Tuschicks Kolumne

Tiefberührt im Halbdunkel

André Aciman verfolgt in seinem Roman „Fünf Lieben lang“ die Lebenslaufbahn eines zum Glück begabten, fern der globalen Problemzonen müßiggehenden Zeitgenossen. Jamal Tuschick hat das Buch gelesen.

Gemessen an seinen finanziellen Spielräumen, könnte er wesentlich interessierter sein an Kunst, Architektur und epochalen Missständen. Der Klimawandel geht ihm am Knie vorbei. Er besucht keine Auktionen. Er sammelt und verehrt nichts. Man trifft ihn nicht mit einem Earl of Grey in einem Hotel der Luxusklasse. Er konspiriert mit keinem CLO einer NGO. Kurz gesagt, Paul wirkt ziemlich unbeteiligt. Aber er war gerade einmal zwölf Jahre alt, als ihm das Bild von den Göttern in den Sinn kam, die in ihren Fehden Irdische wie Kegel einsetzen.

Sterbliche als Spielfiguren der Götter zu begreifen, ist eine gute Übung für jeden Feldherrn auf seinem Misthaufen. Sich von außen zu betrachten, hilft dem Verständnis für etwas Essentielles auf die Sprünge. Wer auch immer an uns zieht und sich übermächtig zu unserem Nachteil ausübt, ist – wenigstens unter zivilen Umständen – niemals so mächtig wie unsere eigene Dummheit. Schaut man in sich hinein, sieht man die Dummheit spät. Schaut man auf sich herab, sieht man sie sofort. Das weiß Acimans Erzähler schon als Kind. Als geborener Psychologe ist Paul klar, dass die ihn anblaffende Großmutter über Bande spielt und in dem Enkel gar kein lohnendes Ziel sieht. Vielmehr will sie die Gelassenheit ihres Schwiegersohns ankratzen. Pauls Einfühlungsgeschick beweist sich ihm auf einer Ferienfährenfahrt zu der italienischen Insel San Giustiniano. Der Vater verströmt Bonhomie und gibt sich harmlos zur Vermeidung von Ausbrüchen. Er duckt sich weg. Nennt ihn verhalten, ihn kann doch keiner täuschen.

Jahre später kehrt Paul auf die Insel zurück. Es steht noch alles so da, die Apotheke, der Friseurladen, die Schlosserei. Aber es sind nicht mehr alle da, die im Elfenland der Kindheit initiierende Rollen für Paul gespielt haben.

Während Paul lauter Wiederentdeckungen macht, erkennt ihn niemand wieder. Er beschließt den Inselbesuch abzukürzen, um sich nicht sämtliche Stadien einer Entfremdung, die man kaum tragisch finden kann, auszuliefern. Seinen Enttäuschungen verschafft er ein Arrondissement im Gedächtnis. Er memoriert die erste Begegnung mit Giovanni, genannt Nanni, einem Tischler, dem Pauls Vater Restaurationsaufgaben zutraute.

Nanni zeigt sich zugänglich und vertrauensvoll. Er schenkt sich das statuarische Betragen, mit dem andere eine Distanz zu den Festlandstädtern betonen; so als stünde er über den Dingen, die seine Verhältnisse bestimmen. In Nannis Werkstatt erlebt Paul seinen ersten erotischen Moment.

Die Szenen sind unglaublich dicht an Pedro Almodóvars „Leid und Herrlichkeit“. Da wächst Salvador, das Alter ego des Regisseurs, in einer Höhle auf. Ein gutherziger Adonis tritt als Analphabet, fähiger Anstreicher und begabter Zeichner ein. Er löst das erste Begehren bei Salvador aus.   

Acimans Paul ist zwölf. Altersgerecht unbeholfen wirbt er um den Holzvirtuosen aus dem Volk. Aciman dekliniert das Wunder der Anziehungskraft, ohne sich dem Verdacht der Originalitätssucht auszusetzen. Trotzdem beschränkt er sich nicht auf die Gegensätze Stadt und Land, arm und reich, beschränkt und begabt, informiert und reduziert, erfahren und unerfahren. Es ist nicht nur so, dass Paul tiefberührt aus dem Halbdunkel der Tischlerei kommt, bereit für ein Mandeltörtchen und die anspruchsvollste Mathematik und Musik in der herausfordernden und Konturen schärfenden Gesellschaft seiner Eltern.

Auch Nanni strebt nach Höherem und versteht sich als Künstler. Sein Inselerbe begreift er als Belastung. Die Werkstatt und gewisse familiäre Verpflichtungen halten ihn fest. Doch offensichtlich nicht dauerhaft.

Der zweiundzwanzigjährige Inselbesucher ist in sich selbst noch genug verliebt, um alles, was mit der Liebe zusammenhängt, magisch zu finden. Um so bedauerlicher, dass Nanni das Weite gesucht hat. Paul korrigiert ältere Einschätzungen. Diesen und jenen sieht er nun mit anderen Augen. Was ihn indes auszeichnet, diesen geborenen Psychologen, ist seine Vorbehaltslosigkeit. Er lebt mit einem erstaunlichen Takt. Er entgeht so vielen Peinlichkeiten, zeigt sich aber auch als konfliktscheuer Vermeider; seinem Vater nicht zuletzt darin gleich.

Ob der früh verstorbene Vater bisexuell war, oder nur der Form Genüge tat in einer fruchtbaren Ehe, klärt Aciman nicht auf. Paul ist jedenfalls nicht festgelegt auf ein Geschlecht. In der zweiten Episode richtet sich Pauls Begehren auf Maud.

Ein Paar in New York. Er geht gern zu Fuß, spielt Tennis und übt Diskretion, wenn er sie in einem Restaurant mit einem anderen sieht. Er zieht sich so dezent zurück, dass sie ihm noch nicht mal den Vorwurf einer konkludenten Intervention machen kann.

