Alle zwei Jahre treffen sich Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen unterschiedlichster Disziplinen zu einer „African Studies Association of Africa“, kurz ASAA-Konferenz, auf afrikanischem Boden. Doch das war nicht immer so: Seit 1960 fanden wissenschaftliche Konferenzen zu Afrika-Studien unter europäischer Deutungshoheit in Ländern des Globalen Nordens statt. Erst 2013 wurde in Ghana die African Studies Association of Africa (ASAA) gegründet; seit 2015 findet eine ASAA Konferenz alle zwei Jahre in einem afrikanischen Land statt: 2019 versammelten sich um die 400 Wissenschaftler aus nahezu 50 Ländern in Kenias Hauptstadt Nairobi. Dort wurde erstmalig der „Pius Adesanmi Memorial Award for Excellence in African Writing“ vergeben – benannt nach dem nigerianisch-kanadischen Professor, Schriftsteller, Literaturkritiker, Satiriker, Kolumnist und ASAA-Mitgründer. Er starb am 10. März 2019 beim Absturz des Ethiopian Airlines Flugs 302. Die Journalistin und Literaturkritikerin Tina Adomako hat die Konferenz als Mitglied der Jury begleitet.

Konferenz in Nairobi

Debatten über Afrika in Afrika

Von Tina Adomako

Die Afrika-Forschung ist eng verknüpft mit der „Entdeckungsgeschichte“ des Kontinents. Die ersten Seefahrer brachten Erzählungen nach Europa mit, später wurden Expeditionen von Europa aus ausgerüstet, den Kontinent zu „entdecken“ und seine Geschichte zu schreiben. Diese frühen „Forscher“ waren oftmals Abenteurer, bestenfalls Anthropologen. Es waren überwiegen weiße Männer, die nach Afrika aufbrachen, um über Afrika zu schreiben. Jahrhundertelang haben sie den Blick auf den Kontinent und auf das Wissen aus Afrika bestimmt. Diesen ersten Forschern und Wissenschaftlern haben wir die bis heute weit verbreitete Idee eines „unterentwickelten“ Kontinents zu verdanken, weil die europäische Kultur, die Wertevorstellungen und Kategorisierungen Europas stets den Bewertungsmaßstab stellten. Dieser eurozentristische Standpunkt hat Afrika stets degradiert. Als ob es in all den Jahrhunderten kein Wissen und keine Wissensvermittlung in Afrika gegeben hätte.

Es klingt unglaublich, dass sich bis vor sechs Jahren sämtliche African Studies Associations (ASAA) in Ländern des Globalen Nordens befanden. Man überlege nur, wie seltsam es wäre, wenn alle Zentren für Europäische Studien in Afrika oder Asien angesiedelt wären. Die erste African Studies Association wurde 1957 in den USA gegründet, von weißen Gelehrten. Erst vor zwei Jahren wurden auch zwei Wissenschaftler von afrikanischen Universitäten in den Vorstand benannt. 1960 gab es die Gründung der African Studies Association of the United Kindgom, um Afrikastudien im Vereinten Königreich zu fördern. Obwohl viele Forscher aus afrikanischen Ländern sich mit dem Wissen aus Afrika beschäftigten und beschäftigen, beherrschten Wissenschaftler aus dem Globalen Norden das Feld und bestimmten die akademischen Diskurse. Selbstverständlich fanden auch sämtliche Konferenzen der African Studies Associations in Ländern des Globalen Nordens statt.

Erst 2013 wurde in Ghana, im Rahmen der 50. Jahresfeier des Institute of African Studies an der University of Ghana, die African Studies Association of Africa (ASAA) gegründet – eine wissenschaftliche Vereinigung, die sich zum Ziel gesetzt hat, die spezifischen Beiträge Afrikas zur Förderung des Wissens über die Völker und Kulturen Afrikas und der Diaspora zu unterstützen. ASAA verfolgt somit die Vision des ersten Präsidenten Ghanas, Dr. Kwame Nkrumah, der 1963 das Institute of African Studies eröffnete. ASAA ist aktuell der einzige multidisziplinäre und transdisziplinäre Berufsverband, der sich auf die Afrika-Forschung aus einer rein afrikanischen Perspektive konzentriert.

