Bianca Döring hat ein Buch veröffentlicht, das „von der Vergänglichkeit“ handelt. Ihre Erzählung „Im Mangoschatten“ ist eine eindringliche Auseinandersetzung mit dem Altern, dem Sterben und dem Tod. Sie geht ebenso radikal wie poetisch mit dem Thema um, meint Harry Oberländer.

Bianca Dörings Erzählung »Im Mangoschatten«

Vom Tod umfangen

Bianca Döring, Foto: Olga Posth
Bianca Döring, Foto: Olga Posth

In Arthur Schopenhauers „Die Welt als Wille und Vorstellung“ gibt es ein Kapitel über „Tod und Unzerstörbarkeit unseres Wesens“. Das Schlimmste, was überall gedroht werden könne, sei der Tod und die größte Angst die Todesangst. Aber Schopenhauer bezweifelt, dass unsere Anhänglichkeit an das Leben vernünftig sei. Wenn Erfahrung und Überlegung zu Wort kämen, müsse das Nichtseyn gegenüber dem Leben gewinnen. „Klopfte man an die Gräber und fragte die Todten, ob sie wieder aufstehen wollten; sie würden mit den Köpfen schütteln.“

Das Alter, das alt und immer älter werden, führt zu einem wachsenden Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit. Was früher ein theoretisches Wissen war, wird Teil der Lebenserfahrung. Bianca Döring hat ein Buch veröffentlicht, das „von der Vergänglichkeit“ handelt. Sie formuliert das so: „Die Katastrophe, die nicht mehr weg geht. Zartgliedrig mit ihrem faulen Auge: meine Krankheit, die zum Tode führt. Wann genau ich sterben werde, läßt sich per durchschnittliche Überlebensrate darstellen, nein das heißt Lebenserwartung. Manche fliegen darüber hinaus, andere werden unmittelbar neben mir zerknickt…“ Ihre Erzählung heißt „Im Mangoschatten“, sie ist eine Auseinandersetzung mit dem Altern, dem Sterben und dem Tod, eine Erzählung, die ebenso radikal wie poetisch mit dem Thema umgeht. Der Poesie fallen dabei die Seiten des Lebens und der Erinnerungen zu. Aber Tod und Sterben sind für die Protagonistin angstbesetzt. Fünfzig plus heißt für sie die Grenze zum Alter, die sie überschritten hat. „Der Satz: die Alten, das sind immer die anderen“ gilt mit einem Mal nicht mehr. „Selbst an meinem fünfzigsten Geburtstag war ich noch unsterblich, danach plötzlich nicht mehr.“ In einer Collage aus Beobachtungsfragmenten, Reflexionen, inneren Bildern gelingt Bianca Döring ein eindringlicher existentieller Text über die „Katastrophe, die nie mehr weg geht“. Das so gar nicht unterhaltsame Thema, das sich ihr in den Weg stellt, meistert sie, indem sie ihre Gefühle zu Wort kommen lässt und eine Sprache mobilisiert, die den Protest und den Einspruch gegen das Unausweichliche formuliert und damit Widerstand leistet. „Ihr geht es nicht um Einfallsreichtum, sondern um die Empfindlichkeit, nicht um originelle Erkenntnisse, sondern um das aufrichtige Selbstgespräch über das Alter als Krankheit zum Tode.“ (Jan Koneffke; Berliner Zeitung, 18. Juli 2019)

Das „Sein zum Tode“ ist eine Formulierung aus Heideggers existentialistischer Philosophie. Die Konfrontation mit dem Tod und der eigenen Sterblichkeit geht im Alltagsleben unter, bleibt abstrakt, so dass es eines Vorlaufs auf den Tod bedarf, einer bewussten Konfrontation mit der Tatsache der eigenen Sterblichkeit. Dieser Vorlauf kann uns als Wiederkehr des Verdrängten auch im Schlaf überfallen und wir treten aus dem Modus des „man ist“ in den Modus des „Sein“, das immer ein Sein zum Tode ist.

„Eine goldene Mango, riesig, dieser Duft! Und im Schatten der Mango irgendein Insekt, ganz starr. Es ist tot, die Beinchen an die Mango geklammert.“ Dieses Bild für das Leben, das schon die Todesgefahr in sich hat, mit anderen Worten das Titelbild dieses Buches, steht stärker in der Tradition all der Memento Moris unserer Kultur- und Religionsgeschichte, als der wilde und wütende Protest dieses atemlosen Lamentos ahnen lässt. „Mitten in dem Leben sind /wir vom Tod umfangen“, beginnt ein Kirchenlied Martin Luthers, der einen lateinischen Wechselgesang aus dem 11. Jahrhundert adaptierte: „Media vita in morte sumus“. Seit die gesellschaftliche Entwicklung die Religion und ihre Litaneien marginalisiert hat, findet die Konfrontation mit dem Tod fast nur noch bei Beerdigungen statt. Zur Geschichte des Altwerdens gehört, dass man immer häufiger daran teilnimmt. Die Liste der Beerdigungen, an denen ich teilgenommen habe, ist entsprechend lang, und beim Lesen von Bianca Dörings Buch sind mir nach und nach alle wieder eingefallen: ein schwarze Liste für einen schwarzen Bericht.

