Der vielversprechende Titel „Das politische Erzählen“ wird in der Dissertation von Mareike Gronich durch den Untertitel eingeengt: „Zur Funktion narrativer Strukturen in Wolfgang Koeppens ‚Das Treibhaus‘ und Uwe Johnsons ‚Das dritte Buch über Achim‘“. Thomas Rothschild hat die Forschungsarbeit einer kritischen Lektüre unterzogen.

Buchkritik

Jenseits des Themas

Es gehört zum Wesen von Dissertationen, dass sie aus Furcht, man könnte ihnen Lücken nachweisen, und ohnedies aufgeblasen durch die Fußnoten, die jedem Plagiatsvorwurf zuvorkommen wollen, viel zu dick sind, um den gern beschworenen „interessierten Laien“ zur Lektüre zu verführen. Und so betreibt die unüberwindbare akademische Tradition genau das Gegenteil dessen, wofür sie öffentliche Gelder bezieht. Sie dient nicht der Allgemeinheit, sondern schreckt sie ab. Man könnte von Inzucht sprechen, wenn man sich nicht eingestände, dass Dissertationen nicht einmal von den Fachleuten und oft nicht einmal von den Gutachtern gelesen werden. Sie sind der Ausfluss von obsoleten Ritualen, die nur einen lächerlichen Zweck haben: zum Tragen eines akademischen Titels zu berechtigen.

Das ist bedauerlich, wo Dissertationen, selten genug, Erkenntnisse enthalten, die es verdienten, wahrgenommen zu werden. Das Versprechen des verlockenden Titels „Das politische Erzählen“, den man, in Versalien gedruckt, auch als Infinitivphrase – „Das Politische erzählen“ – lesen kann, wird in der Dissertation von Mareike Gronich durch den Untertitel sogleich drastisch eingeengt: „Zur Funktion narrativer Strukturen in Wolfgang Koeppens ‚Das Treibhaus‘ und Uwe Johnsons ‚Das dritte Buch über Achim‘“. Zwar sind die beiden Romane in der Tat herausragende Beispiele für politisches Erzählen in der deutschsprachigen Literatur, aber sie eignen sich keineswegs zur Verallgemeinerung oder zu Schlussfolgerungen über das „politische Erzählen“. Wer wollte es jemandem übel nehmen, wenn er bei dem Stichwort an Charles de Coster oder an Milan Kundera, an Manuel Scorza oder an Christa Wolf dächte? Sie haben mit Koeppen und Johnson, was die narrativen Strukturen angeht, so viel gemeinsam wie die Kriminalromane von Agatha Christie und Raymond Chandler. Gronich selbst nennt auf den letzten zwei Seiten vor der gattungsgerechten umfangreichen Bibliographie Hans Magnus Enzensberger, Peter Schneider, Bernward Vesper, Peter Weiss, Christa Wolf, Katharina Hacker, Kathrin Röggla, Sasha Marianna Salzmann, Thomas Meinecke, Ulrich Peltzer, Juli Zehn, Ilija Trojanow und Jenny Erpenbeck.

Alte Fragen ohne neue Antworten

Gleich zu Beginn wendet sich die Autorin gegen eine Forschungsperspektive, die in Abrede stellt, „dass die politische Qualität eines literarischen Textes in dessen ästhetischer Gestaltung liegen könnte und gerade nicht oder zumindest nicht ausschließlich in der Wahl der verhandelten Themen und der vertretenen politischen Position“. Das ältere Semester reibt sich die Augen. Wurde derlei nicht bereits vor einem halben Jahrhundert, mit den gleichen Worten diskutiert? Hat man damit nicht Heißenbüttel gegen Enzensberger verteidigt und Arno Schmidt gegen Heinrich Böll oder, wenn man über den Tellerrand der Literatur hinaus schaut, Nono gegen Theodorakis? War das nicht genau die Frage, die zur intensiven Aufarbeitung der noch älteren sogenannten Realismus- oder Expressonismusdebatte im sowjetischen Exil geführt hat? Irgendwie gewinnt man den Eindruck, dass die gleichen Fragen an deutschen Universitäten alle paar Jahre neu gestellt werden, ohne neue Antworten zu provozieren. Ist das Gedächtnis so kurz, oder gehen den Doktormüttern und -vätern einfach die Dissertationsthemen aus, für die sie sich als zuständig erachten?

