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Tuschicks Kolumne

Gehen Sie sterben, Sie Held

Er scheiterte als deutscher Revolutionär und reüssierte als amerikanischer Politiker. Carl Schurz (1829-1906), ein Kind der Preußischen Rheinprovinz, starb nach einem erfüllten Leben mit freiem Blick auf die New Yorker Freiheitsstatue. Lady Liberty ist eine Protagonistin in Andreas Kollenders Roman „Libertys Lächeln“. Jamal Tuschick hat ihn gelesen.

Radikal modern irrte Carl Schurz, als er glaubte, die Revolution folge seiner Leidenschaft auf dem Fuß. Das Desaster von 1848 trägt auch die Unterschrift eines Mannes, dessen Unternehmungsgeist die Trägheit des Volkes monumental kontrastierte. Der jugendliche Heißsporn Schurz unterschätzte die Macht der Fürsten, die aus einer tradierten Gewaltausübungsbereitschaft nicht zuletzt kam.

Kollender beschreibt, wie Schurz an der Spitze eines dem Bier zusprechenden Milizhaufen zur Tat schreitet. Unterwegs separiert er sich an einem Ackerrand und gerät da in die Lage, einer Unbekannten zu gestehen, noch nie im Licht eines Liebhabers geküsst zu haben. Die Suggestive lässt ihn freundlich auflaufen. Beherzt gibt sie ihm die Worte mit auf den Weg:

„Gehen Sie sterben.“

Das ist mit Schurz nicht zu machen. Er lebt mit einem wilden Gefühl für sich; einer einnehmenden Eigenliebe, die Kollender als eines fabelhaften Mannes Merkmal vortrefflich herausstellt.

Brecht begriff die Bauernkriege als das größte deutsche Unglück. Sie kamen zu früh und forderten einen den nachkommenden Widerstand ermahnenden Blutzoll. Das volkstümliche Aufbegehren als historische Konstante erholte sich in Jahrhunderten nicht von dem apokalyptischen Sensenwerk der gepanzerten Reiter, die zu keinem anderen Behuf geformt worden waren, als einem Fürstenwillen Geltung zu verschaffen. Auf der einen Seite hatte man die Jahrhunderte in Unfreiheitsübungen tradierte Angst und auf der anderen Seite den trainierten Mutwillen von Leuten, die zum Krieg erzogen wurden. Die Praxis überstand das Scheitern der Bauern unbeschadet.

Als es 1848 wieder einmal so weit zu sein schien, war die Revolution keine bäurische, sondern eine bürgerliche Angelegenheit. Es ging um eine standesbewusste Emanzipation. Dafür steht Carl Schurz bis heute. Wie alle bürgerlichen Vordenker dachte Schurz weit über persönliche Bedürfnisse hinaus: in das Offene von Natur- und Naturvölkerschutz.

1849 nimmt Schurz am badisch-pfälzischen Riot teil und entweicht dem Feind knapp (aus der Rastatter Feste). Er überlebt das republikanische Abenteuer gegen alle Wahrscheinlichkeit. Als zur Fahndung Ausgeschriebener findet er den Mut, noch einmal etwas in Preußen zu wagen. Er verhilft der 48er-Widerstandsikone Gottfried Kinkel zur Flucht aus dem Zuchthaus Spandau.

1852 wanderte Schurz ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten ein. Kollender schildert den Forty-Eighter als Verfechter von Minderheitenrechten und stummen Parteien. Schurz, so schreibt Kollender, half dem amerikanischen Nationalparkgedanken auf, so dass er sich in den Köpfen der Zeitgenossen ausbreiten konnte.

Naturschutz auf die Agenda zu setzen: das ist in den 1860er Jahren visionär-verwegen. Geht Schurz in seinem zweiten Leben, als Senator der Vereinigten Staaten, in der Hauptstadt seiner Wege, ist um ihn alles grün. Er passiert Zedern, Ahorn, Tannen und Eiben, bevor er den Potomac erreicht. Dahinter liegen Washingtons Wälder.

Als Politiker sieht sich Schurz zu fürchterlichen Kompromissen in der „Indianerfrage“ genötigt. Obwohl er in den Prozessen der entmündigenden Enteignung der First Nation ein schwacher Bremser ist, trägt man ihm seine „Indianerfreundlichkeit“ noch nach, als es so gut wie keine ursprüngliche Bevölkerung mehr gibt auf einem Paradeschauplatz weißer Expansion. Die Mühsamen und Beladenen Europas gehen in Amerika über die Barrieren der Humanität.

Schurz macht bei den Abolitionisten mit. Abraham Lincoln setzt ihn als Botschafter ein. Im Sezessionskrieg dient Schurz hochrangig der Siegerseite. Im Roman begnadigt er, der „so viele Männer in den Tod schickte“, einen zum Tod verurteilten Deserteur, der ihm Jahrzehnte später in New York zur Hilfe eilt, als Schurz von Spaziergängern bedrängt wird, die in ihm ein Fossil der Fortschrittsgegner sehen.

Kollender erzählt vom Schurzens Sturm- und Drangzeit auch aus der Sicht eines greisen Veteranen, der im New Yorker Battery Park Lady Libertys Lächeln zu ergründen sucht. Er kämpft sich über einen Erinnerungslückenparcours, als Spaziergänger ihn aufs Unangenehmste angehen. Zwei Herren, deren steife Hemdbrüste förmlich vorstellig werden, machen Schurz all das zum Vorwurf, wofür er heute noch berühmt ist.

Die Repräsentanten industrieller Rücksichtslosigkeit werden von einem lebenslang Dankbaren in die Flucht geschlagen, während dessen Frau es fördernd zulässt, dass ihr Anblick dem rüstigen Greis eine erotische Aufwallung aus der Rubrik fruchtloses Begehren beschert. Fanny erinnert Schurz an seine Margarethe (Meyer-Schurz), die 1856 den ersten deutschsprachigen Kindergarten in Washington eröffnete. Ihr zu Ehren hat sich Kindergarten im amerikanischen Wortschatz konkurrenzlos eingebürgert.

Andreas Kollender, Libertys Lächeln, Roman, Pendragon, 304 Seiten

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erstellt am 27.11.2019

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.

Carl Schurz, 1877, Foto: Library of Congress (public domain)

Carl Schurz, 1877 Foto: Library of Congress (public domain)