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Sie wurde 1950 in Chemnitz geboren, hat in Ostberlin und dann im Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig studiert, wo sie auch heute lebt. Wend Kässens porträtiert die Schriftstellerin und Bachmannpreisträgerin Angela Krauß und lobt ihre jüngste Prosaveröffentlichung, „Der Strom“.

Die Schriftstellerin Angela Krauß

Durch die Dunkelheit zum Neuanfang

Angela Krauß (Screenshot)
Angela Krauß (Screenshot)

Ist das Versprechen des Lebens eine Leerstelle? Wohin versinkt unaufhörlich, was wir erleben? Und wohin werden all unsere Gedächtnisse geschüttet zu guter Letzt, wer ordnet sie in was ein? Wie und wann wurde aus dem Ankömmling, dem Kind, ein uraltes Individuum mit erfundener Geschichte und Namen? Das sind Fragen, denen Angela Krauß in ihren schmalen, gewichtigen Büchern nachgeht. „Seit einem halben Jahrhundert erwarte ich, mit den Insignien des Lebens ausgestattet zu werden. Als stünde die Rechtfertigung meines Hierseins noch bevor.“, heißt es in ihrer autobiografischen lyrischen Prosa „Eine Wiege“(2015) – und „Es sollte drei Tage Dunkelheit geben, um die Menschheit zu erneuern.“

Die sozialistische Erneuerung der Menschheit war ein ideologisch pädagogisches Programm, das Angela Krauß im Licht der Wirklichkeit erfahren hat. Sie wurde 1950 in Chemnitz geboren, hat in Ostberlin und dann im Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig studiert, wo sie auch heute lebt. Das Herz des Kindes wähnte eine „Aufwärtsbewegung“, der Verstand der Jugendlichen nahm das Gegenteil wahr. Nicht nur für junge Menschen eine schmerzhafte Ambivalenz. Der Vater beging Selbstmord nach dem Einmarsch der Sowjets in Prag. In ihren Frankfurter Poetikvorlesungen „Die Gesamtliebe und die Einzelliebe“ (2004) spricht Angela Krauss von ihrer 20-jährigen Auseinandersetzung mit der Lüge auf dem Weg zur Schriftstellerin.

1984 kam in der DDR ihr erstes Buch heraus, 1988 folgte der Ingeborg-Bachmann-Preis für eine frühe Version der Prosa „Der Dienst“, die dann 1990 bei Suhrkamp erschien. Das Thema Ambivalenz zieht sich durch ihr Werk und wird schon in manchen Buchtiteln deutlich: „Sommer auf dem Eis“ (1998), „Weggeküßt“ (2002) oder „Im schönsten Fall“ (2011).

Wer die Dunkelheit fordert, um die Menschheit zu erneuern, hat anderes im Sinn. Die Dunkelheit als Versuch, alle Festlegungen, alle Namen, alle Wertungen, alle Erinnerungen auf Null stellen zu wollen, gleichsam hinter sich zu lassen – um neu sehen zu lernen, neu zu sprechen, neu zu denken und neu zu lieben. Ein zutiefst menschliches Revolutionsprogramm. Durch die Dunkelheit hindurch auf einen Neuanfang des Lebens zusteuern. Davon handeln ihre Bücher, in Anklang an Kleists „Marionettentheater“, die nicht aufhören, in der Ambivalenz auch einen Hoffnungsschimmer, ein Moment von Glück, von Schönheit als Impuls wahrzunehmen.

Auch „Der Strom“, Symbol der immerwährenden inneren und äußeren Bewegung, handelt von diesen Ambivalenzen, von den Impulsen, die gelegentlich von ihnen ausgehen, und von den Lähmungen, die sie auch verursachen. Der Leser hat teil an Angela Krauß‘ existenziellen und philosophischen Denkbewegungen, in denen Handlung nur am Rande abfällt. Mit faszinierender Leichtigkeit entfaltet sie im Spinnweb einer kunstvollen Sprache, in der Suche nach der „Essenz des Daseins“, die Widersprüche, schizophrenen Szenarien und immer schneller vorbeirauschenden Veränderungen unseres Daseins, als hätten wir den Begriff „alternativlos“ verinnerlicht. Und setzt dagegen den Traum, das Lebendige, den erotischen Strom, die Entdeckungen der Wissenschaft, die Gelassenheit der Tiere und der Natur, die „Poeterey“, und die Kunst überhaupt, nicht zuletzt die Liebe. Diese öffnende Haltung äußert sich literarisch geistvoll, mit Witz, sanfter Ironie und Tiefgang. Sie ist gespannt zwischen eigener Erfahrung mit der Geschichte in der DDR, mit den Erwartungen, Veränderungen und Enttäuschungen in den 30 Jahren des wiedervereinigten Deutschlands – und verhaltener Hoffnung in die Zukunft. Gespannt zwischen Hölderlins Satz: „Immer spielt ihr und scherzt? Ich müsst! O Freunde! Mit geht dies in die Seele, denn dies müssen Verzweifelte nur“ – und Camus‘ Diktum in seiner Philosophie des Absurden: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ Oder, wie es Angela Krauss nüchtern formuliert: Zwischen Wehklage und Vorfreude.

