Christoph Marthaler gehört zu den großen Zauberern des Theaters. Auch Marthaler-Kenner lassen sich gern von jedem neuen Stück überraschen und berühren. Zwei DVDs, eine, auf der mit Bezug auf die Universe Symphony von Charles Ives Marthalers „Universe, Incomplete“ – aufgeführt bei der Ruhrtriennale in Bochum – wiedergegeben ist, die andere mit einer Dokumentation von Anne-Kathrin Peitz, hat sich Thomas Rothschild bewundernd angesehen.

Doppel-DVD: Charles Ives

Fragen ohne Antwort

Christoph Marthaler hat im deutschen Theater seine Spuren hinterlassen. En passant wird er immer wieder mehr oder weniger einfallsreich kopiert. Wer seine Kunst freilich in ihrer ganzen Radikalität erfahren möchte, muss sich schon zu einer seiner Inszenierungen begeben. Bei der Ruhrtriennale 2018 hat er in der Bochumer Jahrhunderthalle die (unvollendete) Universe Symphony von Charles Ives, ergänzt mit weiteren Stücken des Amerikaners, unter dem Titel „Universe, Incomplete“ szenisch illustriert. Er hat (wieder einmal) ein geniales Theaterereignis hervorgebracht und zugleich auf einen Komponisten hingewiesen, der bei uns immer noch unterschätzt wird.

Die stummen, sprechenden, singenden Darsteller zelebrieren, wie wir es von Marthaler kennen, choreographierte langsame Gesten und Bewegungen, die sich einer naturalistischen Deutung entziehen. Einmal mehr nutzt Marthaler die erschreckende Komik des „Stoneface“, wie wir sie von Buster Keaton kennen. Seiner Bühnenbildnerin Anna Viebrock steht diesmal eine überdimensionale Halle zur Verfügung, die sie mitsamt ihrer vergammelten Industriepartikel auf faszinierende Weise nutzt.

Der Komponist oder vielmehr ein Schauspieler in seiner Maske gesellt sich zum Ensemble. Auch die Musiker und der Dirigent sitzen und stehen mitten im Raum oder durchschreiten ihn und sind Teil der Arrangements. Wer sich bei jedem visuellen und sprachlichen Detail fragt, was es bedeuten soll, was es uns sagen will, gerät, wie bei einem Bild von Kandinskij, wie bei einem Text von Chlebnikov, auf Glatteis. Es ist, was man sieht oder hört, selbstwertig. Raymond Queneau oder Gerhard Rühm sind da näher als das Theater als moralische Anstalt. Marthaler arbeitet wie Ives in seiner Musik mit Zitaten, die aus dem ursprünglichen Zusammenhang gerissen werden.

Trailer „Universe, Incomplete“, Ruhrtriennale 2018

Die DVD macht aus dem Raumtheater durch wechselnde Einstellungen, sparsame Schwenks, Kamerafahrten und Zooms einen Film. Dagegen ließe sich manches einwenden, aber es ist so intelligent realisiert, dass man es als zweitbeste Lösung kennzeichnen und ihm zugutehalten muss, dass er ein Meisterwerk auch jenen zugänglich macht, die 2018 nicht ins Ruhrgebiet reisen konnten.

Am Ende von „Universe, Incomplete“ erklingt „The Unanswered Question“. Dieses bekannteste, nur acht Minuten lange Werk von Charles Ives liefert die Anregung für den Titel einer Dokumentation von Anne-Kathrin Peitz, die auf einer zweiten DVD enthalten ist.

P.S.: Als ich vierzehn Jahre alt war, schenkten mir meine Eltern ein EUMIG Radio mit eingebautem DUAL Plattenspieler und drei Schallplatten für den Anfang. (Der Plattenspieler hat mich 20 Jahre lang begleitet.) Im Amerikahaus konnte man Schallplatten ausleihen. So lernte ich frühzeitig neben Barber, Copland oder Menotti auch Charles Ives kennen. Es sind solche Zufälle, die einen für ein ganzes Leben prägen. Ich habe seither dazugelernt. Aber das Amerikahaus hat zu meiner musikalischen Sozialisation beigetragen wie später ein Studienjahr in Moskau. Und meinen Eltern muss ich dankbar sein, dass sie, die selbst nie einen Plattenspieler besessen haben, mir mit vierzehn die Möglichkeit gaben, Musik zu hören, die in den Konzerten der Jeunesses Musicales nicht gespielt wurde.

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erstellt am 06.2.2020

Charles Ives
Universe, Incomplete // The unanswered Ives

2 DVDs
Accentus Musik, ACC 20434
DVD1: Universe, Incomplete. Szenisches Projekt von Christoph Marthaler, Titus Engel und Anna Viebrock, Ruhrtriennale 2018
DVD2: The Unanswered Ives – Pioneer in American Music. Dokumentarfilm von Anne-Kathrin Peitz

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