Einer für alle, alle für einen – was nach den Drei Musketieren klingt, war ein Grundsatz des römischen Rechts. In Zeiten allseitiger Achtsamkeit einen Essay über Solidarität zu schreiben, ist ziemlich mutig. Der Soziologe Heinz Bude hat den Versuch gewagt. Peter Kern denkt über sein Buch nach.

Buchkritik

Solitaire? Solidaire!

Heinz Bude, Foto: Heike Huslage-Koch [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]
Heinz Bude, Foto: Heike Huslage-Koch

Den Leser seines Buchs nimmt Heinz Bude auf eine ausgedehnte Zeitreise und Begriffsexkursion mit. Sie beginnt bei Aristoteles und der Freundschaft, streift die christliche Liebesethik, das Berufsethos bei Durkheim und Weber, die Proletarier alle Länder, die sizilianische Clanstruktur der Don Corleones, das Wiederaufbaukollektiv der Nachkriegsdeutschen und endet beim Retro der Volksgenossen, das die AfD so erfolgreich unters Volk bringt. Viel Stoff, aber sehr verdaulich, weil gut gewürzt.

Eine Geschichte aus den 60er Jahren: Der ehemalige Buchenwaldhäftling, Kommunist und Gewerkschaftsboss mit seinem Gegenüber, dem früheren SS-Untersturmbannführer und später ermordeten Arbeitgeberpräsidenten, beide zu gemeinsamen Verhandlungslösungen verdammt. Das Absurde ist der Wirklichkeit nachgebildet, keine Erfindung existentialistischer Bühnenstücke. Willi Bleicher, der in der Kleiderkammer des Konzentrationslagers das Judenkind Stefan Jerzy Zweig versteckt und gerettet hat; Hans Martin Schleyer, der die Arisierung der Unternehmen in Böhmen und Mähren vorangebracht hat.

Camus ist einer der Gewährsmänner des Autors bei seinem Versuch (sein Buch ist ein Essay), die bezeichnete Sache zu retten. Solitaire? Solidaire! – so dessen lakonische Kurzformel. Solidarität könne im Absurden unserer Existenz wurzeln. Das moderne Individuum, ohne Gott und Herr in die Welt geworfen, nehme in Freiheit Verantwortung für den anderen auf sich. Bude beschwört mit Camus die unmittelbaren menschlichen Beziehungen und verbindet damit die Hoffnung, dass sie sich einstellen. Doch diese Hoffnung zerschellt sehr leicht an der Härte der ökonomischen Verhältnisse.

Ein Beispiel: Als Mitte der 2000er Jahre die Fabriken der Autohersteller im neuen EU-Land Polen hochgezogen waren, nahm der Trek nach Osten noch einmal richtig Fahrt auf. Mit jedem Modellwechsel sanken die Stückzahlen im Westen, während sie in dem osteuropäischen Land stiegen. Die Gewerkschaften der gebeutelten englischen, deutschen, belgischen Standorte traten an ihre polnischen Kollegen heran: Share the gain, share the pain, so der Appell an deren Solidarität. Wachsende Produktion sollte allen zugutekommen, sinkende Produktionsvolumina von allen Werken getragen werden. Solidarnosc konnte der Solidaritätsparole nichts abgewinnen. Den ehemaligen Gruben- und Stahlarbeitern Schlesiens, die eine Anstellung bei einem Autokonzern als Lottogewinn begreifen mussten, hätte man schlecht Verzicht predigen können. An pain hatten sie in den langen Jahren der Arbeitslosigkeit genug zu erleiden; Prostitution der Ehefrauen war ein Mittel, dem Elend zu entgehen. Vom Rahm, vom gain etwas abzuschöpfen, sahen sie sich nun an der Reihe. Wer konnte es ihnen verdenken? Die Löhne in Gleiwice machten kaum ein Viertel der in Bochum gezahlten aus. Die länderübergreifende Solidarität bei General Motors hat nicht funktioniert.

Solidarität hat einen schweren Stand. Der Autor dieses Buches überbringt schlechte Nachrichten, wobei der Leser in jeder Zeile spürt, Heinz Bude würde seinen Gegenstand gerne freundlicher präsentieren. Den Stein der Weisen gibt es aber nicht eingepackt zwischen zwei Buchdeckeln. Eine nüchterne Analyse bringt mehr als ein auf Optimismus getrimmtes Pamphlet. Auf der Habenseite steht die institutionalisierte Form der Solidarität in Gestalt des Sozialstaats, daran lässt Bude keinen Zweifel. Eine ‚anständige Gesellschaft‘ wendet unverschuldete Not ab, hilft im Alter, bei Erwerbs- und Arbeitslosigkeit. Der bedürftige Einzelne hat als Person ein Recht darauf, vorausgesetzt ist seine Staatsbürgerschaft.

Zu einer ‚anständigen Gesellschaft‘ gehört noch mehr: Als einzelner, völlig individualisiert, würde jeder Mensch an seiner Bedürftigkeit zugrunde gehen. Daraus wäre zu folgern, dass wir uns als Individuen, nicht nur als Rechtspersonen wechselseitig etwas schulden. Diese Erkenntnis stellt sich nicht zwangsläufig ein, man kann sich zu ihr auch ignorant verhalten, so Bude. Der Gegentypus des Solidarischen, der Trittbrettfahrer, nimmt mit, was er kriegen kann, schimpft über die unausgewogene Bilanz von Ein- und Auszahlung, und gerne mokiert er sich auch über eine grassierende Mitnahmementalität. Dass es von Staatsbürgerrechten unabhängige Menschenrechte gibt, geht ihm nicht ein. Was die Migranten den Sozialstaat kosten, ist seine oberste Sorge.