Das Leipzig von 2019 ist ein anderes. Das Ambiente hat sich verändert. Und die Menschen? 30 Jahre nach der Wiedervereinigung sitzt die Poétessa, Ich-Erzählerin im Buch, im französischen Restaurant, in dem sich bis 1989 eine russische Kantine befand. Ein Mäzen ermöglicht ihr den Besuch des luxuriösen Etablissements. Im Patron erkennt sie einen Seelenverwandten, aber auch einen Gegner. Der Hochmut des Aufbruchs ist verflogen, Klarheit ist gefragt, um die Erfahrungen der neuen Zeit zu verarbeiten. Der Patron hat seine Lektion gelernt, von der Idee des Restaurants bis zum Service – ein Mann der Tat! Er dient ihr erfolgreich sein Essen an, auch als sie aufs reine Empfangen ohne eigene Auswahl beharrt. Braucht sie doch ihre Kraft für nicht weniger als die „Poeterey“ im Versuch komplexer Zukunftsgewinnung! Zwei Pinzipien stehen sich gegenüber. Ist das Warten auf den Geist der Inspiration nicht auch höchste Konzentration und Anspannung wert? Und das in einer Lebenslage, die ihrer Benennung verlustig gegangen ist. Wie findet man in der Orientierungslosigkeit zum Gedicht? Und wie hängen Wort-Kunst und Denken zusammen? Davon erzählt das erste Kapitel, von der Kunst des Kochens und Bedienens und der Kunst des Schreibens und den Unterschieden zwischen beidem, vom Raum des Gedichts und dem Geist der Inspiration. Für den Patron ist die Antwort einfach. Das ist dann aber schon das zweite Kapitel: Er liefert den leckeren Nachtisch, der das Denken kurzerhand ausser Kraft setzt. „Das ist ein Kuß!“ ruft sie. „ein Gedicht!“

In sieben Tagen hat Gott die Welt erschaffen. In sieben Kapiteln entwickelt Angela Krauß ihre Prosa als Versuchsanordnung eines Stroms, der im dritten Kapitel Körper und Kopf des erzählenden Ichs zunehmend beunruhigt, Albträume verursacht, Gefahren und Zeitdruck heraufbeschwört. Verrückungen machen sich bemerkbar, als der Hermesbote ein Paket bringt. Das unausgefüllte Leben der Frau in immerwährender Erwartung steigert sich in absurde Phantasien. Das vierte Kapitel ist dem Nachdenken über das Leben ohne Paket gewidmet – Perioden der Leere, und mit Paket – der Höhepunkt nach Wochen. Diese Art der seelischen und geistigen Fremdbestimmung macht der völligen Verzweiflung Platz. Die Entfremdung nimmt ihren Lauf, mechanische Routine und Widerspruchslosigkeit ersetzen das Leben im Alltag. Der Lebensfluss nimmt die sichtbare Welt nicht mehr zur Kenntnis, speist sich fortan aus der Vergangenheit, bis in die Kindheit zurück, die Russen, das Hündchen Laika, Gagarin, ideologisch aufgeladene Vergangenheit und entglittene Gegenwart fließen ineinander, die Träume des Kindes, am Ende aller Tage bleibt – das Gedicht.

Die beiden letzten Kapitel ein Epilog der Selbstvergewisserung angesichts des Niedergangs im mitreißenden Strom unserer Zeit. Als Kontrapunkt gegen die „allumfassende Verständnislosigkeit“, als Behauptung des Lebens gegen den Tod. Es sind Evokationen, Erinnerungen der Protagonistin: Die Eltern, die Familie im Beruf im Überwachungsstaat; die Erkenntnis, dass nur das Lebendige widerspricht; der anrührende Liebreiz und Gleichmut der Tiere; die Schönheit, die des Menschen nicht bedarf, aber der Liebe, um wahrgenommen zu werden; die Öffnung der Grenze, die Reise nach Rom und die erste Liebe vor 30 Jahren; überhaupt die Liebe, obwohl sie keinen Widerstand leistet! Die Liebe gegen das Ende: Der Beginn der poetischen Existenz, des goldenen Zeitalters.

Der Schluss als lakonisch ironische Wendung: der Mäzen spielt Tennis, die Poetesse sitzt im französischen Restaurant bei Oliven und träumt, der Patron tafelt. „Ich wirke glücklich. Das ist keine Tarnung. Jemand muß uns heimlich bewohnen, jemand immerzu Glückliches.“ Ein literarischer Höhepunkt in diesem Jahr.

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erstellt am 07.11.2019

Angela Krauß
Der Strom
Leinen, 93 Seiten
ISBN: 978-3-518-42867-2
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019

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