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Das Ludwigsmonument auf dem Darmstädter Luisenplatz feierte 2019 seinen 175. Geburtstag. Ein Bildband gratuliert dem „Lui“ mit Werken von Fotokünstlern, historischen Verortungen und essayistischen Ausführungen von Paul-Hermann Gruner. Bruno Laberthier hat das Buch studiert.

175 Jahre Ludwigsmomument in Darmstadt

Kein Phalluizentrismus

Den Langen Ludwig sieht man aus vielen Richtungen, wenn man sich der Stadt nähert. Ich erinnere mich noch gut, wie ich vor ziemlich genau 20 Jahren zum ersten Mal mit dem Bus die Rheinstraße entlang auf das Monument zufuhr. Die Höhe war beeindruckend!

Rahel Welsen, von der diese Selbstauskunft stammt, ist eine von einem halben Dutzend Fotokünstler*innen, die sich in Der Lui dem 175 Jahre alten, von seinen Machern in fast 40 Meter Höhe hinaufgetriebenen und zu just diesem „Lui“ verkosenamten Monument widmen, das zur vormaligen Residenz- und heutigen Wissenschafts- und Beamtenstadt Darmstadt gehört wie die „Goldelse“ gerufene Siegessäule zu Berlin oder die Lord Nelson-Säule am Trafalgar Square zu London.

Der Darmstädter Luisenplatz vor 1892

Der Darmstädter Luisenplatz mit dem Ludwigsmonument, vor 1892

Das Ludwigsmonument, wie es eigentlich heißt, hatte man 1844 dem Regenten des im kleinstaatlichen deutschen Flickenteppich durchaus bedeutsamen Großherzogtums Hessen-Darmstadt, Ludewig I. [sic!, mit ‚e‘!], errichtet. Dieser Großherzog war vorher als Landgraf Ludwig X. [ohne ‚e‘] bekannt und hatte, als die Einweihung der Säule mit einem überlebensgroßen Bronzeguss von ihm obendrauf stattfand, das Zeitliche bereits gesegnet. Die exakte Meritografie des Lud(e)wig und weiterer an der Errichtung des Vertikalmonuments beteiligten Zeitgenossen – des Bildhauers Ludwig Schwanthaler etwa, oder des Hofbaudirektors Georg Moller – skizziert griffig der in den Bildband einleitende Abriss des Darmstädter Stadtarchivs Peter Engels.

Auch ich erinnere mich an den Augenblick, als ich vor mehr oder weniger auch 20 Jahren zum ersten Mal über die Rheinstraße in Richtung Darmstadt Citycenter einbog und auf den sandsteinernen Pin zufuhr. Die Höhe des Lui war beeindruckend, ja, und die Konnotationen auch. Der Phallozentrismus hatte sich in der Darmstädter Skyline ausgetobt und ich fragte mich damals: Willst du in so einem Textgewebe von Stadt wirklich arbeiten, lesen und leben?

Um es kurz zu machen: ähnlich wie Rahel Welsen wollte ich es. Ich bin also, das soll damit eigentlich gesagt werden, als Rezensent etwas parteiisch.

Fotografische Hommage

Der Lui ist eine Hommage an die Säule, ohne Zweifel, der Band organisiert sich wie ein Sechser im Lotto, bestehend aus bestechenden Fotos, mit textuellen Zusatzzahlen vorne und hintendran. Sprich: Peter Engels‘ einleitender Aufriss und die essayistischen Aus-Führungen des Darmstädter Publizisten, Literaten und Bandmitherausgebers Paul-Hermann Gruner klammern Fotostrecken zum Ludwigsmonument. Die präsentieren es mal in seinem Gewordensein: zusammengetragen und fokussiert auf seine ursprünglich, Anfang des 19. Jahrhunderts verfassungskonstitutive Eigenschaft von Lukas Einsele. Und mal zeigen sie die Säule und den Luisenplatz, auf dem sie in die Höhe ragt, in der Alltäglichkeit von heute. Alle sind sie die Minuten der Betrachtung wert, in die sie eine*n ziehen.

Fotografie von Werner Mansholt aus dem besprochenen Band

Fotografie aus dem besprochenen Band © Werner Mansholt

Thomas Ott perspektiviert das Monument vor allem von unten und zeigt die technischen Schraffuren auf – Straßenbahn-Oberleitungen oder Kondensstreifen von Düsenjets –, die heute den Blick nach oben über Darmstadt ausmachen. Oliver Stienen fängt das Alltägliche im Rhythmus der Jahreszeiten und den Wendigkeiten des Wetters ein. Vom Residenzschloss aus, das ein paar Meter weiter liegt, bleckt auf seinen Bildern das Kopfsteinpflaster die dunkle Zunge eines Regenabends, oder fräst eine im Westen untergehende Sonne die Oberleitungen über dem Monument scharf heraus. Werner Mansholts Fotografien marginalisieren die Säule effektvoll, machen sie zum Ort, den man entweder kennen oder in den Bildern ausmachen muss, wo sie wenn überhaupt, dann oft nur ausschnitthaft auftaucht. Das Darmstadt von heute findet sich hier wieder als seine Bewohner*innen: Karnevalistinnen, Radfahrer*innen, einen Akkordeonspieler oder Eisesserinnen und Kaffeetrinkerinnen, und eine Taube. Albrecht Haag, ebenfalls Mit-Herausgeber des Bandes, nimmt sich Belichtungszeit und lässt eine Drohne aufsteigen, die das Monument und die Stimmungen darum auf eindrückliche Weise einfängt.

