Es gibt auch eine produktive Jugendlichkeit, die das hermetisch maskierende, verschlissene Vokabular öffentlicher Personen spielerisch ins Absurde, die Parodie so eng an das real Stattfindende führt, dass man, findet sich das in einer Zeitschrift wie „Die Epilog“, mit Vergnügen durch die Vielfalt der Aspekte und Respektlosigkeiten sich durchliest, wie das Johannes Winter tat.

ZEIT:GEIST – Zeitschriftenschau

Wir übernehmen eure Erde nicht

„Je planmäßiger die Menschen vorangehen, desto wirksamer trifft sie der Zufall.“
Friedrich Dürrenmatt

Verantwortlich für die Zeitschrift „Die Epilog“ ist laut Impressum eine „Herausgeberin Die Epilog e. V.“ – dahinter verbergen sich Absolvent*innen der Weimarer Bauhaus-Universität, welche das Heft/den Verein mit Sitz in Berlin 2013 gegründet haben. Wer die „Zeitschrift für Gegenwartskultur“ (kartoniert, -8°, 160 S., jährliches Erscheinen, 10 €) in die Hand nimmt, gerät über die eigenwillige Genusbezeichnung des Titels ins Stolpern. Soll sicher so sein. Wer hineinschaut, fängt sich wieder.

Der Epilog (ohne Artikel) der jüngsten Ausgabe (Nr. 8/2019) gibt einen freimütigen Einblick in die Verfasstheit des Redaktions-Kollektivs: „Sisyphosmäßig haben wir uns an dieser Ausgabe abgemüht wie an keiner anderen zuvor, weil sich Dinge strukturell änderten, weil das Thema für uns ein hartes war und weil wir in vielen anderen Projekten und im Leben so generell halt drinhängen.“ Dass das mythische Vorbild ein Sinnbild für Vergeblichkeit ist, könnte bei soviel Abmühen aus dem Blick geraten sein.

Das „harte“ Thema des Heftes lautet jedenfalls „Wird schon schiefgehen – Große Pläne“ und klingt so liebenswert wie selbstironisch. Generationsspezifisch. Die Redaktion hat sich mit der Suche „nach großen und kleinen Plänen, nach Persönlichem und Politischem“ ohne Zweifel etwas aufgehalst: „Wir fragten uns, ob wir uns in wilden Zeiten der Polit-Masterpläne und Twitter-Gewitter lieber auf die Mikroplanung zurückziehen, unsere Bude schön einrichten oder mit aller Vorsicht lieber Playlisten kuratieren, als uns zu engagieren.“

Auf die Frage des Prologs „Warum fühlt sich das politisch Linke so planlos an?“, antwortet die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot (Donau-Uni Krems), die ihr Engagement für Europa bei Emmanuel Macron („Ni droite, ni gauche“) verortet, im Interview: „Wegen der „Planlosigkeit vieler Linker“. Diese Planlosigkeit gehe im Grunde auf den linken Hang zur Spaltung zurück. „Bei den Linken basteln zu viele Einzelpersonen an ihren eigenen Ideen“. Siehe Wagenknecht, Kipping und Gysi. Nicht zu vergessen „das Chaos“, die „Machtblindheit“, offenbar links-genuine Eigenschaften, die Guérot schon bei den Nuit Debout-Protesten in Paris auffielen. Ihre These: die Rolle der Konservativen sei es, „gesellschaftliche Trends abzugreifen und durch die politische Mitte zu führen“. Die Rolle der Linken sei es, „die guten Ideen im Raum zu halten“.

Mads Pankow (Haus-Autor der Zeitschrift) bekennt dagegen niederschwellig charmant, er „habe viele Pläne, aber gar kein Ziel. Die Pläne bestehen eher aus operativen oder taktischen Manövern, die mich in der Lage halten sollen, auch weiterhin möglichst viele Ziele erreichen zu können. Mein Ziel ist also die Offenhaltung der Ziele, die Kontingenzmaximierung meines Lebens.“ Das sei „spannender“.

»Ich darf nie wieder planlos sein«

Von da ist es nur ein Schritt ins digitale Reich, das Stephan Porombka (Texttheoretiker und -gestalter/Universität der Künste Berlin), eine Generation älter als die Digital Natives der Redaktion, betritt mit dem Text „Ordnung muss sein“. Er konzentriert sich auf den „Hype um die totale Verplanung“: Stichwort „Bullit Journal“ alias BuJo. Dabei handelt es sich um ein Kalenderbuch, betitelt „Guter Plan“, das mit sogenannten „Achtsamkeitsampeln“ individuellen Aktivitäten wie Schlafen, Essen, Arbeiten ziemlich rigide den rechten Weg weist. Es ist angereichert mit Formen, Figuren und Farben, die helfen sollen, alles, aber auch alles ins digitale BuJo einzutragen. „Und deshalb läuft alles nach Plan“. Porombka: „Es (das BuJo) weiß Bescheid über mich. Es führt mich zu den Sachen, die gut für mich sind.“ Lehre für Nutzer: „Ich darf nie wieder planlos sein.“ – Big Data at its best.

Mitten aus dem Leben seiner Generation berichtet Kai Schnier. Wie er in der WG auf „Planungsextremist*innen“ traf, denen „die Frage nach den Silvesterplänen…heutzutage auch beim sommerlichen Picknick am See“ schon auf der Seele brenne. Alles andere werde von diesen „als sozialer Defekt identifiziert“, nicht als „Indiz für persönliche Freiheit“.

