Die erste Insel, die im zehnten Gesang der Odyssee vom Listenreichen angetrieben wird, ist die schwimmende Insel Aeolia, wo Aeolos, der Gott der Winde, wohnt. Der hilft dem Irrenden mit einem Sack voller widriger Winde zur Heimkehr. Dazu kommt es aber nicht. Alban Nikolai Herbst hat sich in seinem Poem „Aeolia“ aus dieser alten Geschichte in eine gegenwärtige voller neuer Details hineingeschrieben, und Ute Stefanie Strasser findet es unbeschreiblich.

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Ein Stück Musik

Von Ute Stefanie Strasser

AEOLIA wird als „Langgedicht“ bezeichnet; weniger oberflächlich kann man es als eine Ballade auffassen, ihrem dramatischen Geschehen nach dem „Erlkönig“ vergleichbar, auch wenn hier nur der Schatten des Protagonisten zu Tode stürzt. Herbst selbst bezeichnet seinen Text als GESANG, und das trifft es wohl am besten, denn wir haben mit AEOLIA wahrlich ein Stück Musik vor uns. Hier spielt ein Meister auf seinem Instrument, der Sprache, und führt uns mit wechselnden Rhythmen an der Seite eines wenig verbindlichen eigenen Mannes zwei Tage und drei Nächte lang über die Insel Stromboli. Aber was heißt: führt? Wir werden, getragen, gestoßen, hochgehoben, fallengelassen, angerempelt, weitergetrieben, gezogen …. Wir stolpern durch Nebel und wandern auf lichtüberfluteten Wegen. Hinter dem profanen Tagesgeschehen (seinen Espresso bekam er umsonst an der Bar) und einer gewaltigen Natur (aber der Sturm riss ihn um) flackert Archaisches, flackert die sagenhafte Antike, drängt sich das allgemein Menschliche herein und immer wieder auch das Numinose (Wie an Säuglingen noch / die Sterne saugen / und wollen sie halten). Wir werden auf vielerlei Arten bewegt und bewegen uns durch vielerlei Szenarien. Keine Beschreibung kann dem gerecht werden. Um einen gebräuchlichen Vergleich heranzuziehen (der Autor nimmt ihn mir hoffentlich nicht übel): es hat wenig Sinn, jemandem zu beschreiben, wie Schokolade schmeckt – süß und bitter, ach ja? – derjenige muss sie schon selber kosten.

Meine Empfehlung also: Man lese den Text und, wenn irgend möglich, laut – man erhöre ihn – und am Stück, mit einer Pause in der gut erkennbaren Mitte. Man lasse sich auf die dunklen Passagen ein, man wird oft erleben, wie sie sich plötzlich lichten – ein ästhetischer Genuss! Und man genieße den Wechsel der Themen und den damit stimmig verbundenen Wechsel der Rhythmen – erinnert uns das nicht an Jazz? Die Namen der Metren muss man nicht kennen; ein Wörterbuch (Italienisch-Deutsch) zur Hand zu haben ist von Vorteil. Und wie man ein Musikstück, das einen berührt, immer wieder anhören möchte, so kann es einem auch hier ergehen: Man möchte AEOLIA immer wieder hören, man kann es nicht auslesen bzw. aushören. Und ist es nicht so, dass es sich bei jedem erlesenen Hören verändert? Ein wunderbares Geschenk, nehmen wir es dankbar entgegen!

Ich habe einen Traum: AEOLIA. GESANG wird auf der Bühne vorgetragen, von mehreren Personen, damit die Schichten der Erzählung deutlich werden. Und im Hintergrund auf einer großen Leinwand laufen Bilder von der Terra di dio, wie Roberto Rossellini die magische Insel, auf der AEOLIA verortet ist, nannte. Ein anspruchsvoller Text präsentiert in einem würdigen Rahmen für ein anspruchsvolles Publikum. Das wär’s! Und wird hoffentlich einmal so stattfinden. Und noch etwas: Dank an den ARCO-Verlag für das so edel gestaltete Buch.

Zur Autorin

Ute Stefanie Strasser, geboren in Judenburg / Obersteiermark, nach der Matura Lehrerin, Stewardess und Studentin der Psychologie; Diplom und Promotion an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Anschließend ebendort wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Psychologie, Betreuerin der Fachbibliothek und Lehrbeauftragte, parallel dazu Studentin der Philosophie, Literaturwissenschaft und Judaistik bis zur Zwischenprüfung. Lebt, liest und schreibt in der Obersteiermark und in Frankfurt am Main. Bisherige Veröffentlichungen: FEENTHAL (Leykam 2014), THORBURG (Leykam 2016)

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erstellt am 07.10.2019

Alban Nikolai Herbst
Aeolia.Gesang
Wiener Ausgabe. Lektorat von Elvira M. Gross
Hardcover, 90 Seiten
ISBN 978-3-938375-90-7
Arco Verlag, Wuppertal/Wien 2018

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