Der Aufwand ist enorm, die Herstellung ist teuer, die Kosten von Vertrieb und Handel machen einen zumutbaren Kaufpreis unmöglich. Eine Kulturzeitschrift zu gründen, ist demnach ein Akt der Unvernunft. Kulturpolitische Erwägungen können hingegen solche seltsamen Publikationen wie SINN UND FORM hervorbringen, wie Bernd Leukert im Gespräch mit Matthias Weichelt erfuhr.

ZEIT:GEIST – Zeitschriftenschau

Die Widerstandskraft der Vernunft

Bernd Leukert im Gespräch mit SINN UND FORM-Leiter Matthias Weichelt

Bernd Leukert: SINN UND FORM ist ja 1949 von Johannes R. Becher und Paul Wiegler gegründet worden. Und es ist mir noch nicht plausibel, wie in einer solchen Situation in der neu gegründeten DDR, gleichzeitig mit der Gründung der BRD und der Währungsreform, eine solche Zeitschrift entstehen konnte, als alle Leute damit beschäftigt waren, ihr Überleben zu sichern. Ich hätte noch verstanden – der Stalinismus war omnipräsent – wenn im Sinne des Regimes dessen Sprachrohr entsteht. Aber das war es ja nicht. Es war das Gegenteil. Es war die Bewahrung von Kultur. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Matthias Weichelt: Ich habe durch die Beschäftigung mit SINN UND FORM und der Arbeit in der Redaktion zumindest eine Vorstellung bekommen, warum die Zeitschrift gegründet wurde. Es gibt auch Dokumente, die Hinweise darauf geben, aus welcher Situation heraus Sinn und Form entstanden ist. Zum einen war es – wie Sie sagen – eine Zeit, in der man vor allem mit dem Wiederaufbau der beiden Länder, mit dem Überleben beschäftigt war. Gleichzeitig war es für Zeitschriften eine sehr fruchtbare Epoche. Es gab viele Neugründungen und auch ein großes Bedürfnis danach, weil man endlich wieder lesen wollte, was man vorher nicht lesen konnte. Johannes R. Becher hatte zuvor ja den Kulturbund mitbegründet, wo es für das, was man als politisch-kulturelle Meinungsbildung verstehen könnte, schon ein Organ gab, die Monatsschrift „Aufbau“. Das war das offizielle Sprachrohr, in dem stand, wie man sich den neuen Sozialismus vorstellte. Warum es zu einer weiteren Gründung kam, ist tatsächlich interessant. Die Idee war gar nicht, vor allem eine Zeitschrift für das eigene Land zu machen, sondern eine, die nach außen wirkt, Strahlkraft entwickelt. Man wollte dem Westen zeigen, dass man im Osten die besseren Kultur- und Literaturzeitschriften macht. Und deshalb wurde auch Peter Huchel als Chefredakteur ausgewählt und kein Stalinist, kein Parteifunktionär, überhaupt niemand aus der Partei, sondern jemand, der unabhängig war und ganz eigene Vorstellungen hatte. Huchel hatte zuvor im Haus des Rundfunks gearbeitet und sich als Lyriker einen Namen gemacht. Es sollte eine Zeitschrift sein, die die sozialistische Position möglichst attraktiv präsentiert, mit einer großen Offenheit. Man hatte Devisen, man konnte ausländische Autoren bringen, auch solche, die sonst nicht in der DDR veröffentlichten. Hinzukommt, dass in dieser Zeit auch noch ein gesamtdeutscher Anspruch bestand. Es gab die Vorstellung, man könnte die, wie man damals sagte, fortschrittlichen Intellektuellen ganz Deutschlands vereinigen, eine Art Plattform schaffen. Das war der Grundgedanke der Gründung. Huchel hatte am Anfang auch weitgehend freie Hand. Die Zeitschrift war im ersten Jahr noch nicht bei der Akademie der Künste, wurde erst ab Heft 5/1950 von dieser herausgegeben. Huchel hat diese Freiheiten sehr stark genutzt. Er hat das Profil geschaffen, das die Zeitschrift heute noch prägt, aber er hat auch versucht, wieder an die Debattenkultur der zwanziger Jahre anzuknüpfen, an die Zeitschriftenkultur dieser Zeit. Wenn man sich SINN UND FORM anschaut, fallen einem schon vom Äußeren, von der Anmutung her viele Ähnlichkeiten mit Zeitschriften dieser Jahre auf – etwa mit der von Martin Buber, Joseph Wittig und Viktor von Weizsäcker herausgegebenen „Kreatur“. Eduard Stichnote, der verantwortliche Grafiker, hat sich an diesen Publikationen orientiert, etwa mit der Bodoni-Schrift, das sind alles Zitate, Bezüge. Damals glaubte man, man könne die Nazi-Zeit gewissermaßen überspringen, um wieder da anzusetzen, wo die Weimarer Republik aufgehört hat. Das kann man auch an vielen Autoren sehen, die in den ersten Heften veröffentlicht wurden, etwa an Gertrud Kolmar oder an Romain Rolland mit dem Text „Frühling in Rom“. Dahinter stand ein originelles und eigenwilliges Auswahlverfahren. Es war von Anfang an keine Zeitschrift, die den aktuellen Zustand kommentiert. Sondern eine, die versucht, von der ersten Nummer an eine eigene Tradition zu stiften und sich zugleich in eine solche einzuschreiben, etwas Unverwechselbares zu machen.

