Im Oktober 1949 kehrte der brillante Redner und philosophische Schriftsteller Theodor W. Adorno aus der Emigration nach Deutschland zurück und sah die Notwendigkeit, sich mit Rundfunkbeiträgen, Vorträgen und Artikeln in Zeitschriften und Tageszeitungen für die öffentliche Aufklärung einzusetzen. Warum es dazu kam und wie er vorging, beschreibt einer seiner Studenten, der Soziologe Stefan Müller-Doohm.

Essay

»Bangemachen gilt nicht.«

Adorno als Protagonist öffentlicher Aufklärung

Von Stefan Müller-Doohm

In Memoriam Hans Joachim Krüger

„Wie dagegen […] Menschen dort verdummen,
wo ihr Interesse anfängt, und dann ihr Ressentiment
gegen das kehren, was sie nicht verstehen
wollen, weil sie es allzu gut verstehen können,
so ist noch die planetarische Dummheit, welche
die Welt daran verhindert, den Aberwitz ihrer
eigenen Einrichtung zu sehen, das Produkt des
unsublimierten und doch unaufhaltsamen Interesse
der Herrschenden. Kurzfristig und doch
unaufhaltsam verhärtet es sich zum anonymen
Schema des geschichtlichen Ablaufs.“

Adorno, Theodor W: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Gesammelte Schriften 4. Herausgegeben von Rolf Tiedemann, S. 225 f., Frankfurt a. M.

Vernimmt man den Namen Theodor W. Adorno, so denkt man unwillkürlich an einen feinsinnigen Autor, dessen bevorzugter Aufenthaltsort der Elfenbeinturm des Philosophen war. In diesem Abseits hat er enigmatisch geschriebene, dem Leser alle Konzentration abnötigende Bücher verfasst wie die Philosophie der neuen Musik oder die Metakritik der Erkenntnistheorie oder die Negative Dialektik, letzteres sein Opus magnum. Im dritten Jahr seiner Emigration, zu der er aufgrund der Verfolgung durch die Nazidiktatur gezwungen war, drückte er in einem Brief an Max Horkheimer seine Maxime aus, dass er ein Schriftsteller sei, „der die tiefste Einsamkeit und die prinzipielle Unmöglichkeit, das was er denkt und sagt, je einzufügen sich zum a priori gemacht hat […]“.

Dieses eindrückliche Eigenportrait eines Schriftstellers als Philosophen, der in „unverbrüchlicher Einsamkeit“ das unwahre Ganze zu denken versucht, so das Programm seines persönlichsten Buches, der Minima Moralia, ist bleibender Teil dessen, wie diese Person sich selbst bestimmt hat und von außen gesehen wurde und gesehen wird. Aber in dieser beanspruchten Absolutheit des ganz bei sich Seienden geht keineswegs der ganze Adorno auf. Denn tatsächlich war ihm das „Fürsichsein der Subjektivität“, besonders aber die Idealisierung des Rückzugs in die Einsamkeit und Freiheit des hehren Gelehrten stets suspekt, von ihm ironisiert als falsches „Glück im Winkel“.

Diese andere Seite von Adorno, der aus dem von ihm beschworenen Bannkreis eines universalen Verblendungszusammenhangs heraustreten wollte, der sich auf dem Forum der politischen und kulturellen Öffentlichkeit engagierte und innerhalb dieser Öffentlichkeit nach Resonanz strebte, dieser Adorno trat mit großer Sichtbarkeit zu dem Zeitpunkt seines bewegten Lebens in Erscheinung, als er nach fünfzehn Jahren der Emigration – die ersten vier verbrachte im englischen Oxford, dann die restlichen in den USA – ohne zu zögern im Winter 1949 ins Land der Täter zurückkehrte.

