Ohne das Schreiben konnte er nicht leben. Wer die Geduld hat, in seinem Werkverzeichnis – abgesehen von allem anderen – die Bücher zu zählen, wird auf etwa 170 Titel stoßen. Als es noch nicht so viele waren und Günter Kunert noch in Berlin wohnte, bekam er Besuch von der Herausgeberin Christine Wolter. Diese Begegnung beschrieb sie in ihrem Buch „Traum-Berlin Ost“.

Zum Tod von Günter Kunert

Der Nachdichter

Von Christine Wolter

Günter Kunert, 1974 (Screenshot rbb)
Günter Kunert, 1974 (Screenshot rbb)

Treptow, Defreggerstraße 1

Die Adresse war nicht zu verfehlen: Am Bahnhof Treptow aussteigen, links durch die Unterführung, die erste Nebenstraße rechts. Die Straße, sich bürgerlich gebende Mietshäuser, ist von merkwürdiger Kürze, wie abgeschnitten. Es gibt Adressen, die man sein Leben lang behält, als Anfang einer Zuneigung, die dauert. Längst ist der damals Aufgesuchte um- und umgezogen, erst nach Berlin-Buch, dann, eher vertrieben als verzogen, in die Alte Schule bei Itzehoe. Aber das düstere Berliner Haus in Treptow mit den strengen braunen Wohnungstüren könnte ich sofort wiederfinden und dort klingeln.

Er macht auf und führt mich in ein längliches Zimmer, dessen Schmalheit durch ein Sofa betont wird, auf das ich gesetzt werde. Regale mit blauem Glas und Spielzeug, die ich nur mit halbem Blick wahrnehme. Ich bringe mein Anliegen-Angebot vor. Ich, noch nicht dreißig, bin die Herausgeberin einer poetischen Anthologie und brauche einen Nachdichter. Er sitzt vor mir, schmal, ja zierlich, unter der hellen, runden Stirn die klaren, oval geschnittenen Augen, in den Mundwinkeln ein verbindliches Lächeln – oder ist es ironisch? Wenn ja, gilt die Ironie ihm selbst, dem Nachdichter, der sich bereit erklärt. Ich reiche ihm die Mappe mit den Texten, die sogenannten Roh-Übersetzungen, die er in Gedichte zurückverwandeln soll. Andere haben sich bei meiner Anfrage sehr geziert und kostbar gegeben. Er wird nachdichten, verspricht er. Das gebotene Honorar ist nicht besonders hoch, aber wenn man Geld braucht, ist es auch nicht schlecht – ungefähr so etwas sagt er auch. 1970 soll das Buch erscheinen. Die nachzudichtenden Italiener sind Campana, Montale, Fortini, Pasolini. Es sind Gedichte, sage ich, die noch nie übersetzt wurden und die es verdienen, bekannt gemacht zu werden.

Während ich über diese Dichter rede, als müßte ich sie ihm anpreisen, trinke ich die Tasse Tee aus, die seine Frau mir eingegossen hat. Ganz selbstverständlich ist sie jetzt dabei, und nur sie spricht aus, was ich fühle, aber nicht ausdrücken kann, in meiner mir selbst komisch vorkommenden Herausgeberwürde, die eigentlich Schüchternheit ist. Aber ich weiß es ja, daß der schmale Herr vor mir in dieser schattigen Treptower Wohnung ein Dichter ist, dessen Gedichte nicht bekannt gemacht werden dürfen und es doch außerordentlich verdienen. Ein wirklicher Dichter, Günter Kunert, ich sitze ihm gegenüber und rede von Italienern, die wir bekannt machen wollen, und er, freundlich-ironisch, ist ganz auf meiner Seite.

Aus: Christine Wolter, Traum Berlin Ost, Berlin 2009. Mit freundlicher Genehmigung © Verlag Das Arsenal

Zur Autorin

Christine Wolter, geboren 1939 in Königsberg, aufgewachsen seit 1950 in Berlin Ost, lebt seit 1978 in Mailand und jetzt auch wieder in Berlin. Erzählerin, Übersetzerin (u. a. Leonardo Sciascia, Alberto Savinio) und Herausgeberin (u. a. Lyrik von Giuseppe Ungaretti). Mitarbeiterin der Neuen Zürcher Zeitung. Eigene literarische Arbeiten seit den 1970er Jahren.

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erstellt am 30.9.2019

Günter Kunert, Foto: Das blaue Sofa / Club Bertelsmann [CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)]

Günter Kunert (1929-2019) Foto: Das blaue Sofa / Club Bertelsmann [CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)]

Christine Wolter
Traum Berlin Ost
Alte und neue Bekannte, Orte, Wege
Broschiert, 192 Seiten
ISBN 978 3 93110959 2
Verlag Das Arsenal, Berlin 2009

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