Liebe Leserinnen und Leser! Unabhängigkeit und Nachhaltigkeit sowie Archivfunktionen kosten Geld. Damit www.faustkultur.de, eines der wenigen Qualitäts-Portale im Netz, weiterhin eine »Kultur-Oase« bleibt, können Sie uns unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


Martina Weber gehört nicht zu den Bühnenstars unter den Lyrikerinnen. Gleichwohl schreibt sie nicht nur juristische Fachliteratur und Ratgeber für Lyriker, sondern bringt ihre Erfahrung in redaktionelle Arbeit oder etwa in das Zentrum für junge Literatur in Darmstadt ein. Nach ihrem Debütband „Erinnerungen an einen Rohstoff“ sind nun Gedichte mit dem Titel „Häuser, komplett aus Licht“ erschienen, die Nicola Quaß empfiehlt.

Lyrik

Niemand kennt das Drehbuch des anderen

Max Jacob sagte einmal in „Ratschläge für einen jungen Dichter“: „Die lyrische Stimme ist ein Zustand des Denkens ohne Gedanken, des Fühlens ohne Gefühle.“ In den Gedichten von Martina Webers zweitem Gedichtband „Häuser, komplett aus Licht“ geht es um ein solches Denken mit offenem Ausgang. Sie lassen Bilder entstehen und führen mich an imaginäre Orte, die verstören und mich zugleich in ihren Bann ziehen.

Ich befinde mich in einer Studentenkneipe, vielleicht in einer früheren Zeit. Genaue Beschreibung der Szenerie: „Er hatte ein Geschirrtuch über die linke/ Schulter gelegt. Wir verwendeten Hand betriebene Kaffeemühlen. /Wir bekamen kein Geld dafür. Wir sprachen nicht viel. (…)“ Aus dieser präzisen Beschreibung des Moments heraus löst sich plötzlich ein zweites Bild. „Wir standen hinter der Theke, wir standen unter einem /Wasserfall und rollten eine Pergamentrolle aus. (…)“ Drastischer kann ein Szenenwechsel nicht sein. Und dennoch: er ist nicht willkürlich. Er scheint wohl überlegt. Es ist, als ob das Bild, das sich so unvermittelt in die Szene drängt, immer schon da gewesen ist. Schicht für Schicht werden Bilder abgetragen mit präzisen, sorgfältig gewählten Worten. Zum Vorschein treten Bilder unter den Bildern wie bei einem übermalten Gemälde. Es ist gleich das erste Gedicht dieses Gedichtbandes, das wegweisend für die darauffolgenden wird. Schon der Titel des Zyklus „Essay über eine Verschiebung“, dem dieses Gedicht angehört, ist kühn. Essay und Poesie? Wie passt das zusammen? Sehr gut, wenn man die Gedichte von Martina Weber liest. In dem aus fünf Gedichten bestehenden Zyklus greifen Bilder auf somnambule Weise ineinander. Bestechend sind die präzisen Beschreibungen, die oft stakkatoartigen kurzen Sätze; die harten Schnitte. Die Lyrikerin, die schon in ihrem ersten Gedichtband „Erinnerungen an einen Rohstoff“ mit ihrer klaren, mutigen Sprache überzeugt hat, versteht es meisterhaft, Beobachtungen und Sinneseindrücke miteinander zu verweben und daraus ein Spannungsfeld von Wirklichkeit und Fiktion zu erzeugen.

„(…) Wir

 kannten einander kaum und niemand erkannte uns, wir konnten
 uns neu erfinden, in einer grauen Stadt am Meer gingen wir

nebeneinander mit unseren noch nicht erzählten Geschichten, ein
 unsichtbarer Hund an einer roten Leine. Phantome der Freiheit,


verwundbar. Niemand kennt das Drehbuch des andern. Jedes Mal,
 wenn ich dich fotografierte, verlor ich dich etwas mehr (…)“

Martina Webers Gedichte sind leise, kühn, doppelbödig und raffiniert. Es sind Prosage- dichte in der Tradition der Language Poetry, einer Gruppe US-amerikanischer Dichter aus den 1960er und 1970er Jahren, die das Gedicht als Konstruktion von Sprache begreifen. Dichtung als Projektionsfläche. Die Gedichte von Martina Weber gehen darüber hinaus. Sie sind Wortkompositionen, Gedankencollagen. Dabei ist die Nähe zu anderen Kunstgattungen nicht zu übersehen. Das cineastische Element nimmt geradezu das Zentrum dieser Poesie ein. Es ist auch eine Poesie der Ortsbestimmung, des Unterwegsseins. Dabei beschränken sich die Gedichte nicht auf Räumlichkeiten. Sie unternehmen Zeitreisen, führen in andere Dimensionen. 


