Muss die Gefahr, Arbeitsplätze zu verlieren, gegen den Klimaschutz in Stellung gebracht werden? Sprecher der Industrie tun das gewöhnlich. Was aber tut die Gewerkschaft? Peter Kern hat in seiner Glosse „Hey Joe“ am Fall Siemens die Schwachstellen und im Fall Fridays for Future die Chancen beschrieben.

Friday for Future und der Big Boss der Siemens AG

Hey Joe

Der Konflikt um die australische Kohlemine und den Beitrag der Siemens AG, diese und in ihrem Gefolge sechs weitere Gruben auszubeuten, hat Friday for Future (FFF) an einen Wendepunkt gebracht. Nimmt sich die Bewegung künftig die ökonomischen Kräfte der Naturzerstörung als Adressaten ihres Protestes vor oder belässt sie es dabei, auf nationale und supranationale staatliche Institutionen Einfluss nehmen zu wollen. Gegenwärtig fliegen den jungen Aktivistinnen und –aktivisten die Sympathien nur so zu. Wird das so bleiben, wenn sie die Flaggschiffe der deutschen Ökonomie attackieren? Friday for Future wird die Zusammenarbeit mit den Beschäftigten und deren Repräsentanten suchen müssen, wenn der Klimaprotest zu einem Erfolg werden soll.

Diese Zusammenarbeit, eine keineswegs verwegene Vorstellung. Auf dem letzten Aktionstag der IG Metall in Stuttgart, der 20 Tausend Beschäftigte in ihrer Forderung nach einem an ihren Beschäftigteninteressen orientierten Strukturwandel zusammenbrachte, war FFF mit einer klugen Solidaritätsadresse vertreten. Die brachte zum Ausdruck, dass man beides, das Jobinteresse und das am Klimaschutz, für existentiell erachtet. Die Erklärung räumte bei den Demonstranten mit dem Vorurteil von den Mittelstands-Kids auf, die die Zukunft der Rhein-Neckarregion in ihrer Wiederaufforstung sehen.

Abzubauende Vorurteile wird es wohl auch auf Seiten der Jungen geben. Ihnen gilt es zu vermitteln, was auch mancher eingefleischte Altöko nicht wahrhaben will: In den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen von Bosch, Daimler, Continental und Siemens sitzen genügend Ingenieure, denen das ewige Entwickeln von tonnenschweren SUV’s, von Technologien mit unverantwortbaren Folgen, schon lange gegen den Strich geht. Sie machen ihre private Technikfolgeabschätzung und die ist im Ergebnis oft genug negativ. Warum sie ihren Job dennoch tun? Die noch die Schulbank drücken, können nicht wissen, was das Wort Direktionsrecht bedeutet. Betriebsräte, Gewerkschaften müssen es ihnen erklären und auch, was Mitbestimmung ist und wie rasch sie an ihre Grenze stößt.

FFF hat in den Wissenschaftsarbeitern der Unternehmen mehr Verbündete als Widersacher. Hier wird mit Vorliebe grün gewählt. Hier trübt sich das Betriebsklima sofort ein, wenn der Vorstand zum Beispiel beschließt, aus der Forschung für die Festkörper-Batterie auszusteigen, wie bei Bosch geschehen. Ein sinnvoller Technikpfad wird nicht weiter beschritten, weil der Hype ums autonome Fahren, von dem kein Mensch weiß, ob er mehr als ein weiteres Gadget produziert, alle Budgets aufsaugt.

Die Vorstandsvorsitzenden, die längst CEOs heißen, wissen, dass Zwang auf Dauer keine gute Idee ist, um ihre angestellten Naturwissenschaftler bei der Stange zu halten. Zum Direktionsrecht muss Sinnvermittlung dazukommen. Wo aber der gesellschaftliche Nutzen von Forschung und Entwicklung nicht mehr einleuchtet, da wird es für den Vorstand eng. Joe Kaeser hat alle Hände voll zu tun, nicht nur um die Öffentlichkeit draußen, sondern auch drinnen, die innerbetriebliche, zu beschwichtigen. Er sucht das Gespräch, wie die Floskel heißt, aber er findet es nicht. Der Vertreterin von FFF, Frau Neubauer, hat er einen langatmigen Vortrag gehalten.

