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1934 uraufgeführt und nach einem internationalen Siegeszug (bis auf Nazi-Deutschland), schickte Stalin die zweite und letzte Oper von Dimitri Schostakowitsch und Alexander Preis in die Verbannung. Doch „Lady Macbeth von Mzensk“ hat überlebt und gehört längst wieder zum Standardrepertoire der Opernhäuser weltweit. Andrea Richter hat die Frankfurter Neuinszenierung gesehen.

Oper

Überragend, überinterpretiert

Eine blonde Frau in rosa Jacke allein auf einer Bank in grauer Betoneinsamkeit liegend und ein trauriges Lied darüber singend, dass sie früher arm, aber frei gewesen und jetzt reich, aber gefangen sei. Sie setzt sich eine Virtual-Reality-Brille auf und beamt sich in die herrlichste Natur. Katerina Ismailowa (Anja Kampe, Sopran) leidet. Nur die Flucht aus der Realität hilft für kurze Zeit. Doch die bricht gleich darauf in Form ihres sie permanent überwachenden Schwiegervaters Boris (Dmitry Belosselskiy, Bass), einem reichen Kaufmann, wieder über sie hinein. Er wirft ihr vor, ihm keine Enkel zu schenken. Sie versucht ihm zu erklären, dass sein Sohn Sinowi ((Evgeny Akimov, Tenor) sich in keinerlei Hinsicht für sie interessiere. Die Schuld liege immer bei der Frau, sagt Boris. Sobald er fort ist, erlebt der Zuschauer zusammen mit Katerina einen farbigen Video-Tanz der Blumen. Mein Gott, welch wunderbare Illusion. Sie wird nur noch wenige Male aufflackern, der dominanten Betonbrutalität und maskulinen Realität weichen. Jeder Versuch der naiven Frau, sich dagegen aufzulehnen, wird scheitern. So der, in einem Ringkampf über einen Mann zu siegen. Doch Sergei (Dmitry Golovnin, Tenor), der eben noch versuchte, Axinja (Julia Dawson) zu vergewaltigen, muss Katerina nur umarmen, um sie zu besiegen. Auch der, durch die heiß ersehnte und von Sergei erfüllte sexuelle Erfahrung Liebe zu finden und geliebt zu werden. Er wird sie bedenkenlos gegen eine andere eintauschen, wenn er sie nicht mehr braucht. Oder der, durch die Morde an Schwiegervater (Gift) und Ehemann (Erwürgen) den Weg zum Leben mit Sergei frei zu machen. Sie landen in der Deportation. Und es stirbt die letzte Illusion, als Sergei sie mit Sonjetka (Zanda Svede) betrügt. Da wird sie erneut zu Mörderin, zu der Sonjetkas und der ihrer selbst und aller Illusionen.

Das Werk des jungen, experimentierfreudigen und verliebten Schostakowitsch und seines Librettisten Alexander Preis ist an Deutlichkeit wohl kaum zu übertreffen. Der Komponist selbst nannte es eine „tragische Satire“. Es analysiert Macht-, Überwachungs- und Unterdrückungsstrukturen und die darin vielschichtig agierenden Personen gnadenlos. Brutal, dramatisch, schrill, lyrisch, ironisch, aufgereizt, lachend und weinend, extrem laut und leise, voller Brüche. Mal paraphrasierend (Beischlafszene), mal kontrapunktierend (Vergiftungsszene: zarte Streicher während des Giftmahls). Und hätte Schostakowitsch diese Fülle an Material nicht so genial zusammengefügt, würde das Ganze in Einzelatomen auseinanderbersten. Tut es aber nicht. Im Gegenteil: Aus vermeintlichen Gegensätzen erwächst ein musikalisches Ganzes und ein perfektes Abbild der facettenreichen Realität.