Die Gedichte des zweiten Kapitels „Häuser, komplett aus Licht“ führen daher auch direkt ins Frankreich des ersten Weltkrieges. Eindrücke der Dichterin während ihres Aufenthaltsstipendiums im französischen St. Mihiel. Da ist von „Attrappen von Menschen“ die Rede, von „Frauen in langen Kleidern in einer nicht synchronisierten Sprache“, „derbe Schuhe, wie von Van Gogh gemalt.“ Es sind diese wie beiläufig eingestreuten Bildschnipsel, die eine beklemmende Atmosphäre von Vergänglichkeit, Bedrohung und Schuld erzeugen. Dabei arbeitet die Dichterin mit sparsamen Mitteln. Kein Wort ist zu viel. Bilder sind genau aufeinander abgestimmt. Dazwischen ist viel Raum zum Atmen. Die Gedichte öffnen ihre Tür weit und laden mich als Leserin ein, in ihrem Innenraum Platz zu nehmen. Ein Zitat aus dem Gedicht „Nur eine Straßenecke“ aus dem Kapitel „Ich will nichts, was mich hält“ zeigt eindrücklich das ganze Potential dieser Dichtung:

„(…) Es sind die groben Flocken, die segeln.
 Die winzigen, feinen erkennen Sie, wenn Sie Richtung Laterne 


schauen, in die Streuung des Lichts. Eine Nacht in Schwarz-weiß, ohne Bewertung betrachten. Jemand hat den Hund nochmal rausgelassen. Zoom auf die Spuren der Pfoten des Hundes. Wenn man das Kind gewesen wäre und mit genau diesem Hund durch die Felder gerannt, es wäre immer Sommer gewesen, ein schmales

Stück Wiese, man wäre über die großen Steine gesprungen, bis es nichts mehr gab, was einen halten konnte, man hätte zitternd mit fremden Menschen gesprochen, aber da waren gar keine Menschen, man hätte stolz den Hals des Hundes gestreichelt, aber da war gar kein Hals, da war auch kein Hund, und niemals fiel eine Nacht lang Schnee.“

Und wer wurde als Leser schon einmal in einem Gedicht direkt angesprochen? Ein lyrisches Du kann immer jemand anderes sein; ein lyrisches Sie hingegen spricht mich an. Es will etwas von mir. Es tritt mit mir in Kontakt. Vieles in den Gedichten wird nur angedeutet und nicht zu Ende erzählt. Räume öffnen sich. Universen werden sichtbar. Es ist ein Spiel mit Möglichkeiten, mit Parallelwelten. „Wir sind aus dem Drehbuch gefallen.“ ist so ein Satz, der wie eine Verheißung klingt: die poetische Selbstvergewisserung des Ungewissen, Verschiebung von Realitäten. Täuschung des Augenblicks. So wirken manche Gedichte wie Filmsequenzen aus einem anderen Leben und betreffen doch jeden einzelnen von uns. Denn da ist immer ein lyrisches Ich, das ohne Vorwarnung aufblitzt und mich auffordert, die Dinge so zu sehen wie sie sind: als Möglichkeit, als Fragment. „Ich bin das Thema dieser Fragmente. Ich bin es / immer noch nicht.“ Die Gedichte verhandeln damit auch die Grundlage menschlicher Existenz. Ein großartiges Buch, das man lesen sollte.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 02.12.2019

Martina Weber
Häuser, komplett aus Licht
Gedichte
Klappenbroschur, 88 Seiten
ISBN 978-3-948305-00-0
poetenladen Verlag, Leipzig 2019

Buch bestellen