_Joe Kaeser, 2014_   -Foto: Wikipedia/Kremlin.ru [CC BY (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)]]-
Joe Kaeser, 2014. Foto: Wikipedia/Kremlin.ru

CEOs sind Gesamtkunstwerke. Ihr fachlicher Background ist zweitrangig, für Vertrieb, Vertragsrecht, Finanzen, Forschungsstrategien haben sie ihre Fachleute. Ihre Funktion ist es, die Corporate Identity des Hauses, neuerdings auch gerne Purpose genannt, zu repräsentieren. Jede Angestelltengeneration hat die zu ihr passenden obersten Chefs. Ein Herr von Pierer an der Spitze der Siemens AG ist heute undenkbar. Viel zu seriös, zu zugeknöpft, schon vom Namen her auf Distanz haltend. Joe Kaeser war für die 10er Jahre die Idealbesetzung.

Josef Käser hat nach seiner US-Karriere nicht nur seinen Namen geändert, sondern auch die Unternehmenskultur bei Siemens. Löscher, sein Vorgänger, scheiterte an einem Konzept, nach dem man sich im Hause Siemens heute die Finger lecken müsste. Löscher wollte den Konzern in Parallele zur sog. Energiewende umbauen: grüne Energieversorgung für die Megacitys der Welt als wichtigste Säule des Geschäfts. Da sich dieses Konzept nicht gleich in steigenden Dividenden niederschlug, musste er nach zwei Gewinnwarnungen gehen. Die Unterstützung der Betriebsräte und der IG Metall für sein Konzept hatte er, aber es hat ihm nichts genutzt. Die Fondsmanager mit ihrem großen Siemens-Aktienpaket haben über ihm den Daumen gesenkt.

Mit dem distinguierten Österreicher Löscher hatten die Siemensianer eher gefremdelt. Kleinefeld, sein Vorgänger, sollte dem Shooting Star der Nullerjahre, der New Economy, Paroli bieten, war aber nicht einmal in der Lage, eine attraktive Handysparte auf die Beine zu stellen. Jugendlichkeit erwies sich als nicht ausreichende Qualifikation. Joe gilt den Siemensangestellten als einer der ihren. Er tritt als das hemdsärmelige, niederbayrische Eigengewächs auf. Er gibt sich so, wie ein heutiger Angestellter sich selbst mit Vorliebe sieht: witzig, schlagfertig, einen Spruch raushauend. Bespielt er die innerbetriebliche Bühne, lässt er gerne mal Hey Joe, den Jimi Hendriks-Klassiker, zum Auftakt laufen (für seinen Erstauftritt nach dem Löscher-Abgang waren die Beatles dran: Take a sad song and make it better). Auf der politischen Bühne gilt er als Merkels Lieblingsmanager. Keiner durfte so oft wie er die Regierungsmaschine besteigen und mit der Kanzlerin auf Verkaufstour gehen.

Aber die Zeit geht jetzt langsam auch an Joe vorbei, und sein Desaster mit der Adani-Mine wird den Abgang beschleunigen. Kaeser verlautbarte, mit der Vertreterin der kritischen Öffentlichkeit kommunizieren zu wollen, aber er ist praktizierender Systemtheoretiker, kein Mann der kommunikativen Kompetenz. Die verlangt, dass man zum Perspektivwechsel fähig ist, also die Argumentation des Gesprächspartners nachvollziehen kann. Zuhören ist dafür vorausgesetzt, Monologe sind weniger gefragt.

Für einen Systemtheoretiker ist das Argumentieren im Subsystem Ökonomie eine der anthropologischen Ausstattung des Menschen geschuldete, aber eigentlich überflüssige Kulturtechnik. Der Mensch ist nun mal mit dem Sprachorgan ausgestattet, da kann man nichts machen. Habermas hat in seinem gerade erschienenen Spätwerk die Theorie seines Kontrahenten Luhmann noch einmal treffend geschildert. Wie in der Biologie soll es auch in der Gesellschaft zugehen: Anpassung der Arten an ihre Umwelt via Lernprozess. Wer nicht lernt, sich den ökonomischen Erfordernissen anzupassen, wird zur Strafe zum Dinosaurier. Die aufgeworfenen Fragen ökologischer Verantwortung werden im Luhmannschen Theoriegebäude ‚normativ neutralisiert‘ (Habermas).

