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Am Wiener Theater Nestroyhof Hamakom wurde Philipp Weiss' Endzeitvision „Der letzte Mensch“ uraufgeführt. Das Theater in der Josefstadt zeigt „Der einsame Weg“ von Arthur Schnitzler in der Regie von Mateja Koležnik. Thomas Rothschild hat beide Aufführungen besucht.

Theater in Wien

Grau in grau

Die großen Wiener Theater kann nichts erschüttern. Sie genießen das ewige Leben und haben seit je alle Krisen und Skandale überstanden. Man kennt sie, zumindest dem Namen nach, auch in Hamburg und Dresden. Daneben aber gab es immer wieder Kleintheater, die nach Alternativen suchen und hier Kellertheater heißen, auch wenn sie sich zu ebener Erde befinden: Conny Hannes Meiers „Komödianten“, das Ateliertheater von Veit Relin, das Experiment am Liechtenwerd, die Tribüne im Café Landtmann, die Theater Gruppe 80, das Theater am Schwedenplatz, George Taboris Ensemble „Der Kreis“ im Schauspielhaus in der Porzellangasse, das Theater Brett, das Theater am Spittelberg, das Theater Drachengasse und viele mehr. Das Theater Nestroyhof Hamakom gehört, neben Werk X, brut, dem Kosmos Theater oder Bronski & Grünberg zu den jüngeren Errungenschaften der Wiener Kulturlandschaft. Es besteht jetzt seit zehn Jahren und hat seinen Sitz zwischen Donaukanal und Donau im 2. Gemeindebezirk, der vor dem Zweiten Weltkrieg als „Mazzesinsel“ bekannt war und seit der neuen Auswanderung aus Osteuropa wieder als erste Wahl von Juden besiedelt wird.

Die neueste Produktion von Hamakom heißt „Der letzte Mensch“. Ihr Autor Philipp Weiss ist erst kürzlich aufgefallen mit einer Veröffentlichung von monströsem Umfang, dem aus mehreren Büchern bestehenden Romankonvolut „Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen“. Sein Stück montiert drei Varianten einer Dystopie vom vorstellbaren Ende der Menschheit. Es ist ein Paradebeispiel für das, wofür Hans-Thies Lehmann den Begriff „Postdramatisches Theater“ durchgesetzt hat. Anders aber als im Verständnis einer Loslösung vom Text ist das Stück von Philipp Weiss, wie die Spielvorlagen von Elfriede Jelinek, extrem textorientiert.

Erinnerungen an eine menschliche Vergangenheit: „Der letzte Mensch“ Foto: Amman

Als Robert Jungk vor rund einem halben Jahrhundert einen entscheidenden Beitrag zur Etablierung der Futurologie leistete, erklärte er, ihr Gegenstand sei die Erforschung „möglicher Zukünfte“. Dabei galt es zu differenzieren zwischen wünschenswerten und wahrscheinlichen Zukünften. Der Plural macht deutlich, dass es Alternativen gibt und dass es gilt, sich zwischen ihnen zu entscheiden. Einen ähnlichen Weg schlägt Philipp Weiss – nicht als Wissenschaftler, sondern als Schriftsteller – ein.

Zu Beginn flattern unzählige Fotos von der Decke herab. Erinnerungen an eine menschliche Vergangenheit. Drei Frauen – Theresa Martini, Ana Grigalashvili und Daria Ivanova –, die in der Regie von Ingrid Lang, der Kodirektorin von Hamakom, aussehen wie antike Moiren und reden wie Avatare, sprechen meist tonlos und bedeutungsschwanger und agieren statisch. Hinzu kommen eine Computerstimme wie aus einem mittelmäßigen Science-Fiction-Film und gegen Ende, wenn die Frauen nur noch lippensynchron duplizieren dürfen, was die Stimme aus dem Off vorformuliert, eine Komparserie in weißen Ganzkopfmasken aus Papier. Gespielt wird auf und neben drei schwarzen Podien zwischen einander gegenüber liegenden Zuschauertribünen. Für visuelle Abwechslung sorgen sparsame Videoprojektionen und ein herabhängender schräger Spiegel, der eine sich am Boden windende Frau verdoppelt und die Illusion eines Schwebens im schwerelosen Raum erzeugt.