Diesen Charakter hat die Zeitschrift bis heute ja behalten. Nur die Zeit hat sich geändert.

Das musste auch Huchel bald erkennen. Er hat versucht, am gesamtdeutschen Anspruch festzuhalten, auch dann noch, als sich der Wind in den fünfziger Jahren schon gedreht hatte, als die Phase des Kalten Krieges begann, man sich im Status quo einrichtete und überhaupt nicht mehr daran dachte, auch die westdeutschen Intellektuellen anzusprechen. Huchel hat lange versucht, diese ursprüngliche Position zu verteidigen, auch mit Hilfe von Brecht, dem wichtigsten Schutzpatron und Freund der Zeitschrift, der auch Huchels Entlassung verhindert hat. Huchels geradlinige und eigensinnige Haltung ist ihm letztlich aber doch zum Verhängnis geworden, Anfang der sechziger Jahre, als sich die Situation noch einmal zuspitzte. Es gibt viele Dokumente, Mitschriften, auch Protokolle von Akademiesitzungen, in denen er angegangen wurde, weil die DDR in der Zeitschrift nicht vorkomme und er den Geburtstag von Walter Ulbricht nie erwähnt habe. Dabei kam die DDR durchaus vor, nur nicht in dem Sinne, wie man sich das nach dem Bitterfelder Weg gewünscht hat, eher auf eine – wie die Offiziellen es damals empfunden haben – sehr eigene, andere, reflektierte Weise. Das wurde ihm immer wieder vorgeworfen: Was er drucke, sei abgehoben und versnobt und habe mit der Wirklichkeit der Werktätigen wenig zu tun.

Karl Heinz Bohrer, dem Marcel Reich-Ranicki vorgeworfen hat, er mache das Blatt mit dem Rücken zum Publikum, hat – im Unterschied zu Huchel und seinem Konzept von SINN UND FORM – tatsächlich auf eine indirekte Weise eingegriffen. Er hat immer dem herrschenden Diskurs misstraut und Gegenpositionen gesetzt. Huchel hat nie versucht, mit Texten einzugreifen?