Die Autorin wollte sich für Romane entscheiden, „die eine Referenzbeziehung zur Politik und zum Politischen unterhalten“. Ein paar zusätzliche Kriterien filterten dann „Das Treibhaus“ und „Das dritte Buch über Arnim“ aus der deutschen Literatur der Nachkriegszeit heraus. Gronich geht ausführlich auf die Voraussetzungen – Rhetorik, Narrativität, Engagement, das Politische – ein, ehe sie sich den beiden Romanen zuwendet. Politische Literatur ist für sie „keine Agitation und auch nicht engagierte Literatur im herkömmlichen Sinne, sie ist aber sehr wohl – und das ist eine eminent politische Attribuierung – emanzipatorische Literatur“. Mit dieser Definition hat sie im Grunde das Ergebnis ihrer Untersuchung vorweg genommen, zugleich aber reaktionäre Romane aus dem Korpus der politischen Literatur ausgeschlossen. Demnach wären „Auf den Marmorklippen“ von Ernst Jünger, „Der Fragebogen“ von Ernst von Salomon oder Kolbenheyers „Paracelsus“ keine politischen Romane. Emanzipatorisch kann man sie ja wohl kaum nennen.

Es ist nicht ohne Ironie und verdankt sich wahrscheinlich den Zwängen einer Dissertation, dass die Autorin auf dem Umweg eines Forschungsberichts bzw. einer Darstellung der Rezeption beim „Treibhaus“ 35 und beim „Dritten Buch über Achim“ immerhin 15 Seiten auf das verwendet, was sie gerade vermeiden wollte, nämlich die „thematische Oberfläche und ihre operative Funktion“, ehe sie zu der sie interessierenden narratologischen Analyse kommt.

Zwei Arbeiten in einem Buchdeckel

Gronich widerspricht der These, dass es sich bei Koeppens „Treibhaus“ um einen durchgängigen inneren Monolog des im Zentrum stehenden Keetenheuve handle. „Vielmehr zeichnet sich das Erzählen im Treibhaus gerade dadurch aus, dass die ohne Frage dominierende identifikatorische und auf den Wahrnehmungshorizont des Protagonisten fokussierte Erzählweise immer wieder durch andere narrative Impulse irritiert, gestört oder gar unterlaufen wird.“ Das hat zur Folge, dass in dem Text „zwei Ebenen, nämlich die Kritik an der frühen Bundesrepublik (als dominante Erzählbewegung) und die kritische Reflexion dieser Kritik (als gegenläufige Erzählbewegung), untrennbar miteinander verknüpft“ sind. Diese Verknüpfung sorgt für eine „dialektische Spannung“, „die sich nicht zu einer Seite hin auflösen lässt, sondern im Gegenteil für die Deutung des Deutschlandbildes im Treibhaus fruchtbar gemacht werden muss“. Gronichs Resümee: „Statt in Kritik oder Affirmation aufzugehen werden die Bedingungen der Möglichkeit einer angemessenen Auseinandersetzung mit dem Politischen thematisiert, und es wird vorgeführt, welche Bedeutung in diesem Zusammenhang den Mentalitäten, Wahrnehmungs-, Denk- und Klassifikationsschemata zukommt, die die Wahrnehmung des Politischen prägen und so auch an dessen Verfasstheit beteiligt sind.“

Bei Johnsons „Drittem Buch über Achim“ kommt die Autorin nach einer minutiösen Sichtung und Analyse der Forschungsliteratur, insbesondere der Studie von Holger Helbig, zu der Formulierung, „dass Erzählstrukturen und narrative Gestaltung des Achim-Romans so konzipiert sind, dass neben der Geschichte von Karsch, Achim und Karin stets auch der Erzählprozess präsent gehalten wird, in dessen Verlauf die Karsch- und die Achim-Fabel allererst entstehen“. Im weiteren untersucht Gronich unter anderem ausführlich sprachliche Besonderheiten von Johnsons Roman und ihre Funktion. Am Ende ihrer Ausführungen zu Johnson gelangt sie zu einer Formulierung, die den Schriftsteller aus der DDR in die Nähe von Koeppens „Treibhaus“ rückt: „Der Roman verlangt seiner Leser*in die Bereitschaft ab, sich von den narrativen Strukturen und der Rhetorik des Textes leiten zu lassen, zugleich aber – und daraus ergibt sich die durch den LESER vermittelte emanzipatorische Rezeptionshaltung – das eigene Erkenntnisinteresse nicht aus den Augen zu verlieren und das eigene Urteilsvermögen nicht hintanzustellen.“

Das war‘s dann aber auch. Wer erwartet hat, dass die beiden analysierten Romane in Bezug auf das politische Erzählen mit einander verglichen, dass ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede festgehalten und womöglich über die Exempla hinaus verallgemeinert würden, sieht sich enttäuscht. Dafür müssen zwölf Seiten reichen. Das ist knapp und hat den Charakter einer Pflichtübung. So entsteht der Eindruck von zwei Arbeiten, die in einem Buchdeckel vereint wurden. Damit die Dissertation den geforderten Umfang hat.

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erstellt am 12.12.2019

Mareike Gronich
Das politische Erzählen
Zur Funktion narrativer Strukturen in Wolfgang Koeppens „Das Treibhaus“ und Uwe Johnsons „Das dritte Buch über Achim“
Kartoniert, 431 Seiten
ISBN: 978-3-7705-6254-1
Wilhelm Fink, Paderborn 2019

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