Katerina Ismailowa leidet: „Lady Macbeth von Mzensk“ in Frankfurt. Foto: Aumüller

Die Musiker des Abends, insbesondere die Sänger, haben das verstanden und überragend gemeistert. Sowohl in Einzelleistungen (Anja Kampe mit dieser gefürchteten Monsterpartie an der Spitze) bis hin zu den kleineren Partien und dem Chor allesamt fantastisch. GMD Sebastian Weigles Dirigat so, dass jeder sein Bestes geben konnte und durfte. Wobei er allerdings das Orchester betreffend – es steht als gleichberechtigter Partner neben dem Gesang – manchmal den gewollten musikalischen Brüchen, dem Schrillen, Lauten, Hämmernden und dem beabsichtigten Chaos eine Art dämpfende Glocke wohlklingenden Gleichmaßes überstülpte.

Oper funktioniert anders als Schauspiel. Dort braucht man Wort, Bilder und Gesten viel mehr. Weil es die Musik nicht gibt, die Emotionen und Ereignisse eigenständig erklären kann. Leider vertrauen Regisseur und Schauspiel-Chef Anselm Weber sowie Bühnenbildner Kaspar Glarner der Offensichtlichkeit des Werkes nicht. Sie wollen erklären, was keiner Erklärung bedarf. Diese martialische Betonwand eines möglicherweise Atomkraftwerkes, in dessen voll überwachtem Innerem sich die Handlung abspielt. Überflüssige Überinterpretation! Dieses Brennelement, das in diesen Raum eingelassen wird, in dessen grell erleuchtetem Innerem sich wiederum Katerinas Bett als Ort glühender, unerfüllter körperlicher Leidenschaft befindet. Überflüssige Überinterpretation! Befriedigung erfährt sie dann in einem aus Bank und Betttuch gebauten „Kinderhäuschen“ außerhalb des Brennstabs. Lächerlich! Dort reitet sie politisch korrekt voll bekleidet wie im Kasperletheater auf dem völlig verdeckten Sergei die wohl drastischste Vertonung eines Geschlechtsaktes von der ersten Erregung über die Lustschreie beim Orgasmus bis zum befriedigten Erschlaffen der Körper in die Lächerlichkeit. Diese Szene soll Stalin 1936 so auf die Palme gebracht haben, dass er das Opernhaus verließ, den Artikel „Chaos statt Musik“ in der Prawda erscheinen ließ und Schostakowitsch für einige Zeit zur Unperson erklärte. Dieser befürchtete lange Zeit seine Deportation. Hätte Stalin Webers Inszenierung gesehen, hätte er der Sache ganz sicher nicht diese Bedeutung zugemessen. Und warum macht Weber den dramatischen Schluss kaputt? Anstatt Sonjetka in den See zu stoßen und selbst hinterher zu springen, muss Anja Kampe die Nebenbuhlerin an den Haaren die Treppe zur Unterbühne hinunterschleifen und dabei selbst aufpassen, dass sie sich nicht die Haxen bricht. Ein unwürdiger Abgang nach einer unglaublichen Leistung.

P.S.: Sehr kurzweilig ein paar Erklärungen zur Münchner Inszenierung des Stücks, wo Anja Kampe ebenfalls die Hauptrolle sang: www.staatsoper.de/stueckinfo/lady-macbeth-von-mzensk und dort: 2. Russisch für Opernliebhaber

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erstellt am 05.11.2019

„Lady Macbeth von Mzensk“, Oper Frankfurt
Foto: Barbara Aumüller

Oper in vier Akten

Lady Macbeth von Mzensk

von Dmitri D. Schostakowitsch
Text von Dmitri D. Schostakowitsch und Alexander G. Preis nach Nikolai S. Leskow

In russischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Musikalische Leitung: Sebastian Weigle
Regie: Anselm Weber
Bühnenbild und Kostüme: Kaspar Glarner

Besetzung – Katerina Ismailowa: Anja Kampe, Sergei: Dmitry Golovnin, Boris Ismailow / Der alte Zwangsarbeiter: Dmitry Belosselskiy, Sinowi Ismailow: Evgeny Akimov u.a.

Oper Frankfurt