Man wird in diesem Drama das Gefühl nicht los, dass Joe Kaeser sich gerade selbst neutralisiert. Dass er die Krawatte bei den Presseterminen neuerdings ablegt, charmant mit dem Chefredakteur der ZEIT plaudert (der ihm nicht wirklich auf den Zahn fühlt), reißt die Sache nicht raus; das abgegebene Dinosaurierbild lässt sich nicht mehr korrigieren. Kaeser und die Seinen sind im Falle des Australiengeschäfts Opfer ihrer eigenen Unternehmenskultur geworden. Unternehmenskultur ist die Masche, ein knallhartes systemtheoretisches Gebilde in eine Oase der Lebenswelt umzudeuten. Für die Corporate Identity, die sogenannte Unternehmensphilosophie, braucht es stets einen externen Feind. (in Die Angestellten zwischen Büroalltag und Fluchtphantasie, Verlag Westfälisches Dampfboot, hat der Autor die Wirkungsgeschichte dieser Personalpolitik beschrieben). Das ist im Falle Siemens das US-amerikanische Unternehmen GE. Um ihren Leuten Beine zu machen, halten die obersten Chefs den Siemens-Angestellten seit Jahr und Tag General Electric vor. Angeblich machen die alles besser, haben die höhere Gewinnmarge, haben sich zeitiger vom wenig profitablen Konsumgütergeschäft getrennt und sich zum lupenreinen Investitionsgüter-Konzern gemausert. GE bei einem Projektgeschäft auszustechen, gilt als das höchstes der Siemens-Gefühle. In Australien ist das bei dem Auftrag, die Signaltechnik für die Bahnlinie vom Minenbecken bis zum Hafenbecken zu liefern, gelungen. Das Volumen des Auftrags: Peanuts, wie man in Frankfurter Bankierskreisen sagt, der Imageschaden jetzt riesig. Was hat die apokalyptische Feuersbrunst in Australien mit der Kohle und ihrer Verstromung zu tun? Nichts, so der für die Bodenschätze des Landes zuständige konservative Minister, der bei Kohle nur an den milliardenschweren Gegenwert seiner Bodenschätze denkt.

In Klammern gesagt: Die Konkurrenz mit GE war auch der Grund, es dem Rivalen gleich zu tun und sich von der Hausgeräte-Sparte zu trennen. Es macht keinen Sinn, die Siemens AG treffen zu wollen und den Kauf ihrer Kühlschränke, Waschmaschinen und Elektroherde zu boykottieren. Es trifft die Falschen, eine GmbH, die längst an die Bosch-Gruppe verkauft ist und sehr früh begann, höchst energieeffiziente Haushaltsgeräte zu produzieren, die BSH. Es wäre fatal, wenn die Schrauberinnen in Giengen und Traunreut (es sind meist Frauen) ausbaden müssten, was die Siemens-Riege in München, am feinen Wittelsbacher Platz, verbockt hat. FFF sollte diesen Boykottaufruf dringend korrigieren, und den Fauxpas zum Anlass nehmen, sich künftig im Vorfeld seiner Aktionen mit den Belegschaftsvertretern auszutauschen.

Der Siemens-Konzern ist mit seinem Desaster dort wieder angelangt, wo er Anfang der 10er Jahre stand. Zurück auf Anfang, könnte man sagen. Wohnt auch einem solchen Anfang noch ein Zauber inne und worin kann er bestehen? In der klugen Zusammenarbeit der neuen Umweltbewegung mit den etablierten Institutionen der Betriebsverfassung und mit dem Ziel, aus dem Flaggschiff der deutschen Wirtschaft einen Konzern zu machen, für den das Adjektiv grün mehr wäre als ein von der PR-Abteilung ausgedachter Werbeclaim. Das wäre wirklicher Purpose.

