Im Neusser ‚Theater am Schlachthof‘ debütierte am 31. Januar 2020 ein Solostück – halb Musical und halb Therapiegeschichte –, das es in sich hat. Die Stumme Jule von und mit Marlene Zilias gesehen und gehört hat Bruno Laberthier.

„Die Stumme Jule“ in Neuss

Stimmig

Am Anfang steht die Castingshow. Mit einem Coversong von Whitney Houston will Jule den Durchbruch in die Glitzerwelt des Privatsender-gesponserten Daseins als C-Promi schaffen. Dann versagt ihr beim Auftritt vor einem Millionenpublikum die Stimme. Sie sucht Rat und Hilfe bei einer Fachkraft, lässt sich ein auf eine Therapie – und findet unter Hypnose zu ihrer Stimme und in ihr bisheriges Leben zurück.

Zum Glück für Jule, denn ihre Therapeutin kitzelt einiges an Verschüttetem aus der Stimmblockierten heraus, die in Trance wieder zu reden und singen vermag. Eine komplizierte, aber nicht hoffnungslose Mutter-Tochter-Beziehung kommt zum Vorschein, der Drill auf ein Streichinstrument, der Jule mit Dreizehn das erste Mal versagen lässt, und der falsche Mann im Leben, der ihr ein Kind andreht und sich dann ausklinkt, um im Fernsehen „den FC“ zu sehen. Auch als Flugbegleiterin landet Jule auf den Flughäfen von Eskapade und Fuerte Aventura, und nicht im inneren Gleichgewicht.

Bandbreite

Ein Glück ist der dramaturgische Kniff mit dem Sprechen-, Singen- und dazu virtuos Geige spielen können unter Hypnose auch für das Publikum im Neusser ‚Theater am Schlachthof‘, wo das Solostück zu zweit am 31. Januar 2020 Premiere hatte (bis Anfang März stehen weitere Aufführungen an). Denn was die 32jährige Marlene Zilias, die mit dem Stück ihre Premiere als Stückeschreiberin vorlegt und dabei einen Mix aus Therapiegeschichte und Musical präsentiert, und die kongeniale Pianistin (und „Therapeutin“) Maren Donner vorlegen , gehört gesehen und gehört.

Marlene Zilias beherrscht die drei Ausdrucksformen schlicht virtuos: Sie schauspielert sich mit dieser Bandbreite durch die Höhen und Tiefen eines ihr selbst auf den Leib geschneiderten Lebens als vom Vater ihres Kindes versetzte und dafür viel zu devote Mutter-in-spe oder im übertragenen Sinne abstürzende Stewardess. Sie hat Stimmausbildung in der Kehle und damit die Stimme, mit der sie sich und das Publikum durch passend in die Storyline eingepasste Abfolge von Songs trägt, „Just the Two of Us“ oder als Dann-doch-Dankesgeste an die Mutter „Thank you for the Music“ von Andersson/Ulvaeus, a.k.a. ABBA. Und sie greift zu Bogen und Geige. Faszinierend und fesselnd wirkt das Ganze. Das Publikum dankt es ihr, Maren Donner und der Regie von Marika Rockstroh mit anhaltendem Applaus. Die Belohnung wiederum dafür folgt auf dem Fuß, es gibt nicht nur ein Encore.

Marlene Zilias und Maren Donner in Neuss Foto: J. Ritters

Kleinbühne – und mehr

Das Theater in Neuss wird so zum genau richtigen Ort für die Premiere. In der Schuhkartongröße seiner 80 Plätze entfalten sich das Können und die Künste von Marlene Zilias und Maren Donner ideal. Man spürt zugleich ein stückeschreiberisches und musikalisches Potential, das weit über das Kaliber Kleinbühne hinausgehen dürfte. Konsequent und in diesem Sinn stimmig wäre es, wenn andere Bühnen – größere – sich Die Stumme Jule nicht entgehen lassen.

Vorstellungen

9. Februar, 1. März 2020

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erstellt am 02.2.2020

„Die Stumme Jule”, Theater am Schlachthof/TAS Foto: J. Ritters

Theater

Die Stumme Jule

Musikalisches Solo zu zweit
Von und mit Marlene Zilias

Schauspiel, Gesang, Geige: Marlene Zilias
Am Piano: Maren Donner
Regie: Marika Rockstroh

Theater am Schlachhof, Neuss