Was geschieht, wenn das Theater als moralische Anstalt seine Moral verliert? Und das postdramatische Theater sich selbst? Heiner Müllers „Quartett“ im Frankfurter Kammerspiel stellt, folgt man dem Bericht von Martin Lüdke – vielleicht ungewollt – die Frage nach dem Verfallsdatum der eigenen fortschrittlichen Position.

Heiner Müllers „Quartett“ im Frankfurter Kammerspiel

Geiles Gackern in Rokoko-Kostümen

Er lebte im Osten und wirkte im Westen. Nachdem der Reale Sozialismus seine Illusionen zerstört hatte, die neue Gesellschaft zum Trauerspiel wurde, bog Heiner Müller in die Geschichte ab.
Er galt als Prophet der Postmoderne und wurde als Zyniker bekannt.
Er hat unser Theater verändert. Robert Wilson hat ihm unvergessliche Inszenierungen beschert. Aber das alles ist nun selbst Geschichte geworden.
Und was ist geblieben? Was sagt uns heute die Bearbeitung eines Stoffs aus dem vorrevolutionären Frankreich des 18. Jahrhunderts?

Es beginnt mit leichter Verzögerung. Nach einer knappen Stunde ist alles wieder vorbei. Passiert ist nichts. Es wurde geredet. Viel, fast unaufhörlich. Anzügliche Reden, dekadentes Geschwätz. Geiles Gegacker. Trotzdem kam keinerlei Langeweile auf. Heiner Müller hat mit seinem „Quartett“ den Briefroman von Choderlos de Laclos, „Gefährliche Liebschaften“, für die Bühne bearbeitet und die Dekadenz des vorrevolutionären Frankreich mit den Auflösungserscheinungen spätkapitalistischer Gesellschaften verschränkt. Und Miloš Lolić, der aus Serbien stammende Regisseur, der schon Elfriede Jelineks „Am Königsweg“ in Frankfurt inszeniert hatte, setzt diese Vorgaben (sozusagen) choreographisch um.
Bewegung statt Deutung.

Die beiden Partner des Briefromans, die Marquise de Merteuil und der Vicomte de Valmont, werden in der Frankfurter Aufführung ergänzt durch die jungfräuliche Nichte der Merteuil und die gottesfürchtig fromme und entsprechend züchtige Madame de Tourvel. Beide sind bei Laclos wie bei Müller nur in den Plänen, Absichten und Hoffnungen, also in der Vorstellung der beiden Protagonisten präsent. In Frankfurt stehen sie jetzt zwar leibhaftig, doch mit verschwimmenden Identitäten auf der Bühne.

Der Vorhang hebt sich. Die Bühne, nur schwach beleuchtet, ist fast leer. Und fast dunkel. Kein Stuhl, kein Tisch, nichts. An der Rückwand hängt allerdings eine große Tafel mit zwölf aus Leuchtstäben zusammen gesetzten Gebilden, die wie Steuerräder aussehen. Zeitweise, dann oft nur teilweise drehen sich diese Stäbe. Teilweise leuchten sie zeitweise. Sie sollen offenbar Bewegung in die Sache bringen. Heiner Müllers Vorstellung zufolge spielt sich das Geschehen vor der Französischen Revolution UND nach dem Dritten Weltkrieg ab.
Das alles sollte man wissen, bevor es losgeht.

Aber erst einmal sitzen wir ja noch vor der (fast) leeren Bühne. Doch dann bewegt sich ein dunkler Block, drei eng zusammen hockende Frauen, in schwarzen, ausgreifenden Rokokokostümen, die sich langsam und schwankend hin und her bewegen. Dann wird noch ein ebenfalls schwarz gekleideter Mann neben der Tafel an der Rückseite sichtbar, der mehr und mehr aus dem Boden wächst, bis er sich schließlich auf die Bühne rollen kann. Und – sich als Merteuil entpuppt, Gegenspieler von Valmont, die einst wohl seine Geliebte war.

Miloš Lolić, der Regisseur, hat das Müllersche Personal verdoppelt. Drei Frauen und ein Mann, wobei einer der Männer eine Frau spielt und entsprechend verkleidet ist, was aber schon deshalb keine Rolle spielt, weil keiner der vier überhaupt eine identifizierbare Rolle spielt.

