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Zum 90. Geburtstag von Hans Magnus Enzensberger ist ein Buch mit Fotografien von Stefan Moses erschienen, der die Familie Enzensberger über 20 Jahre hinweg im Allgäu besuchte. Martin Lüdke stellt den mit Textbeiträgen angereicherten Bildband vor und verneigt sich vor dem Jubilar.

Lüdkes Liederliche Liste

Bei den Enzensbergers zu Hause

Genau weiß ich es nicht mehr. Wahrscheinlich ist es der Hörsaal VI im (damals) neuen Hörsaalgebäude der Frankfurter Universität gewesen. Das Datum hingegen ist gesichert. In meinem Exemplar „verteidigung der wölfe“, den legendären ersten Gedichtband, 1957 erstmals im Frankfurter Suhrkamp Verlag erschienen, 1959 bereits „Drittes und viertes Tausend“, findet sich auf dem Vorsatzblatt, oben mit einem hübschen Signet „Suhrkamp Verlag Berlin“ versehen, in großer schwarzer Handschrift, vermutlich Kugelschreiber, der Name „Enzensberger“, und darunter: „Frankfurt 21. 10. 63. Spätestens damals habe ich dem schon von mir bewunderten Schriftsteller und Dichter und seinen Gegnern so genannten Linksintellektuellen Hans Magnus Enzensberger erstmals persönlich gegenübergestanden. Es war nicht viel, was er bis dahin veröffentlicht hatte, immerhin noch den Gedichtband „landessprache“ und, ebenfalls 1962, den Essayband „Einzelheiten“, mit der scharfsinnigen Analyse „Die Sprache des Spiegel“, die damals, mehr als clever, vom SPIEGEL nachgedruckt wurde, während sich die FAZ, die unter dem Titel „Journalismus als Eiertanz. Beschreibung einer Allgemeinen Zeitung für Deutschland“ analysiert worden war, mit dem fast peinlichen Versuch einer Widerlegung kräftig blamierte. Das „Museum der modernen Poesie“, das er ebenfalls herausbrachte, demonstrierte zudem Enzensbergers singuläre Rolle im deutschen Literaturbetrieb. Er präsentierte die großen Dichter des 20. Jahrhunderts, eben die Moderne, die aufgrund unseres Tausendjährigen Reichs an uns vorbeigegangen war, bereits als Museum. Als wir sie wahrnahmen, da war, da hatte Enzensberger Recht, die Moderne bereits Geschichte geworden.

Hans Magnus Enzensberger, fotografiert von Stefan Moses, München, 2009
© 2019 by Nachlass Stefan Moses/courtesy Schirmer/Mosel

Enzensbergers Einstand in die bundesdeutsche Kulturgeschichte hätte also nicht besser inszeniert werden können, wobei, ziemlich sicher, sein Verleger Siegfried Unseld auch eine Rolle gespielt haben dürfte. Was danach kam, ist bekannt. Das von ihm begründete und herausgegebene Kursbuch hat Geschichte geschrieben. Und Enzensberger, wohl geplant, für viele Jahre kaum noch Gedichte. Und doch Buch um Buch. Aus anderthalb Regalbrettern, direkt neben meinem Schreibtisch, quillt sein Werk, bis hin zum „Fallobst. Nur ein Notizbuch“, das vor wenigen Tagen, zu seinem neunzigsten Geburtstag, erschienen ist, eine wunderbare Mixtur aus gefundenen Früchten und herzhaften Kommentaren dazu.

Enzensberger hat für mich und meine Generation die deutsche Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur begleitet und gedeutet, sondern, durchaus wahrnehmbar, auch mitgeprägt. Er hat die Selbstüberschätzung der Literatur erkannt, ebenso wie die Marginalität der Intellektuellen. Passend zu seiner öffentlichen Wirkungsgeschichte ist nun in dem (Kunst-) Verlag Schirmer/Mosel ein schmales Buch erschienen: „Stefan Moses: Hans Magnus Enzensberger. Eine Hommage“. Mit überaus lesenswerten, durchaus persönlich gehaltenen Beiträgen von Michael Krüger und dem Bruder Ulrich Enzensberger.

Hans Magnus und Katharina, Ulrich und Marianne, Christian und die Eltern Enzensberger mit Theresia, Hans Magnus’ Tochter, Kaufbeuren 1989
© 2019 by Nachlass Stefan Moses/courtesy Schirmer/Mosel

Der Fotograf Stefan Moses (1928–2018), den Enzensberger bereits 1963 bei einer Tagung der Gruppe 47 kennengelernt hatte, woraus sich im Laufe der Jahre eine Freundschaft der beiden entwickelte, hat Anfang der achtziger Jahre eine Art „Langzeitprojekt“ auf den Weg gebracht. Über 20 Jahre hinweg besuchte der Fotograf die Familie Enzensberger im Allgäu, in einem Häuschen, in dem auch schon die Eltern und Großeltern der Enzensbergers gelebt hatten. Vater, Mutter, die vier Söhne mit Hans Magnus als Ältesten. Moses platzierte die Alten immer wieder auf einer Bank im Garten und gruppierte die Söhne, später teils mit ihren Kindern, darum herum, wobei die Eltern, später nur noch die Mutter Leonore, die übrigens 104 Jahre alt geworden ist, das Bild des Vorjahrs auf den Knien hielt. Dabei herausgekommen ist eine absolut private, und wohl gerade deshalb absolut faszinierende Familienchronik, die das zunehmende Altern einer Familie, auch die Verluste ebenso zeigt, wie eine Kontinuität, die sich gegen die Zeiten behauptet hat. Stefan Moses zeigt mit ‚seinen’ Enzensbergers das Bild des Immergleichen in der Geschichte.

Es sind vorwiegend private Fotos. Und ich frage mich, warum sie öffentliches Interesse beanspruchen können. Möglicherweise, weil die Intimität, die sie ausstellen, jenseits aller Indiskretion, so selbstverständlich erscheint.

Enzensberger hat, siehe oben, mein Leben begleitet. Die Bilder seiner Familie zeigen (mir) unsere Geschichte.

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erstellt am 29.11.2019

Stefan Moses
Hans Magnus Enzensberger
Eine Hommage
Katalog Fotomuseum im Stadtmuseum München. Herausgegeben von Ulrich Pohlmann. Mit Texten von Michael Krüger, Ulrich Enzensberger und Hans Magnus Enzensberger
Gebunden, 104 Seiten, 48 Abb.
ISBN: 9783829608824
Schirmer/Mosel, Verlag München 2019

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