Dass Theodor W. Adorno fehlerlos und druckreif zu reden verstand, hat ihm Bewunderung und Neid eingebracht. Und dass es einer seiner Texte, der mehr als ein halbes Jahrhundert alt ist, heute wieder auf die Bestsellerlisten schafft, ist nicht nur der vergesslichen Nachkriegsgeneration zu verdanken. Martin Lüdke hat sich durch Adornos immer noch aktuelle Vorträge 1949 –1968 gelesen.

Lüdkes Liederliche Liste

Der tote Hund bellt wieder

Theodor W. Adorno, Foto (Ausschnitt): Jeremy J. Shapiro [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)]
Theodor W. Adorno, Foto: Jeremy J. Shapiro

Als Hegel einst mit dem Vorwurf konfrontiert wurde, mit seiner Philosophie könne man doch keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken, erwiderte er trocken, das sei auch nicht ihre Aufgabe. Trotzdem wurde er schon bald nach seinem Tod zum ‚toten Hund’ deklariert.

Vor einigen Monaten tauchte, wie ein Platzregen aus heiterem Himmel, ein schmales Bändchen, luftig gesetzt, gerademal 80 Seiten umfassend, aus dem Frankfurter Suhrkamp Verlag auf der SPIEGEL-Bestsellerliste auf: Theodor W. Adornos Wiener Vortrag aus dem Jahr 1967 über Aspekte des neuen Rechtsradikalismus. Es war, aus aktuellem Anlass, eine Art Vorabdruck aus der bald danach erschienenen umfangreichen Sammlung der Vorträge aus den Jahren 1949 bis 1968. Und: eine doppelte Überraschung. Denn um Adorno war es in den letzten Jahren, ja eher schon Jahrzehnten, bemerkenswert still geworden. Er hatte noch einige Jahre nach seinem (frühen) Tod 1969 die Diskussion über unsere gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmt. Seine „Ästhetische Theorie“, Kulminationspunkt seines Denkens überhaupt, erschien posthum 1970 und entfaltete erst in den folgenden Jahren ihre Wirkung.
Doch danach ging es schnell abwärts. Die Kritische Theorie der sog. Frankfurter Schule, Adorno, Horkheimer, Marcuse, Löwenthal, verlor schneller an Einfluss als eine Generation später die Aktien der Deutschen Bank an Wert. Auch Jürgen Habermas, Schüler und Erbe der Frankfurter, konnte daran nicht allzu viel ändern.

Um so überraschender jetzt der Erfolg des kleinen Bändchens. Inzwischen ist auch der voluminöse Band „Vorträge 1949 – 1968“ erschienen, dem diese Wiener Intervention entnommen war.

Ein gutes Drittel dieser Vorträge ist musikalischen Fragen gewidmet. Adorno, der nach seiner frühen Dissertation zwischen der Musik und der Philosophie schwankte, bei Alban Berg in Wien Komposition studierte, selbst komponierte bis er sich mit seiner Kierkegaard-Arbeit schließlich in Frankfurt habilitierte, blieb sein Leben lang der Neuen Musik verpflichtet. Mit seinen eigenen Kompositionen hatte er wenig Erfolg. Mit seinen musikalischen Schriften um so mehr. Die „Philosophie der neuen Musik“ bildete, entsprechend von Thomas Mann auch gewürdigt, die Grundlage der ästhetischen Vorstellungen Adrian Leverkühns im „Doktor Faustus“. Thomas Mann wird übrigens auch die Äußerung zugeschrieben, dass Adorno „jede Note“ der europäischen Musikgeschichte kennen würde. Da die Neutöner im Dritten Reich nicht nur verpönt, sondern auch verboten war, setzte Adorno nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil 1949, einiges daran, für die Wiener Schule von Schönberg, Webern und Berg zu werben. Und vor allem erst einmal über deren musikalische Grundlagen aufzuklären.

Adornos Schriften gelten zu recht als schwierig. Die Sprache, seine Verächter sprechen von manieriert, wirkt tatsächlich oft gedrechselt. Dahinter steht zwar ein Konzept. Philosophie sei, heißt es schon in der „Negativen Dialektik“ „wesentlich nicht referierbar“. Aber das erleichtert noch nicht ihr Verständnis. Anders verhält es sich mit seinen Vorlesungen und Vorträgen. Denn Adorno hatte durchaus ein Gespür, welche Schwierigkeiten er seinem Publikum zumuten konnte. Und er sprach, in aller Regel, frei, mit Stichworten und einer Art Gliederung versehen.

Dabei würzte er seine Ausführungen gerne mit volkstümlichen Ausdrücken, wie den Hinweis auf den Schneider Wibbel, eine bekannte Größe der Frankfurter Lokalgeschichte, und half damit seinem Publikum über manche Hürde hinweg.

Im Sommer 1964 hält Adorno an der Frankfurter Musikhochschule einen Vortrag über die „kompositorische Technik“ bei Richard Strauss. Die bloße Tatsache, dass sich der Geburtstag von Richard Strauss zum hundertsten Mal jährte, will er dabei nicht zu einer „törichten Lobrede“ missbrauchen. „Sondern“, so sagt er, „ich glaube, daß das einzige, was man einer bedeutenden und sich so außerordentlich komplexen Gestalt wie Strauss gegenüber anständigerweise tun kann, das ist, dass man sucht, durch Erkenntnis wesentlicher Fragen seines Werks und seines Verfahrens ihm, so weit das halt möglich ist, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ich möchte dabei aber zugleich gewisse Erwägungen anschließen – da die Katze das Mausen bekanntlich nicht läßt –, die sich auf den Begriff der Kompositionstechnik generell beziehen“. Und dann geht Adorno ins Detail.

Die hier versammelten Vorträge zeigen das gesamte, breite Spektrum des Adornoschen Denkens. Das beginnt, 1949, als Deutschland noch in Trümmern lag, mit Überlegungen zu „Städtebau und Gesellschaft“, überhaupt zu einigen soziologischen Themen, dem Verhältnis von „Individuum und Gesellschaft“. Adorno beschäftigt sich mit Marcel Proust und Frank Wedekind. Er spricht über den „Begriff der politischen Bildung“, über die Frage, ob „Aberglaube“ harmlos ist, kurz gesagt: er präsentiert das ganze, weite Spektrum seines Denkens.

Das Ganze wird in einer mustergültigen Edition präsentiert. Sie enthält den Wortlaut der Vorträge; Stichworte, die sich Adorno zu den Vorträgen gemacht hatte; schließlich die ausführlichen Anmerkungen dazu.

Herausgekommen ist dabei nicht nur ein umfangreiches, mithin dickes Buch, sondern, weit darüber hinaus, ein gewichtiges Buch, das uns, zum Teil auf überraschende Weise zeigt, dass Adorno noch immer etwas zu sagen hat. Er bietet keine Rezepte, verkündet keine Lösungen. Dafür zeigt er die Notwendigkeit kritischen Denkens. Und, man sollte nicht vergessen, auch Hegel war, über Jahrzehnte nach seinem Tod, erstmal ein ‚toter Hund’. Erstaunlich, was aus dem dann geworden ist.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 11.12.2019

Theodor W. Adorno
Nachgelassene Schriften. Abteilung V: Vorträge und Gespräche – Band 1: Vorträge 1949-1968
Herausgegeben von Michael Schwarz
Leinen, 786 Seiten
ISBN: 978-3-518-58731-7
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019

Buch bestellen