Tuschicks Kolumne

Wortgeschwister

Der in Berlin lebenden britisch-indischen Schriftstellerin Priya Basil verdankt sich das beste No-Border-Plädoyer, das auf Deutsch vorliegt. Jamal Tuschick hat ihren Essay „Gastfreundschaft“ gelesen.

„Literatur ist das Medium der Stunde“, sagte Ellen Ueberschär (Heinrich Böll Stiftung) in ihrem Eröffnungsvortrag der Israelisch-Deutschen Literaturtage Anfang September. Unlängst stritten Simon Strauß (FAZ) und Thomas Oberender (Leiter der Berliner Festspiele) auf einer Berliner Bühne über die Relevanz der Literatur für das Theater. Im Theater gibt die Gesellschaft ihre Entscheidungen bekannt. Dabei stellt sich die Gültigkeit der Literatur unter Beweis. Ich rede jetzt nicht von theatralischen Hochhausbegehungen im Geist der Performanz-Permanenz, sondern von (unter Hochdruck) dramatisierter Wirklichkeit.

Im Wechselspiel der Gültigkeit von Literatur und Realität triumphiert Priya Basil scheinbar mühelos.    

„Lange hielt ich mich überall für willkommen.“

Basil ist eine englisch-indische Schriftstellerin mit deutscher Staatsangehörigkeit.

„Die deutsche Staatsangehörigkeit ist eine Möglichkeit, meine europäische Identität zu bewahren.“

Sie wuchs in Kenia auf, studierte in Großbritannien und lebt heute in Berlin. Da verstärkt Basil das Korps der Aktivist*innen. Wieder und wieder verweist sie auf das auch von ihr verinnerlichte „schmutzige (Kolonialerbe) ethnischer Hierarchien“. So bezog sie einen Hassangriff in Berlin zuerst nicht auf sich, weil ihr Begleiter dunkler war als sie. Sie konnte doch gar nicht gemeint sein und war es doch.

Der räumliche Abstand zu England gewähre „keinen Schutz vor Schmerz“. Basil bedauerte, nicht „Teil des britischen Diskurses“ zu sein, um das Entzündliche der Emotionalität abzufackeln. Ihr verdankt sich das beste No-Border-Plädoyer, das nach meiner behutsamen Einschätzung auf Deutsch vorliegt. Die Kulturjournalistin Shelly Kupferberg charakterisierte „Gastfreundschaft“ gelegentlich als „hybriden Essay“.

Basil beginnt mit Beispielen für ihre eigene Maßlosigkeit, die sie als Gehorsamsleistung interpretiert.

„Nichts fegt unsere Bedenken so zuverlässig bei Seite wie unser Verlangen.“

Die Schriftstellerin sieht sich am vorläufigen Ende einer Reihe exzessiver Gastgeberinnen. Das waren Frauen, die ihre Kochkunst wie eine Kampfkunst einzusetzen wussten und ihre Dominanz mit Freigiebigkeit coverten.

„Sie besuch(t)en Supermärkte wie Kunstgalerien.“

„Die Geschichte des Essens ist die Geschichte der Globalisierung.“

Mit keiner Kraft ist die Gastfreundschaft unverbrüchlicher alliiert als mit der Nahrung. Der ursprünglichste Ressourcenkampf knüpft an die ursprünglichsten Behauptungen territorialer Ansprüche. Basil skizziert die Stationen einer Fruchtbarkeits- aka Überlebenslinie, während sie vor sich hin plaudernd erzählt, wie sie als Greenhorn in Berlin deutsche Kodes anhand von Einladungen zu dechiffrieren versuchte. Alles beginnt mit einem Spargelessen, dessen Kosten andere auf sich zu nehmen bereit sind.