Man muss auch sehen, dass es zwei völlig unterschiedliche Staatssysteme waren, in denen beide operierten. Huchel konnte natürlich keine Beiträge bringen, in denen die Wirtschafts- oder Außenpolitik der DDR kritisiert wurde. Aber es gab in SINN UND FORM von Anfang an Debatten, etwa die Formalismus-Debatte, in der die Zeitschrift stark angegriffen wurde. Oder später die Nietzsche-Debatte. Es gab scharfe Texte beispielsweise gegen Heiner Müller, aber auch Verteidigungen. Wenn man sich die Zeitschrift in der DDR anschaut, ist es erstaunlich, wie offen über manches geschrieben wurde. Huchel hat zwar nie versucht, eine reine Debatten-Zeitschrift zu machen. Aber er wollte immer – das ist für uns bis heute wichtig – Texte finden, die ein Wort in die Krise der Gegenwart hineinsprechen. Es ging nicht darum, etwas Museales zu machen, Dinge zu drucken, die sich nur gut lesen und ein rein ästhetisches Vergnügen bereiten, sondern solche, die auch etwas aussagen über die Zeit, in der die Leser leben, und zwar auf eine Weise, wie sie sie sonst nicht finden. Deshalb immer auch der Rückgriff auf Archive, auf frühere Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte, um dort vielleicht Perspektiven zu finden, die etwas beitragen können zu dem, was die Menschen und die Gesellschaft heute beschäftigt. Huchel hat es darin zur Meisterschaft gebracht, bis zu seinem Abschiedsheft, das ja auch eine Art Abrechnung war. Aber ohne direkt gegen seine Absetzung oder gegen die Zustände in der DDR zu protestieren. Vielmehr hat er Brechts „Rede über die Widerstandskraft der Vernunft“ aus der Nazi-Zeit an die Spitze gesetzt. Das hat jeder verstanden, auch die Parteifunktionäre haben verstanden, dass Huchel denselben Vorwurf an sie richtete. Ein sehr raffiniertes Verfahren, das interessanterweise auch die Nachfolger übernommen haben. Wilhelm Girnus, der Huchel nach dem Intermezzo mit Bodo Uhse folgte, war anfangs ein großer Gegner des früheren Chefredakteurs, ein linientreuer Funktionär, der aber dann, als er mit der Arbeit anfing, merkte, dass Profil und Aufbau der Zeitschrift so reizvoll sind und so viele Möglichkeiten bieten, dass er SINN UND FORM quasi im Geiste Huchels weitergeführt hat. Deswegen gibt es auch die Formulierung, dass diese Zeitschrift ihre Redakteure erzieht. Man kann sich dem nicht entziehen, man muss sich entweder völlig dagegenstellen oder aus dieser Tradition etwas machen.

Jetzt sind Sie da reingesprungen. Da interessiert mich die Praxis. Wie macht man das, was Sie gerade formuliert haben? Es gibt die Möglichkeit zu warten, bis einem die Artikel in den Schoß fallen. Aber ich denke, das wird nicht reichen.

Nein, das reicht natürlich nicht – wobei es andererseits so ist, dass wir immer wieder feststellen: Je stärker die Zeitschrift in bestimmten Bereichen wahrgenommen wird, desto interessanter sind die Angebote, die wir bekommen. Zum Beispiel, wenn es um Archivveröffentlichungen geht, die wir in den letzten Jahren verstärkt gebracht haben und die heute ein noch wichtigerer Pfeiler der Zeitschrift sind. Aber natürlich reicht es nicht, nur auf Beiträge zu warten. Wir lesen selber viel. Das ist auch das Schöne an dieser Arbeit, dass sich Privates und Berufliches auf eine so erfreuliche Weise miteinander verbinden, dass Texte, die wir privat lesen, in die Arbeit einfließen können und umgekehrt. Das betrifft auch Bücher in anderen Sprachen. Außerdem gehen wir häufig zu Vorträgen und Veranstaltungen, pflegen ein Netzwerk von Autoren, Übersetzern, Publizisten. Wir haben für einige Sprachen auch gute Scouts, die uns auf interessante Sachen hinweisen. Dann geht es darum, wie man die Beiträge zusammenstellt. Das Kompositionsprinzip ist ein weiteres wichtiges Merkmal der Zeitschrift, das aus der Anfangszeit herrührt. Wir machen ja keine Themenhefte, bei denen vorn draufsteht, wie alles miteinander verbunden ist. Sondern man muss anfangen zu lesen, um herauszufinden, wie die Sachen zusammenhängen. Und dass sie zusammenhängen, das ist das eigentliche Ziel. Es geht darum, Beiträge so zusammenzustellen, dass sie nicht nur nebeneinanderstehen, sondern miteinander in einen Dialog treten, dass sich Beziehungen ergeben und Korrespondenzen aufbauen. Schon Huchel hat, wenn er einen etwas tendenziösen Beitrag bekam, nicht versucht, diese Tendenz ganz herauszunehmen, sondern etwas dazuzustellen, eine Art gegenstrebigen Bezug zu bilden. Das versuchen wir heute auch noch. Und dafür können wir Beiträge aufheben, bis etwas dazu Passendes kommt. Wir unterliegen zum Glück nicht dem Zwang, immer aktuell zu sein. Es gibt Beiträge, die liegen ein Jahr oder länger in unserem Pool. Das ist nicht immer leicht für die Autoren, aber es lohnt sich meist, mit Sachen, für die sich in einem bestimmten Heft einfach kein Bezug ergibt, zu warten. Irgendwann finden wir dann etwas, was man damit zusammenstellen kann.