Die Endzeitvision wird eher rhetorisch beschworen als theatralisch umgesetzt. Die Frauen sind Sprecherinnen, nicht Figuren. Und so nähert sich der gut zweistündige Abend einem Theater des Raunens. Ob das im Sinne des Autors ist?

Es geht auch so: „Der einsame Weg“ am Theater in der Josefstadt Foto: Astrid Knie

Am Theater in der Josefstadt, das seit je der Tradition des Konversationsstücks verbunden ist, steht „Der einsame Weg“ von Arthur Schnitzler in der Regie von Mateja Koležnik auf dem Spielplan. Die Aufführung dauert nur 90 Minuten. Das schuldet sich weniger den Strichen als dem Sprechtempo. Es ist, als bewältigte man die „Valse triste“ von Sibelius in drei statt in fünf Minuten. Dieser Entscheidung fallen Nuancen des Dialogs zum Opfer. Am schmerzlichsten empfindet man das bei der Figur der Schauspielerin Irene Herms. Anders als bei Cornelia Froboess und bei Tina Engel in den maßstabsetzenden Inszenierungen von Thomas Langhoff und Andrea Breth, kommt bei Maria Köstlinger die Tragödie der Frau, die um die Mutterschaft betrogen worden ist, kaum zur Geltung.

Die Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt und Kathrin Kemp haben zwei Reihen von hohen Türen entworfen, die sich gegen einander verschieben. Noch ehe die erste Person die Bühne betritt, werden diese Türen durch Projektion in ein impressionistisches Flimmern getaucht. Gespielt wird dann durchweg vor, neben und hinter den Türen, zwischen Tür und Angel sozusagen. Manchmal sieht man nur die Sprechende oder den Sprechenden. Die Angesprochene oder der Angesprochene bleibt unsichtbar. Ist sie oder er überhaupt noch anwesend? Das ist genau gedacht und erinnert visuell an Bilder der Neuen Sachlichkeit.

Die Aufführung ist buchstäblich grau in grau. Die Geräuschmusik von Nikolaj Efendi verstärkt den bedrohlichen Charakter des verborgenen Subtextes. Man mag die Melodie der Schnitzlerschen Sprache vermissen und zusammenzucken, wenn das Wort „Mama“ auf der ersten Silbe betont wird oder Felix Irene Herms umarmt, als hätte er die heutige Distanzlosigkeit trotz „mehr Haltung und weniger Geist“ inhaliert. Aber das Stück hat nach mehr als einem Jahrhundert seine Kraft und seine Schönheit bewahrt. Und Mateja Koležniks Verfahren der Verknappung und der Reduktion mag in Schnitzler nicht den optimalen Gegenstand gefunden haben, aber es geht auch so.

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erstellt am 15.10.2019

„Der letzte Mensch“, Theater Nestroyhof Hamakom Foto: Alina Amman

Uraufführung am 8. Oktober 2019

Der letzte Mensch

von Philipp Weiss

Regie: Ingrid Lang, Bühne: Vincent Mesnaritsch, Kostüm: Alina Amman, Dramaturgie: Patrick Rothkegel
Mit: Ana Grigalashvili, Daria Ivanova, Theresa Martini

Theater Nestroyhof Hamakom

Premiere am 15. November 2018

Der einsame Weg

von Arthur Schnitzler

Regie: Mateja Koležnik, Bühnenbild: Raimund Orfeo Voigt und Kathrin Kemp, Kostüme: Alan Hranitelj, Dramaturgie: Matthias Asboth

Mit: Marcus Bluhm (Professor Wegrat, Direktor der Akademie der bildenden Künste), Therese Lohner (Gabriele, seine Frau), Alexander Absenger (Felix, deren Sohn), Alma Hasun (Johanna, deren Tochter) et al.

Theater in der Josefstadt