Einen Haken, einen bluttriefenden Kopf und einen endlosen Haarschleier als Requisiten, eine komplett schwarze Bühne, Spotscheinwerfer, ein fantastisches Sängerensemble, ein großartiges Orchester und ein durchdachtes Regiekonzept. Mehr braucht es nicht, um eine außergewöhnliche, Zeit und Ort enthobene, umwerfende Salome von Richard Strauss in Frankfurt auf die Bühne zu bringen. Eine der Art, die man nicht vergessen wird. Andrea Richter jedenfalls nicht.

Oper „Salome“ in Frankfurt

Jochanaans Haupt als Punchingball

Die Lichter verlöschen. Im Publikum noch Geflüster, ein paar Huster. Undefinierbare Geräusche. Langsam nehmen sie erkennbare Form an: Das Schlagen unsichtbarer Flügel. Überall, hin und her. Ansonsten absolute Stille. Furchteinflößend. Plötzlich in gleißendem Licht auf der Bühne ein weißer Federball mit vibrierenden Spitzen. Sein Leuchten erreicht den Boden. Er bewegt sich in den hinteren Bühnenraum. Er dreht sich um: eine Frau in weißem Abendkleid mit einem riesigen Federkopfschmuck. Mode des Fin de siècle. Dekadent, pompös, lasziv. Eine überwältigende Momentaufnahme. Wieder totale Dunkelheit. Eine Klarinette, zwei Takte Orchester. Im Lichtkegel eine Frau in silbernem Paillettenkleid tanzt, springt, hüpft, windet sich. Irgendwo aus dem Bühnenschwarz Singstimmen: „Wie schön ist die Prinzessin Salome heute Nacht“, Narraboth (Gerard Schneider) und der Page (Katharina Magiera): „Sieh die Mondscheibe, wie seltsam sie aussieht. Wie eine Frau, die aufsteigt aus dem Grab“. Licht auf Narraboth, der unablässig für Salome schwärmt. Licht aus. Licht auf den Pagen, der Narraboth abhalten will, sie anzusehen. Licht aus. Salome tanzt noch immer in ihrem Lichtkegel. Aus dem Schwarz die Stimme des Propheten Jochanaan (Christopher Maltman): „Nach mir wird einer kommen, der ist stärker als ich …“. Weder die Soldaten noch die Nazarener sind zu sehen, nur zu hören. Die Szenerie gruselig zu nennen, wäre untertrieben.

Herausgelöst aus Ort, Zeit und Zusammenhang hat der Regisseur Barrie Kosky das Werk auf seine emotional verwirrten Zustände ohne jegliche Interpretation reduziert. Im Mittelpunkt steht die Protagonistin im Schein des Modes in der ansonsten dunklen Nacht. Die Kind-Frau durchlebt einen von Menschen und Geistern bevölkerten Traum, in dem es mal wild, mal zart und romantisch, mal voller Begehren und Leidenschaft bis hin zum Orgasmus zugeht. Sängerisch wie schauspielerisch von Ambur Braid als Salome grandios dargeboten. Eine Momentaufnahme nach der anderen. Einzelne Personen, Personen-Gruppen und Personen-Fragmente tauchen auf und verschwinden. So wie das in Träumen halt ist.

Christopher Maltman (Jochanaan) und Ambur Braid (Salome) Foto: Monika Rittershaus

