Einer der traurigsten Irrtümer besteht in der Überzeugung, Musik sei nur über das Gefühl wahrzunehmen. Nein, man braucht Ohren und ein Gehirn dazu – und ein wenig Aufklärung kann nicht schaden. Ernst August Klötzke hat ein populär geschriebenes Aufklärungsbuch, die „Schlüsselwerke der Musik“, gelesen und kann es empfehlen.

Musikbuch

Schlüsselwerke der Musik

„Schlüsselwerke sind Werke, die das Verständnis einer ganzen Reihe von kategorial verwandten Werken erleichtern, ja manchmal allererst eröffnen“. So erklären die Verfasser Bernd Asmus, Claus-Steffen Mahnkopf und Johannes Menke ihr Unterfangen, auf ca. 300 Seiten einen Überblick über aus ihrer Sicht relevante musikalische Werke („die ‚man‘ kennen sollte“) vom 10. bis zum beginnenden 21. Jahrhundert zu liefern. „Schlüsselwerke der Musik“ will eine Art Konzertführer sein, der aus der Situation geboren wurde, den tradierten Konzertführern etwas entgegenzusetzen, mit dem das Repertoire der geneigten Leser- und Hörerschaft erweitert werden soll. Gleichzeitig reagieren die Autoren auf gegenwärtige Tendenzen des Musikhörens und haben für die Auswahl berücksichtigt, dass die Werke im Internet gehört und die dazugehörigen Partituren – zumindest teilweise – gelesen werden können. Mit den 268 vorgestellten Werken (und ca. 1000 Verweisen) unterschiedlicher Gattungen von 180 Komponistinnen und Komponisten liegt es auf der Hand, dass eine Auswahl getroffen werden musste, dass manche Grenzbereiche unberührt bleiben und dass mit dem Geburtsjahr der Komponistin Unsuk Chin (1961) ein (vorläufiger?) Schlusspunkt gesetzt werden musste, den die Autoren im Vorwort selbst als etwas willkürlich bezeichnen.

Der Aufbau der einzelnen Werkbeschreibungen folgt einem klaren Muster. Zunächst gibt es eine Art Motto (beispielsweise zu Guillaume Dufays „Puisque vous estez campieur“ den Hinweis: „Frühe Renaissance. Strenger und zugleich komischer Kontrapunkt“. Später, zu Klaus Hubers „Die Seele muss vom Reittier steigen“, heißt es: „Großes Bekenntniswerk der Dritteltonmusik“), dem folgt ein kurzer hinführender Abschnitt, in dem Verweise auf bestimmte biografische, historische und kulturelle Zusammenhänge genannt sind, dann findet eine Annäherung an die entsprechenden Werke statt.

Diese Annäherungen bilden sehr unterschiedliche Grade ab. Dies ist sicherlich der Tatsache geschuldet, dass es den Autoren wichtig war, ihre persönlichen Zugänge deutlich werden zu lassen. So finden sich neben formalen Verweisen auch solche, in denen Aspekte des Zusammenklangs näher beschrieben werden und wiederum andere, die eine auszugsweise Beschreibung musikalischer Verläufe liefern. Manches bleibt dabei im Vagen. Wenn es etwa bei der „Winterreise“ von Franz Schubert heißt: „bei Schubert klingt Dur mitunter trauriger als Moll“, dann möchte man schon gerne wissen, was es denn damit auf sich hat. Oder wenn im Text zu diesem Komponisten die historische Situation der nach-napoleonischen Restauration in weiten Teilen Europas mit keiner Silbe erwähnt wird, dann bleibt es eben doch wieder beim biedermeierlich daherkommenden Klischee, mit dem Schubert und seiner Kunst eine Reaktion auf die damalige Lebenswelt abgesprochen werden.

Die Autoren schreiben in einer Sprache, die ein möglichst breitgefächertes Publikum erreichen möchte, immer wieder wird dabei der Versuch gewagt, humorig zu sein und damit an mancher Stelle ins arg Populäre abzurutschen, wie im Text zu Anton Webern, der wie folgt beginnt: „Webern liebte die Natur, er bestieg gerne hohe Berge, saß in Gasthäusern in seinem Eckerl und vereinsamte gegen Ende seines Lebens über dem Studium magischer Quadrate“. Was helfen solche Sätze dem von den Autoren genannten Anspruch, „… das Verständnis einer ganzen Reihe von kategorial verwandten Werken (zu) erleichtern, ja manchmal allererst (zu) eröffnen“?

An die Besprechung der Werke schließt ein Aufsatz über das musikalische Werk an, in dem unterschiedliche Aspekte des Werkbegriffs und Fragen an ihn erörtert werden, es folgt ein Glossar, in dem für das Verständnis des Laien wichtige Begriffe erklärt werden.

„Schlüsselwerke der Musik“ ist eine umfassende Sammlung von Werken, denen die Autoren zubilligen, eine gewisse Relevanz für die Musikgeschichte bis annähernd an die Gegenwart zu repräsentieren. Dies ist erfreulich und sicherlich ein, trotz der genannten Kritikpunkte, gelungener Versuch, aus dem Dilemma gängiger Konzert- und Medienprogramme, die oft mehr vom ökonomischem Umsatzdenken als von dramaturgischer Expertise geprägt sind, zu entrinnen. Auch der Anspruch, eine, besonders für die neuere Zeit, möglichst breite Stilistik abzubilden ist zu loben. Der Aufsatz zum musikalischen Werk schließt mit der Erkenntnis, dass das Werk „im Werden“ (Gunnar Hindrichs) sei und so bleibt die Hoffnung, dass eine Folgepublikation die Musik der nach 1961 Geborenen ins Visier nimmt.

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erstellt am 08.3.2020

Bernd Asmus / Claus-Steffen Mahnkopf / Johannes Menke
Schlüsselwerke der Musik
Gebunden, 304 Seiten
ISBN: 978-3-95593-125-4
Wolke Verlag, Hofheim 2019

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