Der katalanische Regisseur Calixto Bieito bringt am Schauspiel Stuttgart Ödön von Horváths 1931 uraufgeführtes Volksstück über das Erstarken des Faschismus werktreu auf die Bühne. Diese Inszenierung der „Italienischen Nacht“ ist bemerkenswert, findet Walter H. Krämer.

Theater

Auf dem rechten Auge blind

Es scheint das Stück zur Stunde. Der Regisseur Calixto Bieito vertraute diesmal ganz auf Ödön von Horváths Stücktext. Bis auf wenige Striche ist er im Original zu sehen und zu hören. Und das ist gut so. Gut ist auch, dass sich der Regisseur nicht an Aktualisierungen versucht oder Fremdtexte einbaut, sondern die Inszenierung ganz in der Zeit der Dreißigerjahre bleibt. Gemeinsam mit dem Ensemble hat der Regisseur den Text sehr genau auf seine Doppelbödigkeiten, seinen Rhythmus und seine Leerstellen abgeklopft und entsprechend präzise in Szene gesetzt. Und er vertraut bei seiner Inszenierung ganz auf mündige und wissenden Zuschauer, die sich ihre eigenen Gedanken machen, Zeitbezüge erkennen und diese herstellen können.

Berlin ist nicht Weimar – gleichwohl gibt es in allen Parlamenten unserer Republik eine erstarkte rechte Partei. Hitlers Worte sind in Reden einiger Politiker wieder salonfähig geworden, und der Nationalsozialismus wird als „Fliegenschiss“ der Geschichte bezeichnet. Es stellt sich die Frage, wie mit dem Erstarken rechter und populistischer Tendenzen umzugehen ist. Horváths Stück, besonders in der Stuttgarter Inszenierung, legt hier den Finger in die Wunde.

Aggressivität schlummert in allen Figuren und kann sich in jedem Augenblick entladen – etwa wenn aus heiterem Himmel ein Gegenüber weggestoßen wird und im stolpernden Fall einen schweren Biertisch mit sich reißt. Gefahr droht also nicht nur von außen, sondern auch von den inneren Befindlichkeiten der Menschen.

In der „Italienischen Nacht“, dem ersten seiner bekannten Volksstücke, spürt Ödön von Horváth den politischen Verwerfungslinien der Weimarer Republik im Mikrokosmos eines Wirtshauses nach. Die sozialdemokratische Parteijugend einer bayrischen Kleinstadt gerät mit den etablierten Funktionären in Streit über eine italienische Nacht, während draußen bewaffnete Faschisten aufmarschieren. Erst deren unmittelbare Gewaltandrohung bringt die Parteien wieder zusammen – ein Schulterschluss, den später die republikanischen Parteien der Weimarer Republik angesichts der nationalsozialistischen Bedrohung nicht zustande brachten.

Vereinsmeierei und Streitigkeiten: „Italienische Nacht“ in Stuttgart Foto: David Baltzer

Beschäftigt mit Vereinsmeierei und Streitigkeiten, feiern die Republikaner ihre Italienische Nacht. Wenn ihnen die radikalen sozialistischen Studenten nicht zu Hilfe geeilt wären – gerade noch aus dem Saal geworfen – so müssten die Alten für ihre Blindheit gegenüber dem aufkommenden Faschismus büßen und wären ordentlich verprügelt worden.

Der selbstzufriedene Stadtrat(Elmar Roloff) hat wenig Ahnung von Politik und den bestehenden Zuständen. Er verspricht Sicherheit vor den Faschisten, ohne diese jedoch geben zu können. Er entlarvt sich selbst als ein mit Blindheit geschlagener Politiker: „Solang es einen republikanischen Schutzverband gibt, und so lange ich die Ehre habe, Vorsitzender der hiesigen Ortsgruppe zu sein, so lange kann die Republik ruhig schlafen!“ Da bleibt Martin (David Müller), dem jungen Funktionär des linken Flügels der Partei, nur der zynische Kommentar „Gute Nacht!“

Man blickt erstaunt auf die politische Weitsicht des Autors, der treffender als die politischen Parteien der Weimarer Zeit den heraufkommenden Faschismus und das Versagen der etablierten Parteien in der Weimarer Republik erkannt und benannt hat.

