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Tuschicks Kolumne

Sowjetisch derangiert

In Svetlana Lavochkinas narrativer Ermächtigung „Puschkins Erben“ erscheint der 21-jährige Alexander Sergejewitsch Puschkin als regimekritischer, zugleich selbstverliebt-irrlichtender Springteufel. Jamal Tuschick hat den Roman gelesen.

Kunstvoll verspottet er hochrangige Persönlichkeiten. Die Geschmähten verlangen Genugtuung. Sie regen Puschkins Verbannung an. Auf der Gegengerade der Vorlieben und Zuneigungen verwenden sich maßgebliche Leute am Zarenhof (des ersten Alexanders) für den aufreizenden Debütanten. Die nobilitierten Stiefelknechte können zwar das Rigorosum einer sibirischen Frostkur abwenden; im Weiteren muss der Salonrebell jedoch selbst zusehen, wo er bleibt. In seiner Heimatstadt ist Puschkin jedenfalls verbrannt.  

Meine Skizze deutet einen galoppierenden Auftakt an. Svetlana Lavochkina zieht alle Register des Burlesk-Apollinischen. Ich habe ein Wort über Rabelais gefunden, dass man Lavochkina unterjubeln kann: … „holt sich seine Weisheit aus dem Volk – aus den alten Mundarten, Redensarten, Sprichwörtern und Schulfarcen, von den Lippen der Narren und Possenreißer. In der Brechung durch diese Possenreißerei aber zeigt sich sein epochales Genie und seine prophetische Kraft. Wo er noch nichts findet, ahnt er etwas voraus, verspricht es und steuert es an. In diesem Traumwald liegen unter jedem Blatt Früchte verborgen, die die Zukunft ernten wird. Das ganze Buch ist ,goldener Zweig'.“ Jules Michelet

Lavochkina verbessert die Kunst der Tirade. Ihr Personal beschimpft sich in egalitärer Fulminanz. In diesem Panoptikum gibt es nur als Professoren verkleidete Sexarbeitersprösslinge und als Damen der Gesellschaft verkleidete Schlampen mit einer Vergangenheit als Waisenkinder in Odessa. Alles ist auf Rencontre getrimmt. Je näher man sich steht, desto spinniger ist man sich Feind*in.

Auf den Schwingen des Elementaren strebt Puschkin der Schwarzmeerküste entgegen. Am Ufer des Dnjepr lässt er seine in Paris maßgeschneiderten Hosen fallen. Er trennt sich auch vom Schmuck, bevor er baden geht. Als er den Stutzer wiedererstellt, den er seiner gesellschaftlichen Stellung und seinem Geltungsdrang schuldet, bemerkt er den Verlust eines Rings. Mehr als hundertfünfzig Jahre später verfällt ein sowjetisch derangierter Lehrer mit lyrischen Ambitionen darauf, einen Kaugummiautomatenring da zu vergraben, wo Puschkin eine Preziose mutmaßlich verloren hat. Josik rühmt sich einer Verwandtschaft mit dem Nationaldichter. Ihm fehlt aber das Feuer des Altvorderen. Er vermutet seine Ehefrau Rosa glücklich in einem geistigen Band mit wenig Sex. Ein Schwarzmeerschwarzmarktkoryphäe klärt Josik auf. Der Weltgewandte erklärt dem Verträumten: Sein frugaler Begriff von der Ehe sei einem Mangel an Testosteron geschuldet.

Zurück auf Los. Zusätzlich angeheizt von einem Fieber, zeugt Puschkin in weißrussisch-ukrainischer Provinz, wo man so blamabel rückständig lebt, dass man um 1820 noch Perücke trägt, mit einer Seitenspringerin einen Sohn, der dann doch nicht im Haushalt der Untreuen als Kuckuckskind durchgeht, weil er noch dunkler oder vielleicht auch nur anders dunkel ist als die ehelich zustande gekommenen Beweise sagenhafter Fruchtbarkeit. 

Ein von Osmanen verschleppter und versklavter Afrikaner, der als „Geschenk“ nach Russland geriet und unter Peter dem Großen zum begüterten Truppenführer aufstieg, ist Puschkins Urgroßvater. Man sieht dem Urenkel manchen genialen Schabernack auch deshalb nach, weil man Puschkins Unartigkeit seinem „Teufelsblut“ exkulpierend zuschreibt. 
 
Der gehörnte Gatte, ein jüdischer Gastronom, nimmt den Beifang seiner Frau auf die leichte Schulter. Die Familie wächst, gedeiht und bereichert das Lokalkolorit in Zaporoschje (Saporischschja), wo später der Kachowkaer Stausee entsteht.

In Zaporoschje geht es 1976 weiter im Text. Eine blasierte Moskauer Doktorandin besucht ihre ukrainische Mischpoke und erlebt die Verhältnisse im Hinterland als eine milde Form der Verbannung. Alka neigt dazu, die „fade Leinwand des Lebens mit Tigerlilien (zu) besticken.“ Ihr Fach ist ein mit keinem Engländer je in Berührung gekommenes Englisch.

Svetlana Lavochkina, Puschkins Erben, Roman, aus dem Englischen von Diana Feuerbach, Voland & Quist, 368 Seiten

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erstellt am 18.10.2019

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.

Alexander S. Puschkin, Selbstporträt, 1829

Alexander S. Puschkin Selbstporträt, 1829