Erstaunlich genug, denn Adorno wusste, dass mit dem Ende des NS-Regimes nicht zugleich die ‚besseren Deutschen‘ den Ton angeben würden in einem Land, das noch Jahre brauchen sollte, um der moralischen Katastrophe des Zivilisationsbruchs gewahr zu werden. Dennoch war er nicht ohne Zuversicht. So berief er sich in einem Brief an Horkheimer auf die Weisheit der „alte(n) Regel, daß der Vertriebene zurückkehrt und sieht, was er ausrichten kann“. Etwas auszurichten, hieß für den Remigranten, der nach dem Holocaust alleine schon „durch sein politisches Schicksal als Jude definiert“ war (Jürgen Habermas), daran mitzuwirken, dass die unsägliche Schuld der Deutschen nicht, wie er in einem Brief an Thomas Mann schrieb, „ins Wesenlose zerrinne“. Dies, mit der geistigen Kontinuität im postfaschistischen Deutschland zu brechen, war eines der Motive, vier Jahre nach Kriegsende die USA zu verlassen, um Horkheimers Bitte nachzukommen, an der geplanten Neugründung des Instituts für Sozialforschung mitzuwirken und seinen Lehrstuhl an der Universität Frankfurt kurzzeitig zu vertreten, mit der Perspektive, alsbald eine eigene Professur zu erhalten, die er dann aber erst 1953 bekommen sollte, peinlicherweise, aber zeittypisch, als ‚Wiedergutmachungslehrstuhl‘.

Als der Remigrant zunächst im Rahmen seiner Vertretungsprofessur im Wintersemester 1949 tätig wurde, geriet er sogleich in einen Strudel intellektueller Unruhe seitens der Studierenden, deren vehemente Neugier gegenüber geistigen Dingen er mehr verwundert als erfreut zur Kenntnis nahm. In jenem schon zitierten Brief an Thomas Mann heißt es: „Der Vergleich mit einer Talmudschule drängt sich auf; manchmal ist mir zumute, als wären die Geister der ermordeten Juden in die deutschen Intellektuellen gefahren“. Sogleich kritisierte er aber auch in einem Beitrag mit dem Titel „Die auferstandene Kultur“, den er fast zur gleichen Zeit für die Frankfurter Hefte und für das Abendstudio des Hessischen Rundfunks verfasst hatte, dass das politische Bewusstsein der akademischen Jugend völlig unterentwickelt sei und dass die Fixierung auf die kulturelle Sphäre „etwas von dem gefährlichen und zweideutigen Trost der Geborgenheit im Provinziellen“ habe.

Nicht zuletzt wegen dieser Befürchtung eines potentiellen Provinzialismus, parallel mit der registrierten apolitischen Gleichgültigkeit gegenüber den begangenen Untaten, hat Adorno alles darangesetzt, sich öffentlich zu Wort zu melden; das tat er durch Rundfunkbeiträge, Vorträge und Artikel in Zeitschriften und Tageszeitungen, nicht selten durchaus provokativ, wie mit dem vielbeachtete Satz „nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“. Derart schockierte er in der Rolle desjenigen, der die kommunikative Rede ernst nahm und ihrer Aufklärungsfunktion durchaus zu vertrauen schien.

Meister der freien Rede

Adorno war in seiner in den USA entwickelten Theorie über die Struktur- und Funktionsbedingungen der Medien- und Kulturindustrie zu der Auffassung gekommen, ihr Effekt sei im Ganzen manipulativ, ja generell antiaufklärerisch. Trotz dieses vernichtenden Urteils über die Massenmedien nutzte er – in einer Art konsequenter Inkonsequenz – in der Bundesrepublik über fast drei Jahrzehnte hinweg ganz besonders das damalige Leitmedium Radio dazu, um über die Fachgrenzen hinaus seinen „Wirkungskreis (zu) vervielfachen“. Durch seine rund 300 Rundfunkbeiträge sorgte er bei westdeutschen Hörern für eine Dauerpräsenz – Gisela von Wysocki hat sie zum Gegenstand eines ganzen Romans mit dem Titel Wiesengrund gemacht. Die Themen seiner Beiträge und seiner Diskussionen etwa mit Ernst Bloch, Elias Canetti, Hans Magnus Enzensberger, Hans Georg Gadamer, Joachim Kaiser, Erika Mann, Herbert Marcuse, Karl Heinz Stockhausen und vielen anderen gingen zumeist auf seine eigenen Vorschläge zurück, die dann mit den Programmleitern festgelegt wurden, darunter Alfred Andersch, Adolf Frisé, Gerd Kadelbach, Horst Krüger, Helmut Lamprecht. So wandte er sich, unverwechselbar aufgrund seiner höchst individuellen Diktion und besonderen Sprechweise – „in mittlerer Tonlage, mit minimalen Schwankungen nach oben.“ – an eine bundesweite Hörergemeinde.