Bianca Döring erzählt von der Familie: vom Vater, der schon als sie fünfzehn war zu ihr sagte: „So ein junges Mädchen und denkt immer an den Tod, was soll dir das bringen?“, von der Mutter, die unter Parkinson leidet und sich mit Hilfe ihres Rollators nur mühsam vorwärts bewegen kann. Einmal ruft diese Mutter in ihrer Verzweiflung nach der Mama. Ein kurioser Moment in einem Albtraum. „Die eigene Mutter, die nach ihrer Mama ruft. Also doch, ja: es kommt alles zurück, nämlich daß man eine Mama braucht, Mama in der Todesstunde (wenn die Soldaten nach ihr schrien), Leben Leben, und dann dieser Schrecken.“

Sie erzählt vom Marathon durch alle Instanzen: Krankenkasse, Pflegedienst, Betreuer, Gutachter. Sie erzählt in einer poetischen metaphorischen Sprache, der Text ist Protest und Aufbegehren gegen den Tod, ein Protest, der ebenso wütend wie relativierend, weil er auch die Möglichkeit erörtert, dass Tod bedeutungslos sein könnte. Zitiert wird „der berühmte Domherr aus England“ mit dem Satz „Tod bedeutet gar nichts. Ich bin nur nach nebenan gegangen.“ Da ich ihn noch nicht kannte, habe ich mich auf die Suche nach ihm gemacht, dem Domherrn. Es handelt sich um Henry Scott Holland, der am 15. Mai 1910 in der St. Pauls Cathedral die Trauerpredigt auf Edward VII. hielt, den ältesten Sohn der Queen Victoria und König von 1901 bis 1910.

Wirklich überzeugt ist Bianca Dörings Protagonistin Pola vom Schritt nach nebenan nicht. Nächtelang denkt sie über Todesarten nach, bis sie einschläft. Sie erinnert sich an ihren verstorbenen Geliebten Peti, der ihrer Mutter versprach, sie zum Trachtenfest zu fahren. Du kannst doch gar nicht Autofahren, sagt sie. Doch, antwortet er, ich habe es nur seit dreißig Jahren nicht mehr gemacht.

Peti ist in der Erzählung der Name von Peter Kurzeck, und auch von seinem Sterben in einem Frankfurter Krankenhaus wird erzählt. „Peti, sich immerzu windend, der lahme Arm immerzu im Weg. Niemand hat Zeit. Die Schwestern auf der Wachstation rufen, irren, rasen, Wäsche voll mit Erbrochenem im Arm wie große um sich schlagende Babys, mit zusammengezogenen Stirnen stöpseln sie Kanülen, werfen sich Stenogramme zu, auf den Gängen unwirkliche Stille.“ Ich selbst war dort auf dieser Intensiv- und Pflegestation im November 2013, mehr als einmal in den letzten Tagen seines Lebens. Manchmal waren auch andere Besucher da. Aber bei meinem letzten Besuch, wenige Tage vor seinem Tod, waren wir allein. „Sie kommen nicht, wenn man sie ruft,“ sagte er. Am Anfang seiner Einlieferung war er noch voller Hoffnung gewesen, jetzt war er blind, ein Kind im schwarzen Wald. Ich hielt lange seine Hand, es beruhigte ihn. Irgendwann spät am Abend zwang ich mich zu gehen, versprach ihm wiederzukommen. Ich kam nicht wieder, nicht rechtzeitig. Rechtzeitig wäre der nächste Tag gewesen. „Sie kommen nicht, wenn man sie ruft.“

Am Ende der Erzählung von Bianca Döring stirbt auch die Mutter. Pola und ihre Schwester Bine finden sich im Totenzimmer ein. Stille, weißes Licht. Ein leerer Kopf, leere Koffer. Eine große Trostlosigkeit: „Schweigen und Nichts und die Welt“.

Ich klappte das Buch zu und dachte, so muss ich das als Leser wohl stehen lassen. Ein unbefriedigendes Gefühl. Dann machte ich eine merkwürdige Entdeckung in meiner Bibliothek. Im letzten Band der Gesamtausgabe von Ernst Blochs Werken, wo „Der Geist der Utopie“ von 1918 im Faksimile abgedruckt ist, findet sich am Ende ein Kapitel „Karl Marx, der Tod und die Apokalypse“ Darin der Satz: „Darum, wenn es uns erlaubt ist, die Erde zu verlassen, so bedeutet es ein tieferes Recht, wieder auf diese Erde kommen zu dürfen. Wir gehen zwar nackt und frierend, aber nicht hoffnungslos hinüber“. Oder wie Conrad Ferdinand Meyer den sterbenden Ulrich von Hutten am Abgrund der Komik sagen lässt: „Die wilde Jagd des Lebens geht zu End‘/ Komm sehn wir, ob im Herd ein Feuer brennt.“

Zu diesem Thema ein andermal mehr.

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erstellt am 02.10.2019

Bianca Döring
Im Mangoschatten
Von der Vergänglichkeit
Hardcover, 138 Seiten
ISBN: 978-3-96258-026-1
PalmArtPress, Berlin 2019

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