Der Schriftsteller Leopold Federmair stammt aus Oberösterreich und lebt im japanischen Hiroshima. Dort, fernab von den Windhosen des Literaturbetriebs, geht er zum Schreiben in den Wald. Bei PalmArtPress erschien sein Buch „Schönheit und Schmerz”, aus dem wir hier Auszüge vorstellen dürfen.

Buchauszug

Schönheit und Schmerz

Geheimblüte

Dieser Baum zeigt seine Blütenpracht – vierblättrig, weiß mit rosa Tupfern, die ovalen Formen zu feinen Spitzen zusammenlaufend, von sattgrünen Blättern gerahmt und getragen – allein dem Himmel, den ziehenden Wolken, den unsteten Vögeln, und mir hier oben auf dem Balkon. Wer unten geht, geht achtlos vorüber, in der Gewißheit – wenn er denn überhaupt etwas wissen will –, dies sei ein längst verblühter Kirschbaum, der Beachtung nicht wert. Während wir hier oben, in der Geheimloge der Wahrnehmung, uns der offenbarten Schönheit erfreuen.

Aber vielleicht haben die Vorbeigehenden recht und es ist wirklich ein Kirschbaum. Vielleicht zeigen alle Kirschbäume an ihrer Oberseite, himmelwärts, ihre zweite, geheime Pracht, sichtbar für mich auf dem Balkon. Oder nur dieser eine Baum zeigt sie, als Ausnahme von den Gesetzen, mein überirdischer Wunderbaum. Alle anderen halten das Geheimnis immerwährend geheim.

Fang

Mein Schreibplatz am Ende der Mole, unter dem kleinen Leuchtturm, wo eine Reihe von vertäuten Booten schaukelt, ist heute von einem Angler mit weißem Hut besetzt, seine lange Angelrute zeigt beharrlich zum Wasser hinunter. Ich werde an diesem Tag einen anderen – besseren? – Platz finden, den Schwalbenraum nämlich, drüben auf der Insel, und bei meiner Rückkehr wird das Männchen mit dem weißen Schlapphut immer noch dort sitzen, jetzt aber nach der anderen Seite gewandt, zum Städtchen hin. Schreiber und Angler brauchen Ausdauer, Geduld, sonst machen sie keinen Fang, oder müssen sich mit Kleinzeug begnügen, das besser in der undurchsichtigen Tiefe geblieben wäre.

Reise zum Tischtuch

Es sollte eine Fußreise werden, zum Konbini an der Überlandstraße, wo mich das Tischtuch gerührt hatte, das den langen Tisch an der Glaswand schützte, wo selten jemand ein im Mikrowellenherd aufgewärmtes Essen und noch seltener Kaffee zu sich nahm, den man gegen ein geringes Entgelt durch Knopfdruck aus einem Maschinchen in einen Papierbecher fließen ließ, dazu eine Süßspeise (Donut oder Azukigolatsche), die man aus ihrer Zellophanhülle befreit hatte, verspeisend. Zu dieser kleinen Gruppe seltener Gäste gehörte ich, und vielleicht war ich überhaupt das einzige Menschenwesen, das in dem namenlosen, eben deshalb geziemenden Lokal an manchen Tagen – lesend, schreibend und nachdenkend – eine Kaffeepause einlegte.

