Undiné Radzevičiūtė macht sich auf die Spuren ihrer Familiengeschichte. Ihr Roman „Das Blut ist blau“ setzt mit der Erinnerung an die Niederlage gegen die Polnisch-Litauische Union in Tannenberg ein, die 1410 den Niedergang des Deutschen Ordens einleitete. Hat man sich einmal auf die Zeitreise nach Livland eingelassen, wird man belohnt, meint Gudrun Braunsperger.

Buchkritik

Eine Welt stürzt ein

Viele Jahrhunderte bevor die Europäische Union die baltischen Länder aus der Einflusssphäre Russlands herausgelöst hat, waren Livland und Kurland hoch oben im Norden bereits europaweit gut vernetzt. Das Baltikum war im Hochmittelalter zentraleuropäisches Kolonialgebiet im Osten. Im späten 13. Jahrhundert begründete der Deutsche Ritterorden dort den Deutschordensstaat, nachdem er hatte einsehen müssen, dass er der Konkurrenz der Templer im Heiligen Land unterlegen war. Die Handlung von Undiné Radzevičiūtės Roman „Das Blut ist blau“ setzt mit der traumatischen Erinnerung an die Niederlage gegen die Polnisch-Litauische Union in der Schlacht von Tannenberg ein, die 1410 den Niedergang des Ordens eingeleitet hat. Der Roman spielt im krisenhaften 15. Jahrhundert, in dem bereits der Geist der Reformation heraufzog, die im 16. Jahrhundert die Herrschaft des livländischen Ritterordens endgültig besiegelte.

Über mittelalterliche Geschichte im Nordosten Europas sollte man Bescheid wissen, um diesem historischen Roman unangestrengt folgen zu können. Die aus Litauen stammende Autorin macht sich nämlich auf die Spuren der eigenen Familiengeschichte, denn in ihren Adern fließt mütterlicherseits das blaue Blut der von der Borchs. Das Adelsgeschlecht stammte ursprünglich aus der spanischen Kleinstadt „Borja“ und verstreute sich dann über Europa. Die berühmt-berüchtigten Borgias gehören dem italienische Zweig dieser Familie an, ein anderer Zweig sind die deutschen von der Borchs. Dass diese es mit der Skrupellosigkeit und dem Machtstreben ihrer italienischen Verwandten durchaus aufnehmen konnten, davon berichtet dieses Buch.

Die Hauptfigur ist Bernhard von der Borch, Landmeister des livländischen Ordens. Er ist einer jener ehemals freien westfälischen Ritter in Livland, die ihre Freiheit aufgegeben haben und in den Orden eingetreten sind, um ihre Existenz im Alter mit der Herrschaft über eine Burg abzusichern. Die machtpolitischen Koordinaten bilden sich einerseits im Kampf gegen die Landstände von Riga ab, die nach Unabhängigkeit streben, andererseits im Kampf gegen den vom Papst eingesetzten Erzbischof und damit gegen Rom. Hinzu kommt der Interessenskonflikt zwischen der West- und der Ostkirche in der unmittelbaren Nachbarschaft des Zarenreichs.

Beißender Spott

Jede Zeit legt in ihrer Geschichtsbetrachtung ihre eigene Folie über die Vergangenheit. Undiné Radzevičiūtė geht mit ihren Vorfahren hart ins Gericht, witzig und frech, bisweilen sogar mit ätzendem Humor und beißendem Spott. Dabei erspart sie ihren Lesern nichts, kein grausames Detail. Schauerlicher kann man eine Hinrichtung nicht beschreiben, wie sie es anhand jener des Verräters Hohenberg tut: Die Szene geht wahrlich unter die Haut. Der Mann wird auf Geheiß von Bernhard von der Borch bei lebendigem Leib gevierteilt, zum Ergötzen der sensationslüsternen Menge. Ein Spektakel als Geschenk an die Stadt Riga, aus dem politischen Programm „Brot und Spiele“ für das Volk. Das finstere Mittelalter wird hier als abgründige Epoche gezeigt, tapfere Recken und die hohe Minne fehlen in diesem Roman nahezu gänzlich.

Die bereits verwitwete byzantinische Prinzessin Helena Palaiologina, die vierzigjährig eine politische Ehe mit dem um zwanzig Jahre jüngeren armen Baron Friedrich von der Borch eingehen soll, zeigt sich jedenfalls wenig begeistert vom „verschimmelten livländischen Schweinestall“, den sie vorfindet. Die vor ihren Augen praktizierte Hurerei und Völlerei erfüllen sie mit Abscheu. Die Hochzeit mündet dann auch in eine Katastrophe.

