Norbert Wilhelm Schlinkert kennt sich mit dem Absurden aus. Sein Buch „Tauge/Nichts“, das sich auf Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“ bezieht, hat Alban Nikolai Herbst begeistert und geschmerzt. Und er hat einen erheblichen Gegenwartsbezug geltend gemacht. Schlinkerts Held ist kein romantischer Taugenichts, sondern ein moderner Tunichtgut.

Norbert W. Schlinkerts Eichendorff-Novellierung

Nichts taugt m e h r !

Norbert W. Schlinkert 2016 bei einer Lesung in der Brotfabrik (Berlin), Foto: Trebron24 - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=53215654
Norbert W. Schlinkert, 2016

Welch schmales und doch kraftvolles Bändchen! In zwei Teilen erzählt es die mit ihrer reflektierende Darstellung ineinanderwurzelnde Geschichte der jugendlichen Autorenbiografie eines abseits bisheriger Kenntnisnahmen lebenden Künstlers, wobei sich der Text gleich zu Anfang gegen die allzu gefällig-biografische Lesart verwehrt – dabei mag dahingestellt bleiben, ob mit fiktionalem Recht oder strategisch:

„Geschieht es, dem Menschen fällt partout nichts mehr ein, so erfinden sie sich ein Gegenteil. Von sich selbst. Wie sie sich sehen. Wie sie überzeugt sind zu sein. Ein Anderer, der folgerichtig nicht besser, nein schlechter ist als sie selbst.“

Dahingestellt bleibe auch, ob selbst diese Aussage allgemein stimmt. Sie ist das Fundament, in jedem Fall, der Fiktion, damit poetisch legitim. Spannend zugleich, wie, obwohl nun alles andere als en vogue, Schlinkert ein Verfahren der jungen Moderne aufnimmt, etwa Musils, um sie mit seiner romantischen Vorlage, Eichendorffs Taugenichts-Novelle, zu verknüpfen, wenn nicht sogar aus ihr herzuleiten. Gleichzeitig wird schon zu Beginn ein Stilwille deutlich, der sich ebenfalls in unserer Gegenwart kaum mehr derart finden läßt. Leider hält sich aber die Erzählung nicht durch, sondern reflektiert sich im zweiten Teil noch einmal selbst – und da, deshalb mein „leider“, ohne das Fließen einer Geschichte. Andererseits gewinnt dieser zweite Teil Einsichten, die es in sich haben – oder doch mindestens Prägungen von enormer Begriffskraft: z. B. „Optimistischer Fatalismus“.

Künstlerisch bemerkenswert dagegen ist die im ersten Teil erzählte Geschichte selbst, wie da ein Junge im westfälischen Kleinbürgertum der Fünfziger aufwächst, das seinerseits aus dem Proletariat stammt und an dessen eigentlich, ich möchte fast sagen, „angestammter“ Gegnerschaft zum NS-Staat und später deren noch immer existenten Repräsentanten des bundesdeutschen Wirtschaftswunders festhält, doch ohne aktiv zu sein, sondern sich weiterhin duckend, leisetreterisch und zugleich voll der Abneigung gegen jede und jeden, die aus der „Klasse“ ausbrechen, etwas anders wollen, als allmorgendlich zu einer Arbeit aufzubrechen, die ihnen außer rarer Einkunft nur Verbitterung gibt.

„Wenn du so weitermachst: Straßenfeger. So also Muttern.“ / „Die 4 ist die 1 des kleinen Mannes.“ / „Bist doof und bleibst doof, kriegen dich aber schon irgendwie unter.“

In wenigen Sätzen ist die Beklemmung zu spüren, die den Bub bis zur Pubertät und noch darüber hinaus umgibt und so sehr verletzt, daß er unter Umkehrung des auch in seiner Familie allzu beliebten Satzes sich sagt:

„Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Selber hobeln, Späne machen.“

Womit er denn ausbricht, einen alten Wagen klaut und, jedenfalls so lange möglich, auf dem Rücken seines Überziehungskredites in den Tag lebt. Was er mit seiner ihn seit Kindheit begleitenden Lektüre rechtfertigt:

„Ich bin ein Ich, so rief Jean Paul als Knabe urplötzlich aus und erntete eine Holzlege, in die prompt der Blitz fuhr. Aus ihm wurde ein Siebenkäs.
Tauge nicht, tu nicht gut!!“

Ein solcher Tunichtgut zu sein, wird ihm nun zum Maßstab. Spätestens, nachdem er Bargeld aus dem Automaten gezogen hat, seine Spur also verfolgbar wird, braust er über die Grenze in die nahe Schweiz – zu seinem eigenen Erstaunen winkt man ihn ohne Kontrolle durch –, schlupft dort unter bei Freunden und lernt eine junge Frau kennen sowie sie und er sich lieben, ein bißchen wie Bonny and Clyde, halt nur nicht ganz so blutig, ja blutig sogar gar nicht – und schließlich, im Wortsinn, fährt das Paar in den Sonnenuntergang, was hier den Süden meint, wo es verschwindet. Ende des ersten Teils, dem nun der reflektierende folgt, der im Ansatz sogar eine gesamte Romantheorie entwirft.

Die Erzählung ist ein Staccato, die Sätze sind oft kurz, manchmal im Rhythmus extrem hart, zudem aus Umgangssprache („apper Arm“) und elaboriertem Code gemischt – was zu erzähltechnischen Problemen führt, die meistens auch gelöst werden. Doch bisweilen entgleisen die Sätze, sei's weil sich die grammatischen Notwendigkeiten widersprechen, sei's weil sich korrekter und unkorrekter, „alltagssprachlicher“ Umgang mit den Konjunktiven nicht vertragen. Gerade weil Schlinkerts Stilwille derart spürbar ist und oft auch zu erstaunlichen Formulierungen findet, wird, was anderswo überlesen würde, hier zum schmerzhaften Schock. Das riß mich jedesmal raus, etwa an folgender Stelle:

„Am selben Morgen um fünfe oder sechse in aller Frühe das Telefon im Flur auf dem Tischchen mit dem Deckchen unter dem runden Spiegel mit dem geschwungenen Rand aus Eisen und mit Beleuchtung.“

Daß die dreifache, erst einmal ungeschickt wirkende „mit“-Folge gerade durch das letzte Glied sich wieder aufhebt und sie dadurch irritierend schlüssig werden läßt, hebt den „Morgen um fünfe oder sechse in aller Frühe“ aber nicht ebenfalls auf, sondern da bleibt eine für den sonst vermittels so harter Schnitte gearbeiteten Text unangemessene Redundanz – wie uns am Finger ein Reißnagel stört.

Welch Jammer, daß hier kein Lektor wirkte, der selbst ein Stilist ist, oder eine solche Lektorin. Dennoch, unterm Strich eine Lektüre, die bleibt. Und ein Aufruf, dessen Recht wir zusehends vergessen, verdrängen – einer gegen das, was im Nachwort Martin A. Völker beschreibt:

„Er hört auf die in ihm aufbegehrende Natur wie auf den am Fenster sitzenden Vogel mit seinem freiheitlichen Lied. Das wäre uns Heutigen fast unmöglich, weil wir innen lediglich stressbedingtes Magengrimmen gewahren und die Singvögel aussterben. Uns bleiben nur die räudigen und verkrüppelten Stadttauben als Bild des versehrten Lebens.“

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 01.3.2020

Norbert W. Schlinkert
Tauge/Nichts
Erzählender Essay
Mit einem Nachwort von Martin A. Völker
Broschur, 96 Seiten
ISBN: 978-3-905846-56-0
edition taberna kritika, Bern 2020

Buch bestellen