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Mit sieben Sätzen erklärt uns Bülent Kacan die Sprachlosigkeit derer, die in besonderen Situationen ihres Lebens eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber der destruktiven Benennung spüren. Nomen est omen bekommt eine etwas andere Bedeutung: Benennen ist Bannen.

Kurzessay

Die Liebe zu Wort kommen lassen

Ab einem bestimmten Zeitpunkt verliert die Grammatik ihre ordnungsstiftende Funktion innerhalb der menschlichen Sprache und die zwischenmenschliche Verständigung verselbstständigt sich, löst sich gewissermaßen von der inneren Gesetzmäßigkeiten der Sprache, emanzipiert sich von dieser und führt fortan ein Eigenleben, das eigenwilliger, das eigenmächtiger nicht sein kann. Es ist dies ein wundersamer Augenblick, in welchem die Klarheit des Gesichtsausdrucks jenseits der gesprochenen Sprache der Mitteilung eine Ausdrücklichkeit verleiht, die unmittelbarer, die unmissverständlicher nicht sein kann. Es sind dies insbesondere die Blicke von Verliebten, die Bände sprechen. Die Gesichtszüge des Geliebten werden behutsam abgetastet und augenblicklich gedeutet, noch das unscheinbarste Muskelspiel auf dem Antlitz des Geliebten erzählt eine Geschichte, ein Geheimnis, ein Rätsel jenseits des sprachlich Fassbaren, das von der Geliebten auf Anhieb gelüftet wird, Unbeteiligten allerdings, wie sollte es auch anders sein, unverständlich erscheinen muss (und ein jeder kennt den Anblick eines Liebespaares auf einer verwitterten alten Parkbank, kennt die atmosphärische Dichte, die es umgibt und macht aufgrund der Befürchtung, die Liebenden in ihrem öffentlichen Liebesspiel zu stören – ein Keil, der grob dazwischengeht – einen hohen Bogen um sie herum). Jedes überflüssige Wort, das die Verliebten austauschen, würde ihre Verständigung jenseits der gesprochenen Sprache in Mitleidenschaft ziehen, würde ihr intimes Verhältnis gefährden. Die folgenden Küsse sind Liebesbekenntnisse der ausgesprochen leidenschaftlichen Art: Das Paar weiß, dass der Liebe mit dem gesprochenen Wort nur unvollständig beizukommen ist, also küssen sich die Verliebten hingebungsvoll, denn hierdurch bringen sie ihr Einvernehmen, ihre Einheit ausdrücklich zur Sprache. Diese wird durch das gesprochene Wort zwar nachträglich gestützt – man denke nur an das Ja-Wort als Trau- und Treueversprechen -, gesetzt und gehalten wird es allerdings allein von der Liebe.

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erstellt am 20.11.2019

Illustration: © Kornelius Wilkens