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Tuschicks Kolumne

Jetzt ist immer

Jens Bisky liefert mit „Berlin. Biografie einer großen Stadt“ die historische Vorlage, Ulrich Gutmair schießt mit „Die ersten Tage von Berlin. Der Sound der Wende“ das Golden Goal der Gegenwart. Jamal Tuschick stellt die Bücher vor.

Ein Ort im Sumpf. Das war Berlin am Anfang. Jens Bisky beschreibt die stadtgeschichtliche Frühzeit auf die richtige Weise. Er übt Zurückhaltung und kritisiert den Mythenkranz.

Es waren wohl noch nicht mal Fischerdörfer, die sich – auf einem Handelsweg und an einer Spree-Furt – „mauserten“ zu den Städten Berlin und Cölln. Nichts Markantes und keine Nibelungen gaben ihnen sagenhafte Konturen in einer Niederungsenge zwischen den Plateaus Barnim und Teltow, die ein bis zu fünfzehn Kilometer breites Urstromtal überragen.

Man rodete und legte trocken: in der Regie von Albrecht dem Bären – dem ersten Brandenburger Markgrafen; einem Erfinder von Gebietsbegriffen … Kolonisator und Konsolidierer. Er ließ die Marktflecken B. & C. zum Zentrum der Mark aufsteigen.

Aus dem Osten aufrückende Slawenstämme bevölkerten einen aufgegebenen Raum, als sie sich im Spreesumpf niederließen. Ihre Vorgänger waren nach Süden abgerückt und im Schwabenland assimiliert. Den Neusiedlern wurde der fränkische Stempel aufgedrückt. Sie gerieten in die Christianisierungsmühle. Ihre Herkunftsgeschichten sanken ins Sediment des Eigentümlichen. Schließlich schien es so, als seien sie immer schon da gewesen, obwohl sie noch keine zweihundert Jahre am Start waren.

Ich möchte zu einer anderen Zeit am Ursprung der urban-slawischen Doppelgründung vor wenigstens achthundertfünfzig Jahren weitermachen und jene grauäugigen Indianer ins Spiel bringen, die als Nachkommen englischer Zivilisationsverweigerer, die eine neuweltliche Kolonie zugunsten indigenen Laissez-faire aufgegeben hatten, in Ulrich Gutmairs Erzählung von der 1989er-Gründerzeit als Repräsentanten eines Autonomiebegriffs auftauchen, der in Berliner Clubmacher- und Hausbesetzerkreisen kursierte.

„Wer sich erinnern kann, war nicht dabei.“ Raver-Schnack

„Viele verrückte Sachen (sind) im Club passiert“. Doch gibt es kaum Fotos, „die das belegen“.

Die meisten Gäste dürfen die Wildnis in der Ständigen Vertretung nicht abbilden, während sie selbst gefilmt werden. Es geht massiv um Diskretion, nur gilt die nicht für alle. Manche sind gleicher, wer kennt das nicht.

„Das Fotografierverbot wird mit Nachdruck durchgesetzt.“

Eine Grunderfahrung der Clubgründerjahre: Wer im Osten Quartiermacher wurde, realisierte, „wie Zwänge ihre Macht verloren“. Auch davon handelt Ulrich Gutmairs Verschwende/Nutze-deine-Jugend-Derivat „Die ersten Tage von Berlin“.

Eines Tages taucht Rita Süßmuth im Tacheles auf. Man führt die Christdemokratin demokratisch herum, ihre große Zeit ist lange vorbei. Sie lobt das Projekt, begrüßt die Instandbesetzung und genießt das Flair zwischen Jugendzentrum und Anarchie.

Berlin riecht nach Bitterfeld. Schwefel und Armut fusionieren furios. Nachts färbt der Dreck den Horizont orange. Die Jugend der Welt tanzt in den Mauerclubs, die ab Neunzig unter Brachen das Repertoire mit Triptycha des Bunkeresken anreichern. Alles erscheint radioaktiv kontaminiert. „Die Decken sind niedrig.“ Zu den sensationellen Nebensachen zählt die Kondensation. Die Partykeller riechen noch nach eingesperrter Dunkelheit, nach Einzelzelle, Verzweiflung, Kopfschuss, und sie riechen schon nach dem Schweiß des Neuen.

