Philosophie ermöglicht Erkenntnisse, entgeht aber der unmittelbaren Nutzanwendung. Doch auch die Erkenntnisse stehen unter Fluchtverdacht. Der Aphoristiker, Prosaist und Lyriker Bülent Kacan hat zwei Philosophen am Strand gefunden, die über den Punkt, auf den man das Problem bringen könnte, nachdenken.

Erzählung

Erzählen oder Schiffe vor dem Untergang bewahren

„Ich weiß jetzt, was der Punkt ist!“, sprach der erste Philosoph zum zweiten Philosophen, während er mit einem Stock, den er unterwegs aufgelesen hatte, im Sandstrand herum stocherte.

„Der Punkt ist, dass wir gar nichts auf den Punkt bringen können, schließlich gibt es nichts, woran wir uns mit Sicherheit festhalten können“, und während er den zweiten Philosophen fragend ansah, bohrte er mit dem mitgeführten Ast, der sich abwechselnd in einen Gehstock, dann wieder in einen Zeigestab verwandelte, fortwährend im Sand herum. Die hohen Wellen, die das Meer schlug, gingen nacheinander über den Sandstrand hinweg und versiegelten die offenen Wunden, die der erste Philosoph in Küstennähe geschlagen hatte.

„Wie du siehst, ist der Schlusspunkt am Ende einer Erzählung eine folgenreiche Illusion. Folglich müssen wir davon ausgehen, dass der Hauptteil der Erzählung, jener Abschnitt, der an Spannung kaum zu überbieten ist, nach dem Punkt beginnt“, antwortete der zweite Philosoph, währenddessen er auf das weite Meer hinaussah, das von Minute zu Minute rauer wurde. Hierbei deutete er mit dem Zeigefinger auf einen kleinen schwarzen Punkt am Horizont hin, der vor wenigen Augenblicken noch nicht zu sehen war.

„Das Schiff dort draußen auf dem Meer, es war eben noch nicht da und doch war es immer schon anwesend. Da es aber nun unser Blickfeld gekreuzt hat, nehmen wir, ob wir wollen oder nicht, auch seine Geschichte zur Kenntnis, die Geschichte seiner Besatzung, die Geschichte seines Erbauers, die es im Schlepptau der Gezeiten mit sich führt. Bald schon zieht dieses Schiff an uns vorüber, taucht ein in den fernen Horizont und verschwindet endgültig darin. Allerdings“, sprach der zweite Philosoph weiter „allerdings ist das Schiff auch ein Zeichen dafür, dass seine Geschichte über die bloße Gegenwart hinausreicht. Wir selbst können sie in Zukunft erzählen und damit das Schiff, die Besatzung und seinen Erbauer vor dem Untergang bewahren.“

„Da stimme ich dir zweifelsohne zu“, antwortete der erste Philosoph, während er seinen Gehstock im hohen Bogen in das aufbrausende Meer warf. Dieses schlug schließlich so hohe Wellen, dass die beiden Philosophen – im Übrigen zwei winzig kleine Punkte am Rande des Meeres – erschöpft von der langen Wanderung, ohne ein weiteres Wort zu verlieren heimkehrten.

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erstellt am 27.9.2019

Illustration: © Kornelius Wilkens