Als exemplarisch für Adornos Positionierung hinsichtlich normativer Prämissen kann das von Horst Krüger moderierte, mehrfach als Wiederholung gesendete Gespräch mit Ernst Bloch im Abendstudio des Südwestfunks vom Frühjahr 1964 gelten. Während Bloch, dessen Philosophie Adornos Diktum zufolge „die des Expressionismus“ sei, die Utopie durch das metaphorisch Antizipierte als „Vor-Schein“ attraktiv zu machen versuchte und die positiven Momente sozialutopischen Denkens akzentuierte, beharrte Adorno darauf, dass es keine substantiell fixierbare Zukunftsvision geben könne. Um der Utopie willen müsse man es vermeiden, sich „von der Utopie ein Bild zu machen“. Die utopische Idee des richtigen Lebens, mit anderen Worten, die Sollgeltung des Ethischen in Gestalt von Gerechtigkeit und Glück stecke „wesentlich in der bestimmten Negation […] dessen, was bloß ist, und das dadurch, daß es sich als ein Falsches konkretisiert, immer zugleich hinweist auf das, was sein soll“. Auch im Rahmen eines der typischen Streitgespräche, die Adorno mit seinem Dauerkontrahenten Arnold Gehlen 1965 im Rundfunk führte, nutzte er die Gelegenheit, um mit der Direktheit des gesprochenen Wortes seine Weltsicht im Kontrast zum gegenaufklärerischen Diagnostiker des Posthistoire zu artikulieren: „Ich habe eine Vorstellung von objektivem Glück und objektiver Verzweiflung, und ich würde sagen, daß die Menschen so lange, wie man […] ihnen nicht die ganze Verantwortung und Selbstbestimmung zumutet, daß solange auch ihr Wohlbefinden und ihr Glück in dieser Welt Schein ist. Und ein Schein, der eines Tages platzen wird. Und wenn er platzt, wird er entsetzliche Folgen haben.“

In der Rolle des Medienpraktikers folgt der Medienkritiker Adorno seinem 1963 formulierten Credo, dass das Publikum der Massenmedien durch Erziehung und Bildung durchaus das „Richtige wollen kann. Dazu müsste es gebracht werden, durch sich selbst und gegen sich selbst zugleich.“ Adornos wachsende Medienpräsenz trug wesentlich dazu bei, dass er seit den fünfziger Jahren als der Prototyp jenes unbotmäßigen Intellektuellen wahrgenommen wurde, der wie kaum ein anderer bereit war, tabuisierte Themen aufzugreifen.

Weil für ihn, der in der „Departementalisierung des Geistes“ dessen Abschaffung sah, Philosophie und Soziologie den gleichen Rang hatten, kamen ihm bei diesen Aktivitäten als öffentlichem Aufklärer die Kompetenzen des professionellen Soziologen besonders entgegen. Diese spezifischen Erfahrungen im Bereich empirischer Sozialforschung hatte er sich während der zurückliegenden amerikanischen Emigrationsjahre erworben, als er an zahlreichen Projekten mitgearbeitet hatte, deren bekannteste, neben dem Radio Research Project, vor allem die Studie zur Authoritarian Personality war. Von diesem wissenschaftlichen Erfahrungshintergrund der amerikanischen Jahre ausgehend, setzte er sich schon Ende 1951 auf einer Tagung über den Nutzen von Meinungsforschung für die avancierten Methoden der empirischen Sozialforschung ein, und zwar nachdrücklich als Korrektiv des in der deutschen Soziologie seinerzeit vorherrschenden geisteswissenschaftlichen Obskurantismus, den er ebenso kritisierte wie auf der anderen Seite den begriffslosen Empirismus.

Dieser Vortrag mit dem oft vergessenen Plädoyer für empirische Forschungen, die dazu dienen, dass das Wissen der Gesellschaft von sich selbst erweitert wird, ist ein Beispiel neben vielen für Adornos intellektuelle Praxis; sie besteht in den Versuchen, einzugreifen, d.h. konventionelle Auffassungen und vorherrschende Strömungen in Frage zu stellen, die beiden Seiten einer Münze zu betrachten, in diesem Fall im Rahmen eines Vortrags innerhalb der Scientific Community.