„Alle wandten sich wieder der Speisekarte zu, und als sie die vielen Variationen weißen Spargels entdeckte, rief unsere Freundin: Hast du den schon mal gegessen? Sie sah mich unverwandt an. Nein? Dann bist du noch gar nicht richtig in Deutschland angekommen.“

Basil, die prosaisch davon ausgegangen ist, mit dem Flugzeug vollständig angekommen zu sein, erkennt in der Feststellung eine Zurecht- und eine Zurückweisung. Die Freundin klassifiziert die Andere als Fremde mit einem bemerkenswerten Zuständigkeitsdefizit. Sie verkleidet eine negative Aussage mit der jubelnden Bereitschaft, die Zeche zu übernehmen. Basil fragt sich, was der Überschwang vor Ort zu bedeuten hat. Nebenbei erklärt sie die nordindische und kenianische Mechanik der Großzügigkeit. Mir gefällt, dass Basil nicht auf Teufel komm raus universalisiert.

Die Differenz ist das Spannende. Aus der Differenz kommt die Spannung.

Basil lässt offen, wie weit sie hinter deutsche Besonderheiten gestiegen ist. Sie erklärt die „Gastfreundschaft“ als soziales Genre zum kleinsten gemeinsamen Nenner ihrer Interessen, ohne eine Systematisierung anzustreben. Die Freizügigkeit der EU verleitete sie einst zu der Annahme, überall willkommen zu sein. Dann ging Basil auf, wie viele Menschen von der privilegierten Grenzenlosigkeit ausgeschlossen sind. Fortan fühlte sie sich stets mitgemeint, wann immer sie den Ausschluss eines Menschen auf Papierbasis (Stichwort: der falsche Pass) erlebte.

Basil fragt: „Wie geht man mit Privilegien um?“

Ich ziehe Basils Einlassungen in eine Klammer des Grundsätzlichen. Die Grenzenlosigkeit Europas soll nicht allein zum Vorteil der Europäer bestehen bleiben. Basil erzählt das so listig, dass man kaum mitbekommt, was einem da eingerieben wird.  

„Auch Geschichten können ein Zuhause bieten.“

Geschichten stellen eine Art von Gastfreundschaft da. Sie sprechen sich als Einladungen aus.

„Jede Geschichte ist eine Verführung.“

Zuhören sei im Gegenzug eine Möglichkeit, Zuflucht zu gewähren. Beide Parteien seien Gast und Gastgeber. Im englischen Wort für Gastfreundschaft – hospitality – steckt zugleich hostility – Feindschaft.

„Denken kann einen gegen sich selbst aufbringen.“

In der gemeinsamen indogermanischen Wurzel der „Wortgeschwister“ steckt ein altes Wort, das Gastgeber, Gast und Fremder/Feind einschließt. Basil fragt: „Sind das nicht die Hauptrollen, die wir alle spielen?“

Basil lehrt: „Auch Gastfreundschaft kann feindlich sein.“

Hospitality & hostility gehen zurück auf ghos-ti. Für mich steckt darin auch noch Geist im gespenstischen Sinn. Bewirten wir nicht auch immer Geister? So wie fürstliche Bankette („108 Gänge für 2500 Gäste“) eine erschlagende, die Not Vieler fördernde Dimension haben, so kann auch der Gast zum Mörder werden, in der Variante Vatermörder nicht zuletzt. Basil verlangt von ihren Leser*innen die Virulenz der Gastfreundschaft in den Schatten eines übergeordneten Standpunktes zu stellen. Es sei nämlich egal, ob wir annehmend oder ablehnend aufwarten.

Viele der 15.000 Willkommensinitiativen „widmen sich dem Kochen so wie gemeinsamem Essen.“

Basil setzt der Haupteinsicht die Forderung vor: „Eine Demokratie soll Vielfalt schützen.“ – Anstatt sich von dem Irrtum auszehren zu lassen, man könne den Anderen dauerhaft fernhalten.

„Der Andere ist nämlich immer schon da.“ 

Das nicht zu begreifen, überschreitet die Grenzen des Selbstbetrugs.

Priya Basil, Gastfreundschaft, Essay, Insel-Bücherei (1462) im Suhrkamp-Verlag, 134 Seiten

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erstellt am 26.9.2019

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.