So heiter wie die Kolumnen, Essays, Verse bietet sich auch das Layout dar. Die Gestaltung (wenig Werbung) ist ein flotter Mix von Seiten aus farbigem Papier mit abstrakten Rätsel-Grafiken wie „Elektrowinkel mit Tuschenoppen“, mit Fotostrecken, gezoomt auf eine gesplitterte Scheibe, einen Triumphbogen aus Toastscheiben, Spielereien mit Wasser, Matratzen, Pizza, Fingern, Farbroller, Badelatschen, Espressomaschine oder Schere – „Verlängerung unserer Vorstellungskraft“ nennt das der Fotograf Philotheus Nisch. Unübersehbar zelebrieren die Gestalter*innen wilde Vielfalt, man merkt ihnen den Spaß bei der Arbeit an. Eine Artdirection, die – zurück zum Thema – auch „Gescheiterte Pläne der Menschheit“ wie Esperanto (eine „Plansprache“), die Herstellung von Gold, die Kathedrale von Beauvais, die Kreuzung von Mensch und Affe oder Atlantropa großzügig verspielt ins Layout bettet.

Am Ende übernimmt es Josefine Rieks, Roman-Autorin, in einem interessanten Versuch, über die „Planwirtschaft“ jenseits des „traditionalistischen Solipsismus unserer hoffnungslos anachronistischen Literaturproduktion“ nachzusinnen, wie diese die Literatur befreien und in eine lichtvolle Zukunft führen könnte. Rieks´ Urvater: Arno Schmidt, der in seiner „Gelehrtenrepublik“ (1957) daran gearbeitet habe, den „Geniekult der Moderne“ zu überwinden, bis dass „dessen letzte Epigonen endgültig besiegt“ wären. Rieks´ Beispiel: der Schriftsteller Christian Kracht, der in einer TV-Sendung bekundet habe, Gefahr zu laufen, dass er zum „Schriftsteller-Darsteller“ werde. Rieks´ Ideal: „demokratisch organisierte Gemeinschaften für eine konkurrenzfähige Literatur“. Oder: Stundenlohn versus Simulanten! Visiert Rieks ein Retour-zur-DDR an? Oder verführt sie zur Frage, ob es schwierig ist, keine Satire zu schreiben?

Jemand hat die Zeitschrift als „Anthologie sozialwissenschaftlicher Aufsätze“ beschrieben, wegen ihrer „Nähe zur akademischen Welt“. Warum nicht, wenn Texte zum Denken anregen (siehe frühere Themen-Hefte über „Humor“, „Irrelevanz“, „Leben im Konjunktiv“, „Generation“ oder „Aberglaube“), wenn sie so neugierig machen, dass man bei Gottfried Benns Gedicht „Epilog“ landet, in dem von „Leben ist Brücken schlagen über Ströme, die vergehen“ die Rede ist.

»Wir haben eine Zukunft«

Was treibt die Macher*innen der Zeitschrift um? Suchen sie Brücken zu schlagen? In einem selbst produzierten Radio-Feature (RBB 2017) rief die Redaktion mit Nähe zur Generation XYZ den Alten entschieden zu: „Wir übernehmen eure Erde nicht“. Sie schwärmte von der „süßen Zukunftslosigkeit“, nahm aber schließlich doch noch die Kurve zu einem – männlichen – Epilog, in dem sie verkündete: „Wir haben eine Zukunft, übernehmen aber nicht eure Vergangenheit“. Das klang nach Roter Karte für das – in ihren Worten – „Dauerabo auf die Arschkarte“. Was wenn die Epilog-Macher*innen Anhänger*innen von David Graebers „Pessimismus-Verdrossenheit“ wären?

Eine Prise davon im Schlusstext von Steffen Greiner, der mit „Kain Plan“ auf den Plan tritt: eine amüsante Jonglage mit der Olsen-Bande, mit Kain und Abel, mit Dr. No-Goldfinger-Blofeld-Dr. Mabuse und mit dem Bösen in Gestalt vom „Mensch in der Moderne“. Alle diese Figuren arbeiteten daran, das Böse zu planen, „haben die großen Visionen, landen im Gefängnis oder in Vulkankratern“. Denn: „Sie alle zerstören die Welt mit ihren Kühen, Autos, Flugzeugen und Kreuzfahrtschiffen.“ Handeln sie doch alle, wir alle, so Steffen Greiner, nach einem Ur-Plan(er) – nach dem „die Menschheitsgeschichte, according to Bible, beginnt mit dem Mord eines Planenden an einem, der sein Leben dem Lauf der Dinge anpasst: der Ackerbauer Kain tötet den Hirten Abel.“ Soll heißen: „Wir alle stammen nicht vom unschuldigen, blond gelockten Hirten-Hippie-Boy ab, sondern vom zerzausten Typen mit den schwieligen Händen und dem Plan und der Weitsicht, und vielleicht steckt uns das noch in den Knochen“, uns „Kinder(n) Kains“. Welch eine Deutung der Schöpfungsgeschichte. Der Schlusssatz, mit dem Steffen Greiner die Tür zum Ausgang aus dem Plan-Heft aufstößt, klingt denn auch wie eine Brücke zu Sisyphos, nach Aufatmen, nach Erleichterung: „Und wieder ein Häkchen auf der To-do-Liste“.

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erstellt am 16.1.2020

Es gibt sie noch, die gedruckten Kulturzeitschriften. Doch muss man sie wegen ihrer relativ kleinen Auflagen zumeist im großen Angebot der gewerblichen Publikationen suchen. In loser Folge werden in Faust-Kultur solche Zeitschriften vorgestellt, um sie sichtbar zu machen.

Die Epilog