Militärmärsche sorgen für bedrohliche Atmosphäre

Musik, für die Inszenierung ausgewählt von Barbora Horáková, spielt bei Horváth und daher auch bei Calixto Bieito – eine wesentliche Rolle. Hier wird sie von einer Blaskapelle intoniert, die sowohl Militärmärsche, sozialdemokratisches und kommunistisches Liedgut als auch Balladen spielt, immer passend zur jeweiligen Situation und damit auch die Szenen charakterisierend. Anfangs – die Blaskapelle nähert sich aus dem Zuschauerraum Richtung Bühne – sorgen die gespielten Militärmärsche für eine bedrohliche Atmosphäre rund um die Vorbereitungen für das Fest. Diese Blaskapelle und ihr Können erinnert an die Tradition guter Musiker, die in den Dreißigern in Kneipen spielten und sich damit ihr Geld verdienten.

Das Volksstück ist in Miniaturszenen gegliedert, die in der Stuttgarter Inszenierung sinnigerweise alle im gleichen Bühnenbild (Calixto Bieito und Helen Stichlemeir) stattfinden. Abgesehen von den Statisten sind alle Schauspieler immer auf der Spielfläche anwesend. Dabei erfolgen die Interaktionen auf vielfältige Weise: durch Dialoge, vielsagende Blicke, Gesten, beredtes Schweigen, Gesten und Haltungen. Und immer wieder treten Pausen und Stille ein. Hierbei hat der Regisseur detailgetreu gearbeitet. Es ist erkennbar, mit wieviel Freude und Genauigkeit die Spieler diesen Vorgaben folgen und den jeweiligen Figuren Charakter verleihen.

Vielsagende Blicke: „Italienische Nacht“ in Stuttgart Foto: David Baltzer

Feste und besonders ihr Scheitern stellen bei Horváth ein zentrales Motiv dar. Dies ist bei der „Italienischen Nacht“ besonders ausgeprägt. So befinden wir uns denn auch über die gesamte Spieldauer in einem Wirtshaussaal. Wenn sich der Eiserne Vorhang öffnet, blicken wir auf drei lange Reihen mit Wirtshaustischen, darauf gestapelt jeweils zwei Bänke, umgeben von Fahnenmasten und geschmückt mit Lichtergirlanden. Dann schreiten die Schauspieler im Gleichschritt auf die Tischreihen zu und bringen in einer geordneten Choreographie die Bänke von den Tischen. Beeindruckend, wie die Spieler immer wieder durch Umstellen der Bänke und Tische Bewegung in das Spiel bringen.

Zentraler Konflikt ist die Frage, ob man sich angesichts der Bedrohung von außen als auch von innen vom Feiern abbringen lässt. Hier ist es besonders Elmar Roloff, der als Stadtrat immer wieder darauf dringt, diese Nacht zu feiern und sich nicht stören zu lassen. Im Verhalten gegenüber seiner Frau Adele erweist er sich als Patriarch, der seiner Frau über den Mund fährt und sie jahrelang ausgenutzt und ausgebeutet hat. Seine Vorstellungen von der Frau am „heimischen Herd“ unterscheiden sich dabei nicht von den Ansichten der Faschisten. Als er aber von Erich – einem ausgewiesenen Faschisten – gedemütigt wird, springt sie ihrem Ehemann hilfreich zur Seite. Christiane Roßbach spielt dies wunderbar. Man kann vermuten, dass von jetzt an klar ist, wer im Hause des Stadtrats die Hosen an hat.