Exemplarischer und aufschlußreicher noch für Adorno als öffentlichem Aufklärer ist freilich der jetzt zum 50. Todesjahr bei Suhrkamp erschienene umfangreiche Band mit dem Titel Vorträge 1949–1968. Diese bemerkenswerte Neuveröffentlichung im Rahmen der Nachgelassenen Schriften, sorgfältig ediert und aufschlussreich kommentiert von Michael Schwarz, dem langjährigen Mitarbeiter des Adorno Archivs in Berlin, enthält auf kompakten 800 Seiten 20 Vorträge. In ihrer Chronologie stellen sie unter Beweis, dass Adorno tatsächlich mehr war als jener Philosoph einer negativen Ontologie. Er wollte, wie er selbst bekannte, durch die direkte Adressierung des jeweiligen Publikums etwas „herüberbringen.“ Als Motto für dieses Programm kann folgende Bemerkung stehen, die bezeichnend für alle Vorträge ist: „Ich möchte Ihnen ein bißchen dabei helfen, daß Sie sich nicht bange machen lassen“.

Wenn er als Vortragender so gut wie frei redend auf so divergente Themen zu sprechen kam wie Probleme des Städtebaus im zerstörten Deutschland oder die Aktualität der Soziologie im geistig desaströsen Land oder auf musiktheoretische Fragen einging wie beispielsweise die Kompositionstechnik von Richard Strauss oder die Formprinzipien zeitgenössischer Musik oder wenn er das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, von europäischer Kultur und amerikanischer Culture thematisierte oder den Glauben an die Astrologe kritisierte, schließlich seine Deutungen über die autoritäre Persönlichkeit sowie den Rechtsradikalismus und Antisemitismus vortrug, dann legen diese durchaus locker gesprochen, von der Hörerseite leicht nachvollziehbaren Ausführungen in ihrer Summe Zeugnis davon ab, dass er tatsächlich als Exponent einer zweiten, einer intellektuellen Gründung der Bundesrepublik gewirkt hat. Diese beachtliche Wirkung geht Hand in Hand mit einem Imperativ, den Adorno als Sozialtheoretiker aufgestellt und sich in seiner intellektuellen Praxis zu eigen gemacht hat: Die „Wendung aufs Subjekt“, ein Imperativ, den er in seinen Vorträgen denn auch mehrfach ins Spiel brachte: „Ich glaube also, daß die Arbeit, die hier zu leisten ist, viel mehr am Subjekt anzusetzen hat, das heißt, daß eigentlich alles darauf ankommt, daß wir, und zwar schon in den frühen Phasen der infantilen Entwicklung, es lernen, die Menschen so frei zu machen und gleichzeitig so in sich zu kräftigen, daß sie fähig werden, überhaupt spezifische Erfahrungen zu machen.“