Dort also machte ich halt, wenn ich die Hochebene mit dem Fahrrad durchquerte, um die Hohe Frau zu besuchen. Sie war zu einer Person, oder besser: zu einer Unperson geworden, die für jeden Beistand unempfänglich war, von der Welt abgewandt in einer weltabgewandten, mehr oder minder geschlossenen Anstalt am Fuß eines dicht bewaldeten Gebirgszugs, unzugänglich für viele Wochen (die Frau ebenso wie das Gebirge), aber ich empfand es als meine Pflicht, bei ihr zu stehen, zu sitzen und einfach zu sein, und so tat ich es, nahm die langen Fahrten bei winterlicher Kälte auf mich, genoß sie wohl auch, nahm sie als irdische Vergnügungen, gönnte mir eine Nachdenk- und Erinnerungspause, schrieb ihre Wechselgeschichte auf und sah mich zuweilen, wenn ich empfänglich dafür war, in fernere Vergangenheiten geleitet, sanft gestoßen oder eben, wie ich sagte, gerührt von dem rot und weiß karierten Tischtuch, das wie einst in den bäuerlichen und kleinhäuslerischen, wohl auch kleinbürgerlichen Wohnstätten den Küchentisch schützte und zierte. Wie damals, ja, freilich ohne Eckbank und Holzstühle mit herzförmiger Öffnung in der Rückenlehne, ohne Herrgottswinkel in der Höhe (statt dessen eine Beobachtungskamera an der Ecke des Konbini-Kastens), wurde und wird das rot und weiß karierte Tischtuch von einem transparenten Wachstuch geschützt, das jetzt freilich aus Plastik ist und nicht aus Wachs, oder Flachs oder Jute, aus Plastik wie die meisten Dinge heutzutage, ein perfektes Imitat der tischtuchschützenden Wachstücher von einst.

Wie man sieht – denn ich schreibe diese Sätze, nachdem ich drei oder vier tote Gelsen beiseitegewischt habe, auf dem Tischtuch, das mich fühlbar inspiriert –, wie man sieht, habe ich die Reise hinter mich gebracht, wenngleich als Irrweg, denn es war nicht möglich, die dicht bewaldete Bergkette zu Fuß zu überqueren. Der Weg, den ich im Sinn gehabt hatte, endete nach einem langen, streckenweise steilen Anstieg und einem kürzeren, ebenfalls steilen Abstieg an einem knietiefen, am Talgrund dahinfließenden Bach, hinter dem nur Gestrüpp und Schlingpflanzen wuchsen, eine dichte Macchia, darüber ein Berggipfel, den vermutlich, da es keinen Grund dafür gab, nie jemand erklommen hatte. Ich versuchte es noch an anderen Stellen, wo Wege von Bauernsträßchen abgingen, doch sie endeten alle an einem Feld oder Friedhof, einmal auch an einem planierten Platz voll Bauschutt, wo offenbar ein Gebäude zerstört worden war, ein anderes Mal an einem kleinen Steinbruch, vor dem das Blau eines Baggers von rotem Rost langsam aufgefressen wurde.

Nur manchmal führte mich der Weg wirklich bergan; es war dort ein dünnes rot-weißes Band von Baumstamm zu Baumstamm gespannt, so daß man nicht vom Weg abkommen konnte, selbst dann nicht, wenn man durch dichtes, schilfartiges Gras gehen mußte, dessen Stängel blaß und trocken waren, jedoch oben von ein paar länglichen grünen Blättern geziert wurden, die offenbar immer noch, immer wieder nachwuchsen. Anfangs waren diese dünnen und aufrechten Gewächse vorwiegend grün und nicht sehr hoch, später dann reichten sie mir bis an die Schulter, und schließlich, mit dem inzwischen spärlichen Grün, über den Kopf. Dornengestrüpp gab es hier nicht, nur Spinnweben, von denen sich Fetzen in meinem Haar sammelten; die Stängel und Blätter des Grases waren weich, jedenfalls schnitten sie nicht in die Haut, so daß ich mich eher liebkost als bedrängt fühlte und es fast bedauerte, als ich in freieres Waldgelände kam, das nun forsch zum Gipfel nach oben drängte. Ganz oben wurde der Bewuchs wieder dichter, und auf der Kuppe, die ein Stein bildete, den ich kaum als „Fels“ bezeichnen würde, mußte ich mich auf die Zehenspitzen stellen und den Hals recken, um talwärts nach der anderen Seite der Bergkette hin sehen zu können. Kein Meerstreifen in der Ferne, den man insgeheim erhofft hatte, nur blauer Himmel und ein kleines Stück der Hochebene, an deren Rand, vermutlich genau unter dem Berg, auf dessen Spitze ich mich gerade befand, die Anstalt lag, in der die Hohe Frau so viele tote, für sie zweifellos düstere Wochen verbracht hatte.

