Mit der Aufführung von Tristan und Isolde begeben sich die Künstler in Lebensgefahr. In München erlitten die Dirigenten Felix Mottl (1911) und Joseph Keilberth (1968) jeweils im zweiten Aufzug tödliche Herzinfarkte. Der erste Tristan, Ludwig Schnorr von Carolsfeld, starb völlig unerwartet nach der dritten Aufführung mit gerade erst 29 Jahren am 21. Juli 1865. Die Künstler der Frankfurter Neuinszenierung überlebten die beeindruckende Premiere. Andrea Richter hat sie sich angeschaut.

„Tristan und Isolde” in Frankfurt

Monumentales Kammerspiel

Vier Stunden mit einem unaufgelösten, x-fach variierten Akkord und einer, entgegen der Werksbezeichnung, kaum vorhandenen äußeren Handlung leben zu müssen, ist schon für die Zuschauer schwer. Für die Regie eine Herausforderung und für die Künstler*innen ein ultimativer Härtetest. Nirgendwo sonst im Musiktheater kommt es wohl so sehr auf kluge Dosierung an wie im Tristan. Vor allem der Dirigent muss die Gefühlsmassen Wagners so im Griff haben, dass alles in der Musik Angelegte erlebbar ist und doch weder Zuschauer noch Sänger überfordert werden. GMD Sebastian Weigle gelang es vorzüglich: Gezügeltes und doch vorhandenes Schwelgen, wohl kalkulierter Rausch, klares Akzentuieren und Konturierungen musikalischer Elemente, klanggewaltiges Aufbrausen und sinnenbetörende Zartheit, Kammermusik und Sinfonie. Alles da, immer im Dienst des Gesangs.

Klug auch die Regie von Katharina Thoma. Sie siedelt das Geschehen als Kammerspiel eines Paares, das keine Beziehung leben kann, in der Moderne an. Mit gutem Grund. Denn die psychologische Problematik der Protagonisten hat heute so viel Kraft und Relevanz wie zur Zeit der Entstehung. Und das zentrale Klanggebilde des Werks, der Tristan-Akkord f-h-dis-gis mit all seinen Ausformungen, stieß die Tür zur musikalischen Moderne auf. Wie ein finsteres, nicht zu packendes, sich immer wandelndes Monster hat er sich an der Seite Tristans, manchmal auch an seiner Stelle, in die helle Umgebung eingenistet. Tristan ist ein Borderliner, der Menschen in seinen Bann zieht (Kurwenal, Marke, Melot) und dem hoch sensible Menschen verfallen können. Solche wie Isolde, jung und instabil in ihren Gefühlen. Sie hat sich unsterblich in ihn verliebt, säuft mit ihm und hat sich von seiner Todessehnsucht anstecken lassen. Solche Typen kennt man aus der Drogenszene. Sie leben mitten unter uns (die helle Welt) in einem Paralleluniversum, in einer unkontrollierbaren Gefühlswelt (die dunkle Welt). Thoma zeigt sie und die Konsequenzen für die Mitmenschen in einer schlüssigen und minimalistischen Inszenierung.

Zum Vorspiel öffnet sich der schwarze Vorhang und gibt, man glaubt es kaum, einen komplett weißen Bühnenraum frei. Oben ein Kranz aufrechter Neonleuchten, unten Türen in regelmäßigen Abständen. Sonst nichts. Heller geht es nicht. Die Musik, der Hauptdarsteller, hat Raum zur Entfaltung. Langsam senkt sich eine schwarze Hängebühne (die dunkle Welt) in diesen Raum ohne den Boden zu berühren. Darauf ein schwarzes Boot, in ihm Tristan liegend, Isolde schlafend auf dem Boden daneben.

Erster Aufzug

Aus einer der Türen tritt ein Seemann (Michael Porter, Tenor) und füllt nun den nun zartblauen Raum mit seiner klaren Stimme. Isolde (Rachel Nicholls, Sopran), in einem dicken, rostroten Daunenmantel, erwacht. Die Hängebühne schwankt leicht. Brangäne (Claudia Mahnke, Sopran) kommt im petrolblauen Kleid mit Hütchen und Rollkoffer gut gelaunt durch eine andere Tür herein. Unauffällig stabilisiert sie mit der Hand die schwankende Bühne. Tut damit das, worin sie ihre Aufgabe sieht, Isoldes Absturz zu verhindern. Mahnke vom ersten Ton an stimmlich und schauspielerisch brillant. Rachel Nicholls Isolden-Sopran kontrastiert mit dem Mahnkes: höher, fragiler und zerrissener. Das passt wunderbar zur jungen, wütenden, verzweifelten Frau auf ihrer abgehoben schwebenden Gefühls-Bühne. Christoph Pohl (Bariton) verspricht vom ersten Moment an, einen starken Kurwenal abzuliefern und wird dieses Versprechen bis zum Schluss einhalten. Und schließlich Tristan (Vincent Wolfsteiner, Tenor) mit einer zunächst brüchig wirkenden und mit blechernem Klang versehenen Stimme, lässt sofort erahnen, dass dieser Mensch große Probleme hat.