Es gibt ähnliche Konzepte. Und es würde mich interessieren, wo Sie den Unterschied sehen – etwa zu den „Akzenten“, wie sie Michael Krüger konzipierte oder zu der Nouvelle Revue Française (nrf) in Frankreich, die Jean Paulhan ähnlich komponierte. Gibt es da Überschneidungen, sind Sie Konkurrenten?

Konkurrenten gibt es heute auf dem Gebiet nicht mehr, denke ich. Solange es einer Zeitschrift gutgeht, geht es auch den anderen gut. Es ist eher ein Mit- als ein Gegeneinander, man ist froh, wenn die Zeitschriften an sich wahrgenommen werden. Wichtig ist, ein klares Profil zu haben, sich deutlich voneinander zu unterscheiden. Bei der Nouvelle Revue Française sehe ich auch eine gewisse Ähnlichkeit mit SINN UND FORM. Die ist natürlich aus einer anderen geschichtlichen Situation heraus entstanden und hat eine noch längere Tradition, ist stärker mit der französischen literarischen Welt verbunden als wir mit der deutschen. SINN UND FORM ist ja auch eine internationale Zeitschrift, die von Anfang an sehr auf Übersetzungen, auf internationale Bezüge gesetzt hat. Auch stehen Archivveröffentlichungen bei der Nouvelle Revue Française vielleicht nicht so im Vordergrund. Aber vom hohen literarischen Anspruch her und vom Wunsch nach einer gewissen Exklusivität war sie sicher auch bei der Gründung ein Vorbild. Die Akzente sind natürlich ebenfalls eine sehr interessante Zeitschrift – ihr langjähriger Herausgeber Michael Krüger ist jetzt im Beirat von SINN UND FORM. Der gestalterische Einfluss des Herausgebers war unter ihm besonders stark, auch die Ausrichtung auf Lyrik war vielleicht noch ausgeprägter als bei uns. Manche Hefte waren ganz bestimmten Dichtern gewidmet, die Krüger vorstellen wollte. Im Sinne von: Der ist gut, den lest ihr jetzt! Inzwischen hat sich das Konzept mehrfach verändert, jetzt gibt es wechselnde Herausgeber und thematisch ausgerichtete Hefte. Der Unterschied zu SINN UND FORM ist dadurch etwas größer geworden.

Ein Wesensmerkmal unserer Zeitschrift ist übrigens auch das breite Gattungsspektrum. Wir bringen Gespräche, Archivveröffentlichungen, Essays, Gedichte, Prosa. Aus dem literarischen Feld ist keine Gattung ausgeschlossen. Das einzige, was heute keine so große Rolle mehr spielt, sind Dramen. Das war in der DDR-Zeit sehr wichtig, weil SINN UND FORM die einzige Zeitschrift ohne Vorzensur war. Die Texte mussten keiner anderen Instanz vorgelegt werden, die dann entschieden hat, ob sie veröffentlicht werden können oder nicht. Es konnte erstmal alles gedruckt werden, den Ärger gab es hinterher. Und zwar relativ regelmäßig. Aber natürlich hat sich jeder verantwortliche Redakteur Gedanken gemacht, was er riskieren konnte und was nicht. Das ist auch der Grund, warum so viele Texte, die in der DDR-Literatur berühmt wurden, von Christa Wolf, Volker Braun, Ulrich Plenzdorf und anderen, zuerst in SINN UND FORM Zeitschrift erschienen. Und auch viele Stücke, die in der DDR nicht aufgeführt werden durften, etwa von Peter Hacks, Heiner Müller oder Christoph Hein. Das wiederum hat dazu geführt, dass die Zeitschrift auch für Leser im Westen attraktiv war, weil man hier eben Sachen lesen konnte, die nicht Teil des offiziellen Buchmarkts waren. Man bekam ein anderes Bild des literarischen Lebens in der DDR, hörte andere Stimmen. Dafür wurde SINN UND FORM auch von Kritikern wie Walter Jens und Fritz J. Raddatz hochgeschätzt.

Wenn Sie in der heutigen Situation das Heft planen, stellt sich ja die Frage, wie weit man sich auf die aktuellen Debatten einlässt? Und auf welche Weise? Haben Sie da eine Idee? Ist das nur ein innerer Kompass oder gibt es da auch selbsterteilte Regeln oder Erfahrungen aus der Vergangenheit, die da eine Rolle spielen, welche Texte jetzt aktuell sind und doch über den Tag hinausweisen?