Adorno-Hype

Dass diese Wirkung ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod anhält, ist vielleicht das auffälligste Phänomen, das mit dieser Neuerscheinung im Zusammenhang steht. Denn gegenwärtig ist ein über die deutschen Sprachgrenzen hinausgehender Adorno-Hype feststellbar. Er dürfte durch diese erstmals zugängliche Sammlung von Vorträgen weiterer Nahrung finden, ist aber vor allem durch zwei kurz zuvor erschienene Bücher ausgelöst worden. Das eine ist hierzulande herausgekommen, das andere in den USA, bei beiden handelt es sich erstaunlicherweise um Remakes. Die Rede ist zum einen von einem Vortrag über „Aspekte des Rechtsradikalismus“, den Adorno im April 1967 in Wien vor politisch links eingestellten Studenten gehalten hat. Der Historiker Volker Weiß hatte die Nase rechtzeitig im Wind, um die Transkription dieses Vortrags separat in einem kaum mehr als 80 Seiten umfassenden Band herauszugeben und in einem instruktiven Nachwort den Stellenwert und Kontext der in knapper Form vorgetragenen Thesen zu erläutern. Was bei der aktuellen heftigen Rezeptionswelle unter den Tisch zu fallen droht, ist die Tatsache, dass sich Adorno mit diesem Vortrag, in dem er seine Argumente Schritt für Schritt in leicht nachvollziehbarer Weise entwickelt, auf rechtsextremistische Tendenzen in Deutschland zwischen 1964 und 1966 bezog. Sie liegen also über 50 Jahre zurück. Dennoch haben Adornos Reflexionen keinen Staub angenommen. Vielmehr bleibt bei der Lektüre der Eindruck zurück, dass die Überlegungen und Deutungen nach wie vor einen Erklärungsgehalt für das haben, was gegenwärtig als Varianten eines rechten Populismus und politisch extremen Rechtsradikalismus, verbunden mit einem teils aggressiven Antisemitismus vielfach irritiert und für helles Entsetzen sorgt. In diesem Wiener Vortrag greift er zurück auf schriftlich ausgearbeitete, damals schon veröffentlichte Texte wie „Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, „Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute“ oder „Erziehung nach Auschwitz“. Darüber hinaus rekurriert er auf seine ältere Studie über die Struktur faschistischer Propaganda, insbesondre geht er auf die Befunde der empirischen Studie über die Authoritarian Personality ein, jenes Kooperationsprojekt das Ende der vierziger Jahre als Teil der groß angelegten Studies in Prejudice in den USA durchgeführt wurde. Die Forschungsergebnisse über die Reaktionsmuster der faschistischen Persönlichkeit, die der Demokratie und ihren Werten feindlich gegenübersteht, lagen Adorno ganz offenbar besonders am Herzen. Denn in den thematisch so breit gestreuten Vorträgen des hier annoncierten Bandes kommt er in ganz unterschiedlichen Kontexten immer wieder und mit Nachdruck darauf zu sprechen. So akzentuiert er mehrfach, dass „der autoritätsgebundene Charakter eine Art von abgekürzter Anpassung an die autoritär eingerichtete Welt sei“. Entsprechend habe der Autoritäre „die Tendenz, zweiwertig zu denken, also die Welt aufzuteilen, schlicht gesagt, in Schafe und Böcke, in die Guten und in die Geretteten auf der einen Seite und in die. Bösen, vorweg (…) verdammten und Verurteilten, ohne daß es Vermittlungskategorien dazwischen gibt (…). Neben dem Freund-Feind-Denken hebt Adorno mehrfach die paranoide Struktur bzw. die Projektivität als Grundmechanismus des autoritären Charters hin. Zugleich warnt er mit Blick auf die amerikanischen Forschungen davor, autoritäre Reaktionsmuster primär sozialpsychologisch zu erklären. Wichtiger für „die Aktualisierung von autoritären Tendenzen (sind) objektive politische und ökonomische Gegebenheiten.“ Das korrespondiert mit der zentralen These Adornos, dass die Gesellschaft eine Totalität und jedes einzelne Phänomen einschließlich des Individuums in seiner autonomen oder heteronomen Gestalt gesellschaftlich vermittelt sei.

Diese soziale Produziertheit der autoritätsgebundenen Persönlichkeit hat Adorno in einem bislang unveröffentlichten Aufsatz mit dem Titel „Bemerkungen zu The Authoritarian Personality“ ausführlich diskutiert, den jetzt – man möchte sagen, zum richtigen Zeitpunkt – die Soziologin Eva-Maria Ziege in einer separaten Publikation ins Deutsche übersetzt und versehen mit einer Einleitung und einem Nachwort herausgegeben hat. Hier macht Adorno klar, dass das autoritäre Syndrom, verbunden mit der Empfänglichkeit für rechtsradikale Ideologien wie völkisches Denken und Antisemitismus, Ausdruck einer neuen anthropologischen Formation ist. Sie ist ihrerseits Zeichen für das „Mißlingen der Individuation“, bedingt zum einen durch die zunehmenden Zwänge zur „Integration des Individuums in die gesellschaftliche Totalität“ und zum anderen dadurch, dass „die Zivilisation ihren vermeintlichen Nutznießern immer mehr Opfer abverlangt.“

