vorplanung war, die eben auch den Partituren Zimmermanns eigen ist.

Später, auf dem Weg zu einer der damaligen Avantgarde-Metropolen Köln (um dort bei dem an den Rand gedrängten Bernd Alois Zimmermann zu studieren), verspürte er eine Ablehnung eben dieser Avantgarde, der auch diverse Interpreten angehörten. Als Zimmermann 1970 in Darmstadt Aloys Kontarsky vorspielen wollte, äußerte jener: „Wie heißen Sie? Zimmermann? Sie wollen nach Köln? Noch ein Zimmermann? Dann kommen Sie mal heute Nachmittag um drei Uhr.“

Auch solche knapp gehaltenen biografischen Abschnitte stehen immer im Zusammenhang zu den kompositorischen Konsequenzen, die Walter Zimmermann daraus gezogen hat: „Bei der offiziellen Avantgarde war ich immer wieder erstaunt, wie schnell Tabus oder Sanktionen in der geschlossenen Gesellschaft der neuen Musik errichtet werden; wie sich eine einmal als genial empfundene Stilistik zum Klischee verfestigt, wie sie durch die Nachahmer ganz schnell entwertet wird und wie sie andererseits doch sein muss, damit Leute wie Lachenmann oder Ferneyhough daran festhalten können. Dieses Festhalten ist zugleich der Fehler, weil dadurch andere Möglichkeiten ausgeschlossen werden. Durch die Selbstdefinition eines Stils, durch eine ‚corporate identity‘, sind andere Dinge erstmal zweitrangig. Mich interessierte dieses Ausgeschlossensein. Warum ist das ausgeschlossen, warum darf ich das nicht?“

Die Gespräche sind nicht chronologisch geordnet. Dies kommt der Vielschichtigkeit Zimmermanns zugute. An mehreren Stellen gelangt der Leser an Zeitpunkte, die in einem anderen Gespräch schon erwähnt wurden. Jedes Mal findet dabei ein Perspektivwechsel statt, durch den sich zeigt, wie viele, oft ganz verschiedene thematische Welten gleichzeitig präsent sind und von ihm bis auf den Grund der Erkenntnis erforscht wurden und werden. „Wenn Du einen Namen erwähnst, den ich nicht kenne, dann recherchiere ich und gehe in die Bibliotheken und fange an zu lesen, um herauszufinden, was es damit auf sich hat“. Dabei stellen sich Zusammenhänge und Querverbindungen her, mit denen er auf abenteuerlichen Wegen immer einen Ausschnitt aus dem großen Ganzen ins kompositorische Visier nimmt.

Immer und immer wieder wird deutlich, wie sehr sich Walter Zimmermann an dem reibt, was im künstlerischen und philosophischen Diskurs in der Welt ist. Seine kompositorischen Lösungen sind, wie seine Querverbindungen, überraschend und in ihrer Stilistik und in den verwendeten Genres sehr genau beobachtend. Die im Buch grundsätzlich im Vordergrund stehende Präsenz seines Tuns mag, laut eigener Aussage, durch eine Maxime von Robert Motherwell bestimmt sein: „No nostalgia, no sentimentalism, no propaganda, no spelling out, no autobiography, no clichés, no illusionism, no descreption, no predetermined endings, no charm, no relaxation, no mere taste, no obviousness, no coldness. Rather: immediacy, passion or tenderness, beingness as such, sheer presence, objectivity, true invention, true resolution, light, the unexpected direct colors“.

An das Ende der Gespräche mit Richard Toop ist ein Gespräch mit dem Herausgeber Walter-Wolfgang Sparrer vom Juni 2018 angefügt, in dem auch der Hochschullehrer Zimmermann zu Wort kommt. Dieses Gespräch wirkt wie dem Bedürfnis entsprungen, das bis dato nicht Gesagte zur Sprache zu bringen, es bildet somit einen gleichzeitig erweiternden wie auch zusammenfassenden Schlusspunkt der Dialoge. Daran an schließt die Transkription eines Vortrags von Walter Zimmermann (Köln 1996), der einen spezifischen Einblick in die Werkstatt des Komponisten liefert, gefolgt von einer Coda, nämlich die Introductory lecture, die Richard Toop 2002 bei den Weingartener Tage für Neue Musik über Zimmermann gehalten hat.

Der finale Text von Rachel Campbell ist dem Gesprächspartner Richard Toop gewidmet.

Das Lesen des umfangreichen Werkverzeichnisses lohnt unbedingt. Die thematischen Ordnungen zeigen aus einer übergeordneten Perspektive viel über Zimmermanns Vorgehensweise.

„Ursache und Vorwitz“ ist ein Buch, das gelesen werden will. Es macht darüber hinaus nicht nur Lust, sich in Zimmermanns Kosmos weiter zu vertiefen, sondern mehr noch, seine Musik zu hören und dabei zu staunen.

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erstellt am 25.3.2020

Walter-Wolfgang Sparrer (Hrsg.)
Ursache und Vorwitz
Walter Zimmermann im Gespräch
mit Richard Toop
Broschiert, 312 Seiten
ISBN: 978-3-95593-095-0
Wolke Verlag, Hofheim 2019

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