Der innere Kompass spielt schon eine große Rolle. Es gibt letztlich keine Handreichung oder Regelkunde, wie man am besten verfährt. Wir haben aber festgestellt, dass man sich mit einer Zweimonatszeitschrift angesichts der heutigen Geschwindigkeit des Publizierens kaum noch in aktuelle Debatten einklinken kann. Wir würden mit unserem Vorlauf immer ein halbes Jahr zu spät kommen, wenn die Sache längst wieder vorbei ist. Wir haben gar keine andere Wahl, als auf Texte zu setzen, die eine gewisse Haltbarkeit haben und nicht nur von einem aktuellen Bezug leben. Wenn wir Texte mit einem deutlicheren Debattencharakter bringen, müssen diese noch eine andere Qualität haben. Wir haben etwa eine Rede von Kathrin Schmidt gedruckt, in der viele Dinge eine Rolle spielen, die momentan diskutiert werden: Gendergerechtigkeit und Sprache, Identitätsvorstellungen, Ost-West, etc. Über all das konnte man natürlich auch schon andernorts lesen. Für uns war der Text interessant, weil die Autorin hier etwas macht, was eher selten vorkommt, nämlich sich selbst in Bezug zum Zeitgeist zu setzen, die eigene Position in den Blick zu nehmen, um zu verstehen, warum verschiedene Gruppen auf bestimmte Phänomene so oder so reagieren, sich auf eine bestimmte Weise dazu verhalten. Das macht die besondere Perspektive dieses Beitrags aus. Ein anderes Beispiel ist der Text einer jungen syrischen Autorin, Rasha Habbal, die ihre Flucht übers Meer nach Deutschland geschildert hat. Auch das ist natürlich nicht zum ersten Mal beschrieben worden. Das Besondere hier war aber die beeindruckende literarische Qualität, die den so oft gehörten Fakten eine weitere Ebene hinzufügt, der Erlebte in einer Erzählung auffängt. Von unseren Lesern erfahren wir immer wieder, dass sie die Zeitschrift gerade für die Texte schätzen, die man nur hier und nirgendwo sonst findet. Und wir als Redaktion nehmen uns die Freiheit zu sagen: Diese Texte, diese Autoren halten wir für wichtig, die wollen wir vorstellen; unabhängig davon, ob sie zu dem passen, was gerade angesagt und in Mode ist. Daran festzuhalten ist nicht immer leicht. Aber dieser Eigensinn gehört zum speziellen Profil von SINN UND FORM und zum Geheimnis der Dauer, die die Zeitschrift inzwischen hat.

Geben Sie denn Aufträge an Autoren?

Ganz selten. Auch das ist eine Besonderheit der Zeitschrift. Und vielleicht sollte ich in diesem Zusammenhang auch meine Kollegen vorstellen, Gernot Krämer und Elisa Primavera-Lévy. Wir bilden zu dritt die Redaktion und lesen jeden Text, den wir bekommen. Es gibt einen Umlauf, jeder schreibt eine kurze oder auch längere Einschätzung und gibt sein Votum ab: Ja oder Nein. Ist die Einschätzung einhellig, ist die Sache klar. Ansonsten muss man noch einmal lesen und noch einmal darüber diskutieren. Das ist etwas, was für unsere Arbeit enorm wichtig ist: dass nicht einer allein entscheidet, sondern dass es um eine Verständigung untereinander geht, um eine Übereinstimmung, aber auch um Widerspruch. Und um eine gemeinsame Entscheidung. Daher nehmen wir Texte in der Regel auch erst an, wenn wir sie gelesen haben. Das ist natürlich für die Autoren keine ganz einfache Konstellation, etwas schreiben zu müssen, ohne zu wissen, ob man dafür bezahlt wird, ob es einem abgenommen wird. Aber das war schon zu Huchels Zeiten so. Und es hat sich bewährt. Es kommt auch immer wieder vor, dass man etwas positiv oder negativ bewertet und am Widerspruch der Kollegen merkt, man hat bestimmte Sachen falsch eingeschätzt, nicht richtig gesehen. Und so gehen wir auch an jede Einsendung heran, egal ob sie von einem prominenten Autor kommt oder von einem unbekannten.

Sie pflegen ja auch Autoren.