Die Figuren reden kaum miteinander, gelegentlich übereinander. Sie deklamieren auf weite Strecken im Chor den Müllerschen Text. Die einzelnen Stimmen, die sie zwischendurch sprechen, lassen sich weder einer identifizierbaren Person noch einem Geschlecht zuordnen.

Die Diffusion ist Prinzip.

Anna Kubin, Sebastian Reiß, Stefan Graf, Sarah Grunert Foto: Robert Schittko

Diese Vielstimmigkeit soll der Dramaturgin Katja Herlemann zufolge daran zweifeln lassen, dass es sich bei Müllers Figuren noch um „fiktionale Subjekte“ handeln kann. Ihr Vorhaben ist sicherlich gelungen. Tatsächlich ist die Auflösung der Identitäten bei Müller bereits angelegt. Der Dialog der beiden, die einst eine Affäre miteinander hatten, zeigt eine Beziehung, die nicht nur alle konventionellen Beschränkungen hinter sich gelassen hatte, sondern ebenso von den Gefühlen der Partner abgekoppelt ist und sich damit in einer moralfreien Zone bewegt.

„Sie sollten mich besser kennen. Verliebt. Ich glaubte uns einig, daß, was Sie Liebe nennen, eine Domäne der Domestiken ist. Wie können Sie mich einer so niedrigen Regung für fähig halten. Das höchste Glück ist das Glück der Tiere. Selten genug, daß es uns in den Schoß fällt. Sie haben es mich empfinden lassen von Zeit zu Zeit, als es mir noch gefiel, Sie dafür zu gebrauchen, Valmont, und ich hoffe, Sie gingen nicht ganz leer aus dabei.“

So steht es bei Müller. So schallte es über die kahle Bühne. Nicht gespielt. Nur deklamiert.

Nur, fragt sich, wozu? Das postmoderne Theater ist selbst historisch geworden.
Wie begründet sich heute diese vermeintliche Radikalität? Die Auflösung von Identitäten und Geschlechterrollen? Müller , und mehr noch die Inszenierung seines „Quartetts“, erinnert hier an die apodiktische Behauptung von Adorno in der „Minima Moralia“: „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“. Um diese Einsicht zu begründen, hatte Adorno dann später seine „Negative Dialektik“ geschrieben. Und sie, die Einsicht, damit zugleich wieder aufgehoben.

Die Amoralität des Adels im vorrevolutionären Frankreich, die Müller diagnostiziert und auf die spätbürgerlichen Verhältnisse übertragen will, ist in der Französischen Revolution, und zwar spätestens in ihrer Spätphase, unter der Guillotine, aufgehoben worden. Müllers Übertragung auf unsere Gegenwart bleibt deshalb problematisch.

Die Proklamation wird zur Deklaration.

„Valmont: Ich glaube, ich könnte mich daran gewöhnen, eine Frau zu sein, Marquise.
Merteuil: Ich wollte, ich könnte es.“

Lolićs Inszenierung kümmert sich letztlich nicht um solche Fragen, sie choreographiert Müllers Text und erspart sich damit dessen Interpretation. Die Verdoppelung des Personals trägt nichts zum Verständnis bei. Im Chor wird die (durchaus problematische) Individualität nämlich nicht aufgehoben, sondern nur verdoppelt. Das heißt: Es geht los. Es wird geredet. Und es passiert – nichts. Und am Ende, nachdem die ganze Zeit geredet wurde, war immer noch nichts passiert.

Immerhin gab es freundlichen Beifall. Die Stunde, die das Ganze dauern sollte, war allerdings auch keine sechzig Minuten lang.

Vorstellungen

2., 3. und 23. Februar 2020
(ausverkauft, evtl. Restkarten an der Abendkasse)

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erstellt am 27.1.2020

„Quartett“ von Heiner Müller Foto: Robert Schittko

Theater

Quartett

von Heiner Müller

Regie: Miloš Lolić
Bühne: Hyun Chu
Kostüme: Jelena Miletić
Musik: »Jung An Tagen«

Besetzung: Stefan Graf, Sarah Grunert, Anna Kubin, Sebastian Reiß

Schauspiel Frankfurt