Dass diese Thesen heute nicht nur hierzulande diskutiert werden, sondern in den lebhaften und anhaltenden Debatten auf hellhörige Ohren stoßen, die durch die Präsidentschaft von Donald Trump ausgelöst wurden, belegt die von dem in Harvard lehrenden Historiker Peter E. Gordon herausgegebene Neuausgabe der Authoritarian Personality. Er erkennt in der Studie ein Deutungspotential, das gegenwärtig dazu beitrage, den Trumpismus zu erklären. Dessen Anhängern wird, wie in Deutschland im Fall der Wähler der rechtspopulistischen Partei (AfD), eine Neigung zum Autoritarismus attestiert. Diese Disposition geht einher mit stereotypem Denken, der Diffamierung von Minderheiten – alles paranoiden Züge, die Adorno, so Gordon, schon in seiner Studie festgestellt und beschrieben habe. Für den amerikanischen Historiker ist der Trumpismus nicht schlicht der Einfalt und Manipulierbarkeit von Wählern zu verdanken, sondern im Sinne von Adorno das Ergebnis pathologischer Entwicklungen in Gesellschaft und Politik. Dazu zählt er ausdrücklich den Rückgang des seriösen Journalismus, der von demagogischer Meinungsmache und Entertainment verdrängt werde. Natürlich habe es Adorno nicht vermocht, die gegenwärtigen Verfallserscheinungen im Bereich von Öffentlichkeit und Kommunikation, insbesondere in den sozialen Medien, vorauszusehen. Aber seine Forschungen zum sogenannten klischeehaften „Ticket-Denken“ und seine Analysen der Allgegenwart der Kulturindustrie würden dazu beitragen, uns für Missstände unserer Tage zu sensibilisieren wie etwa die rechtsextremen identitären Bewegungen weltweit, verbunden mit einer zunehmenden politischen Radikalisierung, nicht zuletzt in den Formen des Online-Extremismus.

Lehren vom richtigen Leben

Diese von Gordon akzentuierte Sensibilisierung kann der Leser an sich selbst erfahren, wenn er sich auf das breite Themenspektrum des Bandes mit den Vorträgen ernsthaft einlässt. So sehr sich ihr Sprachstil vom Duktus der schriftlich verfassten Texte Adornos unterscheidet, die Grundmelodie ist die, die er als Exponent der kritischen Theorie der Gesellschaft über die Jahrzehnte geschaffen hat. Der normative Fluchtpunkt ist die an vielen Stellen postulierte richtige Einrichtung der Gesellschaft; sie sei Bedingung für das Überleben der Menschheit. Dieser Einsicht gebiete der „gesunde Menschenverstand“, an den zu appellieren, Adorno nicht zögert. Seine Skepsis gilt der Eigendynamik eines Fortschrittes im Sinne des ‚Immer so weiter’ fortschreitender Naturbeherrschung. Für sie sei ein hoher Preis zu entrichten: „Je größer das Reservoir der Menschen wird, die diesen Preis des Fortschritts zu bezahlen haben, um so mehr wächst natürlich auch das Reservoir des Ressentiments und das Unbehagen am Fortschritt an und um so mehr dann auch jene Kräfte, die schließlich bereit sind, den Fortschritt in die Bahn der puren Zerstörung zu lenken.“ Durchgängige Motive von Adornos Reflexionen sind der Verweis darauf, dass Individuum und Gesellschaft keine Naturqualitäten haben, dass Krisenerscheinungen Resultat anwachsender gesellschaftlicher Antagonismen sind. Auch wenn die Verelendungstheorie sich nicht bewahrheitet habe, bleibe das skandalöse Faktum sozialer Armut und ökonomischer Ohnmacht. In vielen seiner Vorträge geht Adorno auf das ein, was er als Bedingungsverhältnis zwischen sozial erzeugter, durch Deklassierung hervorgerufener Angst und reaktionärer Wut beschreibt. Diese angstgesteuerte Wut richte sich nicht, wie er ausführt, gegen die repressiven Verhältnisse, sondern gegen alles, was abweicht. In dem für die Sammlung zentralen Vortrag über „Die menschliche Gesellschaft“ warnt er durchaus hellsichtig vor dem Verdrängen der möglichen Katastrophe, dem dämonischen Moment einer unbeherrschten Technik. Wenn Adorno perspektivisch Vorstellungen einer vernünftig eingerichteten Gesellschaft anklingen lässt, wie in vielen seiner Vorträge, dann hält er einer Philosophie die Treue, die ihm zufolge Lehre vom richtigen Leben sein will. Das Richtige hat seinen Kristallisationspunkt im Begriff des Glücks. Dessen Möglichkeit entfaltet er in dem Vortrag, den er 1953 an mehreren Orten aus Anlass des Erscheinens von Marcel Prousts Romanwerk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit gehalten hat. Der Vortragsbeginn gibt den Grundton an: Es könne scheinen, dass das Dritte Reich erfunden worden sei, um den Reichtum individueller Erfahrungen, den dieser Roman verkörpere, zu zerstören und zu verbieten. Diese Erfahrungen sind solche, „die man als Kind hat und die einen vom Leben sonst eigentlich ausgetrieben werden.“ Adorno wäre nicht der Philosoph bestimmter Negation, wenn er nicht seine Ausführungen zum richtigen Leben nicht ausklingen ließe mit dem Verweis auf die „Polarität von Glück und Vergänglichkeit“.