Die Deutungshoheit über Afrika-Studien zurückholen

Alle zwei Jahre treffen sich nun Wissenschaftler*innen unterschiedlichster Disziplinen zu einer ASAA-Konferenz auf afrikanischem Boden. Das erste Treffen fand 2015 in Ibadan, Nigeria statt, die zweite Konferenz wurde im Gründungsland Ghana gehalten. Vom 24. Bis 26. Oktober trafen sich Wissenschaftler*innen aus nahezu 50 Ländern zur dritten Konferenz in Nairobi. In ihrer Eröffnungsrede schilderte ASAA-Präsidentin Prof. Akosua Adomako-Ampofo (University of Ghana) die Geburtswehen, mit denen die junge Institution zu kämpfen hatte. Bei der Gründung von ASAA hat es anstelle von Unterstützung viel Widerstand aus den etablierten Kreisen der Afrika-Forschung gegeben, die nicht verstanden haben oder nicht verstehen wollten, wofür es eine weitere African Studies Association geben müsste. Schließlich seien die Vereinigungen in den USA, Großbritannien und Kanada offen für alle Wissenschaftler – auch für die Kollegen und Kolleginnen aus Afrika. „Die Unkenrufer haben im Vorfeld unserer Gründung, bis zur Geburt der ASAA und in den folgenden Jahren vorhergesagt, dass diese Vereinigung nicht überleben wird. Das zeigt, was für ein Kampf es ist, die Deutungshoheit über Afrika-Studien zurück zu holen. Dies ist unsere dritte Konferenz und die bisher größte und vielfältigste, mit über 400 Teilnehmenden“, freute sich die Präsidentin. Es waren übrigens mehr als drei Mal so viele wie bei der ersten Konferenz in Ibadan.

Adomako-Ampofo stellte klar, dass die hegemoniale Macht Europas und die bisherige eurozentristische Sichtweise der Wissenschaft auf Afrika nicht ohne Auswirkungen geblieben seien „auf unsere Psyche und den wissenschaftlichen und sozialen Fortschritt des Kontinents“. Deshalb sei es jetzt notwendig, „Afrika für uns selbst neu zu zentrieren, und uns selbst als ein anerkannter und geschätzter Teil der globalen wissensproduzierende Industrie zu sehen“.

Dekolonisierung des afrikanischen Wissens – aber wie?

Das Thema der diesjährigen Konferenz lautete „African and Africana Knowledges: Past Representations, Current Discourses and Future Communities.” An den drei Konferenztagen konnten die Teilnehmenden aus über 150 Panels und Vorträgen wählen, die sich auf 16 Kernthemen fokussierten. Diese waren: internationale Beziehungen Afrikas und Governance; afrikanische Sexualitäten, Feminismus und Genderstudien; Bildung & Forschung; Umwelt, Nachhaltigkeit und Landwirtschaft; Film und Medienstudien, Gesundheit und traditionelle Medizin; Literatur; Linguistik; Märkte, Entwicklung und politische Ökonomie; Identity Politics; Religion; Naturwissenschaftliche Forschung & Entwicklung; Geschichte & Philosophie; Konflikt, Frieden und Sicherheit; Mobilität, Migration & Citizenship Security.

Decolonising African Knowledge, also Dekolonisierung des afrikanischen Wissens – dieses Thema beherrschte die Debatten und Diskurse an allen drei Tagen. Dass dieses Ziel nicht so einfach zu erreichen ist, machte Professor Paul Zeleza, Kanzler der United States International University-Africa (USIU) und Gastgeber der diesjährigen Konferenz in seinem Vortrag deutlich. Im Grunde befindet sich die afrikanische Wissenserzeugung in eine „Catch 22“ Situation. Einerseits forderte er: „Für uns auf dem Kontinent ist es wichtig, die Führung bei der Erörterung afrikanischer Fragen zu übernehmen, da wir im Mittelpunkt dieser Erfahrung stehen, afrikanisch zu sein – afrikanisch auf dem Kontinent und natürlich afrikanisch auf der Welt – und solche Konferenzen sind die Gelegenheit für uns, den Prozess der Dekolonisierung weiter zu führen.“