Die Eifersucht gibt Paul in dieser Konstellation keine Rechte. Er bemerkt Aufmerksamkeitsdefizite bei dem Liebhaber. Er möchte den Mann maßregeln. Sieht er nicht, dass Maud berührt werden muss.

Paul fürchtet nichts mehr als den Liebesverlust. Er ist weise, wie wir wissen. Er kennt den Unterschied zwischen Sex und Liebe. Er „schlendert die Central Park West hinauf“, wie er vor Jahre einst über Nannis Insel schlenderte und sich im Schatten der normannischen Kathedrale auf den Rhythmus seiner Jugend besann. Er spielt Tennis wie ein Berserker, um Druck abzulassen. Er bandagiert den Schlägergriff, Aciman geht es allein um das Tape, das „eben auch das Ego“ taped.

Mich hielt Acimans Spiel mit dem Klebeband auf. Ich überlegte hin und her, im Roman steht:

„… während ich den Griff an meinem Schläger tape, so wie man sie die Wade bandagieren würde … oder eben das Ego“.

In meiner Verlegenheit graste ich auf der Google-Weide und entdeckte: „Bei einem kinesiologischen Tape handelt es sich um ein elastisches, selbstklebendes, therapeutisches Tape aus einem dehnbaren, textilen Material, auf das ein Polyacrylatkleber aufgebracht ist.“

Paul ist nicht auf Nebensachen versessen. Er bleibt auf dem Boulevard des guten Geschmacks und „verkneift sich Maud (gegenüber) die leiseste Anspielung“. Er guckt nicht in ihrem Telefon nach, knackt nicht ihr Codes und decouvriert auch sonst nichts. Noch nicht einmal Ironie gestattet er sich im Umgang mit der Verliebten. Zumal seine Aufmerksamkeit bald von einem neuen Tennisfreund absorbiert wird.

Manfred verdient ein eigenes Kapitel. Das Kapitel lässt Zweifel an Pauls Bisexualität aufkommen. Mauds Vorzüge beschreibt er höflich. Er beschränkt sich aufs Dekorative. Das legt die Vermutung nah, dass er auch nicht mehr wahrnimmt. Ausführlicher schildert er Vorgänge rund um das von Sikariern eingenommene und von Zeloten bis zum letzten Mann gehaltene, auf einem isolierten Tafelberg (mit Aussicht auf das Tote Meer) etablierte Fort Masada. Paul sieht Manfreds „Schwanz, deine Eier, deinen Arsch, alles“.

Er kennt Manfred, ohne ihm je nahegekommen zu sein. Manfreds Kalorienbewusstsein lässt sich aber auch leicht ergründen. Mehr als „einen halben Proteinriegel“ gönnt er sich morgens in der Öffentlichkeit eines Tennisvorplatzes nicht. Dann dehnt er sich und weckt Pauls Begierde mit den Moves eines alten Hasen. Er trainiert schon so lange und bewegt sich nun auf einem melancholischen Grat zwischen Perfektion und Erosion.

Mich erinnert die Figur an meinen Englisch- und Sportlehrer Keye. Er hielt sich so viel besser als die anderen Sportsmänner unter den Kollegen seiner Generation, die entweder aufgegeben hatten oder ein in der Jugend erworbenes Kraftkapital buchstäblich wie eine Leibrente verzehrten. Ausgezeichnet hatten sie sich in unpopulär gewordenen Sportarten. Ich nenne Feldhockey, Faustball, Rhönrad. Es gab natürlich auch Turner, Tennisspieler, Ruderer, manche von Schmissen gezeichnet. Sie einte das Barocke, der kompakte Auftritt, die Liebe zum Schweinebraten, die Selbstgewissheit.

„Lasst wohlbeleibte Männer um mich sein/ mit glatten Köpfen, die des Nachts gut schlafen./ Der Cassius dort hat einen hohlen Blick./ Er denkt zu viel: Die Leute sind gefährlich.“ Shakespeare

Keye war anders. In ihm paarte sich das stoische Temperament des Langstreckenläufers mit der gleichgültigen Geselligkeit mancher Kegelbrüder und Parteigenossen. Keye war zäh, aber mit einer Lage Fett auf den zugespitzten Anteilen. Er äußerte sich gern grundsätzlich:

Englisch können Sie, wenn Sie auf Englisch träumen.

Ab Vierzig haben Sie das Leben hinter sich und dürfen sich nur noch freuen.

Reagan ist Schauspieler. Der Mann mordet für einen Effekt.

Paul verändert sich in jeder Liebesgeschichte. Er verliert die Fassung seiner Jugend und das Supervisionäre in einer nicht erzählten Zwischenzeit. Als Manfreds Verehrer wirkt er manchmal kläglich. Der brillante Kopf tendiert zu Zweideutigkeiten. In einer „abgedroschenen“ Viertelstunde der Wahrheit lässt er sich aufklären, einseifen, degradieren. Manfred „kollaboriert“ mit einem Professor für klassische Literatur. Zum Glück taucht bald Chloe auf, man hat sich „seit Ewigkeiten nicht gesehen“. Wieder springt ein Motor der Erinnerung an, „während wir beobachteten, wie das Abendlicht erlosch – in diesem winzigen Park, der weder zur Hudson noch zur Bleecker noch zur Eighth Avenue gehörte“. Man ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Da kommt es doch gar nicht so sehr darauf an, wer von wem gerade nicht genug kriegen kann.

André Aciman, Fünf Lieben lang, Roman, aus dem amerikanischen Englisch von Christiane Buchner, unter Mitarbeit von Matthias Teiting, dtv, 348 Seiten

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erstellt am 02.10.2019

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.