In seiner einzigen Oper griff der französische Komponist Gabriel Fauré auf die letzten Gesänge der Odyssee zurück und machte Penelope zur Hauptfigur. „Pénélope“, 1913 uraufgeführt, schaffte es nie ins Repertoire. Nach der deutschen Erstaufführung 2002 in Chemnitz versucht nun die Oper Frankfurt eine Wiederentdeckung. Stefana Sabin war auf der Premiere.

Oper

Der unsichtbare Bogen

Gabriel Fauré, Foto: Pierre Petit (1905)
Gabriel Fauré, Foto: Pierre Petit (1905)

Er war Gründungsmitglied der Société Nationale de Musique, Organist der Madeleine, Professor am Pariser Konservatorium, Musikkritiker der Zeitung Le Figaro – Gabriel Fauré (1845-1924), Schüler und Protégé von Camille Saint-Säens, wurde mit Klavier-, Vokal- und Bühnenmusik zu einem der renommiertesten Komponisten seiner Zeit. Einer seiner größten Erfolge war die Oper „Pénélope“, ein poème lyrique in drei Akten, das am 4. März 1913 in Monte Carlo uraufgeführt wurde und nur wenige Tage später bei der Eröffnung des Théatre des Champs-Élysées seine Pariser Erstaufführung erlebte.

Fauré griff auf ein Stück des Dramatikers René Fauchois (1882-1962) über Odysseus’ Rückkehr nach Ithaka zurück, kürzte und überbearbeitete aber das Libretto, das auf den letzten Gesängen der Odyssee basiert. Er schuf eine impressionistisch-klassizistische Musik ohne harte Tempowechsel und mit eingewobenen Leitmotiven.

Die Handlung aus ineinanderfließenden Szenen spielt im Palast des Odysseus, wo seine treue Gattin Penelope auf ihn wartet und die Freier (Fürsten, nicht Prinzen, wie in den Übertiteln fälschlich übersetzt), die um sie buhlen, trickreich hinhält. Als Bettler verkleidet, verschafft sich Odysseus Zutritt zu Penelope, wird zuerst von seiner alten Amme erkannt, gibt sich dann den Hirten zu erkennen und plant mit ihnen seine Rache an den Freiern. Penelope, die ihn immer noch nicht erkannt hat, schlägt er vor, denjenigen unter den Freiern zu wählen, der den Bogen des Odysseus spannen kann, wohlwissend, dass keinem das gelingen wird. Tatsächlich kann keiner den Bogen spannen – nur der angebliche Bettler, der spannt und trifft und schließlich als Odysseus erkannt wird.

Merkwürdige Pantomime: „Pénélope“ an der Oper Frankfurt Foto: Barbara Aumüller

Auf der Frankfurter Opernbühne hat Corinna Tetzel die Bogenprobe als merkwürdige Pantomime gestaltet: Die Freier hantieren ungeschickt mit einem unsichtbaren Bogen, während das Haus, auf dessen Dachterrasse die Handlung spielt, sich spaltet. Die Freier bleiben auf einer Seite und kommen offenbar ungeschoren davon, Odysseus und Penelope auf der anderen, und gerade, als diese sich erkannt haben, gehen sie merkwürdigerweise wieder auseinander.

Die Frankfurter Inszenierung überführt die Handlung ins Heute: Der Festsaal im Palast des Odysseus ist eine Dachterrasse mit Plastikstühlen und Satellitenantenne, die Freier tragen schwarze Anzüge und Sneakers, Penelope selbst erscheint im Hosenanzug. Auch Odysseus trägt keine Verkleidung, sondern ein weißes Hemd zur dunklen Hose. Diese Modernisierung trivialisiert die Handlung und entzieht ihr dabei jede Plausibilität, denn was als antike Sage gilt, funktioniert als moderne Geschichte nicht.

Was die Inszenierung aber wirklich ärgerlich macht, ist das scheinbare Desinteresse an der Gattung, also am nötigen Zusammenspiel zwischen Orchester und Sängern. Die Inszenierung platziert die Sänger zu weit vom Orchester entfernt und schirmt sie durch eine Art Netzvorhang noch zusätzlich ab. Unter diesen erschwerten Bedingungen muss man die Leistung der Sänger, allen voran Paula Murrihys als Penelope und Eric Laportes als Odysseus, umso mehr bewundern – und vielleicht war der energische Applaus des Premierenpublikums für die Sänger und die Dirigentin Joanna Mallwitz zugleich gegen das Regieteam gerichtet.

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erstellt am 04.12.2019

„Pénélope“ in Frankfurt Foto: Barbara Aumüller

Poème lyrique in drei Akten

Pénélope

Von Gabriel Fauré, Text von René Fauchois nach Homer

In französischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Musikalische Leitung: Joana Mallwitz, Inszenierung: Corinna Tetzel, Bühnenbild: Rifail Ajdarpasic, Kostüme: Raphaela Rose, Dramaturgie: Stephanie Schulze

Besetzung: Paula Murrihy (Pénélope), Eric Laporte (Ulysse), Joanna Motulewicz (Euryclée), Božidar Smiljanić (Eumée) et al.

Oper Frankfurt