Appell an reiche Afrikaner, die Wissenschaften zu fördern

Andererseits: Afrikanische Staaten geben weniger als 0,5% ihres Bruttoinlandsprodukts für Bildung aus, verglichen mit 2,7 Prozent in den USA, 1,8 Prozent in der Europäischen Union, 4,3 Prozent in Korea und 1,7 Prozent durchschnittlich weltweit. Dadurch ist es sehr schwierig, Finanzierung für Forschung und Entwicklung an afrikanischen Universitäten zu bekommen und im globalen Wissenschaftsbetrieb aufzuholen. Gleichzeitig gebe es immer mehr afrikanische Milliardäre, die jedoch selten Stiftungen für Wissenschaft und Forschung gründeten, wie es viele im globalen Norden täten, kritisierte Zeleza. Deshalb wird die Forschung in Afrika überwiegend von ausländischen philanthropischen Gesellschaften und Institutionen des globalen Nordens finanziert, die nie ganz frei von eigenen Interessen sind. Zeleza appellierte an die wachsende Zahl reicher Afrikaner*innen, die Wissenschaften zu fördern – finanziell oder ideell, z.B. durch die Auslobung von Preisen für Exzellenz in einzelnen Fachbereichen. An Mo Ibrahim, dessen Stiftung jedes Jahr den vermutlich höchsten Geldpreis (der Preisträger erhält fünf Millionen US-Dollar für die ersten zehn Jahre und danach weitere 200.000 US-Dollar jährlich lebenslang) weltweit für den „Mo Ibrahim Prize for Achievement in African Leadership“ auslobt, ging der Appell, die Forschung an afrikanischen Universitäten zu unterstützen. Zumindest in den Jahren, in denen sich kein geeigneter Preisträger oder Preisträgerin findet, was in den letzten sechs Jahren der Fall gewesen ist (Der letzte Preisträger war 2011 Pedro Pires, ehemaliger Präsident von Kap Verde).

Mit Blick auf die Demographie Afrikas macht dieser Apell Sinn. Bis 2050 wird Afrika über 25 Prozent der Weltbevölkerung stellen. Heute sind 60 Prozent der Bewohner des Kontinents unter 25 Jahre alt. Der Kontinent braucht eine Wissensvermittlung, die auf die nächste wirtschaftliche Revolution vorbereitet. „Oder werden wir weiterhin Bauernopfer sein, wie bei den ersten drei industriellen Revolutionen, die uns ausgeblutet haben und von denen unser Kontinent nichts profitiert hat?“ fragte Paul Zeleza.

Afrika-Studien beginnen in der Gemeinschaft

Auch wenn die Konferenz manchmal ein wenig chaotisch anmutete und es auch einige seltsame Momente gab – zum Beispiel als bei der Eröffnung alle Gäste gebeten wurden, für die Nationalhymne Kenias aufzustehen, oder der Besucherin aus Deutschland manche folkloristischen Darbietungen zunächst verwunderlich erschienen in einem Kontext, in dem Stereotypisierungen über Afrika kritisiert wurden – waren es drei Tage gefüllt mit spannenden Begegnungen, interessanten Vorträgen und anregenden Debatten in Afrika, über Afrika, mit Afrikaner*innen. Und wie Dr. Mshaȉ Mwangola, kenianische Performance Wissenschaftlerin erklärte: „Musik und Tanz bringen uns von außen nach innen. Afrika-Studien und Afrikanistik beginnen nicht in der Akademie, sondern in der Gemeinschaft.“ Mit viel Musik und Tanz und der erstmaligen Verleihung des Pius-Adesanmi-Memorial Award for Excellence in African Writing endete die Konferenz. Erste Preisträgerin des neuen Literaturpreises ist Kagiso Lesego Molope  mit ihrem Roman „Such a Lonely, Lovely Road“. Einen Tag nachdem die Jury die Preisträgerin bekannt gegeben hatte, erhielt die Autorin in Kanada den begehrten Ottowa Book Award. “Two days. Two books. Two awards! I am truly grateful“, war die Reaktion der Preisträgerin.

Die nächste ASAA-Konferenz findet 2021 statt.

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erstellt am 17.12.2019

400 Wissenschaftler aus fast 50 Ländern: Teilnehmer der ASAA-Konferenz in Nairobi

Zur Person
Tina Adomako

Tina Adomako ist tätig als freiberufliche Journalistin, Fachpromotorin für Empowerment und Interkulturelle Öffnung, sowie Vorstandsmitglied der Neuen deutschen Medienmacher.

tinaadomako.de