Es erinnert an den finalen Trick eines Zauberkünstlers, wenn in einem filmischen Selbstporträt die Hauptperson sich ins Nichts auflöst. Die Regisseurin Agnès Varda, die 2019 starb, hat den Dokumentarfilm „Varda par Agnès“ ein Jahr zuvor gedreht und darin – angereichert mit herrlichen Details – die eigene Arbeit reflektiert. Jens Balkenborg hat den Abschiedsfilm gesehen.

Filmisches Selbstporträt einer starken Frau

»Varda par Agnès«

Ganz am Ende ihrer letzten filmischen Liebeserklärung findet Agnès Varda eine rührende Einstellung für die eigene Endlichkeit: Da sitzt die selbsternannte „Großmutter der Nouvelle Vague“ in einem Klappstuhl am Strand, für sie das „Gegenteil einer Mauer“, wie sie einmal im Film erklärt, ein Ort der Freiheit. Und beginnt, sich zu verflüchtigen, verschwindet langsam aber stetig in einem kräftiger werdenden Sandsturm.

„Ich glaube, so beende ich diese Plauderei. Ich verschwimme. Ich verlasse sie.“ Der Film endet und Agnès Varda ist weg, wenig später nach der Premiere im Wettbewerb außer Konkurrenz auf der Berlinale 2019 dann leider auch buchstäblich. „Ich muss mich darauf vorbereiten, auf Wiedersehen zu sagen“, waren ihre Worte, als sie in Berlin für ihr Schaffen mit der Berlinale Kamera geehrt wurde. Am 29. März 2019 verstarb Agnès Varda im Alter von 90 Jahren in Paris an Krebs. „Varda par Agnès“ ist so etwas wie ihr Vermächtnis.

Die Filmregisseurin Agnès Varda bei der Berlinale 2019
Foto: Martin Kraft / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)

Ihr Film ist ein wunderschöner, passender Abschied für die große Geschichtenerzählerin. Einer, der überhaupt nichts Schwermütiges in sich trägt, sondern der das Leben, das Kino und die Kunst feiert. Und einer, in dem die sympathische Frau, der man stundenlang einfach nur zuhören möchte, sich selbst feiert. Eine schnöde Selbstbeweihräucherung ist „Varda par Agnès“ dabei nicht geworden, sondern eine kluge, kenntnisreiche und immer unterhaltsame Auseinandersetzung mit dem eigenen Werk.

Stellte im Filmlektüre-Klassiker „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ Nouvelle-Vague-Regisseur François Truffaut dem englischen Meisterregisseur die Fragen, befragt Varda sich kurzerhand selbst. Sie sitzt auf der Bühne eines pompösen, bis auf den letzten Platz ausverkauften Theaters und beginnt, über ihre Idee vom Filmemachen und ihr Werk zu sprechen. Drei ihr wichtige Worte schiebt sie vorweg: zentral sei erstens die „Inspiration“, also der Zündfunke für einen Film, zweitens die „Kreation“, also der Schaffensprozess, und drittens das „Teilen“, schließlich mache man Filme nicht für sich alleine. Diese Worte werden im Laufe der 120 Minuten Spielzeit durchdekliniert.

Der Film folgt keiner strengen Chronologie, sondern ist vielmehr eine assoziative Reise. Die Regisseurin sitzt auf ihrem Regiestuhl mit der Inschrift „Agnès V.“ und erzählt. Etwa über „Cléo von fünf bis sieben“ (1961), ihren damals ersten erfolgreichen Film, in dem das Leben einer jungen Sängerin bei Proben und im städtischen Gewusel von Paris in Echtzeit zwischen 17.00 und 18.30 Uhr gefilmt wurde. Der Grund dafür: Kein Geld für Hotel- und Reisekosten oder langwierige Drehs.

Oder von ihrem Debüt „La pointe courte“ (1954), den die völlig unerfahrene Autodidaktin quasi aus der Hüfte geschossen hat. In dem Film prallen archaischer Fischeralltag in einem Dorf und das Beziehungsringen eines Paares aufeinander. Die Regisseurin erklärt dazu amüsiert, dass sie Fehler bei der Tonaufnahme gemacht habe, weshalb die Stimmen der Protagonisten immer gleich laut bleiben und dadurch fast schon über den schwarzweißen Bildern zu schweben scheinen.

