1848 war das preußische Militär nicht zimperlich. Auf der Suche nach flüchtigen Anhängern der Revolution verlor man keine Zeit mit dem Öffnen von Türen. Peter Kern hat einen alten Schrank besichtigt, der mit seiner Beschädigung eine konkrete Geschichte deutscher Geschichte erzählt.

Eine Geschichte aus der deutschen Geschichte

Versteck im Schrank

Schaut man genau hin, sieht man den langen Spalt in der Tür des schönen Möbelstücks. Er stammt von einem Bajonett. Wer geht mit einer Stichwaffe auf einen Schrank los und warum? In dem Möbel hatte sich ein Urahne vor dem preußischen Militär versteckt, das die 1848er-Revolution in der Pfalz niederwarf. Er gehörte den Freischälern an, war am Ortsausgang verwundet worden und hatte sich ins elterliche Haus, das Amtshaus des kleinen Dorfes, geflüchtet. Dorthin ließen sich die Preußen führen, und durchbohrten bei der Hausdurchsuchung auch Truhen und Kleiderschränke mit ihren Bajonetten. Dabei wird der Versteckte noch einmal verwundet, und seine Schreie verraten ihn. „Nur durch das kniefällige Bitten seiner Mutter“ ist der Heranwachsende vor dem Tod durch Erschießen bewahrt worden, schreibt der Chronist.

Henry Geenen heißt der Junge, und französisch spricht sich der Vorname aus. Die Sympathie seiner Eltern mit den Nachbarn klingt im Namen an. Die Melodie von Freiheit und Gleichheit ist grenznah besonders gut zu hören. Ein Freiheitsbaum, nach dem Vorbild der Französischen Revolution in der Ortsmitte errichtet, ist kurz vor dem Einmarsch der Soldaten umgehauen und „mit Hilfe einiger beherzter Bürger … den Blicken der einziehenden Preußen verborgen“ worden. Die Dorfchronik lässt keinen Zweifel, wem die Sympathien gelten. Henry hat nach seiner Freilassung und Genesung Reißaus vor den beherzten Mitbürgern genommen und ist nach Amerika ausgewandert.

In der Erzählung des Vaters nahm die Geschichte märchenhafte Züge an, zumal der Schrank als verschwunden galt. Das Versteck vor dem eindringenden Bösen war der Standuhr im Märchen vom Wolf und den sieben Geißlein verwandt. Die Version der Tante verwandelte den glücklich Davongekommenen in den alterslosen reichen Onkel aus Amerika, dem der Besitz einer Goldmine angedichtet war, und der wie der Messias wiederkommen sollte.

Plötzlich war der Schrank wieder da. Kindheit und Jugend waren vorbei, Vater und Tante gestorben, die eigenen Kinder mit der Geenen-Story vertraut, als ein Heimatkalender über seinen Verbleib Aufklärung lieferte. Im alten Amtshaus war ein Erbfall eingetreten. Das Haus samt Inventar wurde aufgeteilt. Das Möbelstück war gar nicht verschwunden gewesen; es hatte seinen Platz nur im schummrigen Hausflur gefunden. Und wie es mit Dingen so geht, die man immer sieht: Man nimmt sie irgendwann nicht mehr wahr. Der den Schrank per Los bekam, sah in ihm einen „alten beschädigten Kasten“, aber von historischem Wert. Den realisierte er mit dem Verkauf ans Heimatmuseum der nahen Kreisstadt. Dort steht er nun, entzaubert, als ein Meisterwerk pfälzischer Handwerkskunst. Jede Aufklärung über seine Geschichte und die der 48er Revolution fehlt.

In einem Heimatmuseum soll die Heimat ja besonders zuhause sein. Hier vor Ort fehlt ein Stück; der klaffende Spalt in den Intarsien der Schranktür verweist darauf. Außerhalb des Museums fehlt die Heimat fast gänzlich. Breite Betonschneisen sind durch die „Urwälder der Hinterpfalz“ geschlagen, von denen Friedrich Engels schrieb. Er war Teilnehmer der Pfälzer Revolte, und hat in dem wunderbar zu lesenden Text „Die deutsche Reichsverfassungskampagne“ seine Mitkombattanten, die „halbwilden Bauernjungen“ beschrieben. Einer davon war Henry Geenen aus Rodalben.

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erstellt am 14.3.2020

Henry Geenens Versteck: Der Schrank
Foto: Peter Kern