Der 1938 im sowjetischen Russland geborene Künstler Youri Jarkikh lebt seit 1978 in Frankreich. Seine figurativen Gemälde sind jetzt in der Offenbacher Galerie Thomas Hühsam zu sehen. Jarkikhs Bilder machen die Gewalt des 20. Jahrhunderts sichtbar. Eugen El hat die Ausstellung besucht.

Ausstellung

Geschichte als Drama

Die Ausstellung ging in die Geschichte ein. Im September 1974 kamen etwa zwanzig nonkonformistische Künstler am Moskauer Stadtrand unter freiem Himmel zusammen, um ihre Werke zu zeigen. Schon nach kurzer Zeit wurde die inoffizielle Schau von sowjetischen Sicherheitskräften unter Einsatz von Bulldozern buchstäblich zerstört. Zu den Organisatoren der berüchtigten „Bulldozer-Ausstellung“ zählte Youri Jarkikh. Der 1938 im russischen Tichorezk geborene Maler wurde vom Geheimdienst KGB verfolgt und verließ 1977 die Sowjetunion. Im Jahr darauf erhielt er in Frankreich politisches Asyl. Heute lebt in der ostfranzösischen Stadt Belfort.

Die Galerie Thomas Hühsam zeigt nun rund 25 Gemälde von Youri Jarkikh. Sie stammen aus den Jahren 1994 bis 2019. Kuratiert wurde die dicht gehängte Ausstellung vom Offenbacher Kunstsammler Michael Karminsky. Er besitzt zahlreiche Werke nonkonformistischer Künstler aus der UdSSR und ihren Nachfolgestaaten, darunter sieben Arbeiten von Jarkikh, die aber nicht in der Galerieausstellung zu sehen sind. Youri Jarkikh malt figurativ. Er macht Gewalt und existentielle Zustände sichtbar – symbolisch, zuweilen aber auch direkt. Einige Arbeiten lassen an den britischen Maler Francis Bacon denken, der seine geschundenen Figuren in zellenartigen Bildräumen agieren ließ. Die Tendenz, Geschichte als physisches menschliches Drama darzustellen, verbindet Jarkikh wiederum mit der (Leipziger) Malereischule der DDR-Zeit.

Youri Jarkikh, Triptychon Emigrant, 2017 Foto: Galerie Thomas Hühsam

Das 2017 entstandene, dreiteilige Gemälde „Triptychon Emigrant“ blickt, wie es scheint, auf das sowjetische 20. Jahrhundert aus der Sicht eines Auswanderers zurück. Im linken Bildteil stellt Jarkikh die gewaltsamen Verwerfungen der Revolution von 1917 dar. Die Antlitze der sowjetischen Anführer Wladimir Lenin und Josef Stalin geistern durch das expressive Bild. Auf der mittleren Tafel ist eine lebensgroße, nackte menschliche Figur zu sehen, die sich in einem Zustand zwischen Flug und Fall befindet – ein Emigrant, der zwischen den Welten wandert? Im Hintergrund zeichnen sich verblassende sowjetische Fahnen und Spruchbänder ab. Der rechte Bildteil zeigt eine bunte Gruppe tänzelnder Figuren. Sie könnte die (als dekadent dargestellte) westliche Gesellschaft symbolisieren, die dem Eingewanderten bestenfalls mit Gleichgültigkeit begegnet.

„Bumerang“ heißt das älteste Werk in der Schau. Das große, querformatige Gemälde ist eine wilde Collage aus teils gefesselten Figuren, grimassenhaften Gesichtern, und etlichen Zeitungsausschnitten, die von Terror und Krieg berichten. Das Bild gleicht einem Strudel des Schreckens. Einige unlängst entstandene Bilder hat Jarkikh auf Pappe ausgeführt, die er mit Fotofolie beklebte. „Künstler in SoHo“ etwa zeigt eine großstädtische, mit Graffiti besprühte Fassade. Über das Foto malte Jarkikh zwei fleischrote, stürzende Figuren. Auf dem Gemälde „Liebe in SoHo“ ringen zwei Fabelwesen miteinander. Vielleicht verschlingen sie aber auch einen Menschen. Während eines der Wesen wie ein ins Alptraumhafte gewendeter Picasso-Stier wirkt, erinnert das andere an „Alien“-Filme. Einmal eingetaucht, kann man sich Youri Jarkikhs Bildern kaum entziehen.

Der Artikel ist zuerst in der Offenbach-Post erschienen.

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erstellt am 27.9.2019

Youri Jarkikh, Bumerang, 1994 Foto: Galerie Hühsam

Ausstellung in Offenbach

Bulldozer Ausstellung – 45 Jahre danach

Bis 6. November 2019

Galerie Thomas Hühsam
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