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Der 1956 in Magdeburg geborene Lyriker und Essayist Rainer Schedlinski gehörte neben Sascha Anderson zu den Informanten des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, die die alternative Literaten- und Künstlerszene des Prenzlauer Bergs ausforschten. Der Schriftsteller und Galerist Henryk Gericke erinnert sich an Schedlinski, der am 6. September 2019 in Berlin gestorben ist.

Zum Tod von Rainer Schedlinski

Ein Nachruf

Von Henryk Gericke

Rainer Schedlinski
*11.11.1956 – †06.09.2019

Rainer Schedlinski und ich lernten uns im September 1987 kennen. Acht Jahre jünger als Rainer, war ich, auf der Suche nach einer Form, noch mit der Verdunkelung der Dinge beschäftigt, während er seine Sujets weder unter- noch überbelichtete, sondern lyrisch protokollierte. Ungeachtet meines Tastens, vielleicht auch nur aufgrund eines Tastsinns, veröffentlichte Rainer mehrfach Texte von mir in der Untergrund-Zeitschrift Ariadnefabrik. Darüberhinaus bot er mir an, die Ariadnefabrik mit zu vervielfältigen, was mir immer wieder Geld für meine eigenen surrealistischen Fanzines bescherte. In der Produktion meiner Editionen, deren Gothic-Anmutung gewiss nicht seiner Intention einer Entschleierung des Denkens entsprach, hat er mich vorbehaltlos unterstützt. Schedlinski, man nannte Literaten gegenüber anderen Literaten zumeist beim Nachnamen – hat mich unter anderem mit Opitz und Koziol bekannt gemacht, ihm verdanke ich nicht zuletzt die Integration in eine Szene, die mich mehr noch als der Intensivkurs Punk prägte.

Rainer verstand meine Naivität als Kraft und wusste meinen jugendlichen Furor zu relativieren. Im Grunde wurde ich so zum Nutznießer einer nüchternen Betrachtungsweise, die ich am Dichter als unsinnlich beargwöhnte, an dessen Person jedoch schätzte. Auf mich hat der Strukturalismus in der trockenen Diktion seiner Sachlichkeit nie einen Sog ausgeübt. Dennoch hat mir der Poststrukturalist Schedlinski den Reiz vermittelt, die Dinge auf ihren Kern zurückzuführen und frei von tradierten Mustern oder voraussetzungslosen Idealen zu betrachten. In seinen Essays beschrieb er, was offensichtlich war, in der öffentlichen Wahrnehmung aber ebenso offensichtlich neben der Erkenntnis lag. Schedlinski war ein aufgeklärter Geist, der Kritik an einer Aufklärung übte, deren ideologische Denkfiguren nicht von der tatsächlichen Gestalt eines gesellschaftlichen Phänomens ausgingen. Ausgerechnet dieser vernunftgesteuerte Kritiker der Vernunft schwieg in den jüngst vergangenen Jahren zu einer aktuellen Tendenz, derzufolge sich nicht mehr nur der Ungeist, sprich das Böse, sondern zunehmend das Gute als Tugendterror radikalisiert. In einer Zeit, in welcher ein Gutbürgertum die Vergangenheit zumeist an den Maßstäben der Gegenwart misst und post mortem mit Begriffen überzieht, über die sie selbst gar nicht verfügte, wäre der Dichter, der Essayist und zuweilen der verkappte Humorist Schedlinski unbedingt berufen gewesen, die Verblendungen aus Illusionen und wohlfeilen Interpretationen vom Muttergestein gesellschaftlicher Entwicklungen mit einem silbernen Hämmerchen zu klopfen.

Doch seit der Öffnung der Akten im Jahr 1992 war der Schriftsteller Rainer Schedlinski verstummt, denn in den 80er-Jahren analysierte der offizielle Teil seiner Persönlichkeit die traurigen Verhältnisse, in denen der andere inoffiziell agierte. Es folgte der Rückzug und die Wandlung vom Dekonstrukteur eines mustergültigen Denkens zum Konstrukteur eines thermoelektrischen Generators. Der Dichter eines kühlen Sprechens widmete sich der Problematik, Wärme verlustfrei weiterzuleiten. Vielleicht taute damit auch allmählich auf, was in einem eisigen Schweigen bisher unaussprechlich war, denn bei unserem letzten zufälligen Aufeinandertreffen verwunderte mich Rainers offene Hingabe an Fragen zur Krise der europäischen Linken. Und während eines Exkurses, speziell zur französischen Linken, registrierte ich bei ihm einen Glauben an deren politische, intellektuelle und moralische Kraft, den ich in seiner Bekenntnishaftigkeit nicht für möglich gehalten hätte. Rainer hatte zum Glauben gefunden. Diese Wärme für ein Thema, die kein kühles Interesse war, kannte ich bis dahin an ihm nicht.