Auf dieser Seite des Berges war kein Weg, kein Band, keinerlei Markierung, nicht einmal die kleinste Öffnung im Dickicht. Die Macchia ließ ein wildes Hinabsteigen nicht zu. Ich machte kehrt, genoß wiederum, ausgiebiger, die Liebkosungen der Schilfgräser und fuhr schließlich auf dem gewohnten Weg mit dem Fahrrad, von Lastwagen und unachtsamen Autofahrern bedroht, bis zum namenlosen Lokal, um dort, also hier, mein Notizheft auf das unter dem Wachstuchimitat durchscheinende, rot und weiß karierte Tischtuch zu legen und den Schreibstift zur Hand zu nehmen.

„Einer meiner Schreiborte in den Bergen östlich von Hiroshima"
„Einer meiner Schreiborte in den Bergen östlich von Hiroshima" Foto: Lepold Federmair

Erinnerung

An einem der Spätwintertage endlich das Auftauen, die Rückkehr aus dem Totenreich, die vorsichtige und vorläufige Zuwendung zur Welt.

In Gestalt eines anfangs unabsichtlichen, zufällig sich ergebenden Spiels. Der Mann legt eine Praline in die halb geöffnete Hand der Frau, und sie nimmt seine Finger, vielleicht nur aus Versehen oder weil sie glaubt, daß er die Berührung will (die er tatsächlich gar nicht erhofft hat). Also gibt er ihr seine Hand anstelle der Praline, die er zurückzieht. Die Frau mimt die Enttäuschte, jetzt kommt sie nicht in den Genuß der Praline, also entzieht der Mann ihr die Hand, greift zur Schachtel und legt eine Praline in die Mulde zwischen den, wie ihm scheint, geschwollenen Ballen, worauf sie wieder die Enttäuschte spielt, dann aber die Zufriedene, und irgendwann die Glückliche, lächelnd, weil seine Hand endlich, nach so vielen Wochen, voll und ganz, schwer und leicht in der ihren ruht.

Mit der Öffnung der Hand und der Berührung der Haut kehrt die Neugier zurück. Es darf erzählt werden und wird zugehört, Geschichten werden vernommen, jede kleinste, unerhebliche Anekdote ist ein Geschenk, von dem sich die Kranke nähren wird, um zu genesen . . . Aber Vorsicht, nicht zuviel davon, entscheidend ist die Dosierung!

Auszug aus: Leopold Federmair, Schönheit und Schmerz
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags PalmArtPress

Siehe auch
Gespräch mit Leopold Federmair, das Gespräch führte Eric Giebel

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erstellt am 19.1.2020

Leopold Federmair, Foto:Leopold Federmair
Leopold Federmair, Foto:Leopold Federmair

Leopold Federmair, in Oberösterreich geboren, lebt seit 17 Jahren in Japan. Er ist Schriftsteller und Übersetzer (u.a. Michel Houellebecq, Francis Ponge, Ricardo Piglia, Ryu Murakami) und lehrt an der Universität Hiroshima. Er veröffentlichte zirka 30 Bücher, zuletzt den Roman Monden sowie das „Flanierbuch” Tokyo Fragmente. Seine Essays erscheinen regelmäßig in der Neuen Zürcher Zeitung und im Wiener Standard. Schönheit und Schmerz ist sein erstes Buch bei PalmArtPress.

Leopold Federmair
Schönheit und Schmerz. Divertimenti
gebunden, 244 Seiten
ISBN: 978-3-96258-036-0
PalmArtPress, Berlin 2019

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