Aus Salomes Sicht wird erzählt. Die für sie unwichtigen Menschen werden von ihr im Dunkel der Nacht allein durch ihre Stimmen wahrgenommen, die für sie wichtigen agieren in Lichtkreisen: Jochanaan, Herodias (Claudia Mahnke)und Herodes (AJ Glueckert). Meistens eilen sie in ihren Lichtkreis, wie die Motten in die Flamme. Die Ausnahme: Jochanaan. In seine Stimme hatte sie sich bereits verliebt (das Publikum ebenfalls). Und als dieser Prototyp eines äußerst virilen Ur-Mannes à la Neandertaler mit weißem Leib, schütterem Haar und knapp bekleidet erscheint, eilt sie mit ihrer Ur-Begierde zu ihm ins Ur-Licht des Mondes. Triebgesteuert, irrsinnig liebend, irrsinnig begehrend. Doch er will nicht wie sie. Der Ausgang ist bekannt: Nach dem hinreißend musizierten Schleiertanz unter der Leitung von Joana Mallwitz, der es insgesamt bestens gelingt, dem Orchester klangliche Vielfalt und Wucht sowie feinste Nuancen des Werks zu entlocken, fordert und bekommt Salome sein Haupt. Mit diesem von Blut triefenden, am Fleischerhaken hängenden Kopf zelebriert sie erst einen an äußerer Widerlichkeit kaum übertreffbaren Liebestanz, um ihn dann wie einen Punchingball über die gesamte Bühne zu schlagen und sich ihn schließlich überzustülpen. Die Vereinigung findet statt. Buchstäblich im Kopf.

Salome (Ambur Braid) mit Jochanaans Haupt Foto: Monika Rittershaus

Wagners Tristan-Akkord öffnete die Tür zur musikalischen Moderne. Richard Strauss trat mit der Komposition der Salome 1905 in den Raum hinter der Tür ein und füllte ihn als Erster mit Opern-Leben. Vor allem mit dem des Lebensgefühls des Fin de Siècle, dieser künstlerischen Epoche von 1890 und 1914. Eine Zeit zwischen Aufbruchs- und Endzeitstimmung, geprägt von tiefer Verunsicherung, weil die gesellschaftlichen und sozialen Grundwerte ins Wanken geraten waren. Der Heutigen nicht unähnlich. In dieser ganz Europa überziehenden Atmosphäre regierte in Künstlerkreisen die Dekadenz als Gegenentwurf zur bisherigen bürgerlichen Gesellschaft. So auch in der Salome. „Lauter perverse Leute“ treten laut Strauss sowohl in der Wilde’schen Vorlage als auch in der Oper auf. Und so verlässt der Komponist das Feld des rein romantischen Wohlklangs und marschiert gen Atonalität. Die Ausnahmen: Jochanaan, das Relikt aus alten Zeiten, und Narraboth, der Naive.

Die meisten Kritiker der Zeit nahmen Strauss diesen Schritt übel. Nicht so das Publikum. Die Oper füllte sein Konto beträchtlich. Nicht einmal sechs Jahre später waren die Kritiker dann erneut verstimmt, weil der Meister mit dem Rosenkavalier vom konsequenten, aber für die Zuhörer damals doch steinigen Weg ins Land der konsequenten Atonalität abgebogen war, um dem leichter begehbaren zur modernen Romantik zu folgen. Und wieder liebte das Publikum ihn. Was soll man also von Kritikern halten?

Vorstellungen

5., 8., 13., 20., 26., 29. März, 4., 10., 13. April 2020

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erstellt am 04.3.2020

Salome (Ambur Braid). Foto: Monika Rittershaus

Salome (Ambur Braid) Foto: Monika Rittershaus

Oper Frankfurt

Salome

Drama in einem Aufzug
Musik und Text von
Richard Strauss (1864-1949) nach dem
Drama Salome (1891) von Oscar Wilde
In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Premiere 1. März 2020
Uraufführung 9. Dezember 1905, Königliches Opernhaus, Dresden

Musikalische Leitung: Joana Mallwitz
Regie: Barrie Kosky
Bühnenbild und Kostüme: Katrin Lea Tag
Licht: Joachim Klein
Dramaturgie: Zsolt Horpácsy

Besetzung: Salome: Ambur Braid, Jochanaan: Christopher Maltman, Herodes: AJ Glueckert, Herodias: Claudia Mahnke, Narraboth: Gerard Schneider und weitere

Oper Frankfurt