Die Gegenwart des Lui

Schließlich Rahel Welsen mit ihrer Konzentration auf die Er- und Instandhalter*innen des Monuments. Viele von denen, die sie im Porträt festhält, sind Hinzugezogene wie der Rote-Kreuz-Mitarbeiter, dessen Organisation profitiert von der regelmäßig stattfindenden Öffnung (und Erklimmbarkeit) der Säule für Interessierte. Andere sind offenbar Urdarmstädter, vom Typ identisch mit denen, die auch der rezensierende Laberthier über beinahe 20 Jahren weg hat kennenlernen dürfen. So etwa der Geschäftsführer eines Installationsbetriebs, der sich um das Regenwassermanagement des Wind und Wetter ausgesetzten Bauwerks kümmert. Dieser Mann kommt mit sehr persönlichen Erinnerungen, keinen selbst erlebten, sondern ihm vermittelten an eine Begebenheit, die nicht 175 Jahre her ist, sondern fünfundsiebzig: die in Darmstadt so genannte ‚Brandnacht‘ des Flächenbombardements durch die Alliierten in einem Krieg, den Deutschland und Deutsche angezettelt hatten.

Meine damalige Klassenlehrerin hatte die Brandnacht als junges Mädchen in Darmstadt überlebt. Beim Überqueren des Luisenplatzes hatte sie beobachtet, wie ein kleines Mädchen durch die gewaltigen Feuer rund um das Denkmal in die Feuer gezogen wurde. Das hatte mich als Schüler damals schwer erschüttert. Auch heute noch sprechen uns manchmal damalige Zeitzeugen beim Öffnen des Eingangs an und erzählen ihre Kriegserlebnisse.

Hier wird das Darmstadt und der Lui von heute plastisch: auch plastisch, und anders als in Fotos aus der Gegenwart. Oral history, die von noch lebender Zeitzeugenschaft stammt und heute vermutlich nur in der Erinnerung des Installateurs fortlebt, ergänzt die bildlichen Abstiche aus der Gegenwart und erfreulich zahlreichen Abbildungen aus dem Archiv, die den Band bereichern. Es sind diese Kleinigkeiten, die ihn neben den ungewöhnlichen fotografischen Bestandsaufnahmen aus- und betrachtenswert machen.

Säulen und Zeiten

Es sei noch einmal zugegeben, ich schreibe diese Rezension als Parteigänger und Partisan alles Darmstädtischen. Längst haben sich mir die Wort- und Bildersprachspiele von wegen „Phalluizentrismus“, die ich vor 20 Jahren bei der Anfahrt ins Zentrum der Stadt vielleicht gehegt haben mag, entfremdet. Der Lange Lui, wie er nun einmal genannt wird, taugt für mich nicht mehr „zum phallozentrischen Gemüts- und Geschichtsnarrativ“, wie es Paul-Hermann Gruner in seinem Essay nennt, der gut gelaunt säulenbesondere Höhen- und, wenn man ihn missverstehen möchte, Schwanzlängenvergleiche von Rom über Sankt Petersburg bis London mit dem Lui aus Darmstadt anstellt.

Was bleibt und nach wie vor im Zentrum – auch dem der Stadt – steht, ist die Ambivalenz, die sich hinter der zur Säule erstarrten Lobpreisung eines Jubilars namens Lud(e)wig I. verbirgt, als die man das Bauprojekt in den 1830er Jahren angelegt hatte. Denn die hessische Verfassung von 1820, „in der erstmals eine parlamentarische Volksvertretung und verschiedene Bürgerrechte, z.B. die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz, verankert waren“, war wahrlich nicht nach dem Geschmack des Großherzogs, der „sehr verärgert über die Forderungen der studentischen und bürgerlichen Opposition nach politischer Mitbestimmung und Teilhabe“ reagiert habe, so der Historiker Engels. In der Zwischen- und Neuzeit haben die Darmstädter*innen das Ludwigsmonument wiederholt genutzt, um von exakt diesen Bürgerrechten Gebrauch zu machen. Unter den bronzenen Augen des Großherzogs protestierten und protestieren sie dort gegen Volkszählung, Klimawandel, Immobilienspekulanten, Krieg oder Karstadt.

Die Zeiten ändern sich, und mit ihnen die Aneignungen eines in den Himmel über Darmstadt ragenden Monuments. Auch das zeigt, in guten Bildern, Der Lui.

Fotografie von Thomas Ott aus dem besprochenen Band

Fotografie aus dem besprochenen Band © Thomas Ott

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erstellt am 25.11.2019

Paul-Hermann Gruner, Albrecht Haag (Hg.)
Der Lui
Zum 175. Geburtstag des Ludwigsmonuments in Darmstadt
180 Seiten, zahlreiche Abb.
ISBN: 978-3- 387390-419-4
Justus von Liebig Verlag, Darmstadt 2019