Die Jugend der Welt versammelt sich in Berlin, weil man da Sachen machen kann, die in London nicht gehen. Ulrich Gutmair nennt Namen von Schauplätzen, Protagonisten und Impresarios.

Das Tacheles ist rasch bald mehr als ein besetztes Haus. Ums Eck wohnt Joschka Fischer in der Tucholskystraße. Er konferiert mit Bürgermeister Klaus, der neben dem Kiosk von Serdas Yildirim residiert und da eine ständige Vertretung seiner selbst unterhält.

„Im Interregnum zwischen den Systemen (etabliert) sich ein Zustand“, der Utopisten Morgenluft wittern lässt. Die Anarchie schickt reitende Boten, und in einem Winter so kalt, dass der Alexanderplatz nur noch für Kettenfahrzeuge befahrbar ist, erfolgt eine der folgenreichsten Hausbesetzungen in Mitte.

Berlin ist noch nicht wieder Hauptstadt. Manchmal fühlt sich die Stadt so an, als habe Charlottenburg einen sibirischen Vorgarten geerbt. Man weiß gar nicht, ob man den haben will.

Die Internationale der urbanen Nomaden kriecht durch ein Loch in der Mauer nach Ostberlin und erobert die Räume unter den Falltüren.

„Wer nach drüben geht, erlebt, wie Zwänge ihre Macht verlieren.“

Fischer kauft bei Yildirim und erklärt das Berliner Wasserhäuschen zur Institution.

Der Penner Klaus hat einem Platz in Mitte. Gutmair bemerkt das Besondere an der Lage. Gentrifizierung ist noch kein Thema.

„Wir rissen die Wände ein“ … und diskutierten Türpolitik.

„Warum soll man arbeiten gehen, wenn man Kunst machen kann?“

Bisky beschäftigt sich mit der lange zwischen Petrikirche und St. Nikolai durchgehaltenen föderalen Kommunität. Es könnten den Markgrafen superdiverse Kolonisten „mit abweichenden Rechtsgewohnheiten zur Verfügung“ gestanden haben – Leute, die sich in einem Distanzrahmen zunehmend besser verstanden, und zwar räumlich da, wo heute Berlin-Mitte ist. Auch hier empfiehlt sich wieder der Blick über den gewaltigen Buchrücken in das voll möblierte Urstromtal. Gutmair beschreibt die Verostwestlichung Berlins auch als archäologischen Prozess:

„Dinge, die eben noch Gegenstände alltäglicher Verrichtungen waren, werden mit archäologischem Interesse begutachtet und auf ihren historischen und ästhetischen Wert taxiert.“

Was eben noch tadellos funktionierte und wie geschmiert lief, rümpelt jetzt auf einer Resterampe der Geschichte. Einem Kürschner geht die Luft aus, seine letzten Felle schwimmen in einer kunstgewerblichen Nutzung davon.

„Auf manchen Schreibtischen liegen noch Unterlagen und gespitzte Bleistifte, als seien ihre Besitzer nur kurz Mittagessen gegangen.“

In einem Akt „ritueller Gewalt“ verschaffen sich Besetzer und selbstermächtigte Inspektoren Zugang zu solchen Kollaps- und Implosionsszenen. Nicht überall stößt man auf Ruinen der Bürgerlichkeit sowie auf klein- und spießbürgerliche Vorbehalte. Es gibt auch historisch verranzte, seit dem 18. Jahrhundert bettelarme Ecken, so etwa das Gebiet nördlich der Wilhelm-Pieck- und Torstraße, das sich einst als Winterquartier von Zimmerleuten und Maurern aus dem Vogtland und aus Sachsen etablierte und nach dem Zweiten Weltkrieg nie den Anschluss an die DDR-Boheme fand.   

Jens Bisky, Berlin. Biographie einer großen Stadt, Rowohlt Berlin, 976 Seiten
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Ulrich Gutmair, Die ersten Tage von Berlin. Der Sound der Wende, Ullstein Verlag (Taschenbuchausgabe), 256 Seiten
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Tuschicks Kolumne

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erstellt am 20.11.2019

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.