Einen Hauch von hoher Minne gibt es aber doch in diesem Roman über das Mittelalter: Heimlich verliebt sich der viel ältere Vetter Bernhard von der Borch in die Prinzessin. Der sonst so skrupellose Protagonist dieser Familiensaga, dem die Ordensregel der Ritterschaft allerdings das Keuschheitsgebot auferlegt, bleibt ein Leben lang mit schmachtender Sehnsucht nach dieser Frau erfüllt, auch als sie längst in ein orthodoxes griechisches Kloster entschwunden ist.

Giftmischer, Auftragsmorde, Spionage, Kriege, die unter Vorspiegelung falscher Tatsachen und Motiven vom Zaun gebrochen werden, die herabsetzende und demütigende Arroganz der adeligen Ritter gegen die vermeintlich unter ihnen stehende gesellschaftliche Gruppe der Bürger: So sehr unterscheidet sich diese Zeit gar nicht von der unsrigen, blickt man sich heute unter den Menschen und in geopolitischen Interessen- und Einflusssphären um. In diesem Roman wird eine Welt geschildert, die zum Einsturz gebracht wird, unabhängig davon, wie viele Kräfte sich verzweifelt darum bemühen, sie zu retten.

Dämonische Kraft

Machtpolitik und menschliche Abgründe in Shakespearescher Ausmaß werden hier geschildert, auch das ist ein belebendes Element in Undiné Radzevičiūtės Roman „Das Blut ist blau“. Den Landmeister des livländischen Ordens, der ein Giftattentat selbst mit knapper Not überlebt und zum Gegenschlag ausgeholt hat, überwältigt am Ende die dämonische Kraft seiner eigenen Taten, ebenso wie Macbeth. Wie dieser wird er vom Geist seines Opfers verfolgt.

Über der Geschichte, die ausschließlich von Männern handelt, liegt ein Fluch, ausgestoßen von einer verkrüppelten Alten auf einem staubigen Marktplatz. Er trifft den jungen Friedrich von der Borch unmittelbar vor dessen verhängnisvoller Hochzeit und richtet sich an seine gesamte Sippschaft. Fortan sollten nur mehr Mädchen geboren werden, verkündet die Frau.

Dieser Fluch schafft das Motiv zum persönlichen Anliegen des Romans, wie die Autorin in ihrem Epilog bekennt. Es handelt sich also auch um eine Art literarische Familienaufstellung, um einen Fluch zu bannen, der über einer Ahnenreihe zu liegen scheint, in der die Männer fehlen. Mit Verdruss wird das Buch allerdings von Radzevičiūtės Verwandtschaft aufgenommen, die findet, dass schmeichelhaftere Epochen der Familiengeschichte zur Auswahl gestanden hätten als jene, in der sich Männer wie wilde Tiere benehmen.

Radzevičiūtės Erzählstil befreit das Genre des historischen Romans vom Staub der Jahrhunderte. Durch kurze Staccato-Satzgebilde, die mit Wiederholungen arbeiten, um Atmosphäre und Emotionen zu schaffen und zu verstärken, durchbricht sie den herkömmlichen Erzählfluss. Sie stößt ihre Leser mitten hinein ins Geschehen, und das verlangt ihnen einiges ab. Die Handlung ergibt sich aus der Perspektive der Protagonisten, die abwechselnd eingenommen wird, durch deren Gedanken und Empfindungen. Immer wieder wird der Erzählfluss durch die pointiert eingesetzten Kommentare der Autorenstimme verzögert. Das macht es für den Leser nicht immer einfach, auf der Zeitreise nach Livland an Bord zu bleiben. Hat man sich aber einmal darauf eingelassen, wird man belohnt.

Am Ende erfährt man dann auch, warum aristokratisches Blut blau genannt wird: Weil der mittelalterliche Mensch glaubte, das vom Silbergeschirr vergiftete Blut auf der weißen Haut bläulich durchschimmern zu sehen.

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erstellt am 26.9.2019

Undiné Radzevičiūtė
Das Blut ist blau
Aus dem Litauischen von Cornelius Hell
400 Seiten
ISBN: 9783701717002
Residenz Verlag, Wien 2019

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