Der politische Zweck heiligt nicht alle Mittel

Immer wieder zeigt Horváth Verbindungen von Erotik und Politik auf. Er blickt sehr genau auf das Geschlechterverhältnis in Paarbeziehungen. Da ist der junge Marxist Martin (facettenreich und eindringlich: David Müller), der seine Freundin Anna (Paula Skorupa) auf den „politischen Strich“ schickt, um so an Informationen über Aktivitäten der Faschisten zu bekommen. Nach einer Vergewaltigung durch einen Faschisten bei einem ihrer von Martin gewollten „Einsätze“ ist für das Paar nichts mehr wie vorher. Vermeintliche Liebe entschuldigt eben nicht alles, und der politische Zweck heiligt nicht alle Mittel. Paula Skorupa spielt Anna als selbstbewusste Frau, die ihrem selbstherrlichen Freund Martin durchaus Paroli bieten kann und ihn anfährt: „Du, red nicht so hochdeutsch daher.“

Karl (Peer Oscar Musinowski) verliebt sich in eine an Politik nicht interessierte Frau. Bei seinem Versuch, Leni (Nina Siewert) auf Linie zu bringen, scheitert er und muss zugeben, dass die Erotik bei ihm an erster Stelle steht, Politik hin oder her. Er ist wesentlich daran interessiert, Erfolg bei den Frauen zu haben. Dafür wechselt er auch gerne einmal die Gesinnung: „Das bin ich mir einfach schuldig, dass ich in erotischer Hinsicht ein politisch ungebundenes Leben führe!“ Karl und Leni letztlich vielleicht das glücklichste Paar und auf dem Weg, mit dem Ersparten von Leni einen Kolonialwarenladen zu eröffnen.

Die ideologischen Prämissen der Faschisten werden in einem Gespräch zwischen dem Major Erich (Matthias Leja) und Anna deutlich. Hier offenbart sich eindrucksvoll das Bewusstsein und das Verhalten dieser politischen Bewegung. Die damit verbundenen Gefahren für die Demokratie deuten sich an.

Auch bei den Kostümen sieht sich die Inszenierung den Dreißigerjahren verpflichtet. Es werden hier nur Originalkleidungsstücke aus der Zeit genutzt und getragen. Dies schafft eine besondere Atmosphäre und zwingt den Darstellern auch eine besondere Spielweise auf. Hosen beispielsweise werden bis Bauchnabelhöhe getragen. Das Anzugsmaterial ist um ein vielfaches schwerer als heute, und Strümpfe sind nicht rundgestrickt sondern mit einer Naht versehen.

Gegen Ende schmettert das gesamte Ensemble einschließlich sämtlicher Statisten erbarmungslos alle Strophen der „Wacht am Rhein“. Das ist ein faszinierendes, aber auch gespenstisch anmutendes Seh- und Hörerlebnis. Das Schlussbild allerdings bleibt Anna überlassen. Mutterseelenallein in dem jetzt verlassenen und ramponierten Wirtshaussaal, blickt sie stumm in die Runde und in den Zuschauersaal. Für diesmal hielt sich der Schaden noch in Grenzen. Aber der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.

Diese bemerkenswerte Inszenierung öffnet am historischen Beispiel die Augen und kann sensibilisieren für das Erstarken reaktionärer und rechter Tendenzen heute – auch mit Blick auf eine Erkenntnis, die Max Horkheimer einst so formuliert hat: Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.

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erstellt am 20.12.2019

„Italienische Nacht“ in Stuttgart Foto: David Baltzer

Volksstück von Ödön von Horváth

Italienische Nacht

Inszenierung / Bühne: Calixto Bieito, Bühne: Helen Stichlmeir, Kostüme: Sophia Schneider, Musik: Barbora Horáková

Besetzung: Elmar Roloff (Stadtrat), Felix Strobel (Engelbert), Boris Burgstaller (Kranz), Klaus Rodewald (Wirt), Paula Skorupa (Anna) et al.

Schauspiel Stuttgart