Während unseres Gespräches, in dem ich nun die Rolle des Desillusionskünstlers einnahm, kam er plötzlich auf eine zurückliegende Debatte zwischen uns zu sprechen. Etwa ein Jahr zuvor hatte ich ihm vorgeworfen, die Konsequenzen seiner Rolle in den 80er-Jahren zu Beginn der 90er nicht gezogen und den Mitarbeitern des Druckhaus Galrev eine Perspektive genommen sowie den Autoren des Verlages geschadet zu haben. Dies ist nicht der Anlass, um dem Ausmaß eines Vorwurfs einen größeren Raum zu geben, dessen angekippte Fenster für den einen halbgeöffnet und für den anderen halbgeschlossen sind. Rainer wies diesen Vorwurf damals jedenfalls zurück – und ich beließ es dabei. Nun, in unserem darauffolgenden Gespräch, sagte er unvermittelt, er hätte über meinen Vorwurf nachgedacht und gäbe ihm im Nachhinein recht. Dieses Eingeständnis kam scheinbar völlig aus dem Zusammenhang und traf mich unvorbereitet. Es bleibt reine Spekulation, doch es mag sein, dass er bereits von seiner Krankheit wusste und eine Korrektur in dieser Angelegenheit als Vermächtnis sah.

Wie dem auch sei, von da an schob sich vor unser problematisches Verhältnis wieder die Integrationsfigur, die Rainer für mich in den 80er-Jahren gewesen war. Von der hohen Dichte des Moments berührt, fragte ich ihn, ob er noch oder wieder schreiben würde? Mit einem verneinenden Lächeln meinte er, Konzentrationsstörungen würden es ihm unmöglich machen. Meinem hilflosen Einwand, auch diese könnten zum Mittel des Schreibens werden, hielt er entgegen, dass dies ausgeschlossen sei, wenn einem die Worte nach und nach abhanden kämen. Dem Schriftsteller gingen seine Worte voraus, Rainer Schedlinski ging als Dichter viel zu früh und als Mensch vor der Zeit. Vielleicht bedingte das eine Ende das andere.

Man muss mit zum Zerreißen gespannten Kausalitätsketten dieser Art vorsichtig sein, doch heute erinnere ich mich an eine Szene aus dem Jahr 1992 oder '93. Im Geschäftsraum unseres Verlages klingelte das Telefon, Rainer nahm ab und wurde, wie im Goldrausch dieser Jahre üblich, von einem Versicherungsvertreter belagert, er solle eine zusätzliche Rentenversicherung abschließen. Höflich, und damit in der Defensive, versuchte er den Mann am anderen Ende der Leitung und aus einer anderen Welt von der Aussichtslosigkeit seines Ansinnens zu überzeugen. Der Dialog erwies sich naturgemäß als Monolog des Vertreters, und Rainer griff, als es episch zu werden drohte, zu einem Totschlagargument, indem er entgegnete: “Ich werde sowieso nicht alt.” Offenbar fragte der Vertreter weiterhin unbeirrt woher er die Gewissheit nähme? Bevor Rainer auflegte behielt er das letzte Wort: “Weil ich es weiß…”

Der Artikel ist zuerst in der Zeitschrift „Abwärts“, Heft 34, Oktober 2019 erschienen.

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Kommentare


ines eck - ( 09-11-2019 09:22:42 )
DaDaR

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erstellt am 07.11.2019

Rainer Schedlinski (1989) © Günter Prust [CC BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)]

Rainer Schedlinski (1989) © Günter Prust [CC BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)]

Veröffentlichungen:

Rainer Schedlinski
Die Männer der Frauen
Edition Galrev, 1991

Rainer Schedlinski
die rationen des ja und nein
Gedichte
Suhrkamp Verlag, 1990