Das stimmt. Das ist auch etwas, was ich als ganz entscheidend empfinde. Interessanterweise verträgt es sich auch mit dem Prinzip, das ich eben beschrieben habe, dass wir über jeden Text eines Autors neu verhandeln und diskutieren. Die Treue zu den Autoren ist wichtig. Eine Dichterin wie Kornelia Koepsell ist ein gutes Beispiel. Lange Zeit kannte sie kaum jemand. Sie hat großartige Gedichte geschrieben und hat lange keinen Verlag gehabt, aber über Zeitschriftenveröffentlichungen – unter anderem eben bei uns – ihre Leserschaft gefunden hat. Wir bekommen immer wieder Rückmeldung von Lesern, die gerade auf ihre Beiträge warten. In Heft 6/2019 erschien von ihr ein Essay über Klopstock, in dem sie beschreibt, was sie von ihm über den Rhythmus in der Dichtung gelernt hat. Die Zeitschrift soll auch eine publizistische Heimat für die Autoren sein, woran sich nichts ändert, wenn man mal einen Beitrag ablehnt. Auch das gehört dazu. Das Schöne ist ja: Wenn man den Autoren die Treue hält, dann bleiben einem in der Regel auch die Autoren treu.

Nun wird die Akademie aus Bundesmitteln finanziert, und die Zeitschrift wird von der Akademie finanziert. So hört man sagen, SINN UND FORM ist auf der sicheren Seite, hat nicht den Kampf zwischen inhaltlichem Anspruch und Verkaufszahlen. Da ist sicher ein bisschen Neid dabei …

Natürlich sind wir in einer privilegierten Situation. Wobei man sagen muss, dass fast alle Zeitschriften auf diesem Niveau eine Institution, sei es ein Verlag oder eine Stiftung, im Hintergrund haben. In unserem Fall ist es die Akademie der Künste. Dafür sind wir sehr dankbar, denn ohne diese Förderung würde die Zeitschrift nicht existieren. Und es ist auch ein Ausdruck dafür, dass die Akademie SINN UND FORM für wichtig und unterstützenswert hält. In unseren Etat fließen natürlich auch unsere Einnahmen ein, wir sind also schon darauf angewiesen, Hefte zu verkaufen. Das ist auch ganz richtig so. Denn ohne den Zwang, etwas zu machen, was die Leute interessiert, könnte so eine Zeitschrift auch unter Ausschluss der Öffentlichkeit erscheinen, und das fände ich ziemlich reizlos.

Andererseits ist es aber auch ein politisches Unterscheidungsmerkmal für die Kritiker dieses Verhältnisses zwischen Bundesmitteln und der Zeitschrift. Da heißt es, ja gut, die werden jetzt nichts gegen den Staat schreiben …

Bei den Antworten auf Ihre Fragen muss ich immer wieder auf die Geschichte von SINN UND FORM zurückkommen. In den frühen Jahren war das ein enormer Konflikt, mit dem Huchel immer wieder zu tun hatte: Eine Institution gibt das Geld, darf aber inhaltlich nicht mitreden. Dass die Konstruktion mit einer autonomen Redaktion auf der einen und einer herausgebenden Akademie auf der anderen Seite zu Problemen führen kann, liegt auf der Hand. Aber es hat sich auch immer wieder gezeigt, dass diese Konstellation sehr produktiv sein kann: Wenn die Akademie eine Zeitschrift will, die von einer möglichst großen und breiten Leserschaft gekauft wird, darf es keine sein, die als eine Art Sprachrohr oder Propagandaorgan wahrgenommen wird. Sie muss ein eigenständiges Organ sein, welches das Glück hat, von einer Institution wie der Akademie getragen zu werden.

Wie sehen Sie generell diese Abhängigkeiten? Es gibt ja auch Stimmen, die sagen, dass der sogenannte Qualitätsjournalismus staatlich gefördert werden muss, wie das vereinzelt in Skandinavien der Fall ist. Da gerät man freilich in eine Abhängigkeit anderer Art als bei einer Kulturzeitschrift, die den unabhängigen Status festgeschrieben hat.