Es kann nicht verschwiegen werden, dass der von Adorno exzellent beherrschten Vortragsform retardierende Momente eigen sind. So unterbricht er seine Gedankengänge sehr oft mit einem rhetorischen „nun“, um nach dieser Zäsur bereits Ausgeführtes zusammenzufassen oder neu anzusetzen. Das hatte vermutlich nicht für die Hörer, die dem Vortragenden vor Augen standen, aber hat für den Leser etwas Ermüdendes. Er muss auch in Kauf nehmen, dass eine ganze Reihe von Adornos Diagnosen, über deren historische Bedingtheit er sich im Klaren war, obsolet, zumindest umstritten ist. Das gilt etwa für die Behauptung, dass das rechtsradikale Syndrom eine Reaktion auf Konzentrationstendenzen des Kapitals sei, dass es in der rationalen Gesellschaft keine unmittelbaren Beziehungen mehr gäbe, eine generelle Ich-Schwäche und Entscheidungsunfähigkeit feststellbar sei. Wenn er die Gesellschaft als „Riesenfabrik zur Ausbeutung und Beherrschung der Natur“ beschreibt, dann kann das nur durchgehen, wenn man sich auf seine Methode bewusster Übertreibung einlässt, die für ihn, der vom katastrophischen Weltlauf überzeugt war, eine Aufklärungsfunktion hatte – sei es die, Widerspruch zu provozieren.

Was in dem Band mit den Vorträgen nur nebenbei anklingt, ist Adornos häufig übersehenes Engagement im Bereich der Bildungspolitik, mitbedingt durch die enge Beziehung zu Hellmut Becker, dem späteren Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Tatsächlich war für Adorno als öffentlichem Aufklärer sein Einsatz für die Bildungsreform ein wichtiges Themenfeld gleich in den ersten Jahren des Wiederaufbaus in Westdeutschland. Dazu gehört an erster Stelle die konzeptionelle Neugestaltung der Politischen Bildung und weiterhin ganz konkret die Reform der Lehrerausbildung. In seinem heiß umstrittenen Vortrag von 1961 über „Philosophie und Lehrer“ nahm er auf der Grundlage seiner eigenen Erfahrungen als Hochschullehrer Bezug auf das Verhalten von Examenskandidaten beim Referendarexamen beziehungsweise bei Prüfungen in Philosophie. Was er beschrieb, offenbart die bis heute fortwirkende Misere eines durch Examina reglementierten Studiums. Sie manifestiert sich auf Seiten der Studierenden in der zunehmenden Unfähigkeit zum sprachlichen Ausdruck und im „Habitus geistiger Unfreiheit“. An die Stelle der Selbstreflexion trete „(w)issenschaftliche Approbation“: „Wissenschaft als Ritual dispensiert vom Denken und von Freiheit.“ Die tradierte Autoritätsstruktur der deutschen Schule, die gängige Art des frontalen Unterrichts und die Vermittlung reproduzierbaren Wissens war ihm ein Dorn im Auge. In diesem Zusammenhang trug er Vorschläge vor, wie durch pädagogische Mittel autoritären und antisemitischen Dispositionen entgegengewirkt werden könne. Über die aktuellen Forschungen des Instituts für Sozialforschungen, die beispielsweise den Zusammenhängen von Bildung und Schichtung galten, referierte er ebenso wie über die Themen Bildungskrise und Bildungsverfall. Für Horkheimer hat er mehrfach Reden zu Problembereich des „Akademischen Studiums“ entworfen, die dieser in seiner Funktion als Rektor der Universität halten musste. Als Schlüsseltext, der eine ganze Debatte in der Pädagogik ausgelöst hat, gilt hier seine 1959 vorgetragene und in der Zeitschrift Der Monat publizierte „Theorie der Halbbildung“. Seine These, dass Bildung heute als „unpraktische Umständlichkeit“ der Karriere im Wege stehe, kulminiert in dem Satz: „wer noch weiß, was ein Gedicht ist, wird schwerlich eine gutbezahlte Stellung als Texter finden“. Was seine Initiativen Zur Hochschulreform seit Mitte der 50er Jahre angeht, so kritisierte er zum einen die vorherrschende Tendenz zum Expertentum und die damit verbundene Entwicklung zur Spezialisierung. Zum anderen plädierte er dafür, die Chance eines unreglementierten Denkens während des universitären Studiums zu nutzen. In seinen Überlegungen „Zur Demokratisierung der deutschen Universitäten“ von 1959 setzte er sich viele Jahre vor der Kritik der studentischen Reformbewegung am ‚Muff von tausend Jahren unter den Talaren‘ für den Abbau hierarchischer Strukturen innerhalb der Hochschulen ein, weil damit eine Voraussetzung gegeben sei, dass sich im akademischen Bereich der „Typus des freien Menschen entwickeln könne, der sich selbst zu bestimmen vermag“. Zugleich forderte er, der Akademiker müsse sich den öffentlichen Aufgaben stellen, dürfe sich nicht privatistisch nur der Akkumulation von Berufswissen sowie der eigenen Karriere widmen. Denn „der Rückzug von der Politik selber negiert das demokratisch Prinzip auch dann, wenn man es kontemplativ gelten läßt. Das ist die Achillesferse der Demokratisierung der deutschen Universitäten.“