Isolde und Tristan auf schwankendem Boden (Rachel Nicholls, Vincent Wolfsteiner). Foto: Barbara Aumüller

Zweiter Aufzug

Die Hängebühne steht als schwarze Wand innerhalb des weißen Raums. Davor Isolde im altrosa Kleid. Ihr Mann Marke verlässt mit der Jagdgesellschaft das Haus. Das Neonlicht flackert zu den Klängen der Jagdhörner. Die schwarze Wand dreht sich. Auf der einen Seite Isolde, auf der anderen Tristan. Dann endlich, zu: „O Wonne der Seele … seligste Lust“ finden sie zusammen. Stets vor der dunklen Wand entfaltet sich bei umwerfenden Licht- und Schattenspielen die gesamte Palette von Leidenschaft, Zärtlichkeit und sich steigender Todessehnsucht. Wolfsteiner mit sich Takt für Takt steigernder Kehlenqualität in jeder Hinsicht, Nicholls hingegen mit Schwächen, vor allem ohne dramatische Kraft. Als dann noch Mahnke und Andreas Bauer Kanabas als Marke ins Geschehen eingreifen, verrutschen angesichts der gesanglichen Meisterschaft des hauseigenen Ensembles die vorgesehenen Prioritäten bereits etwas.

Dritter Aufzug

Die schwarze Wand eingestürzt, die Einzelteile übereinanderliegend, das schwarze Boot schräg angelegt. Dem Motiv des Gemäldes „Das Eismeer“ des romantischen Malers Caspar David Friedrich nachempfunden. Auf dieser schwarzen Insel im weißen Raum begeht Tristan, der seit Geburt traumatisierte Borderliner, nach 40 Minuten ergreifend und bis zum letzten Ton meisterhaft gesungener Sehnsucht nach Isolde und dem Traum vom gemeinsamen Tod Selbstmord. Als sie endlich kommt, ist es zu spät. Die Rückwand des weißen Raumes öffnet sich, die schwarze Insel verschwindet mit Tristan. Die Wand schließt sich und Isolde steht endlich in der gänzlich weißen, hellen Welt. „Mild und leise …“ hätte ihre große Befreiungsarie werden sollen. Schließlich wird am Ende der fatale Akkord endlich zum Dur hin aufgelöst. Doch Nicholls fehlte jede Kraft für den sängerischen Schluss-Triumph über den Tod. Schade. Kann aber den hervorragenden Gesamteindruck nicht zerstören.

Mit Todessehnsucht: Tristan (Vincent Wolfsteiner). Foto: Barbara Aumüller

Das Werk muss als musikalische Gefühls-Autobiographie Wagners verstanden werden. 1852 hatten er und seine erste Frau Minna beim Züricher Seidenhändler und Mäzen Otto Wesendonck und dessen kunstsinniger Frau Mathilde Unterschlupf gefunden. Dort arbeitete er zunächst am Ring weiter und konzipierte ab 1854 Tristan und Isolde. Die Idee für den Stoff hatte er von Robert Schumann, der selbst an eine musiktheatralische Bearbeitung dachte, erhalten. Befeuert von Schopenhauers Philosophie sowie einer ungezügelt hochromantischen und aussichtlosen Liebe zwischen Komponist und Gastgeberin unterbrach er die Arbeit am Ring und begann mit der Tristan-Vertonung. Währenddessen schrieb Mathilde ihm Gedichte, er ihr die Musik dazu: die berühmten Wesendonck-Lieder entstanden 1857/58. Zwei aus diesem Zyklus, „Im Treibhaus“ und „Träume“, bezeichnete Wagner ausdrücklich als Studien zu Tristan und Isolde. Vollgepumpt mit Testosteron und sich überschlagender Emotion wurde der erste Aufzug 1858 fertig. Kurz darauf flog die Dreiecksbeziehung auf und Wagner bei den Wesendoncks raus. Der Geliebten fern, erfüllt von unerfüllter und niemals erfüllbarer Liebe plus der in der Romantik so ausgeprägten Todessehnsucht entstanden bis 1859 in Venedig und Luzern der zweite und dritte Aufzug. Wagner, sowieso ein Egozentriker par excellence, übernahm seine eigene komplexe emotionale Situation für das Dreiecksverhältnis in der Oper. Kein Wunder, dass angesichts der in ihm wallenden Gefühlsmassen ein monumentales Kammerspiel von Eros und Thanatos geboren wurde.

Vorstellungen:

25. Januar / 1., 9., 14., 23., 29. Februar / 12., 20., 28. Juni / 2. Juli 2020

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erstellt am 22.1.2020

"Tristan und Isolde", Oper Frankfurt

„Tristan und Isolde“, Oper Frankfurt
Foto: Barbara Aumüller

Handlung in drei Aufzügen

Tristan und Isolde

von Richard Wagner
Text vom Komponisten, nach dem Versroman Tristan (um 1210) von Gottfried von Straßburg. Uraufführung am 10. Juni 1865, Hoftheater, München

In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Musikalische Leitung: Sebastian Weigle
Inszenierung: Katharina Thoma
Bühnenbild: Johannes Leiacker
Kostüme: Irina Bartels

Besetzung – Tristan: Vincent Wolfsteiner, Isolde: Rachel Nicholls, König Marke: Andreas Bauer Kanabas, Brangäne: Claudia Mahnke u. a.

Oper Frankfurt