Die Konzernlenker der deutschen Großkonzerne suchen in ihrer gegenwärtigen Argumentationsnot, entstanden aus dem Missverhältnis zwischen beschworener Umbruchszeit und fehlender, wirklicher Tatkraft, händeringend nach Auswegen. Mehr Frauen in die Vorstände, fällt ihnen da plötzlich ein. Feminisierung, das macht sich fast so gut wie Digitalisierung. FFF wird klug genug sein, symbolische Politik von wirklicher zu unterscheiden. Ob Geschäftsmodelle etwas taugen, entscheidet sich nicht daran, ob eine Frau oder ein Mann den Geschäftsbereich verantwortet.

Das von Marx im Vorwort des Kapitals geprägte Wort von der Charaktermaske meint eine geschlechtsunspezifische Kategorie. Wo die Individualität, die guten Absichten, das moralische Korsett einer Person ihrer ökonomischen Funktion nachgeordnet sind, spielt auch das Geschlecht keine Rolle. Was die Person in der konzerninternen Arbeitsteilung zu tun hat, ist stärker als das, was sie als Individuum gerne vorstellen möchte. Dass die von den Lehman Brothers ausgelöste letzte große Weltwirtschaftskrise ausgefallen wäre, wenn die Lehman Sisters den Laden geschmissen hätten, wie Frau Lagarde behauptet hat, ist eine ziemlich gewagte These.

Wenig überzeugend ist auch die gegenwärtig redundante Anklage des alten weißen Mannes. Als solcher steht jetzt auch Joe Kaeser da, aber die analytische Kraft dieser Floskel tendiert Richtung Null. Sie soll Milieu-Zugehörigkeit signalisieren, und ist der Niederschlag pseudolinker Gedankenlosigkeit. Man wird nicht zur antikolonialen Befreiungsfront, indem man sich in die Mitte des 20. Jahrhunderts und in die 3. Welt beamen will. Kapitalismuskritik ist eine ziemlich anspruchsvolle Angelegenheit, mit Phrasen ist da nicht weiterzukommen. Jung zu sein, ist im Übrigen kein ontologischer Vorzug, oder, um es mit dem alten Karl Valentin zu sagen, „Ich war vielleicht mal jünger als Sie“.

Die gute Presse für die Klimaaktivisten wird nicht von Dauer sein. Der Protest trifft aktuell auf große Resonanz, weil der Grad an Beschäftigung und die konjunkturelle Lage wenig besorgniserregend erscheinen. Entgegen einer kruden Krisentheorie haben den Horizont öffnende Bewegungen nicht während einer Krise, sondern in ökonomisch stabilen Zeiten Rückenwind. Ohne einem schiefen Vergleich das Wort zu reden: Das war Ende der 60er Jahre nicht anders. Dreht sich der ökonomische Wind, überlappen sich Rezession und misslingende Transformation, dann wird schnell Schluss sein mit der massenhaft publizierten Sympathie für die Klimaschützer. Dann wird auf Teufel komm raus das produziert, was der Weltmarkt noch abnimmt, nicht was dem Weltklima zugutekäme.

Für den Epochenumbruch, der von der alten Antriebs- und Energietechnik zu intelligenten Lösungen führen soll, existiert ein Momentum. Das Wort verweist darauf, wie schnell die Chance vorbei sein kann. Dass sie genutzt wird, hat die Kooperation betrieblicher und außerbetrieblicher Akteure zur Voraussetzung. Die Jungen, die die Moral und die Straße auf ihrer Seite haben, müssen im Schnelldurchgang lernen, dass man, wenn man sich mit den Konzernen und ihren Chiefs anlegt, gute Verbündete braucht. Die klassischen Akteure in den Konzernen, die die defizitären Mitbestimmungsrechte auf ihrer Seite haben, müssen lernen, in Friday for Future ihre Kinder zu sehen, die ihr Interesse an einer karbonfreien Industrie teilen und ihnen im Streit um entsprechende Arbeitsplätze beiseite stehen können.

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erstellt am 04.2.2020

Fridays for Future demonstriert gegen Siemens
Foto: Fridays for Future Deutschland