Die für eine Gesellschaft der Unanständigen und eine exklusive Solidarität unter Volksgenossen Votierenden sammelt die AfD gegenwärtig erfolgreich ein. Das ist die größte den Autor plagende Sorge. Warum sollen die Bewohner des globalen Nordens, die ihre Existenz – auch dank der gewerkschaftlich praktizierten Solidarität – halbwegs ordentlich fristen und in Teilen einen richtigen Sozialstaat in Anspruch nehmen, warum soll dieses Fünftel der Weltbevölkerung mit dem Fünftel aus den Elendsregionen der Subsahara und Südasiens solidarisch sein? Die aus ihrem Elend Fliehenden sollen, sofern sie der nasse Tod nicht ereilt, hier die Angst vor dem Verlust des Lebensstandards mehren, so das Kalkül der Rechten. Sie sollen deren politisches Kapital mehren, und dieses Kalkül mit der äußersten Not geht ziemlich gut auf.

Die Flüchtenden gleichen den Proletariern aller Länder, die einmal ihrer Verelendung entfliehen wollten. Solidarität sollte sie dabei leiten, keine humanistische Idee, sondern existentielles Interesse. Denn die Idee blamiere sich immer, soweit sie vom Interesse unterschieden sei, hatte einer der Ahnherren der Arbeiterbewegung geschrieben. Der Marxsche Satz ist leider wahr. Die Idee der Solidarität, derart mit dem Interesse amalgamiert, ist längst blamiert. Pures Interesse schafft keine Empathie. Solidarität muss sich anreichern, ohne Moral geht es nicht. Woher nehmen und nicht stehlen, fragt sich Bude.

Nüchtern, ernüchternd, die Abschnitte seines Essays über die Angestellten. Die Fabrik ist längst nicht mehr der genuine Ort der Vergesellschaftung; Industriearbeit leistet nur noch eine Minderheit. Was bleibt von der Solidarität, wenn das Büro der dominierende Arbeitsplatz ist, und sich das Gehalt nicht mehr dem Tarifvertrag und vielleicht gar einem Streik verdankt, fragt Bude. Das Einkommen der Angestellten, eine Kombination von betrieblich vorgegebenem Gehalt, leistungsabhängigem Bonus und ETF-Dividende – wozu braucht es noch Gewerkschaften, rote Fahnen, Reden per Megaphon und Solidaritätsgefasel?

Die Beschreibung der Angestelltenwelt verbleibt im Schemenhaften. Soziologische Innenaufnahmen der Büros, auf die der Autor sich beziehen könnte, gibt es anscheinend keine. Er sitzt literarisierenden Bilder auf. (Literatur als Auskunftsinstanz wäre ja nicht schlecht; bei Kafka erfährt man bekanntermaßen mehr über das Büro als in den einschlägigen Studien über Bürokratie. Nur, die gängige Gegenwartsliteratur scheint wenig welthaltig und sich vor allem um die Selbstfindung von Mittelstandsdamen zu drehen). Bude nennt die Angestellten, „eine Figur stets nahe am Nervenzusammenbruch, die ins Herz unserer Zeit trifft“, weiß von zum „Kurzschlaf einladenden Rückzugsorten mit meditativem Klangteppich“ zu berichten, schreibt über „schöpferische Selbstverwirklichung an den Babylon Squares der Unternehmenswelt.“ Auch wenn’s ironisch klingen und die Atmosphäre der sich verflüchtigenden Solidarität beschreiben soll, solche Sätze geben die Unkenntnis der Realität in den Projektgruppen, Personalabteilungen und Entwicklungsbüros wieder. Vielleicht sind sie typisch für die deutsche Soziologie, die wohl keine Arbeitssoziologie mehr betreibt, mit der Folge, dass die Angestellten, immerhin die Mehrheitsgesellschaft, wie zu Kracauers Zeiten einer völlig unbekannten Ethnie angehören.

Kennt diese Ethnie sich mit Solidarität vertragende Stammesriten? Was passiert, wenn der Algorithmus im Backoffice ähnlich vorankommt, wie die Automatisierung in den Shop Floors? Keimt mehr als ein zartes Pflänzchen, wenn die Gewerkschaften an den technischen Unis anfangen, Fuß zu fassen? Diese Fragen sind für die Zukunft dieser Gesellschaft ebenso wichtig wie die nach der gelingenden Mobilitäts- und Energiewende. Keinem Pfeifen im Wald sei das Wort geredet, sondern dem bekannten Pessimismus des Intellekts, Optimismus des Willens.

Eine Gesellschaftstheorie, die optimistischer anlegt ist als die seiner Vorgänger hat Jürgen Habermas vorgelegt. Er kommt in dem Buch so gut wie nicht vor. Das ist erstaunlich, unternimmt Bude doch den Versuch, überall Solidaritätsquellen zu erschließen, in der Entwicklungspsychologie, im Existentialismus, in einer auf Naturversöhnung spekulierenden Ökologie oder bei den Poststrukturalisten. Deleuze, Derrida, Levinas ja, aber bloß kein Habermas. Man mag mit Gründen bestreiten, dass in sprachlicher Verständigung Solidarität zum Vorschein kommt. (Die Gründe sind ziemlich schwach). Dass die Kommunikationstheorie aber keiner Auseinandersetzung gewürdigt wird, ist unbegreiflich. Liegt es daran, dass Habermas nicht mehr recht hip ist?

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erstellt am 27.9.2019

Heinz Bude
Solidarität
Die Zukunft einer großen Idee
Fester Einband, 176 Seiten
ISBN 978-3-446-26184-6
Hanser Verlag, München 2019

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