Bei uns ist es ja so, dass die Akademie durch das Bundeskulturministerium gefördert wird. Auch das geschieht mit der Vorgabe, nicht inhaltlich einzugreifen, auch nicht in die Programmgestaltung, Planung und Ausrichtung, sondern etwas zu schützen und aufrechtzuerhalten – die Akademie hat einen Beratungsauftrag für die Politik und muss daher eigenständig und unabhängig sein. Es gibt also einen geschützten Raum, den man für wichtig erachtet, in den man sich aber nicht einmischt. Und innerhalb dieses Raums gibt es wiederum eine Zeitschrift, die von der Akademie herausgegeben wird. Wenn es um Stellenpläne und Haushaltsmittel geht, hat das BKM natürlich großen Einfluss. Aber inhaltlich habe ich noch nie Einmischungsversuche erlebt. Wir sind natürlich auch eine literarische Zeitschrift. Wenn wir eine dezidiert politische Agenda hätten, könnte ich solche Bedenken eher verstehen.

Zurück zum Heftverkauf. In Frankfurt bekommt man SINN UND FORM bei Hugendubel und am Hauptbahnhof. Das ist ein bisschen wenig.

Man kann die lieferbaren Ausgaben natürlich in jeder Buchhandlung bestellen. Den von Ihnen angesprochenen Bahnhofsbuchhandel haben wir vor einiger Zeit für uns entdeckt, die finanziellen Konditionen sind dabei gar nicht besonders attraktiv, aber für die Sichtbarkeit der Zeitschrift ist es sehr wichtig. In vielen kleineren Orten gibt es gar keine Buchläden mehr. Die Leute fahren dann zum Bahnhof und holen sich, was sie brauchen. Und man erreicht viele Reisende. Ansonsten gibt es auf unserer Homepage eine Auflistung unserer Partnerbuchhandlungen. Und man bekommt SINN UND FORM auch über unseren Vertrieb und unsere Homepage. Aber Sie haben recht, es wäre gut, wenn gerade diese Sichtbarkeit im Buchhandel noch größer wäre, weil die Buchhändler für uns wichtige Partner sind. Wir machen viele Veranstaltungen, gerade auch in Buchhandlungen. Und das funktioniert eigentlich immer sehr gut. Wir bringen meistens einen interessanten Autor mit, der etwas vorliest und mit dem man sich unterhält, natürlich auch über die Zeitschrift. Das ist ein ganz schönes Format. Aber wir nutzen selbstverständlich auch die sozialen Medien, um mit Lesern in Kontakt zu kommen.

Man muss natürlich wissen, was man sucht, wenn man ins Netz geht. Und es ist nicht so wie beim Lesen eines Artikels in der Zeitung, wo man links und rechts anderes entdecken kann.

Das nehmen wir selbstverständlich auch wahr. Und es ist außerordentlich schade, dass die meisten der früheren Besprechungsformate weggefallen sind. In Zeitungen gab es früher Zeitschriftenrundschauen, im Rundfunk feste Sendeplätze. Das gibt es so kaum noch. Andererseits ist es ein Vorteil der neuen Medien, dass Leute, die zum Beispiel den Namen der Zeitschrift noch nie gehört haben, plötzliche auf unsere Homepage oder unsere Web-Auftritte stoßen, weil sie nach einem bestimmten Autor suchen, sich für ein Thema interessieren. Und dann sehen sie erst, was es bei uns noch so alles gibt. Die Zeitschrift ist ja darauf angelegt, dass man weiterliest, weil es immer Bezüge zu anderen Ausgaben gibt. Das kommt uns also entgegen.

Ist das immer noch so, dass die Abonnenten die Basis der Zeitschrift bilden?

Heute gehen zwei Drittel der Auflage an Abonnenten und ein Drittel in den freien Verkauf, der gegenüber früher stark zugenommen hat. Und wir merken auch, dass sich das Abo-Verhalten geändert hat. Gerade jüngere Leute legen sich nicht so gerne fest, ob sie eine Zeitschrift für ein Jahr oder auch länger lesen wollen. Das ist einerseits eine gewisse Schwierigkeit, weil man nicht mehr so gut kalkulieren kann. Andererseits ist es auch eine Chance, weil man Leute erreicht, die man sonst nicht erreicht hätte. Man hat ohnehin keine andere Wahl, als sich auf die veränderten Bedingungen einzulassen und zu versuchen, das Beste daraus zu machen.

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erstellt am 15.1.2020

Es gibt sie noch, die gedruckten Kulturzeitschriften. Doch muss man sie wegen ihrer relativ kleinen Auflagen zumeist im großen Angebot der gewerblichen Publikationen suchen. In loser Folge werden in Faust-Kultur solche Zeitschriften vorgestellt, um sie sichtbar zu machen.

Sinn und Form