„Varda par Agnès“ ist eine Montage aus verschiedenen Vorträgen an verschiedenen Orten, von denen aus es, den Ausführungen der charismatischen Regisseurin folgend, durch die Jahre geht. Während Varda ihren Schaffensprozess von der Idee bis zur formalen Ausgestaltung offenlegt, sind Setaufnahmen und zentrale Szenen aus den angesprochenen Werken zu sehen. Über „Vogelfrei“ (1985), die Geschichte einer Landstreicherin, sagt sie, sie wollte die Freiheit und den Schmutz filmen. Geschaffen hat sie ein „Porträt in Form von unterbrochenen Kamerafahrten“, wie sie erklärt. Einen Film in ständiger Bewegung über eine Frau auf der Suche nach grenzenloser Freiheit. Wie passend!

In der ersten Hälfte spannt das filmische Selbstporträt einen Bogen von 1954 bis 2000. Etliche Filme werden besprochen, auch Persönliches klingt an, etwa die Liebe zu ihrem Ehemann Jacques Demy, der ebenfalls Regisseur war und 1990 starb. Trotz ihres fluiden, sich scheinbar in jedem Film neu erfindenden Stils bekommt man ein Gefühl für Vardas „Filmschrift“, ihre „Cinécriture“, wie sie ihren Stil nannte. In Spiel- und Dokumentarfilmen gleichermaßen changierte sie zwischen künstlerischen Erzählweisen und dokumentierter Realitäten, ließ beides gerne auch ganz bewusst aufeinanderprallen und arbeitete mit assoziativen Sprüngen und Brüchen.

Filmend unterwegs: Agnès Varda. Foto: Screenshot Filmtrailer „Varda par Agnès“
Filmend unterwegs (Screenshot Filmtrailer)

Ab der Jahrtausendwende begeisterte Varda sich für die Vorteile der neuen, handlicheren Digitalkameras, die, wie sie erklärt, intimere dokumentarische Aufnahmen ermöglichten. Und sie betätigte sich verstärkt auch als bildende Künstlerin. Ganz wunderbar etwa ihre „Filmschuppen“, kleine Häuschen, „gebaut“ aus dem analogen Material ihrer alten Filme. Sie sind eine Verbeugung vor dem Alten und konservieren es zugleich in neuer Form. Aus dem Dokumentarfilm „Die Sammler und die Sammlerin“ (2000) über Menschen, die in der Stadt, auf dem Land, auf Feldern und Märkten die Überbleibsel der Ernten und der Verkaufsstände aufsammeln, ging die Installation „Patatutopia“ hervor. 2003 auf der Kunstbiennale in Venedig ausgestellt, zeigt das Triptychon aus drei Leinwänden das Leben, Verschrumpeln und Austreiben von Kartoffelherzen.

Immer ging es Agnès Varda um die Schönheit des Banalen; dieser starken Frau, die sich als einzige im ansonsten männlichen dominierten Kreis der Nouvelle-Vague-Vertreter durchsetzte, die rund 50 Spiel- und Dokumentarfilme machte, für „Vogelfrei“ als erste Regisseurin den Goldenen Löwen in Venedig gewann und sich selbst im hohen Alter noch neu erfand. Ganz verlassen wird sie uns nie.

Offizieller deutscher Filmtrailer zu „Varda par Agnès“

Der Text ist im „SchirnMAG“, dem Onlinemagazin der Schirn Kunsthalle Frankfurt, erschienen.

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Kommentare


Ingrid Fischer - ( 27-02-2020 11:02:12 )
Ach, die wunderbare Agnés, ich vermisse sie!!!!!!!!!!!!!!!!! Da ich jetzt in einer kleinen, alten Hansestadt an der Elbe lebe - ohne gutes Kino: Wo und wann und wie gibt es eine DVD von ihren letzten Filmen? auch dem allerletzten?!????

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erstellt am 20.2.2020

Filmplakat „Varda par Agnès“
Quelle: Filmverleih Film Kino Text, www.filmkinotext.de

Dokumentarfilm

Varda par Agnès

von Agnès Varda (1928-2019)

Frankreich 2018

Regie: Didier Rouget, Agnès Varda
Darsteller: Agnès Varda u. a.
Filmlänge: 115 Minuten
Kinostart: 6. Februar 2020

Französisch mit deutschen Untertiteln