Indem Adorno als öffentlicher Intellektueller das Bewusstsein dafür wachzuhalten versuchte, welche soziale Pathologien sich im Schoße der Gesellschaft abzeichnen, hatte er einen wesentlichen Anteil daran, dass ein Selbstverständigungsprozess sowohl über soziale Missstände und ideologische Verzerrungen als auch über die Funktion der Demokratie im Laufe der 60er Jahre in Gang kam. So setzte sich die Einsicht durch, dass das System der Demokratie eine voraussetzungsvolle Form politischer Herrschaft sei, die der selbstbestimmten Einflussnahme mündiger Subjekte bedarf.

Adornos Kritik galt nicht zuletzt dem indifferenten Verhältnis der Bevölkerung zur Politik, diese Kritik trug dazu bei, dass der normative Gehalt der demokratischen Verfassung überhaupt öffentlich thematisiert wurde. In seinen Interventionen verwies er darauf, dass Demokratie ohne die Partizipation ihrer Bürger bloße Fassade bleibe. Für sein Demokratieverständnis war die Idee aufgeklärten und vernunftorientierten Handelns konstitutiv, deren praktischer Durchsetzung die Gesellschaftskritik dienen sollte. Kritik sei aller Demokratie wesentlich, diese werde geradezu durch Kritik definiert. Eine Bedingung für die Möglichkeit praktisch wirksamer Kritik sei die Freiheit als Selbstbestimmung des Handelns. Rückblickend gesehen, beruht Adornos bis heute anhaltende Wirkung als öffentlicher Intellektueller darauf, dass er sich als Kritiker der sozialen Verhältnisse unter dem Gesichtspunkt richtigen Lebens exponiert hat: dem einer vernünftigen und gerechten Lebensweise. Dabei war ihm Kritik immer auch eine an die Öffentlichkeit adressierte intellektuelle Praxis, die auf die Produktivkraft der Negation vertraut: „Widerstand gegen […] alles bloß Gesetzte, das mit dem Dasein sich rechtfertigt.“

In der Online-Fassung wurde auf Fußnoten verzichtet.

Der vorliegende Essay erscheint in: Offener Horizont. Jahrbuch der Karl Jaspers Gesellschaft. Herausgegeben von Matthias Bormuth, Göttingen 2020.

Zum Autor

Prof. Dr. Stefan Müller-Doohm (em.), Leiter der Forschungsstelle Intellektuellensoziologie und Gründer der Adorno-Forschungsstelle an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.

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erstellt am 19.12.2019

Theodor W. Adorno (Screenshot)

Theodor W. Adorno (Screenshot)

Siehe auch:

Adornos Briefwechsel mit Peter Suhrkamp und Siegfried Unseld

Vorgestellt von Wolfgang Schopf
Ort: Universitätsarchiv, Dantestraße 9, Frankfurt

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